In diesem Strang sollte m.E. nicht unerwähnt bleiben, dass die Propaganda der Alliierten in den Kriegsverbrechen, die von den deutschen Streitkräften tatsächlich begangen wurden, ihren objektiven Kern hatte. In Belgien und Nordfrankreich kam es zwischen August 1914 und Oktober 1914 seitens der deutschen Armee, zu massenhaften Übergriffen gegenüber der Zivilbevölkerung in Form von Erschießungen, Plünderungen und Zerstörungen von Städten und Dörfern. In Folge dieser Vorkommnisse verloren wohl 5.000 bis 6.000 Zivilisten ihr Leben. Für die alliierte Propaganda waren diese Grausamkeiten freilich ein willkommenes Thema, das entsprechend ausgeschmückt und mit frei erfundenen Schauermärchen, z.B. über „abgehackte Kinderhände“, „abgeschnittene Frauenbrüste“ und „vergewaltigten Nonnen“ stilisiert wurde. Die pornographisch anmutenden Berichte über Gewalt und Obszönitäten gewannen ihre Plausibilität aber erst aufgrund der realen Vorfälle.
Während des Krieges kam es zu einer entsprechenden Polarisierung zwischen den Feinden: die Deutschen warfen den Belgiern und Franzosen vor, in Belgien einen Volkskrieg angezettelt zu haben, und die Alliierten den Deutschen in Belgien „Greueltaten“ begangen zu haben. Das „Hunnen“- bzw. „Atilla“-Bild der Alliierten entsprang folgendem rhetorischen Dreisatz:
(1) Atilla war ein grober, ungebildeter Mensch ohne jeden Sinn für Moral.
(2) Die militärischen Führer der Deutschen besuchten Schulen und Universitäten und kannten die ethischen Standards ihrer Zeit genau.
(3) Also war die Geschichte der deutsche Armee in Belgien schlimmer als die Märchen über Atilla.
Währenddessen die Deutschen in ihrer Propaganda gegenüber den Westmächten gerade die Überlegenheit der deutschen Kultur hervorhoben („Wir haben soundsoviel Nobelpreisträger und Sie nennen uns Barbaren“), empörten sich die Alliierten über die Paarung von Bildung und Brutalität, die Sie beim Deutschen Reich ausmachten.
Direkt nach dem Krieg kam es leider zu keinen überzeugenden gemeinsamen Anstrengungen, die Vorkommnisse in Belgien aufzuklären. Das Auswärtige Amt war in Zusammenhang mit der Unschuldskampagne bestrebt, die Vorfälle in Belgien zu leugnen bzw. als rechtmäßige Reaktion auf den belgischen Volkskrieg zurück zu führen. In England hingegen wurde man sich den Lügen und den Übertreibungen der eigenen Propaganda bewusst, ohne einen ernsthaften Versuch zu unternehmen, das Wahre vom Falschen zu trennen, mit der Folge, dass in den 30ern ein deutsch-britischer Konsens darüber entstand, dass die Anschuldigungen falsch seien. Bitter dürfte dies vor allem für die Belgier gewesen sein. Der deutsche Nachbar beging massenhaft Unrechtshandlungen und leugnete diese und die alliierten Verbündeten, die während des Krieges diese Vorkommnisse zu Lügengeschichten aufgebläht haben, einigten sich nach dem Krieg mit den Deutschen darüber, dass es alles Lüge war und es keine Kriegsverbrechen gab. Für die belgischen Opfer hat sich da wohl niemand so richtig interessiert.
Heute ist die Aufklärung der damaligen Vorgänge noch schwieriger geworden. Wichtige Zeitzeugen sind längst tot und im 2. WK gingen bekanntlich die Akten der preußischen Armee verloren. John Horne / Alan Kramer, haben 2004 mit ihrem Buch „Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit“ versucht Licht ins Dunkle zu bringen. Im Internet stellt Kramer hier (=>
www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/keiner%20f%C3%BChlt%20sich%202/kramer.pdf ) auf 30 Seiten seine Ergebnisse vor. Ohne Kritik blieb dieser Aufklärungsversuch freilich nicht:
sehepunkte - Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaften - 4 (2004), Nr. 7/8.