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Alt 10.11.2007, 11:34   #46
Scarlett
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Scarlett befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Du schriebst zu sehr aus der Sicht von jemandem, der die Blockfreiheit, liberale Handhabungen (z.B Reisefreiheit) bereits
als genuine Bestandteile der jugoslawischen Politik auffasst.

Titos eigenständige Politik, der dritte Weg oder der "Titoismus" sind allerdings Konsequenzen des Bruches mit Stalin - vergiss das nicht!

Solche Tendenzen gab es in den Jahren 1945-8/9 nicht, und genau das ist der Punkt.

Das Jahr 1948 ist in der jugoslawischen Geschichtsschreibung ein sehr wichtiges, ein quasi mythisch aufgeladenes.
Der Antistalinismus wird zu einer Säule der jugoslawischen Geschichtspolitik - als das einzige kommunistische Land, welches Stalin die Stirn bot ---- freilich ist das Idealversion!
Aber weil es ein Mythos ist, es eben schwer Fakten und Legende auseinanderzuhalten.. die jugoslawischen Quellen sind
hier eben nicht neutral und stricken fleißig mit am Mythos des Antistalinismus.
Dabei wird für gewöhnlich vergessen, dass sich YU durchaus stalinistischer Methoden bediente, wenn es opportun war (Stichwort: Goli Otok!!)

In dieses Horn stoßen denn auch Autoren wie Dedijer, Kardelj und auch Djilas - so z.B. die Annahme der Konflikt mit Stalin gehe eigentlich schon zurück ins Jahr 41, die Sowjetunion habe die Jugoslawen nicht in wünschenswerter Weise unterstützt (Beispiel: Triestverhandlungen, etc pp), das Land werdeökonomisch ausgebeutet.. usw.
Nur haben keine dieser Aktionen je auch nur ansatzweise zu der Ansicht geführt, man müsse aus dem Sowjetblock ausscheren - im Gegenteil, die Sowjetunion gilt weiterhin als Vorbild.

Die Stalin-Verehrung ist in YU bis zum Jahr 1948 ungebrochen -- und der Bruch bedeutet auch eine ideologische Krise für die jugoslawischen Kommunisten, welche man nicht unterschätzen sollte.

Im Inneren Jugoslawiens emuliert man im Grunde sowjetische Verhältnisse - man verabschiedet eine Verfassung (1946), die
im Grunde eine Kopie der Stalinschen Verfassung von 1936 ist, man führt eine gnadenlose Politik gegenüber seinen Gegnern durch (mit etwa - Schätzungen zufolge - 200 000 - 300 000 Opfern) in Form von Schauprozessen und Massenerschiessungen.. und auch eine Zwangskollektivierung (bei der man freilich - auch im Hinblick auf die eigene Machtbasis nicht so brutal vorgeht wie die Sowjets) wird durchgeführt.
Und in diesem Zusammenhang hat man seitens der
Kommunisten durchaus auch von "kulaken" gesprochen.
Da die Bauern in Jug. aber für die Partisanen wichtiger waren, als die Bauern für die Bolschewiken, ist man hier auch vorsichtiger vorgegangen, schon in eigenem Interesse. Allerdings herrschte auch hier ein Zwang und es kam auch gewaltsamen Übergriffen! Nicht wenige Bauern verweigerten sich einer solchen Politik.

Besonders im Falle Jugoslawiens ist, dass man eben nicht auf die Rote Armee angewiesen ist, sondern das die Partisanen das Land selbst (allerdings auch mit alliierter Hilfe!) befreit haben - die jugoslawischen Kommunisten mit ihrem siegreichen milirärischen Arm also eine einzigartige Machtposition innehatten.
Die Rote Armee war jedoch an der Befreiung Belgrads beteiligt und wurde danach abgezogen.
Djilas schrieb auch Interessantes über das Gebaren dieser Armee und darüber, dass er sich bei Stalin darüber durchaus beschwerte.

Diese Aspekte wirst Du evtl nur bei Djilas wiederfinden und auch nur z.T. - widerspricht sie doch im Grunde den Ansichten einer humaneren Version des Kommunismus, wie sie die Jugoslawen gern für sich beanspruchten, beim näheren Hinsehen erweist sich jedoch viele Vorzüge als nur zum Teil gegeben an. 1977 etwa hat Jugoslawien, das liberale Exponat unter den kommunistischen Ländern mehr politischen Gefangene zu verzeichnen als die stalinistische Tschechoslowakei!

Nein, Tito war sicher nicht naiv .. au contraire. Aber war auch nicht der allwissende Weise, der die sowjetischen Absichten (wie immer diese auch genau aussahen) bereits 1941 durchschaute - das halte ich für Unsinn und im Nachhinein konstruiert.

Wenn man zudem die Entwicklung Jugoslawiens nach dem Bruch ansieht, dann fallen einem doch die immer wieder laufenden Annäherungen zur Sowjetunion auf. Tito hat sich seiner Zuneigung
zur SU nie entledigen können, er blieb im Grunde - wie Đilas auch schrieb - ein Stalinist.
So ist Dir der kroatische Frühling (1971) wohl ein Begriff? Es wird häufig die Ansicht vertreten, Tito habe diesen "Aufstand"
auch deshalb niedergeschlagen, weil Breschnew hier wohl intervenierte.
"Augenbrauen-Breschnew" war also durchaus ein Faktor für "unseren" Marschall!

Du schreibst, Tito habe sich "nichts bieten lassen von den Großmächten" -- das ist nicht wahr, Tito hat sich schon sein
"Quentchen" Unabhängigkeit bewahrt, aber so unabhängig wie es die Propaganda darstellte, war er nicht.
Wie sein - zweifellos sehr geschicktes!! - Manövrieren zwischen den Blöcken bewies, war er ein überaus gerissener Taktiker... oder wie ein amerikanischer Beobachter 1946/7 schrieb: Marshall Tito plays a hard game of chess!!!

P.S. Der 28.6. ist für die Jugoslawen ein zu bedeutsames Datum, als dass es zufällig gewählt worden wäre! In dem Punkt ein durchaus geschickter Zug --- erinnert es doch auch an eine bedeutsame Niederlage!

Der Witz ist gut, aber auch Beispiel für das Selbstbewußtsein der jugoslaw Kommunisten!

Man sollte aber auch berücksichtigen, dass Jugoslawien nach dem Konflikt eine Weile über einem Abgrund schwebte, die wirtschaftliche Isolierung traf dass Land sehr hart.
Desweiteren sollte man beachten, dass es der Westen war, der hier Hilfe gewährte - potenziell auch militärische, wie die amerikanische Beistandserklärung 1949 bewies.

PPS Entschuldige die späte Antwort!!
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Geändert von Scarlett (10.11.2007 um 12:05 Uhr).
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