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Alt 17.12.2016, 22:42   #3
tejason
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tejason ist ein Lichtblicktejason ist ein Lichtblicktejason ist ein Lichtblicktejason ist ein Lichtblicktejason ist ein Lichtblick
Ein Gegensatz oder zwei Seiten einer "Medallie"?

Spekulationen sind immer reizvoll. Außer Frage steht, dass die Suche nach dem richtigen Nachfolger gerade in der frühen Kaiserzeit als eine ständige Herausforderung begriffen werden kann. Augustus hat in seinem langen Leben mehrfach "umgruppieren" müssen. Ihm schwebte ziemlich sicher als Ideal ein leiblicher Nachfahre vor, sonst hätte er bei den vielen Adoptionen eine Einbindung seiner Verwandtschaft gleichgültig sein können. Selbst die wichtigste Stütze für den Aufstieg des Augustus, der fast gleichaltrige Marcus Vipsanius Agrippa wurde zeitweilig als Nachfolgekandidat gehandelt. Augustus war es, der Agrippa zur Scheidung von seiner zweiten Ehefrau drängte, damit er die Julia, die Tochter des Augustus heiraten konnte. Die ersten beiden Söhne aus dieser Ehe adoptiere Augustus (womit Abstammung und Auswahl gleichermaßen gegeben waren). Beide starben jedoch im hoffnungsvollsten Alter. Letztlich wurde mit Tiberius ein anderer Adoptivsohn des Augustus zum neuen Kaiser. Er war ursprünglich mit einer Tochter des Agrippa aus erster Ehe verheiratet. Aus dynastischen Gründen zwang Augustus den Tiberius sich scheiden zu lassen und Julia, die Tochter des Augustus zu ehelichen - seine Stiefschwester also! Diese war damit durch ihren Vater zu einer dritter Ehe gezwungen worden. Auch die Stellung des Tiberius blieb unsicher, so lange Augustus noch lebte, Augustus adoptierte sehr viele Kinder und zwang die Menschen der julischen und der claudischen Familien sich vielfach miteinander zu verheiraten, so dass man von einer "Doppeldynastie" des Julisch-Claudischen Hauses sprechen kann.
Als Augustus schließlich starb, wurde der gleichzeitig mit Tiberius von diesem adoptierte, inzwischen aber in Ungnade gefallene Agrippa Postumus (geborener Sohn des Agrippa mit der Augustustochter Julia) sofort ermordet. Es ist nicht ganz klar, ob dies noch auf Befehl des Augustus, oder bereits auf Befehl des Tiberius geschehen war.... Und das alles sind nur sehr unvollständige, eher willkürliche Auszüge der Maßnahmen, mit denen Augustus seine Nachfolge sicherstellen wollte...

Auch die Kaiser der "Adoptivkaiserzeit" nutzten nicht nur die Möglichkeiten der Adoption, sondern auch der Verheiratung. Eine weitere Möglichkeit die eigene Familie stärker als Führungsfamilie zu festigen war es, eigene Vorfahren durch eine "Vergöttlichung" (Divinisierung) zu erhöhen. Alles das macht keinen Sinn, wenn nicht auch dynastische Überlegungen im sogenannten "Adoptivkaisertum" eine wichtige Rolle gespielt hätte. Trajan lies im Jahre 112 und im Jahre 113/114 zuerst seine Schwester, dann seinen Vater "Vergöttlichen". Da er bereits im Jahre 98 Nachfolger seines Adoptiv-Vaters, Kaiser Nerva geworden war (Adoption wohl im Jahre 97), diente es wohl kaum zur Absicherung seines persönlichen Herrschaftsanspruchs.

Essenz: Von Beginn der frühen Kaiserzeit an waren Adoption und Verheiratung nahezu gleich gewichtete, integrale Bestandteile der Nachfolgeregelung. Potentiellen Nachfolgekandidaten, die nicht zum Zuge kamen drohte ein plötzliches Ableben. Ich finde es daher schwer zwischen einer "Dynastischen" oder einer "Adoptiv-Auslese" als einem Gegensatz zur Nachfolgeregelung wirklich unterscheiden zu wollen? Ist das nicht eher eine Diskussion, die für damalige Zeitgenossen eher unverständlich wäre?
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