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Alt 18.12.2016, 20:43   #9
tejason
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Adoptivkaisertum, eine maßgeschneiderte Ideologie für den Senatorenstand

Die Adoptionspolitik des Augustus vereinte zwei Grundprinzipien:
1.) Einen geeigneten Nachfolger zu finden und zu bestimmen
2.) Einen Nachfolger zu finden, der mit ihm verwandt war. Auch über eine Adoption, die für einen Römer den gleichen Stellenwert hatte.

Bei Augustus fällt auf, dass er seine Nachfolger aus seinem engeren, möglichst familiären Umfeld aufzubauen versuchte. Agrippa war ihm durch besondere Treue verbunden, auch wenn dieser ihm von seiner Abstammung her eigentlich nicht verbunden war. Er sorgte durch dessen Vermählung mit seiner Tochter Julia dafür, dass Agrippas persönliche Nachkommenschaft Enkel des Augustus selbst würden. Damit wäre letztlich seine direkte Blutlinie wieder als Erbe für die folgende Generation wieder auf dem "Thron" zu erwarten.
Tiberius war eigentlich nur ein "angeheirateter Stiefsohn", der letztlich die Nachfolge antrat. Um aber wieder seine eigene Blutlinie als "natürliche Nachfolgerschaft" für die auf Tiberius folgende Generation in Position zu bringen, reichte ihm dies nicht. Er adoptierte Tiberius UND er verheiratete ihn mit seiner Tochter Julia. Augustus ging also mehrgleisig vor. Überhaupt hielt er sich fast immer mehr als eine Option offen um eine Wahl zu haben.

Obwohl Augustus die "neue römische Staatsverfassung" erst begründete, konnte er durch seine einzigartige Machtstellung als Sieger in einem umfassenden Bürgerkrieg und seine sehr lange Regierungszeit Fakten schaffen, die seine Regelung kaum Anfechtbar machten. Vor diesem Hintergrund ist seine dynastische Politik als besonders intensiv zu verstehen. Dabei war eine Auswahl in der Nachfolgesuche für die mächtigen Senatorenfamilien schon in der ausgehenden Republik üblich geworden. Dazu gehörten neben "dynastischen Hochzeiten" auch Adoptionen als gleichberechtigtes Mittel der Politik. Es bleibt also eine relatives Grundmuster dieser "Nachfolgeregelungen" über die Republik und den Maßnahmen des Augustus bis hin zu den Adoptivkaisern festzuhalten.

Den "Adoptivkaisern" fehlte schlicht bis zu Marc Aurel der leibliche Sohn um auf ihn zurückgreifen zu können als Option der Nachfolgeregelung. Alle übrigen Maßnahmen stehen in senatorischer Tradition bis hin zu den Vorgängen in der Julisch-Claudischen Dynastie. Mit der - bereits antiken - Postulierung eines "Adoptivkaisertums allein als Auswahl des Besten" gelang ein Propagandatrick in bewusster Abgrenzung zu den als Exzessen empfundenen Begleiterscheinungen gegen Ende der beiden vorhergehenden Dynastien. Das Julisch-Claudische Haus fand sein Ende mit Kaiser Nero. Nach ihm setzte sich die Flavische Dynastie durch, die mit Kaiser Domitian endete. Die Regierungen von Nero und Domitian forderten durch als ungerecht, selbstherrlich und autoritär empfundenen Regierungsstil ihren Sturz heraus. Eine "Auswahl der Besten" durch Adoption wurde als bewussten Gegensatz zu diesen Vorgängen propagandistisch herausgestellt. Diese, besonders durch Cassius Dio und Herodian bis heute erhaltene Interpretation, der sonst als klassisch dynastische Maßnahmen erkennbaren Improvisationen, wurde so als schon immer gewollte Nachfolgeauswahl hochstilisiert. Hinzu kommt, das die Bilanz der Herrschaft durch die "Adoptivkaiser" als positiv erkannt, oder zumindest empfunden werden konnte. Bei der erwarteten, reinen Erfolgsbilanz etwa eines Kaisers Trajan oder Hadrian fällt aus antiker Sicht der Verzicht auf bereits propagierte Gebietszuwächse auf, die man dabei unter den Tisch fallen ließ. So berechtigt die Maßnahmen gewesen sein mögen, wären sie aus klassisch römischer Sicht normalerweise als negativ verbucht worden. Damit wird erkennbar, das erfolgreiche Propaganda in römischer Zeit ein wichtiges Mittel der Memoria war. Im Falle der "Adoptivkaiser" wurde deren persönliches Dilemma zu einem Konzept hochstilisiert. Mit Marc Aurel fand diese Praxis ein unspektakuläres Ende, indem er einen natürlichen Sohn als Nachfolger vorweisen konnte.
Die Idee eines "Adoptivkaisertums" konnte sich nur entwickeln, durch die erwähnte Vorgeschichte (Nero & Domitian) und den turbulenten Zeiten des "Nachspiels" mit einem Bürgerkrieg (wie bei Nero) als Gegenentwurf. Entscheidender jedoch war, dass einflussreiche Geschichtsschreiber diese Idee propagierten. Warum auch nicht? Sie schrieben in erster Linie für den Senatorenstand und denen war diese Idee doch geradezu auf den ideologischen Leib maßgeschneidert worden.
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