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Alt 04.01.2013, 09:20   #3
El Quijote
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Darf ich fragen, wie du das meinst mit "die man von der Wahrheit des Christentums überzeugen wollte"? Und auf welche Bibelstellen du dich beziehst?
Buschhons hat das schon ganz gut erklärt.
Wir können natürlich hingehen und dem Evangelientext in seinen Einzelheiten (die Wunder mal außen vor gelassen) Glauben schenken. Demnach wäre Johannes der Cousin (2. Grades) Jesu gewesen, Jesus hätte sich im Jordan von Johannes taufen lassen und ihn sogar vor seiner Hinrichtung - laut Josephus in Machairos, auf der Ostseite des Toten Meeres - im Gefängnis besucht.
Kann man alles glauben, muss man aber nicht. Als Historiker frage ich mich, warum ein Konkurrent Jesu so eine prominente Stellung in den Evangelien einnimmt, also nach dem Grund der Narration.
Wir "wissen" von der Verwandtschaft der beiden, wir "wissen" von der Taufe im Jordan, wir "wissen" davon, dass einige der Apostel zunächst Jünger des Täufers waren, von Jesus quasi abgeworben wurden; wir "wissen", dass Jesus seine Jünger fragte, für wen ihn die Leute hielten und er zur Antwort erhielt "einige halten dich für Elias, andere für Johannes den Täufer".
Wenn ich das zusammennehme, dann komme ich zu dem - freilich rein hypothetischen - Schluss, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem Tod der beiden, eine gewisse Konkurrenz zwischen zwei messianischen Bewegungen bestanden hat und es Anliegen der stärkeren dieser beiden messianischen Bewegungen war, für die übrigen Anhänger der schwächeren der beiden messianischen Bewegungen sinnstiftend eine Brücke zu bauen, ihnen quasi zu sagen: Ihr seid schon dem richtigen gefolgt, aber er war halt nur ein Prophet, der den eigentlichen Messias angekündigt hat.

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Johannes der Täufer war ja sozusagen der "Vorgänger" Jesu.
Die Taufe war "Sündenbekenntnis und der Versuch, ein altes, missratenes Leben abzulegen und ein neues zu empfangen" *). Durch die Taufe begibt sich Christus Jesus eben selbst hinunter zu den Sündern, die sich im Jordan taufen lassen.
Das ist mir persönlich schon zu glaubensbekenntnerisch (soll nicht despektierlich klingen, ich wollte lediglich ein Adjektiv aus Glaubensbekenntnis bilden).

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Die Taufe des Johannes hat aber auch durchaus politische Hintergründe: Nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. traten vor allem die Pharisäer in den Vordergrund, die sich dadurch auszeichneten, dass sie ihr Leben ganz nach der Torah und dem Tanach ausrichteten und sich sehr streng an das (jüdische) Gesetz hielten. Sie wollten sich dem steigenden Einfluss der römisch-hellenistischen Kulte und Denkweisen entziehen.
Es ist also nicht auszuschließen, dass Johannes der Täufer ebenfalls Mitglied dieser Gemeinschaft gewesen ist, ehe er als Eremit in die Nähe des Jordans zog, um dort die Gläubigen zu taufen.
Michael Hesemann behauptet ja auch eine Nähe von Jesus zu den Pharisäern.
Womit ich allerdings nicht ganz klar komme, ist nun der Bezug 70 n. Chr.
Wenn Jesus, angenommen, er wurde 6 v. geboren und 33 Jahre alt, 28 n. Chr. hingerichtet* wurde und seit 25 n. Chr. aktiv war, dann muss der Täufer zwischen 25 und 28 hingerichtet worden sein.
Die Zerstörung des Tempels kann also auf die tatsächlichen Handlungsweisen des Täufers oder Jesus' keinen Einfluss genommen haben, lediglich auf die Texte, die von ihnen berichten.

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Die Taufe war immer verbunden mit einer Beichte, einem Sündenbekenntnis und einem "flammenden Ruf zu einer neuen Weise des Denkens und des Tuns".*) __________
*) Ratzinger, Joseph: Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Freiburg im Breisgau: Herder, 2007.
Nun gut, Joseph Ratzinger ist aufgrund seiner prominenten Stellung, die er in den letzten Jahren und Jahrzehnten innerhalb des Katholizismus eingenommen hat, eben verpflichtet zu einer theologischen Ausdeutung der überlieferten Schriften. Uns hier interessiert - auch aus Gründen der Intersubjektivität, Ratzinger muss nicht einmal unbedingt innerhalb des Katholizismus intersubjektiv argumentieren - das ganze mehr aus historischer Sicht, als aus theologischer.

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Johannes fungiert laut Johannesevangelium als Wegbereiter Christi, denn er kündigt das Reich Gottes an und verkündet, dass nach ihm einer kommen werde, der weitaus größer ist als er selbst (Joh 1,23). [...] Zu nennen wären auch noch zwei andere Stellen: "Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen" (Mt 11,10) bzw. "Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten" (Lk 1,76).
Eben, laut den Evangelien. Es handelt sich eben nicht um neutrale Überlieferungen dessen, was Johannes wollte, sondern durch Überlieferungen von Christen, also einer interessierten Partei. Nur durch deren Brille sind uns Aussagen des Täufers überliefert.

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Somit lehrt nicht Johannes der Täufer die christliche Lehre (die es zu dem Zeitpunkt noch nicht gab), sondern die christliche Lehre bezieht sich auf Johannes den Täufer, zumindest in puncto Taufe.
Dem stimme ich zu. Aber was hat das mit der entscheidenden Frage zu tun, ob Johannes ein Vorläufer Christi war (dies wäre eine theologische Antwort, die, wenn sie historisch wahr wäre, gleichzeitig die Wahrheit des christlichen Glaubens implizierte) oder, ob er von den Christen vereinnahmt wurde (dies wäre ein geschichtswissenschaftlicher Versuch, die Prominenz des Täufers in den Evangelien zu erklären)?

Johannes wird zum Glaubenszeugen für Christus durch die Evangelisten vereinnahmt. Wenn er dieses Glaubenszeugnis wirklich abgelegt hätte, dann hätte er wahrhaft prophetische Fähigkeiten gehabt. Das mag man als gläubiger Mensch vertreten. Für die historische Diskussion ist das aber nicht geeignet.






*Wer sich über die Rechnung wundert: Bitte nicht vergessen, dass auf das Jahr 1 v. Chr. direkt das Jahr 1 n. Chr folgt.
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Chi vuku zik Ah xel roxa ru camay zak yuhuh.

Und darum Kinder eins bedenket: Wer Trollen respondieret Zeit verschenket!
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