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Alt 08.02.2007, 10:24   #4
silesia
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TEIL III

Welche Relevanz hatten nun diese Überlegungen Hitlers für die nächste Zeit, wie realistisch war das beschriebene Szenario eines Krieges im Westen, der nach den bereits geäußerten Gedankengängen Belgien einbeziehen mußte? In der Besprechung war Milch für die Luftwaffe anwesend. Er führt später vor dem IMT aus, in der Besprechung habe sich Hitler den Entschluss verdeutlicht, die Frage des polnischen Korridors und der Arrondierung des Lebensraumes im Osten „so oder so lösen“ zu wollen. Jede weitere Besprechung über diese Thesen, auch der Teilnehmer untereinander, wurde verboten.(1)

Ein weiterer Teilnehmer war Raeder für die Kriegsmarine, er kannte bis zum IMT die Niederschrift Schmundts nach eigenen Angaben nicht. Der Sinn der Rede Hitlers soll dagegen Raeder unklar geblieben sein, was bei der inhaltlich unbestrittenen Protokollierung Schmundts unglaubwürdig (2) und vielmehr vor dem interessengebundenen Hintergrund seiner Anklage vor dem IMT zu werten ist. Allen Beteiligten musste die bevorstehende Konfrontation mit Polen klar gewesen sein, auch der Operationsplan für den Fall Weiß war schließlich bereits verfasst. (3) Die Konfrontation mit Polen könnte dann nach diesem offen gelegten Kalkül Hitlers die Konfrontation mit England nach sich ziehen, und dieser Konfrontation war seiner Auffassung nach in der strategischen Lage Deutschlands vorsorglich mit einer Verletzung der erklärten Neutralität Belgiens und der Niederlande zu begegnen. Der machtpolitische Wandel hinterlässt hier auch seine Spuren in Hitlers Einstellung zur Neutralität im Fall der Niederlande. Sie sollte demnach ohne Bedenken gebrochen werden, obwohl bislang keinerlei Vorwürfe gegen die Niederlande auf nicht-neutrales Verhalten erhoben wurden.

Für die Wehrmachtsführung wurden der folgenden Zeit nun verschiedene Hinweise auf die steigende Wahrscheinlichkeit dieses von Hitler beschriebenen Szenarios in der Eskalationskette Polen-England-Belgien/Niederlande deutlich. Bereits vor der Ansprache im Mai 1939 hatte Hitler am 25.3.1939 den Oberkommandierenden des Heeres Brauchitsch wissen lassen, dass er Polen auch durch Waffengewalt zur Annahme seiner Forderungen zwingen wolle. (4) Der oben beschriebene Eindruck Milchs zum Schmundt-Protokoll wird hier durch die bereits zuvor erfolgte Unterrichtung Brauchitschs bestätigt. Einige Wochen später, am 3.7.1939 schreibt Brauchitsch in einem Brief an Raeder, dass bestimmte Marinemaßnahmen fallen gelassen werden sollen, um die Überraschung im Kriegsfall nicht zu gefährden. (5) Diese vorsorglichen Maßnahmen der Marine betrafen einen Kriegsfall mit Großbritannien. Am 2.8.1939 folgt ein Brief Keitels, dass die Marine wegen Fall Weiß (Krieg gegen Polen und nach Hitlers Kalkül damit auch möglicherweise gegen England) vorsorglich U-Boote in den Atlantik schicken solle. (6) Noch am 2.8.1939 erlässt Raeder gegenüber Dönitz auf Grundlage der Weisung für Fall Weiß die entsprechenden Befehle für die vorgesehenen Atlantik-Unterseeboote. Die Entscheidung über ihr Auslaufen sollte nach Raeders Befehlen voraussichtlich Mitte August 1939 (7) fallen, die Anweisung war bei einem Ausfallen der Operationen, spätestens jedoch am 1.10.1939 zu vernichten. (8)

Diese Vorgänge konkretisieren auch in den Überlegungen der Generalität die drohende Kriegsgefahr mit den Westmächten, in die nach Hitlers Kalkül im Sinne einer strategischen Prävention über kurz oder lang zum Schutz des Ruhrgebietes auch die neutralen Staaten hineingezogen werden müssen.

In Berlin fanden unterdessen im Sommer 1939 noch vor Kriegsausbruch politische Überlegungen über den geeigneten diplomatischen Weg statt, die belgische Regierung damit überraschend zu konfrontieren, dass nach deutschen Nachrichten zwischen der belgischen und französischen Armee Gesprächskontakte bestünden, um die Reaktion Belgiens hierüber aufzunehmen. Für die Konfrontation wurde Graf Guillaume ausgewählt, der nach deutschen Informationen über beste Verbindungen zum belgischen König verfügen sollte. Seine Reaktion als überzeugter Anhänger der Unabhängigkeitspolitik ließ aber im Vermerk des Außenministeriums vermuten, dass er den Hinweis als deutschen Versuch der Diskreditierung der belgischen Politik, nicht dagegen als Eingeständnis der Existenz solcher Beziehungen aufnahm. Er betonte entschieden, dass der belgische König eine solche neutralitätsverletzende Politik nicht zulassen würde. (9) Auch der belgische Kriegsminister Denis dementierte am 27.6.1939 mit seinem militärischen Ehrenwort solche Beziehungen. Seit der Neutralitätserklärung des belgischen Königs und zuvor seit 1935 habe es keine Gespräche mit dem Generalstab Frankreichs mehr gegeben. Das deutsche Außenministerium glaubte dieser Versicherung, allerdings mit dem Hinweis, dass die deutsche Aufmerksamkeit sich in dieser Frage nicht vermindern dürfe. (10)

In einem weiteren Fall telegrafierte der deutsche Botschafter in Paris am 21.7.1939 den Inhalt einer Unterredung mit seinem belgischen Kollegen in Frankreich über den Besuch des Präsidenten Lebrun in Brüssel. Der belgische König habe anlässlich des Besuchs erneut die absolute und nach allen Seiten strikte Neutralität seines Landes zum Ausdruck gebracht; der belgische Botschafter fügte hinzu, dass dieses die Auffassung jedes ernsthaften Politikers in Belgien angesichts der bedrohlichen Krisenlage in Europa sei. (11)
Dennoch irritierte die im Juli 1939 in Belgien laufende anti-deutsche Pressekampagne (insbesondere im Fall Abetz) die deutsche Regierung, so dass das Außenministerium den belgischen Botschafter zu einer Unterredung einbestellte und ihm die Schriftwechsel zwischen der deutschen und französischen Regierung im polnischen Konflikt erläuterte. (12) Der belgische Botschafter konterte mit entsprechend harschen anti-belgischen Berichten des Völkischen Beobachters, der die belgische Haltung unberechtigt in Zweifel zog. Die belgische Regierung habe im Übrigen die eigene Presse bereits in dieser Angelegenheit offen kritisiert. (13)

Vom 11.8. bis 13.8.1939 erfolgten Besprechungen zwischen Hitler, Ribbentrop und Ciano über die europäische Krisenlage. (14) Hitler führte aus, dass Polen in jedem Fall auf der Seite der Gegner Deutschlands und Italiens stehe. Daher könne eine schnelle Liquidierung Polens (15) im Hinblick auf die unvermeidlich kommende Auseinandersetzung mit den westlichen Demokratien nur von Vorteil sein. Ganz allgemein sei es überhaupt das Beste, so führte er weiter aus, wenn die seiner Ansicht nach falschen Neutralen einer nach dem anderen liquidiert werden würden. Die Achsenmächte sollten sich dabei gegenseitig den Rücken decken. Für Italien sei Jugoslawien gemäß Hitler einer dieser falschen Neutralen. Hitler führte weiter aus, die Frage Danzig müsse bis Ende August gelöst werden. Er sei entschlossen, die Gelegenheit der nächsten politischen Provokation in Gestalt eines deutschen Ultimatums zu benutzen. (16)
Zum einen stellt der Inhalt dieser Rede Hitlers Verhältnis zur Neutralität dritter Staaten klar, sie unterliegt nunmehr seiner persönlichen Bewertung von „falsch“ und richtig, eine Ergänzung seiner früheren Äußerungen zur unbedingten, „absoluten“ Neutralität. Hitler bekräftigte in seinem nun nachhaltig auch auf außenpolitischer Ebene vorgetragenen Kalkül kriegerischer Szenarien, dass einem Beistandsfall Großbritanniens (gegenüber Polen) die dann notwendige Verletzung der niederländischen und belgischen Neutralität durch Deutschland erfolgen würde. (17) Sowohl Hitler als auch Ribbentrop gaben Ciano in den Gesprächen ihre feste Meinung zur Kenntnis, dass Großbritannien letztlich doch vor einer Kriegserklärung zurückschrecken würde. Würde dieser Umstand erwartungswidrig jedoch nicht eintreten, würden die Westmächte mit Sicherheit von Deutschland in einem schnellen Krieg geschlagen werden.

Diese Überlegungen im Ciano-Gespräch ergänzte Hitler am 14.8.1939 vor Brauchitsch und Halder auf dem Obersalzberg. Grundsätzlich erwarte er eine Neutralität Hollands für den bevorstehenden Konflikt mit den Westmächten, falls die Westmächte gegen seine Einschätzung doch den Bündnisfall mit Polen bei dem bevorstehenden deutschen Angriff einlösen würden. Für Belgien äußerte er die Erwartung, dass es versuchen würde, neutral zu bleiben, da ansonsten Belgien zu einem Kriegsschauplatz werden würde. Ein Teil der „jüdisch-französisch versippten Bevölkerung“ könne allerdings in eine andere Richtung ziehen, solange „Kanonen nicht sprechen“. Auch wenn die Westmächte die Neutralität der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs brechen würden, sei ein schneller Erfolg zur Entlastung der militärischen Lage Polens jedoch aussichtslos. (18)
________________________
1 IMT, IX, 58
2 IMT, XIV, 48
3 Die Spitzen des OKH trugen Hitler am 23.5.1939 anlässlich der Besprechung den Aufmarsch- und Operationsplan gegen Polen vor, vgl. Warlimont, Wehrmacht, S. 37. Am Vortag war der „Stahlpakt“ mit Italien unterzeichnet worden.
4 IMT, XXXVIII, S. 274 sowie Müller, Heer, S. 390. Luftwaffe und Marine wurden wenig später informiert, vgl auch Krausnick, Vorgeschichte, S. 374. Der Nachtrag zur jahresüblichen Weisung für die Kriegsvorbereitung der Wehrmacht vom 3.4.1939 trug schon die Bezeichnung „Fall Weiß“, IMT, XXXIV, S. 388. Wie für Hitler üblich, trug sie zwar den Vorbehalt politischer Entwicklungen für die Angriffsentscheidung, wurde aber wie in anderen Fällen auch Realität. Er ließ jedoch gegenüber Brauchitsch keinen Zweifel daran, dass er Polen mit Waffengewalt zur Annahme seiner Forderungen zwingen wolle, falls nicht bis zum Spätsommer eine Einigung auf diplomatischen Wege erzielt werden würde, vgl. Warlimont, Wehrmacht, S. 34.
5 IMT, III, 146
6 IMT, III, 253
7 Vgl SKL KTB I, S. 4 vom 15.8.1939 zu den gesamten durchzuführenden Maßnahmen für Fall Weiss. Danach sollten am 19.8.1939 insgesamt 14 U-Boote in den Atlantik auslaufen, daneben zwei Panzerschiffe am 21.8 und 25.8.1939
8 IMT, XIV, 81
9 ADAP, VI, S. 594-595 vom 12.6.1939
10 ADAP, VI, S. 668 vom 27.6.1939
11 ADAP, VI, S. 799 vom 21.7.1939
12 ADAP, VI, S. 801 vom 21.7.1939
13 ADAP, VI, S. 803 vom 22.7.1939
14 IMT, III, 255
15 Ciano faßt das Ergebnis wie folgt zusammen: „He has decided to strike, and strike he will”, Ciano, Diaries, S. 119, vom 12.8.1939.
16 IMT, III, 147
17 Weber, Hitler-Stalin-Pakt, S. 247, spricht in diesem Zusammenhang von der Ausbreitung Hitlers Kriegsphantasien vor Ciano: Die Sowjetunion bleibe neutral, die Westmächte belassen es bei theatralischen Gesten und Italien deckt die südliche Flanke. Seine Überlegungen trug er anhand einer großen Generalstabskarte vor, wobei Ciano sich überrascht vom scheinbar feststehenden Kriegsausbruch durch feststehende deutsche Operationen gegen Polen zeigte. Entsprechend gab es erhebliche Differenzen mit Ciano, die sich auch im Streit über die Herausgabe eines Kommuniques über das Treffen zeigten.
18 Vgl. Halder, Tagebuch vom 14.8.1939, Band 1, S. 9 f.
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