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Alt 19.12.2016, 20:11   #10
Scorpio
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Im Hintergrund Deiner Frage steht vermutlich (auch) die Diskussion um die Neubewertung des Adoptivkaisertums. [1]

Ich beteilige mich gern an Spekulationen. Aber zunächst zwei Rückfragen: Bezieht sich der "ungeheure Affront" auf Commodus, Lucilla und Faustina oder auf den Senat/die Aristokratie oder auf sonstige? Woraus resultiert die erwähnte Zwangsläufigkeit?
Vor allem auf Commodus. Er war Marc Aurels Sohn, von hervorragenden Lehrern erzogen. Er war bereits 166 zum Caesar und damit designierten Thronfolger ernannt worden und erhielt 175 den Titel Germanicus und wurde wurde im gleichen Jahr in alle Priesterämter eingeweiht und princeps iuventutis. 176 wurde Commodus zum Imperator ernannt, er begleitete seinen Vater nach Germanien, Syrien und Ägypten und triumphierte 176 gemeinsam mit Marc Aurel. 177 bekleidete Commodus das erste Konsulat (CIL VI, 631) Noch vor seiner Ehe mit Bruttia Crispina 178 erhielt er die Titel Augustus und Pater Patriae (CIL XVI; 128 XIV 2856) und wurde durch Empfang der Tribunicia Potestas, die er später von November 176 an rechnete, auch offiziell Mitregent seines Vaters. Im Sommer 178 zog er mit Marc Aurel nach Germanien und bekleidete sein zweites Konsulat (CIL VI, 1979).

Commodus wurde von früher Jugend an, ähnlich wie Marc Aurel selbst, sorgfältig als Nachfolger aufgebaut und auf künftige Aufgaben in der Verwaltung vorbereitet. Marc Aurel hatte nach seinen eigenen Erfahrungen keinen Grund anzunehmen, dass diese Ausbildung und Erziehung ausgerechnet bei seinem eigenen Sohn versagen sollte. Nach allem was den Selbstbetrachtungen zu entnehmen ist, liebte Marc Aurel seine Kinder mit großer Sicherheit und seine Frau Faustina mit großer Wahrscheinlichkeit. In den Selbstbetrachtungen schreibt er dass er froh sei, dass Faustina so war wie sie war.

Die Tochter des Antoninus Pius muss mindestens 13 Schwangerschaften durchgemacht haben, ein Zwillingsbruder Commodus starb schon im Kindesalter, und wie schon gesagt erlebten nur Commodus und Lucilla das Erwachsenenalter. Der römische Klatsch dichtete Faustina dennoch zahlreiche Affären an. Die Historia Augusta fabelte u. a. von einem Gladiator mit dem sich Faustina amüsiert haben soll und der mutmaßlicher Vater Commodus gewesen sein soll. Das ist aber vermutlich nicht ernst zu nehmen.

Commodus war der designierte Nachfolger, einen anderen Kandidaten, der ähnliche Rechte geltend machen konnte, gab es nicht. Dass Commodus der Letzte der Antonine werden würde, war 180 noch nicht absehbar. Bei den Legionen, im Offizierskorps, im Ritterstand und auch bei der Plebs urbana dürfte Commodus über Rückhalt verfügt haben. Außenpolitisch war seine Regierungszeit durchaus eine Periode der Stabilität. Jeder Regierungswechsel trug in sich die Gefahr, dass es zu Usurpationen oder gar zu Bürgerkrieg kommen konnte. Nach Neros wenig rühmlichen Ableben und den Wirren der Revolutionskaiserzeit ging es noch verhältnismäßig gesittet zu, verglichen mit dem Bürgerkrieg nach dem 2. Vierkaiserjahr als sich Septimius Severus, Pescennius Niger und Clodius Albinus bekämpften.

Die Erfahrungen aus der Zeit der Severer zeigten, dass die Loyalität der Truppen für eine angestammte Herrscherdynastie noch am größten war.
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Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern
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