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Alt 06.02.2015, 12:55   #16
El Quijote
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Tatsache ist jedoch, dass Bernstorf eine sehr große Siedlung war, was „gelernte“ Archäologen sehr lange bezweifelten. Es weht ein Hauch von Schliemann über Bernstorf, das ist nicht von der Hand zu weisen.
Bezweifelten das die "gelernten" Archäologen tatsächlich oder ist das die Darstellung von Moosauer, der sich zum David gegen den Goliath der akademischen Archäologie stilisiert?!

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Es weht ein Hauch von Schliemann über Bernstorf, das ist nicht von der Hand zu weisen.
Vielleicht weht ja mehr Schliemann über Bernstorf als du meinst... Schliemann hat sich selbst zum unverstandenen Wiederentdecker Troias, der es allen gezeigt hat, stilisiert. Tatsächlich hatte es aber in Hirsalik vor allem von britischer Seite schon Ausgrabungen vor Schliemann gegeben und der Link zu Troja war ebenfalls schon hergestellt worden. Schliemann hat es aber mit seinen Erinnerungen zumindest im deutschen Bewusstsein nachhaltig geschafft, seine Rolle bei der Entdeckung des Tells von Hirsalik und der Zuordnung dieses zu Troja zu überhöhen. Dabei wissen wir bis heute nicht, ob es sich wirklich um Troja handelt, lediglich, dass der Tell schon seit der klassischen Antike mit Troja in Verbindung gebracht wurde.


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Typisch zum Beispiel der Name einer Höhle in der fränkischen Schweiz: Jungfernhöhle. Zitat aus Wikipedia: „Der Name ist an eine lokale Sage angelehnt. Danach sollen einst drei Jungfern ohne Köpfe in der Höhle gewohnt haben und dort umgebracht worden sein.“ Und weiter: Gefunden wurden „Skelett- und Schädelreste von mindestens 40 Menschen, 10 bis 11 Erwachsene (darunter 9 zumeist jüngere Frauen), 4 bis 5 Jugendliche sowie 23 Säuglinge und Kinder. Eine Radiokohlenstoffdatierung ergab ein Alter von 6.150 +/- 65 Jahren.“

Demnach hat sich das Wissen darüber von der Jungsteinzeit bis heute in der lokalen Bevölkerung erhalten.
Das ist etwas zu positivistisch. Wieso muss diese Sage denn bis in die Jungsteinzeit zurückgehen? Warum kann sie nicht beispielsweise in 17. Jhdt. enstanden sein, als ein paar Kinder beim Spielen auf menschliche Knochen stießen? Ich sage nicht, dass dem so war, ich will nur sagen: Die Existenz einer Sage, die einen wahren Kern hat, was keineswegs ein Naturgesetz ist, und ihr zuzuordnende archäologische Funde müssen keineswegs aus der gleichen Zeit stammen. Man nennt das fachwissenschaftlich Ätiologie. Die Ätiologie oder ätiologische Legende ist eine Geschichte, welche sich Menschen ausdenken, um einen Sachverhalt, beispielsweise ein Naturphänomen oder eben Knochenfunde in einer Höhle zu erklären. Die Pseudoetymologie hat dazu Überschneidungen. Wenn etwa ein Ortsname erklärt werden soll und man dazu nicht mehr erkannte Namensbestandteile verwendet. Das ist z.B. bei Magdeburg geschehen, im SpätMA hat man den Ortsnamen als Jungfrauenburg übersetzt und schließlich hat sich im 16. Jhdt. die Legende gebildet, dass Kaiser Tiberius selbst Magdeburg als Parthenopolis (Jungfrauenburg) gegründet habe. Diese Legende hat sich auch im Stadtwappen niedergeschlagen, welches eine junge Dame mit dem Jungfernkranz in der Hand über den Zinnen einer Burg zeigt. Auch das ist also die Erklärung eines Sachverhalts, wenn auch die Erklärung im Kern falsch, eben eine ätiologische Legende ist.

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Ich finde, man sollte solchen Sagen mehr Aufmerksamkeit schenken. Hätten Archäologen dieser Bernstorfersage geglaubt und die Entdeckung aus dem Jahr 1904 des Heimatforschers Josef Wenzl nicht ignoriert, Bernstorf, die größte bekannte bronzezeitliche Befestigung nördlich der Alpen, stünde heute ganz anders da.
Dass die Archäologie die Fund ignoriert habe, ist ja zunächst einmal eine Behauptung. Fakt ist, Archäologie kostet Geld und Archäologen können nicht einfach hier und dort Grabungen anstrengen. Das müssen sie nämlich a) vor dem Besitzer des Grundes und b) vor dem Steuerzahler rechtfertigen.

Das Versäumnis in Bernstorf ist, dass hier Kies abgebaut wurde, ohne, dass ein bekanntes Bodendenkmal die notwendige Dokumentation erfahren hat. Nach dem bayrischen Schatzregal müsste das eigentlich, wenn ich da recht informiert bin, eine Ordnungswidrigkeit sein; die Finanzierung der Grabungen hätte, zumindest dort, wo das Bodendenkmal durch den Kiesabbau gestört wurde, durch den Grubenbetreiber gewährleistet werden müssen (Verursacherprinzip). Die Frage ist nun, ob hier der Betreiber der Grube mit oder ohne behördliche Genehmigung den archäologischen Befund gestört hat, bzw. ob überhaupt jemand, der entscheidungsbefugt war, von dem Bodendenkmal wusste, also dass das freistaatliche Landesdenkmalamt überhaupt eine Chance hatte.

Mit der Frage allerdings, ob es sich bei den Gold- und Bernsteinfunden um bronzezeitliche Artefakte oder rezente Fälschungen handelt, hat das allerdings nichts mehr zu tun. Die Anlage an sich wird ja von niemandem in Frage gestellt.

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Kommen wir zurück zum Streit Pernicka/Winghart vs. Mossauer/Gebhart/Krause.
Wenn es keine Zweifel an der Echtheit der Fund gäbe, hätten Pernicka und Winghart keine Gründe gehabt, solche zu äußern. Sie müssen sich beide nicht auf Kosten eines Hobbyarchäologen renommieren: Pernicka ist die Koryphäe auf dem Gebiet der Archäometrie in Deutschland, Winghart genießt als Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege ebenfalls sehr viel Achtung. Gebhardt und Krause allerdings müssten, wenn es sich um Fälschungen handelt, zugeben, dass sie darauf hereingefallen sind. Man denke an den Stern-Kujau-Skandal.
Insofern, rein wenn man das ganze mal nach dem Prinzip des Cui bono? betrachtet, spräche mehr für die Position Pernicka, weniger für die Position Mossauer.

Das heißt nicht, dass dem so ist und ich will hier Mossauer absolut kein Unrecht tun; ich kann auch mangels archäometrischer/naturwissenschaflicher Bildung überhaupt nichts zu den archäometrischen Daten sagen. Aber es kommen eine Reihe von Indizien (Indizien, nicht Beweisen!) zusammen, die für die Fälschung und gegen die Echtheit sprechen:

- keine Funddokumentation, seltsame Fundumstände
- Wahrscheinlichkeit der Goldreinheit im Promillebereich
- die Urheber des Fälschungsvorwurfs können mit diesem nichts gewinnen, die haben alles erreicht, was man in der Archäologie und an Renommee erreichen kann, Pernicka kann durch diesen Vorwurf, wenn er sich denn als falsch erweist allenfalls Glaubwürdigkeit und Renommee einbüßen, wenn er sich also nicht sicher wäre, hätte er besser geschwiegen.
- die Verteidiger gegen den Fälschungsvorwurf müssen dagegen um ihr Renommee fürchten, wenn sich der Vorwurf bewahrheiten sollte.
- Mossauer selbst kann diverse lautere wie unlautere Gründe gehabt haben, die Fälschungen zu produzieren: Wie bei friloo und Stefan70 angedeutet Selbstdarstellungssucht oder einfach die Hoffnung, dass der Raubbau an dem Bodendenkmal gestoppt würde und endlich systematische Grabungen möglich würden. In letzterem Fall wäre die Fälschung sicher das falsche Mittel, aber zumindest konnte der Befund vor einer weiteren Zerstörung gerettet werden. (Es handelt sich hierbei wohlgemerkt um Szenarien, warum Mossauer gefälscht haben könnte, über die reale Person Mossauer, die ihre Verdienste als Arzt, Naturschützer, Hobbyarchäologe und Lokalpolitiker hat, erlaube ich mir ganz ausdrücklich kein Urteil.)
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Chi vuku zik Ah xel roxa ru camay zak yuhuh.

Und darum Kinder eins bedenket: Wer Trollen respondieret Zeit verschenket!
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