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Alt 08.02.2007, 09:54   #2
silesia
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Teil II
Parallel zu den außenpolitischen Entwicklungen und fortlaufenden territorialen Ansprüchen Deutschlands entschied das britische Kabinett im Februar 1939, die begonnenen Stabsgespräche mit Frankreich nunmehr auch auf die Möglichkeit auszudehnen, dass Belgien und möglicherweise auch das Gebiet der Niederlande in einen Kriegsfall verwickelt werden würden. Eine britische Annäherung an die niederländische Regierung in dieser Frage fand allerdings noch nicht statt, die zunächst kontaktierte belgische Regierung wies wegen ihrer bekundeten Neutralität das Angebot auf Stabsgespräche zurück. Diese belgische Zurückweisung war aus Sicht der Westmächte schwer verständlich, ging man doch davon aus, dass Belgien im Kriegsfall unter Beteiligung Deutschlands zu irgendeinem Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit um Hilfe aufgrund einer deutschen Bedrohung nachsuchen würde. Die Effektivität dieser Hilfe würde aber vom Stand und der Qualität der alliierten militärischen Vorbereitung für diesen Fall abhängen. (1)

Währenddessen ließ die belgische Regierung durch ihren Botschafter vorsorglich in Berlin mitteilen, dass die britisch-französische Besprechungen auch den Fall der Hilfeleistung für Belgien im Fall einer deutschen Neutralitätsverletzung betrafen. Die Auskunft wurde mit der auf Beruhigung zielenden Bemerkung an die deutsche Seite verbunden, die belgische Politik der Neutralität sei unverändert, Paris und London hätten nichts Neues gefordert und nichts Neues erhalten. (2) Belgien versicherte somit, dass keine die Neutralität verletzenden Absprachen mit den Westmächten bestehen würden.
Mit der Frage des belgischen Territoriums befassten sich auch die britisch-französischen Militärkonsultationen vom 24.4. bis 4.5.1939, die das Szenario eines Kriegs mit Deutschland vor dem Hintergrund der verschärften politischen Lage und der deutsch-polnischen Konfrontation zum Gegenstand hatten. Die militärischen operativen Überlegungen gingen von einem deutschen Einfall in Belgien aus, auf den die Westmächte zu reagieren hatten. (3)

Eine weitere Verschärfung der politischen Lage trat ein, nachdem Polen und Großbritannien ein Beistandsabkommen schlossen. Am 28.4.1939 erfolgte als Reaktion auf das polnisch-britische Abkommen eine ablehnende Denkschrift der deutschen Regierung. (4) Deutschland kündigt in der Folge, wobei der britisch-polnische Schritt als Begründung verwendet wurde, seinen ursprünglich auf 10 Jahre laufenden Nichtangriffspakt mit Polen.
In dieser verschärften politischen Lage beschäftigte sich nun auch am 2.5.1939 der englisch-französische Verbindungsstab für den Kriegsfall erstmals konkret und weitergehend mit dem Szenario eines deutschen militärischen Vormarsches durch Belgien analog zu den Geschehnissen des Ersten Weltkrieges. Als Verteidigungslinie wurde den Gesprächen die Maas von Namur bis Lüttich und weiter vom Albert-Kanal bis Antwerpen angenommen. Die Möglichkeit des belgischen Widerstandes gegen den deutschen Einmarsch würde nach der alliierten Einschätzung entscheidend auf einer raschen Unterstützung der belgischen Armee durch die alliierten Truppen beruhen, um den deutschen Vormarsch frühzeitig aufzuhalten. Westlich dieser bezeichneten Linie Namur-Antwerpen bis zur Schelde würde dagegen der Aufbau einer starken Widerstandslinie kaum möglich sein. Damit musste im ungünstigsten Fall mit dem Verlust großer Teile Belgiens bei einer deutschen Offensive gerechnet werden, sofern die rechtzeitige und angemessene alliierte militärische Vorbereitung keine schnelle Hilfe ermöglichen würde. (5)

Auf deutscher Seite wurde die von Chamberlain bereits am 31.3.1939 im Unterhaus abgegebene Beistandserklärung an Polen als britischer Einkreisungsversuch verstanden, als vorläufiger Versuch, (6) den deutschen Expansionsdrang gegen die Nachbarstaaten einzudämmen. (7) Auf die deutsche Anfrage, ob sich Belgien entsprechend der von US-Präsidenten Roosevelt angeregten Zusicherung durch Deutschland bedroht fühle oder Roosevelt Belgien zu dem Vorschlag einer der deutschen Negativerklärung bezüglich einer Bedrohung Belgiens veranlasst habe, (8) antwortet die belgische Regierung mit einer Negierung der Fragen. (9)

Hitlers Überlegungen zu einem europäischen Konflikt entwickelten sich unterdessen weiter. Sie waren veranlasst durch seine feste Absicht, die aus deutscher Sicht polnische Frage bis zum Herbst des Jahres 1939 nunmehr auch in Ansehung der britischen Beistandserklärung zu lösen. Vom 23.5.1939 stammt das so genannte Schmundt-Protokoll, betreffend die Hitler-Rede vor den Befehlshabern der Wehrmacht. (10)
Ihre Vorgeschichte, der Zeitpunkt dieser Rede und ihr Inhalt sind unmittelbar verknüpft mit der Beistandsverpflichtung Englands für Polen, wie sich auch aus dem Protokoll nachweisen lässt. Hitler zweifelte nunmehr grundsätzlich (11) - und das ist eine wesentliche Kehrtwendung zu den Ausführungen im Hoßbach-Protokoll sieben Monate zuvor - an der Möglichkeit einer friedlichen Einigung mit England über seine inzwischen formulierten deutschen Gebietsansprüche in Europa. Hitler folgert daraus, dass es notwendig sei, sich auf diese mögliche Auseinandersetzung mit England vorzubereiten, die in Folge seiner Ansprüche gegen Polen nicht mehr auszuschließen sei. England könne nach seiner Auffassung Deutschland nicht „mit wenigen kraftvollen Streichen erledigen“. Somit wäre es für England ist entscheidend, den Krieg möglichst nahe an das Ruhrgebiet heranzutragen. Der Besitz des Ruhrgebietes ist nach Hitlers Schlussfolgerung entscheidend für die Dauer des möglichen deutschen Widerstandes, somit müssten präventiv die holländischen und belgischen Luftstützpunkte zum Schutz des Ruhrgebietes militärisch besetzt werden. Hitlers Ausführungen im Schmundt-Protokoll dazu:

„Auf Neutralitäts-Erklärungen kann nichts gegeben werden. Wollen Frankreich/England es beim Krieg Deutschland/Polen zu einer Auseinandersetzung kommen lassen, dann werden sie Holland/Belgien in ihrer Neutralität unterstützen und Befestigungen bauen lassen, um sie dann schließlich zum Mitgehen zu zwingen. Belgien/Holland werden, wenn auch protestierend, dem Druck nachgeben. Wir müssen daher, wenn bei einem polnischen Krieg England eingreifen will, blitzartig Holland angreifen. Erstrebenswert ist es, eine neue Verteidigungslinie auf holländischem Gebiet bis zur Zuider-See zu gewinnen. …Es besteht kein Zweifel, dass der überraschende Überfall zu einer schnellen Lösung führen kann. Anzustreben bleibt, dem Gegner zu Beginn einen oder den vernichtenden Schlag beizubringen. Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Verträge keine Rolle. Das ist nur möglich, wenn man nicht durch Polen in einen Krieg mit England hineinschlittert. Vorzubereiten ist der lange Krieg neben dem überraschenden Überfall. Das Heer hat die Positionen in Besitz zu nehmen, die für die Flotte und die Luftwaffe wichtig sind. Gelingt es, Holland und Belgien zu besetzen und zu sichern, sowie Frankreich zu schlagen, dann ist die Basis für einen erfolgreichen Krieg gegen England geschaffen.“ (12)

Auffällig sind Hitlers eher wirre Ausführungen über die Kriegsführung im Westen. Völlig unklar bleibt dagegen, ob er nun eher einen langen oder einen schnellen Krieg in dem beschriebenen Fall erwartet. Eindeutig ist aber seine Befürchtung in Bezug auf die grundsätzlich mögliche Verwicklung Englands in eine deutsch-polnische Auseinandersetzung, die sich zu diesem Zeitpunkt aus den unmittelbar vorlaufenden Veränderungen der politischen Lage im April 1939 ergab. Damit war England zum möglichen deutschen Gegner erklärt worden, wie es sich aus den Folgen der britischen Beistandsverpflichtung aus der deutsch-polnischen Konfrontation ergeben musste. Zugleich hatte Hitler klargestellt, dass er sich auch von den Westmächten kaum noch von der Realisierung seiner polnischen Pläne abbringen lassen würde. (13) Gleichwohl hatte er noch keine Vorstellung davon, wie es im Einzelnen gelingen könnte, „den Westen anzufallen“. (14)
_______________
1 HMSO, GS II, 157
2 ADAP, VI, S. 143 vom 31.3.1939
3 AA Nr. 6, S. 16-18. Die Intervention sollte im „Falle eines Bedarfes“ beginnen, die Luftstreitkräfte sollten „in allererster Linie gegen vorrückende deutsche Kolonnen“ eingesetzt werden, ohne Rücksicht darauf, welche Tiefe die alliierte Intervention erreichen könne. Während nach alliierter Auffassung eine „Begegnungsschlacht in den belgischen Ebenen“ vermieden werden sollte, die ebenfalls ein deutsches Vorrücken voraussetzt, soll sofern zeitlich machbar die „Verteidigung“ gegen deutsche Truppen mindestens an der Schelde oder dem Albert-Kanal organisiert werden. Nur zeitlich folgend ist die Bemerkung verständlich, die Niederlande und Belgien würden dann (nach vorhergehender deutscher Neutralitätsverletzung und Abwehr eines Angriffes) eine Aufmarschbasis für eine Offensive gegen Deutschland bilden. Alle diese Bemerkungen stehen unter dem Vorbehalt, dass die „Aussichten einer Intervention in Belgien“ ungewiss seien. Sie setzt nämlich die deutsche Offensive in Belgien oder den belgischen Kriegseintritt voraus. Vgl. ebenda, S. 18. Interessant ist der englische Hinweis, das die Bereitstellung von Truppen für ein Expeditionskorps erst in 18 Monaten abgeschlossen sein könne.
4 IMT, III, 247
5 HMSO, GS II, 158
6 ADAP, VI, S. 153 vom 3.4.1939
7 ADAP, VI, S. 56 vom 21.3.1939
8 ADAP, VI, S. 220, Anfrage an mehrere Länder vom 17.4.1939
9 ADAP, VI, S. 257, Zusammenstellung der Antworten aller angefragten Länder vom 22.4.1939
10 IMT, XXXVII, 546 ff., 079-L
11 Auch wenn Hitler zugleich noch die Idee vorschwebte, den Angriff auf Polen unter Vermeidung eines Konfliktes mit den Westmächten führen zu können. Was ihm dabei vorschwebte, war ein auf den Osten begrenzter Konflikt, ein „Erster Schlesischer Krieg“, vgl. Weber, Hitler-Stalin-Pakt, S. 144 mit weiteren Quellen.
12 IMT, XXXVII, 547, 079-L
13 Müller, Heer, S. 406
14 Vgl. Weber, Hitler-Stalin-Pakt, S. 144. Für den Krieg mit Großbritannien befahl Hitler, eine Studiengruppe zu bilden und die Rüstungsprogramme darauf bis 1943/44 abzustimmen, vgl. ebenda, S. 145.
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