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Bekanntschaft mit der Flimmerkiste

Veröffentlicht: 07.02.2010 um 09:48 von Marcia
Aktualisiert: 07.02.2010 um 09:51 von Marcia

Überlege ich, welche Fernsehsendungen mich als Kind beeindruckt haben, fallen mir weder Sandmann, noch Märchenfilme ein, obwohl das schöne, altersgerechte Sachen waren, die ich gern gesehen habe.
Es muss um den Schulanfang herum gewesen sein, vielleicht auch ein Jahr früher, als ich die ersten Krimis ansehen durfte, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als mein Bruder und ich abends manchmal allein blieben. Die Eltern hatten Theater- und Konzertanrecht und die Großeltern wohnten weit entfernt, einen Babysitter gab es also nicht.
Eines Abends durfte ich länger als sonst aufbleiben. Mein Bruder, wurde mir gesagt, sei noch zu klein, und außerdem hätte ich ja auch mehr Pflichten.

Ich wusste auch schon einiges über den Film, den wir uns ansahen, denn mein Vater hatte mir oft davon erzählt. Er liebte Kriminalfilme, solche nach Edgar Wallace und nach Conan Doyle. Mein erster Krimi war die meiner Meinung nach eindrucksvollste Sherlock-Holmes-Geschichte überhaupt: Der Hund von Baskerville. Ich erinnere mich noch gut an die Atmosphäre im Wohnzimmer, an das Gefühl, etwas aushalten zu müssen und zu dürfen, aber ein Kissen, das ich mir bei allzu gruseligen Szenen vors Gesicht halten wollte, lag auch bereit. Und schaurig war sie, diese Geschichte, die sich um die Bewohner eines Schlosses in Dartmoor rankt und in der es von seltsamen Menschen, geheimnisvollen Vorkommnissen und Nebelschwaden nur so wimmelt. Aber es war nicht nur schaurig-schöne Unterhaltung, sondern auch ein Rätsel, das Sherlock Holmes aufgegeben war und das sogar die Zuschauer mit ein wenig Aufmerksamkeit lösen konnten. Den meisten dieser Kriminalgeschichten lag, hatte mir mein Vater erklärt, ein bestimmtes Schema zugrunde: alte Familienfehden, jemand, der um sein Erbe gebracht worden war und unter neuer Identität und mit Hilfe von Verbrechen doch noch versuchte, sich das Erbe zu verschaffen. Der Mörder trat in den meisten Filmen schon recht früh als unscheinbare Nebenfigur auf. Besonders fasziniert war ich vom Detektiv, der, während andere in Angst und Schrecken verfielen, einen kühlen Kopf behielt und sich auf Tatsachen stützte, statt an vermeintliche Geheimnisse zu glauben. Sherlock Holmes war ein Idol meiner Kindheit, und ich habe später, nachdem ich verschiedene Filme gesehen hatte, alle Holmes-Geschichten gelesen. Kinder erleben Filme anders als Erwachsene, tauchen intensiver ein. An jenem Abend war ich in Dartmoor, und mit dabei waren genau diejenigen, an deren Seite ich mich nicht verloren fühlte: Holmes, der Verstandesmensch und Watson, der freundliche, manchmal unbeholfene Begleiter, der für ein wenig Humor sorgte, welcher in schauriger Umgebung ja auch vonnöten ist.

Dunkelheit und angsteinflößende Ereignisse gibt es auch im wirklichen Leben, in einem Grundstück mit Haus am Wald vielleicht öfter als anderswo – wenigstens für Kinder, die allein sind und neben großen Fenstern im Erdgeschoss nächtigen. Und deswegen wurden mein Bruder und ich frühzeitig dazu angehalten, uns nicht von Ängsten überwältigen zu lassen und in Gefahrensituationen überlegt zu handeln. Wenn die Eltern ausgingen, erhielt vor allem ich gründliche Instruktionen, wie wir uns in verschiedenen Situationen verhalten sollten. Mein Vater blieb ruhig und sachlich bei solchen Gesprächen, die oft den ganzen Nachmittag andauerten. Ich kam auf die unwahrscheinlichsten und abenteuerlichsten Geschichten, fragte ihm geradezu Löcher in den Bauch, und er ging ausführlich auf alles ein, fand für jedes Problem eine Lösung. Manches erstaunte mich und war doch einleuchtend: Ist jemand draußen vor dem Haus, schalte man kein Licht ein – denn tut man das, wird man gesehen – sondern nutze die Dunkelheit, um möglichst unbemerkt nachzusehen, was dort los ist.

Waren die Eltern gegangen, fühlte ich mich gut gerüstet für die Stunden ohne sie. Meinem Bruder habe ich hin und wieder Angst eingejagt, denn ein wenig Spaß musste ja sein, aber ich war für ihn verantwortlich und bereit, sowohl uns als auch Haus samt Kinderzimmer zu verteidigen. Dazu hatte ich meine Indianerspielsachen, Plastik-Dolch und Tomahawk, aber auch ganz handfeste Dinge wie einen Eimer mit kaltem Wasser auf dem Balkon, mit dem ich ungebetene Gäste in die Flucht schlagen wollte. Nicht zu vergessen die Telefonliste, um Nachbarn oder Polizei zu rufen. Benötigt haben wir all das nie, aber wir waren vorbereitet. Vorbereitungen sind ein gutes Mittel gegen Ängste, das gilt nicht nur für Kinder.

Wenn sich Filmemacher solcher Idole annehmen und alten Stoff neu aufbereiten, bin ich hin und hergerissen zwischen Neugier und Misstrauen. Ein moderner Sherlock Holmes kann nicht an die Stelle des Detektivs treten, den ich als Kind bewundert habe. Denn der ist ein Teil meiner Erinnerungen wie der alte Fernseher, das Wohnzimmer und das Kissen neben mir auf dem Sofa.
Kategorie: Kategorielos
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Kommentare 2

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Mummius Picius
    Ist das eine Reaktion auf den neuen Guy Ritchie Film?
    … nachvollziehbar. Aus ähnlichen Gründen habe ich mir nie Petersen's "Troja" angesehen.
    permalink
    Veröffentlicht: 08.02.2010 um 12:41 von Mummius Picius Mummius Picius ist offline
  2. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Marcia
    Ja, auf den Film und die anregende Diskussion darüber hier im Forum.
    Ich habe ja nichts gegen den neuen Film, aber zwischen "ganz hübsch" und ... liegen eben Welten.
    permalink
    Veröffentlicht: 10.02.2010 um 17:32 von Marcia Marcia ist offline
 

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