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Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
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Ein Außenposten des Fortschritts

Veröffentlicht: 25.06.2009 um 08:26 von Mummius Picius
Aktualisiert: 01.12.2009 um 09:48 von Mummius Picius

Jeder kennt diese optische Täuschung: man betrachtet eine Minute lang ein optisches Gewusel – und wenn man dann eine weiße Wand ansieht erscheint einem Jesus Christus. Das nennt sich "Nachbild", hervorgerufen wird es von gestressten Sehzellen, die gerade eine Minute lang den gleichen Sinneseindruck hatten, etwas, wofür Sinneszellen rein gar nicht angelegt sind. Sinnesorgane sind wie Zappelkinder, sie wollen immer neue, immer andere Unterhaltung, je vielfältiger desto besser.

Je prägender ein bislang ausgeübter Eindruck ausgeübt wurde, desto tiefer drückt er sich ein – diese einfache plastische Formel bestimmt Essgewohnheiten, Sehgewohnheiten und das kulturelle Umfeld: man isst Currywurst mit Pommes, weil es das überall gibt; man hält Abstraktion für Kunst, weil sie das sein kann; und man hat natürlich sein historisch-soziales Bild von "den" Franzosen, "den" Rittern und "den" Römern. Beim Prägen dieser Bilder arbeiten Museen, Fernsehfilme, Kinofilme, Comics, Romane, Schulunterricht und "lebendige Geschichte" zusammen und gegeneinander. Und noch besser: die Bilder stapeln sich. Die Germanenbilder wallebärtiger Wilhelminiker mit Flügelhelm und Sauspieß sind noch in ausreichender Anzahl vorhanden, um das moderne Germanenbild des Oerlinghausener Freilichtmuseums zu schattieren.

Der Impact der Unterhaltungsindustrie ist dabei nicht zu unterschätzen. Ein einziger "Gladiator" schaffte es – trotz seiner Entstehung in den Frühzeiten des Bewegtbild-Webs – die Wahrnehmung römischer Zeit in den letzten Jahren so zu trüben, dass man heute in der didaktischen Arbeit mehr Aufräumarbeit um dieses Bild herum betreiben muss als dass man losgelöste Aufbauarbeit betreiben kann. Desgleichen der Eindruck traditioneller Rekonstruktionen: die Saalburg prägte in ihrer trutzig-ritterburglichen Unverputztheit die Rekonstruktion vieler steinerner Limestürme in den 60er und 70er Jahren, die als Bild gesetzte Blockbauweise der römischen Lager in "Asterix"-Heften prägte die Rekonstruktion zeitgleicher (und modernerer!) Limestürme aus Holz.

Sehen ist unser Hauptsinn, 80% der Sinneseindrücke hängen daran. Mit Sehgewohnheiten zu brechen ist schwieriger als mit allen anderen Konventionen. Sich freizustrampeln vom belastenden Umfeld der prägenden Bilder und etwas zu schaffen, das den Forschungsergebnissen entspricht und ein neues Bild setzt ist eine mutige und entschlossene Tat. Im Moment wird so etwas am Limes getan, in einem "kleinen germanischen Dorf" nahe an der Grenze zum freien Germanien, mitten im Nassauer Land. Das Dorf heisst Pohl – und der Name ist Programm: leitet er sich doch von Palus, dem lateinischen Wort für "Pfahl" und der Pars-pro-toto-bezeichnung für die Palisade des Limes, ab. Die mutige Tat ist die Rekonstruktion eines Kleinkastells: eines der vielen kleinen Lager entlang des Limes, das anders als die mächtige Saalburg oder ein einfacher Limesturm eine bislang nicht rekonstruierte Form hat. Mut und Entschlusskraft braucht man, um sich tatsächlich von den Vorgaben des gelernten und geprägten Bilds zu lösen: das Kleinkastell wird nicht aussehen wie ein Wild-West-Fort, auch nicht wie eine Ritterburg, auch nicht wie eine der bekannten Rekonstruktionen vom Hadrian's Wall. Es wird einfach aussehen wie ein Kleinkastell. Kurz nach Fertigstellung – das wird etwa Mitte 2010 sein – wird es noch etwas frisch aussehen, später wird sich eine gewisse Patina feststellen lassen. Es wird aus Erde und Holz sein, und ein Holzbau altert eben.

Wenn es erst einmal steht (im Moment steht nur der Plan, der Entschluss und die Website http://www.limeskastell-pohl.de ) wird das kleine Kastell Maßstäbe setzen, auch für die großen Brüder unter den archäologischen Parks, auch unter den ringsum und in Europa aus dem Boden schießenden "Infotainment"- und "Histotainment"-Parks. Es wird für ein "think small" stehen – und für ein "think different" bezüglich des prägenden Nachbilds der letzten Jahrhunderte. Setzt ein Maßstab automatisch ein Vorbild? Möglich. Mit der weiteren Erschließung der "unzugänglichsten Regionen Germaniens" durch touristische Maßnahmen entlang des Limes setzt vielleicht irgendwann wieder der Hunger nach mehr Bildlichkeit, mehr Fassbarkeit ein, der im Moment so ausschließlich von Massen- und Unterhaltungsmedien befriedigt wird. Welche ihre visuelle Sprache aus den jahrhundertelang geprägten Bildern beziehen. Gegen welche das Limeskastell Pohl einen mutigen und selbstbewussten Standpunkt bezieht.

Um 260 n. Chr. wurde das originale Kleinkastell überrannt. Wollen wir hoffen, dass es ab 2010 gut besucht sein wird – und dass es sich behauptet gegen die Flut der Bilder aus Comics und Hollywood.
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Kategorie: Ablaufdaten
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Kommentare 1

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Marcia
    Ich muss es doch loswerden : Ein wirklich hervorragender, sehr schöner Beitrag. Alle anderen sind auch sehr gut, aber das hier ist ein absolutes Highlight, finde ich. Ganz begeistert bin ich vom Titel, das ist für mich das I-Tüpfelchen. Ich hatte, nachdem ich den Titel, aber noch nichts vom Text gelesen hatte, sofort die Vermutung, dass es um ein Limeskastell geht.
    Und auch dieses Mal bin ich nicht nur von der Form angetan, mir gefällt auch der Inhalt. Wenn dieses Kastell einmal fertig ist, möchte ich es mir gern ansehen.

    Zitat:
    Sinnesorgane sind wie Zappelkinder, sie wollen immer neue, immer andere Unterhaltung, je vielfältiger desto besser.
    Das sehe ich anders, besser gesagt, es trifft meiner Meinung nach nicht auf jeden Menschen zu. Aber das führt vom Thema weg.
    Am besten wird es wohl sein, wenn ich darüber blogge...
    Danke für den schönen Text und die Anregung!
    permalink
    Veröffentlicht: 27.06.2009 um 08:11 von Marcia Marcia ist offline
 

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