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Alt 03.01.2017, 11:25   #43
Scorpio
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Galeotto Beitrag anzeigen
Cassius Dio hat ihn noch selbst erlebt und schildert besonders sein vollkommen irres Verhalten, wenn er die Arena selbst betrat aus eigener Ansicht der Szenen. Er schrieb sein Werk für Leser, die teilweise auch noch den Kaiser erlebt hatten. Folglich dürfte er keine vollkommenen Unmöglichkeiten über Commodus geschrieben haben, wenn er als Geschichtsschreiber ernst genommen werden wollte.
Fast alle "verrückten" römischen Kaiser hatten eine Gemeinsamkeit. Sie waren viel zu jung und ohne eigenes Verdienst zur Herrschaft gelangt. Commodus war 19, Nero 17 , Caligula 25 , Caracalla 23 und Heliogabalus war erst 14 Jahra alt als ihnen der Purpur zufiel. Alle noch im mehr oder weniger jugendlichen Rowdyalter. Domitian war mit 30 nicht mehr ganz so jugendlich , galt aber, trotz charakterlicher Schwächen, zumindest in den ersten Jahren seines Prinzipates als fähiger Regent. Sie waren alle nicht die Ersten einer Dynastie sondern die Herrschaft war ihnen mehr oder weniger in den Schoß gefallen. Sie dürften sich wie Kinder gefühlt haben, die sich im Süßwaren -und Spielzeugladen ungestraft bedienen durften. Da war überdrehtes Verhalten beinahe vorprogrammiert.
Auch Octavian war in seinen jungen Jahren ziemlich grausam und skrupellos ,musste sich aber den Weg zur absoluten Macht erst erkämpfen, sodass er sein Werk später nicht durch sinnlose Morde leichtfertig aufs Spiel setzte . Seneca schrieb ,sinngemäß in seiner Schrift über die Milde (Clementia) am Beispiel von Augustus ,dass er dessen gnädiges, späteres Auftreten nicht für Milde sondern nur für ausgetobte, ermüdete Grausamkeit hielt.
[QUOTE]Teresa C wie zuverlässig sind eigentlich die Berichte über Commodus[QUOTE]

Wie Galeotto schon sagte, hat ihn Cassius Dio noch selbst gekannt. Cassius Dios Geschichtswerk gilt unter den schriftlichen Quellen zu Commodus Regierungszeit als die verlässlichste. Leider sind viele Bände nur fragmentarisch erhalten. Weniger Ansehen als Cassius Dio genießt oder genoss unter Historikern das Geschichtswerk des Herodian und die Historia Augusta eine spätantike Sammlung von Kaiserbiographien. Herodian (178-ca 250) prüfte Quellen weit weniger kritisch als Cassius Dio und erfand wohl auch manche Details. Ein Kritiker, Geza Afföldy, schrieb, Herodians Berichte gleiche eher einem historischen Roman, als einem Geschichtswerk. Trotzdem ist sein Stil nicht ohne Finesse, und er ist für die zeit Commodus und der Severer durchaus eine wichtige Quelle, da von Cassius Dios Geschichtswerk Teile fehlen. Herodian benutzte auch Ammianus Marcellinus und der unbekannte Autor der Historia Augusta. Diese Sammlung von Kaiserbiographien ist eine der umstrittensten Quellen der Antike. Der Autor übernahm recht unkritisch Anekdoten und Klatsch. Der Quellenwert ist oft zweifelhaft.

Dennoch muss man eigentlich froh darüber sein, über diese Quelle verfügen zu können, manche Kaiser und Usurpatoren der Soldatenkaiserzeit sind nur in der HA überliefert, und manche Ausgrabungen haben Details der HA bestätigt. So bei Ausgrabungen bei Kremna in Pisidien. Zur Zeit des Kaisers Probus setzte sich ein isaurischer Lokaldynast namens Lydios in der Stadt Krema fest und nahm die Bevölkerung als Geisel bis die Römer unter Probus die Stadt belagerten und zurückeroberten. Diese Episode ist nur in der Historia Augusta und im Geschichtswerk des byzantinischen Historiographen Zosimus überliefert, und die Berichte galten als unsicher, bis archäologische Ausgrabungen in Kremna eine römische Belagerung samt aufwändigem Belagerungswall in genau diesem Zeitraum bestätigten.

Die HA erwähnt Strafexpeditionen des Maxminus Thrax in Germanien. Bevor das Schlachtfeld am Harzhorn entdeckt wurde, hätten wohl die wenigsten Historiker der römischen Armee in der beginnenden Reichskrise des 3. Jhds einen Feldzug so tief in die Germania libera zugetraut.

Daher sollte man, auch wenn die HA streckenweise sicher zweifelhaft ist, doch froh sein, dass es diese schriftliche Quelle gibt.

Doch zu Commodus: außenpolitisch war die Bilanz seiner Regierungszeit gar nicht so übel, und das Imperium erlebte nach der Krise der Einfälle von Parthern, Germanen und Sarmaten noch einmal eine Periode der Ruhe und Stabilität. Wie weit das Projekt der Einrichtung zweier neuer Provinzen Marcomannia und Sarmatia wirklich fortgeschritten war, ist bisher noch unbekannt. Dennoch spricht einiges dafür, dass es durchaus vernünftig war, den Krieg zu beenden und mit der Armee nach Italien zurückzukehren. Das Zentrum des Imperiums nach einem Regierungswechsel unbeaufsichtigt zu lassen, konnte gefährlich werden und Usurpationen ermutigen.

Fast alle Quellen berichten, dass Commodus, im Gegensatz zu seinem Vater, systematische Regierungsarbeit vernachlässigte und das Reich von Favoriten und Freigelassenen regieren ließ. Tigidius Perennis, der Präfekt der Prätorianer, war wohl ein sehr tüchtiger Mann, der allerdings 185 gestürzt und von Soldaten getötet wurde. Commodus verfiel immer mehr in einen Caesarenwahn und überwarf sich völlig mit dem Senat. Sein Vater hatte niemals Senatoren hinrichten lassen und peinlich genau, selbst bei Krankheit, an Senatssitzungen teilgenommen. Commodus war aus einem ganz anderen Holz, was er schon im Zuge der Lucilla-Verschwörung bewies. In den folgenden Jahren wurde die Opposition des Senats so groß, dass Spottmünzen geprägt wurden. In der Silvesternacht des Jahres 192 fiel Commodus einer Palastverschwörung zum Opfer. Die Verschwörer hatten allerdings keinen Thronkandidaten, so dass die Prätorianer den Purpur an den Meistbietenden, Didius Julianus versteigerten. Commodus verfiel zunächst der Damnatio memoriae, wurde aber durch Septimius Severus rehabilitiert, der seine Herrschaft durch fiktive Adoption der Antonine zu legitimieren versuchte, Commodus vergöttlichte und sich Sohn des Marc Aurel und Bruder Commodus nannte.
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Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern
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