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Alt 04.01.2013, 11:10   #5
El Quijote
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Mit Geschichtswissenschaft hat das ja augenscheinlich erst einmal nichts zu tun. Bei genauerer Betrachtung schon.


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Die meisten Wunder Christi Jesu sind Metaphern, Symbole, Parabeln. Das kann man ganz klar so sagen. Kein Katholik, der noch ganz bei Verstand ist, glaubt, dass Jesus wirklich über das Wasser gelaufen ist oder dass er einen Toten (Lazarus) tatsächlich von den Toten aufgeweckt hatte.
Über Verstand oder Unverstand Gläubiger - unabhängig davon, ob katholisch, protestantisch, orthodox oder was sonst - sollten wir hier nicht reden. Es dürfte nach allgemeinem Verständnis auch nicht so sein, dass Wunder als Metaphern, Symbole oder Parabeln interpretiert oder wahrgenommen werden. Ich denke schon, dass es den Kern des christlichen Glaubens ausmacht, die Wunder - in erster Linie das der Auferstehung - ernst zu nehmen. Ansonsten könnten die Kirchen gleich dicht machen und Gebäude und Kirchenschätze als Museumsräume und -gut zur Verfügung stellen.

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Das kann ich ganz kurz sagen: Aus exegetischer Sicht...
Das hier ist ein Geschichtsforum. Wir beschäftigen uns nicht theologisch mit Glaubenstexten, sondern mit historischen Fragestellungen. Die Exegese ist per definitionem aber theologisch definiert. Die Theologen befinden sich innerhalb des Systems, sie gehen von der Wahrheit der biblischen Texte aus. Die Historiker befinden sich außerhalb des Systems, sie fragen eher nach der Historizität des in den Texten Bekundeten und untersuchen narrative Strukturen, sprich Motivationen für die Auswahl des Berichteten.

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Das zweite versteht man allgemeinhin so, dass Lazarus seinen Glauben verloren hat (also im Glauben tot war). Jesus kam zu ihm, hat ihm neuen Glauben "geschenkt" und ihn somit wieder zum Leben erweckt. Gleiches dürfte auch für die Auferstehung Christi gelten.

Aber das ist – wie gesagt – Exegese.
In meinen Augen ist das keine Exegese, sondern der Versuch, den Bericht der Evangelien mit der erfahrbaren Wirklichkeit zu harmonisieren, sprich die Diskrepanz zwischen Wunderbericht und dem eigenen bzw. gesellschaftlichen Unvermögen, den Wunderbericht heute noch ernst zu nehmen, aufzuheben, quasi den Bibeltext zu retten, obwohl man ihn eigentlich selbst nicht mehr ernst nimmt. Man behandelt den Text aber dann weder als Historiker, noch liest man ihn so, wie es von den Autoren intendiert war, ihn zu lesen, also als Theologe oder Exeget.

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Das kann ich mir auch so vorstellen, wie du es sagst. Ich bin kein absoluter Bibelprofi, aber ich denke, dass dies durchaus so gewesen sein könnte.
Es kann aber durchaus auch sein, dass die Johannes-Gemeinde sich der Christus-Gemeinde angeschlossen hatte, da sie von der Messiasrolle Christi überzeugt wurden und zwar von Gott und von Johannes. Dabei beziehe ich mich auf Joh 1,29-34:

"Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes."

Ebenso Joh 1,36: "Seht, das Lamm Gottes!"
Damit durchdringst du immer noch nicht das Problem, vor welchem wir als Historiker stehen: [gesprungene Schallplatte]Diese Texte überliefern nicht die Sicht des Täufers, sondern sie überliefern eine Vorstellung, die christliche Überlieferer von der Sicht des Täufers verbreiten wollten. [/gesprungene Schallplatte]

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Johannes gibt also bereitwillig seine Rolle als Prophet ab, sieht seinen Auftrag als erfüllt und den Messias als erschienen an. Wenn er also sagt, dass er keinerlei Ansprüche stellt und seiner Gemeinde (die, wie ich denke, eher aus einzelnen Pilgern bestand denn aus einer fest etablierten Gemeinde wie die Pharisäer) Jesus als den Messias vorstellt, dann dürfte auch eigentlich keine Konkurrenten entstehen.
Das ist eben eine christliche Überlieferung. Uns liegt nun mal leider keine anderen Dokumente vor, welche die Sichtweisen der Anhänger des Täufers oder des Täufers selbst spiegeln, außer diesen christlichen Dokumenten.
Stell dir vor, es wäre Wahlkampf und Partei A macht eine Aussage über die Politik der konkurrierenden Partei B. Partei A wird kein Interesse daran haben, Partei B zu loben, sondern sie wird erklären, warum die Politik von Partei A gut und von Partei B (C, D und E) schlecht ist.
Und wenn Partei A eigentlich dem zustimmt, was Partei B in Regierungsverantwortung beschlossen hat, wird Partei A entweder versuchen, dies als eigene Idee darzustellen, die von Partei B übernommen wurde, oder aber sonstwie zu erklären versuchten, warum sie die bessere Partei ist und warum Partei B eigentlich sich eigentlich auf den Arbeiten und Ideen von Partei A ausruht.
So ähnlich ist das mit dem Täufer. Die Konkurrenz zwischen den zwei messianischen Bewegungen wird einfach dadurch versucht aufzuheben, dass man dem Täufer unterstellt, dass er die Superiorität Jesu anerkannt habe. Eine Gegenposition ist nicht überliefert.

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Papst Benedikt XVI. hat dies zwar während seines Pontifikates geschrieben, allerdings verlangt er für sein Werk keine Lehrautorität, womit diese Schriften nur seine persönliche Meinung als gläubiger Katholik und nicht als Papst darstellen dürften.
"Papa Ratzi" ist ja mehr als "nur" der Papst. Er ist jahrzehntelang Professor für Theologie gewesen und unter dem Pontifikat seines Vorgängers als Chef der Glaubenskongregation sozusagen der oberste Glaubenswächter. Deshalb habe ich mich explizit nicht auf sein Papsttum bezogen sondern auf
seine "prominente Stellung, die er in den letzten Jahren und Jahrzehnten innerhalb des Katholizismus eingenommen hat". Er ist und bleibt durch und durch Theologe.

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Die Forderung, die du stellst, ist in einem Geschichtsforum legitimiert, allerdings beleuchtet dieses Buch mit seinen Abhandlungen den historischen Kontext der Stationen im Leben Jesu und gibt Einblicke in die gesellschaftliche und politische Historie bzw. Situation zu Zeiten Jesu.
Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein Buch welches theologisch ist und auch sein will. Ratzinger ist kein Historiker und will es auch nicht sein.

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Das kann man jetzt auch wieder so und so sehen. Ich sehe es durch die Brille der Christen, du wahrscheinlich durch jene eines objektiven Geschichtswissenschaftlers.
Und da fehlt uns dann eine gemeinsame Diskussionsbasis und ich erinnere noch einmal daran, dass wir hier ein Geschichtsforum haben und dem intersubjektiven Dialog verpflichtet sind.
(Nur als Hinweis: Lies mal die Regeln!)

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Ich wäre gespannt, was für dich "prophetische Fähigkeiten" sind.
Ich kann das mal eben sagen: Prophetie hat nichts mit Hellseherei oder Magie zu tun.
Ich habe nichts dergleichen behauptet.

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Propheten sind nach christlichem Verständnis auserwählte Menschen, die von Gott einen Auftrag erhalten.
Und hier sind wir wieder bei dem Problem, dass Intersubjektivität nicht gegeben ist. Voraussetzung ist nämlich, dass es a) Gott gibt und b) Menschen von Gott befähigt werden, als sein Sprachrohr zu fungieren. Dies aber liegt außerhalb unserer tatsächlichen Erfahrbarkeit. In einem theologischen Forum kann man damit meinetwegen arbeiten, in einem Dialog, an dem Gläubige und Nichtgläubige, Angehörige verschiedener Religionen und Konfessionen teilnehmen ist diese Voraussetzung keine gemeinsame Basis.
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Chi vuku zik Ah xel roxa ru camay zak yuhuh.

Und darum Kinder eins bedenket: Wer Trollen respondieret Zeit verschenket!
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