Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.
Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
Gruppenausflüge nach Karthago
Veröffentlicht: 04.11.2009 um 11:22 von Mummius Picius
Aktualisiert: 01.12.2009 um 10:47 von Mummius Picius
Aktualisiert: 01.12.2009 um 10:47 von Mummius Picius
Stichworte karthago, reisebericht
"Rom und Karthago führten drei Kriege" … in den frühsten Jugenderinnerungen kleben wie Tapetenreste Bilder und Sätze von Geschichte büffelnden älteren Brüdern, Sammelbilderalben "Weltgeschichte" und die erste Erwähnung von Elefanten. Rom kannte ich. Die Saalburg war Ausflugsziel, Timpo-Figuren in Tonnenrüstung, mit schreiendem Mund, zum Reitersitz gegrätschten Beinen, "Asterix", "Sandalenfilme" – das war Rom.
Karthago und Rom führten drei Kriege, alle drei verlor Karthago, im kindlichen Geschichtsbewusstsein verband sich damit die Konsequenz, dass demnächst auch ein dritter Weltkrieg anstünde, der natürlich verloren gehen müsse wie die ersten zwei. Dass der dritte Krieg nicht nur Niederlage, sondern Vernichtung mit sich bringen werde: diese Ansicht teilten viele Menschen in den Siebzigerjahren.
Karthago als Datum, Karthagho als Analogie, auch als Mysterium und Projektionsfläche. Der Informationsüberfluss zu Rom erzeugte einen Informationshunger nach Karthago, doch da gab es wenig und meistens nur enttäuschendes. Das eindrucksvollste war die fast überall präsente Karte mit den Städten, Inseln und Küsten, die Karthago zugehörten. Im Älterwerden konkretisierte sich das Bild, allerdings ungenügend im Vergleich zur Bilderflut seitens Griechenlands, Roms, Ägyptens. Zu den Daten und Beschreibungen aus Büchern z. B. von Huss und Moscati gesellte sich dann mit Gustave Flauberts "Salammbo" ein literarisches Trip-Erlebnis. Sowas gehört zum Erwachsenwerden.
Zum Erwachsensein gehört es, mit Kindheitsträumen verantwortlich und liebevoll umzugehen. Es ist auch nicht einfach, letztlich einen Ort zu besuchen, an dem man in seiner Vorstellung schon Stunden und Tage und Wochen vebracht hat. Der Pauschalausflugsanbieter unserer Pauschalreise nach Hammamet (Hotelzone) dieses Jahr bot "Tunis, Carthage, Sidi Bou Said" als Tagesausflug, was inetwa räumlich und ideell "Frankfurter Zeil, Saalburg, Rüdesheimer Drosselgasse" entsprechen könnte. Zur großen angenehmen Überraschung enthielt das Paket auch eine kurze Tour durch das große, sehr schöne und staubige Bardo-Museum; ansonsten war das Programm klar: mach Fotos (Sidi Bou Said), guck Steine (Carthage) und kauf Stuss (Tunis).
Der Himmel war bewölkt, mir war schlecht vom Busfahren, sämtliche Orientierung verloren auf tunesischen Autobahnen und Umgehungsstrassen, Wahlplakate des Machthabers und -behalters überall, beduselt von der staubigen Mosaikpracht des Bardo und der Postkartenidylle von Sidi Bou Said kamen wir nach Karthago, wo uns der Reiseleiter an der Byrsa raus liess; der Rest der Exkursion besah sich die Antoninus-Pius-Thermen (mir stehen Thermen bis HIER, war schon in Xanten, Rom und Trier - krudeste aller kruden Abfertigungstouren für Touristen: ihr wollt Säulen sehen? Hier sind Säulen!).
… und dann stehen wir auf dem Byrsa-Hügel.
… und dann
… und dann fällt alles an seinen Platz, als hätte man die Puzzleteile hochgeworfen und herunter kam das zusammengesetzte Bild.
Auf einmal stimmen wieder Norden, Süden, Osten, Westen; auf einmal blicke ich aufs Meer, die Berge haben ihre charakteristische Form, die Küste auch; dort unten wuchs sie zusammen, wo der Damm Scipios die Häfen vom Meer abschnitt; die Teiche zwischen den Villen, das sind die Häfen. An Stelle der scheußlichen Kirche hier stand der Eschmun-Tempel, später das Capitol der Römer; dort wanden sich enge Straßen zu den Häfen hinunter. Und dort steht schon wieder der Bus, der uns auf der Rückreise aufsammelt. Im Schweinsgalopp des Pauschalausflugs sind 45 Minuten sehr schnell aufgebraucht.
Drei Tage später sind wir wieder da, auf eigene Faust diesmal, mit Taxi, den "Louages" genannten Fern-Shuttles und der TGM-S-Bahn war das günstig und gar nicht kompliziert. Wir haben viel Zeit zum Sehen und Herumgehen.
Die Bahnstation liegt zwischen funkelnden kleinen Villen, Bäume, Gärten, lachende Schülerinnen und Schüler überall. Wo sind wir?
Der Blick öffnet sich plötzlich auf eine Wasserfläche. Und wieder stellt sich das wunderbare Gefühl des "Wiedersehens eines unbekannten Ortes" ein.
Die Teiche zwischen den Villen – die Häfen – sind aus der Nähe betrachtet richtig groß, zumal der Kriegshafen ist ein Rund von enormem Durchmesser. Die Insel in der Mitte des Hafens ist heute eine Halbinsel, archäologischer Park, mit einem Wächter, der schier außer sich vor Freude ist, Besucher zu bekommen. Das Modell des punischen Hafens im kleinen Aufsichtshäuschen kenne ich noch aus der "Hannibal ad portas" Ausstellung. Nicht weit vom Hafen liegt der Tophet, die geheimnisvolle Begräbnisstätte der Kinderopfer für Baal Hammon und Tanith. Hier hält ein Haufen Wichtigtuer Wacht, die herumschreien und mit viel Getue eine weitere Eintrittskarte aus uns rausleiern. Der Tophet bleibt fremd: weder lässt sich aus der Anlage eine Gebäudestruktur erkennen, noch stehen irgendwo Informationen zur Verfügung. Die groben Stelen, die in enger Formation das Terrain bestimmen, sprechen keine allgemein verständliche Sprache: hier geht es nur um die Weihenden, das Opfer und den Gott.
Byrsa revisited: auch ein staubiges kleines Museum im ehemaligen Kloster der "weißen Väter". Aus den Rekonstruktionen nach den Grabungen lässt sich schnell erkennen: hier stand zu punischen Zeiten kein "karthagischer Parthenon" oder "punisches Kapitol", viel zu nahe an die Hügelkuppe führen die verschachtelten Häuser Karthagos. Jetzt ist es offensichtlich: religiöse Bauten waren in Karthago nicht zu Repräsentationszwecken angelegt. Die Chancen stehen gut, dass das Heiligtum des Eschmun auf der Höhe der Byrsa von den umgebenden Wohnblocks überragt wurde. Das "Mago-Viertel" am Ufer des Mittelmeeres, quer durch die Stadt gewissermaßen, ist ein sauberes Parkgelände von den Dimensionen etwa einer Villa, ein deutsches Team hat hier gegraben und die Baugeschichte – den Umbau einer alten punischen Seemauer mit Seetor hin zu einer geschlossenen hellenistischen Quadermauer, ein anschließendes Handwerkerviertel, das auch in römischer Zeit ein solches blieb – vorbildlich dokumentiert. Von hier ist es nicht mehr weit zu den Ruinen der römischen Villen im Stadtteil "Megara", wo Flaubert den Palast des Hamilkar Barkas platziert: elegante Stadthäuser, wie man sie aus Pompeji kennt, mit herrlichem Blick auf das Meer, rüber zur Byrsa, auf die Berge. Schräg gegenüber den Ruinen liegt der Palast des heutigen Autokraten.
Nach diesem Tag bin ich augen- und seelensatt, dankbar, abgelatscht, halbtotfotografiert und müde geschwatzt, melancholisch auch. Meine Frau war eine gute Zuhörerin und ließ sich vollreden; als Souvenir kauften wir ein buntes Tuch.
An diesem Tag war ich allein eine ganze Reisegruppe: das von einem Namen faszinierte Kind, der schwärmerische Jugendliche, die Leser von Flaubert, Huss, Moscati und anderer Bücher, der Spieler von "Rome", das Mitglied der "Flavii" und yours truly, Mummius Picius. Soviele von mir werden wahrscheinlich keinen anderen Ort der Welt mehr sehen.
Karthago und Rom führten drei Kriege, alle drei verlor Karthago, im kindlichen Geschichtsbewusstsein verband sich damit die Konsequenz, dass demnächst auch ein dritter Weltkrieg anstünde, der natürlich verloren gehen müsse wie die ersten zwei. Dass der dritte Krieg nicht nur Niederlage, sondern Vernichtung mit sich bringen werde: diese Ansicht teilten viele Menschen in den Siebzigerjahren.
Karthago als Datum, Karthagho als Analogie, auch als Mysterium und Projektionsfläche. Der Informationsüberfluss zu Rom erzeugte einen Informationshunger nach Karthago, doch da gab es wenig und meistens nur enttäuschendes. Das eindrucksvollste war die fast überall präsente Karte mit den Städten, Inseln und Küsten, die Karthago zugehörten. Im Älterwerden konkretisierte sich das Bild, allerdings ungenügend im Vergleich zur Bilderflut seitens Griechenlands, Roms, Ägyptens. Zu den Daten und Beschreibungen aus Büchern z. B. von Huss und Moscati gesellte sich dann mit Gustave Flauberts "Salammbo" ein literarisches Trip-Erlebnis. Sowas gehört zum Erwachsenwerden.
Zum Erwachsensein gehört es, mit Kindheitsträumen verantwortlich und liebevoll umzugehen. Es ist auch nicht einfach, letztlich einen Ort zu besuchen, an dem man in seiner Vorstellung schon Stunden und Tage und Wochen vebracht hat. Der Pauschalausflugsanbieter unserer Pauschalreise nach Hammamet (Hotelzone) dieses Jahr bot "Tunis, Carthage, Sidi Bou Said" als Tagesausflug, was inetwa räumlich und ideell "Frankfurter Zeil, Saalburg, Rüdesheimer Drosselgasse" entsprechen könnte. Zur großen angenehmen Überraschung enthielt das Paket auch eine kurze Tour durch das große, sehr schöne und staubige Bardo-Museum; ansonsten war das Programm klar: mach Fotos (Sidi Bou Said), guck Steine (Carthage) und kauf Stuss (Tunis).
Der Himmel war bewölkt, mir war schlecht vom Busfahren, sämtliche Orientierung verloren auf tunesischen Autobahnen und Umgehungsstrassen, Wahlplakate des Machthabers und -behalters überall, beduselt von der staubigen Mosaikpracht des Bardo und der Postkartenidylle von Sidi Bou Said kamen wir nach Karthago, wo uns der Reiseleiter an der Byrsa raus liess; der Rest der Exkursion besah sich die Antoninus-Pius-Thermen (mir stehen Thermen bis HIER, war schon in Xanten, Rom und Trier - krudeste aller kruden Abfertigungstouren für Touristen: ihr wollt Säulen sehen? Hier sind Säulen!).
… und dann stehen wir auf dem Byrsa-Hügel.
… und dann
… und dann fällt alles an seinen Platz, als hätte man die Puzzleteile hochgeworfen und herunter kam das zusammengesetzte Bild.
Auf einmal stimmen wieder Norden, Süden, Osten, Westen; auf einmal blicke ich aufs Meer, die Berge haben ihre charakteristische Form, die Küste auch; dort unten wuchs sie zusammen, wo der Damm Scipios die Häfen vom Meer abschnitt; die Teiche zwischen den Villen, das sind die Häfen. An Stelle der scheußlichen Kirche hier stand der Eschmun-Tempel, später das Capitol der Römer; dort wanden sich enge Straßen zu den Häfen hinunter. Und dort steht schon wieder der Bus, der uns auf der Rückreise aufsammelt. Im Schweinsgalopp des Pauschalausflugs sind 45 Minuten sehr schnell aufgebraucht.
Drei Tage später sind wir wieder da, auf eigene Faust diesmal, mit Taxi, den "Louages" genannten Fern-Shuttles und der TGM-S-Bahn war das günstig und gar nicht kompliziert. Wir haben viel Zeit zum Sehen und Herumgehen.
Die Bahnstation liegt zwischen funkelnden kleinen Villen, Bäume, Gärten, lachende Schülerinnen und Schüler überall. Wo sind wir?
Der Blick öffnet sich plötzlich auf eine Wasserfläche. Und wieder stellt sich das wunderbare Gefühl des "Wiedersehens eines unbekannten Ortes" ein.
Die Teiche zwischen den Villen – die Häfen – sind aus der Nähe betrachtet richtig groß, zumal der Kriegshafen ist ein Rund von enormem Durchmesser. Die Insel in der Mitte des Hafens ist heute eine Halbinsel, archäologischer Park, mit einem Wächter, der schier außer sich vor Freude ist, Besucher zu bekommen. Das Modell des punischen Hafens im kleinen Aufsichtshäuschen kenne ich noch aus der "Hannibal ad portas" Ausstellung. Nicht weit vom Hafen liegt der Tophet, die geheimnisvolle Begräbnisstätte der Kinderopfer für Baal Hammon und Tanith. Hier hält ein Haufen Wichtigtuer Wacht, die herumschreien und mit viel Getue eine weitere Eintrittskarte aus uns rausleiern. Der Tophet bleibt fremd: weder lässt sich aus der Anlage eine Gebäudestruktur erkennen, noch stehen irgendwo Informationen zur Verfügung. Die groben Stelen, die in enger Formation das Terrain bestimmen, sprechen keine allgemein verständliche Sprache: hier geht es nur um die Weihenden, das Opfer und den Gott.
Byrsa revisited: auch ein staubiges kleines Museum im ehemaligen Kloster der "weißen Väter". Aus den Rekonstruktionen nach den Grabungen lässt sich schnell erkennen: hier stand zu punischen Zeiten kein "karthagischer Parthenon" oder "punisches Kapitol", viel zu nahe an die Hügelkuppe führen die verschachtelten Häuser Karthagos. Jetzt ist es offensichtlich: religiöse Bauten waren in Karthago nicht zu Repräsentationszwecken angelegt. Die Chancen stehen gut, dass das Heiligtum des Eschmun auf der Höhe der Byrsa von den umgebenden Wohnblocks überragt wurde. Das "Mago-Viertel" am Ufer des Mittelmeeres, quer durch die Stadt gewissermaßen, ist ein sauberes Parkgelände von den Dimensionen etwa einer Villa, ein deutsches Team hat hier gegraben und die Baugeschichte – den Umbau einer alten punischen Seemauer mit Seetor hin zu einer geschlossenen hellenistischen Quadermauer, ein anschließendes Handwerkerviertel, das auch in römischer Zeit ein solches blieb – vorbildlich dokumentiert. Von hier ist es nicht mehr weit zu den Ruinen der römischen Villen im Stadtteil "Megara", wo Flaubert den Palast des Hamilkar Barkas platziert: elegante Stadthäuser, wie man sie aus Pompeji kennt, mit herrlichem Blick auf das Meer, rüber zur Byrsa, auf die Berge. Schräg gegenüber den Ruinen liegt der Palast des heutigen Autokraten.
Nach diesem Tag bin ich augen- und seelensatt, dankbar, abgelatscht, halbtotfotografiert und müde geschwatzt, melancholisch auch. Meine Frau war eine gute Zuhörerin und ließ sich vollreden; als Souvenir kauften wir ein buntes Tuch.
An diesem Tag war ich allein eine ganze Reisegruppe: das von einem Namen faszinierte Kind, der schwärmerische Jugendliche, die Leser von Flaubert, Huss, Moscati und anderer Bücher, der Spieler von "Rome", das Mitglied der "Flavii" und yours truly, Mummius Picius. Soviele von mir werden wahrscheinlich keinen anderen Ort der Welt mehr sehen.
Kommentare 2
Kommentare
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Veröffentlicht: 04.11.2009 um 17:06 von Marcia
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Der Osten im Westen - Adenauerzeit (Teil
Fühlte mich irgendwie gerade an diesen Thread erinnert:
http://www.geschichtsforum.de/f71/qu...arthago-24998/
Edit: Die Überschrift habe ich aber nicht generiert? (Bin verwirrt)Veröffentlicht: 04.11.2009 um 20:04 von El Quijote



