Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.
Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
Baut Wasserrutschen!
Veröffentlicht: 10.11.2009 um 13:15 von Mummius Picius
Aktualisiert: 01.12.2009 um 10:46 von Mummius Picius
Aktualisiert: 01.12.2009 um 10:46 von Mummius Picius
Stichworte aufplustern, karthago
Die meisten Rätsel wollen gar keine sein, sondern sind einfach nur verschüttete, verlorene, schlecht konservierte Informationen. Im Gegensatz zum Mainstream heutiger Mystery-Thriller à la Dan Brown beantragen die Hüter alter Wissensschätze heute eher erfolglos Fördergelder bei Bildungsministerien, als dass sie ihre Tätigkeit als erfolgreichen Geheim-Nebenjob zum offiziellen Elitenstatus betreiben. Nichts würden sie lieber tun, als ihr verborgenes Wissen ans Tageslicht zu rücken. Aber dafür stehen nur begrenzte Budgets zur Verfügung.
Und Geheimnisse gibt es schon gar nicht. Der blinde Musiker Moondog sagte "oh, a secret is what no one knows". Wer hinter ein solches Geheimnis kommen möchte, hat es dann doch wieder vor sich stehen. Geheimnisse sind spröde, oft witzlos, und in der Regel der Fälle enttäuschend. Faszinierende Fragen haben dröge Antworten. Man wollte den Träger der berühmten Kalkrieser Reitermaske rekonstruieren, tolle Frage, wie sah der Mann hinter der Maske aus? Heraus kam ein häßlicher Kerl mit zerknautschter Visage. Das hat sich auch keiner erhofft.
Wir wollen gar keine Rätsel lösen, wir haben es lieber, wenn sich alles so darstellt, wie wir es erwünscht/erhofft haben. Die Wunschvorstellung soll es sein und nicht das bare Faktum. Seit wir gelernt haben, bunt zu träumen und unsere Vorstellungskraft zu vermarkten, passen sich die Rätsellösungen Zielgruppen und Trends an: das Gerüst des Bekannten schalt ein Bild ein, das Ähnlichkeit mit unserem Leben hat, weil wir das so sehen wollen.
Als Gustave Flaubert "Salammbo" schrieb, wollte er dieser Erwartungshaltung mit einer Überdosis Fremdheit das Ende bereiten – sträflich hatte er die Aufnahmefähigkeit seiner Zuhörer unterschätzt. Historische Romane waren nicht neu: meistens langweilige Projektionen christlicher ("Quo Vadis", "Die letzten Tage von Pompeji") Tugenden ("Ivanhoe", "Ein Kampf um Rom"). "Salammbo" wurde erfolgreich und maßgeblich: wie oft in diesem Fall, versuchten dutzende anderer Authoren, das Vorbild nach Möglichkeit (z.B. durch den Einsatz vorbildlicher Charaktere und christlicher Ethik) zu unterbieten. Heute versucht Gisbert Haefs, die von Flaubert gesetzte Marke zu überspringen, aber dafür ist er zu dick (der Haefs).
Immerhin rückte durch Flaubert Karthago in ein Rampenlicht der Imagination und Mystifizierung, das es bis heute nicht verlassen hat – zumal im Heimatland Tunesien. Der ganze Stadtteil des Villenvororts Carthage zwischen Byrsa und Häfen heißt heute "Salammbo" (und zwei weitere Stationen der TGM-Bahn heißen "Hannibal" und "Hamilcar"). In der Umgebung von Tunis hat das sogenannte Tanith-Zeichen Einzug in die islamisch-folkloristische Bildsprache der Touristenkramverkäufer gefunden; neben den Fischen und Fatimahänden gibt es das fremdartige Damentoilettensymbol der Tanith in allen vorstellbaren Ausprägungen und Anwendungsformen. Und natürlich Elefanten: auf die stößt man überall, schließlich hat Hannibal … genau.
Die kulturelle Bereicherung durch die Reanimation ausgestorbener Kulturen ist immens. Nichtsdestotrotz hat man angesichts der grünlichen Kunstharzelefanten vor der "Medina" der Hotelzone in Hammamet die Befürchtung, dass die Kultur eher einen Zombie-Status als eine tatsächliche Wiederbelebung bekommen hat; die Existenz und Ausschmückung es Wasserrutschenparks "Carthage Land" bestätigt die Befürchtung. Die Bereicherung beschränkt sich auf die fromale Sprache, nicht auf irgendwelche kulturellen Hintergründe und Sinnstrukturen. Selbst der übelste Kelten- und Druidenmumpitz hat hier mehr Bezug zur historischen Vorlage.
Und braucht man diesen Bezug überhaupt? in einem Souvenirshop wird ein nettes Buch angeboten, welches das Leben und Treiben der Karthager als bunt, hübsch und geordnet darstellt, mit freundlichen Händlern und sauberen Bibliotheken (http://livre.fnac.com/a1981025/Vivia...Hannibal?PID=1). Gewissermaßen das kinderfreundliche Gegenprogramm zum bluttriefenden Karthago Flauberts (und, in gewisser Weise, auch Diodorus Siculus'). Natürlich ist in dem schönen Pop-Up Buch das Kapitel RELIGION so ausgeklammert wie es bei Flaubert ausgewalzt ist. Natürlich … das Kinderbuch hat pädagogische Ziele, wer möchte einem Kind (als potenziell Betroffenem einer Wiederbelebung gerade dieses Aspektes der Kultur) z. B. Kinderopfer nahe bringen? oder höllische Grausamkeit, Sklavenvernichtung in den Steinbrüchen, Hinrichtung am Kreuz, Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen und die hellenistischen Eskapaden (Agathokles' Version des "Stier des Phalaris" z. B., der von Diodoros Siculus dann zur karthagischen Opfermaschine weitergesponnen wird, offensichtlich hatte Diodor ein Ding damit laufen) … das muss man Kindern nicht unbedingt antun.
Damit stecken wir knietief im Problem "historische Rätsel für Zielgruppen". Die Rückkehr Karthagos auf der Wasserrutsche und das bunte Bilderbuch der netten Händler in Hannibals Stadt, das ganze Experimentieren mit den Überbleibseln Karthagos ist im Kontext des heutigen Tunesien allerdings eine Öffnung und ein Statement: ein Statement kultureller Autonomie angesichts jahrhunderte-, jahrtausendelanger Perioden der Kolonialisierung und Unterdrückung; eine Öffnung für neue, unkonventionelle Weltbilder in einer traditionell starr fixierten Kultursphäre. Auf einer Kosten/Nutzenrechnung ist das nicht nur ein monetärer Gewinn (nebenbei: man sollte nicht den kulturellen Wert von Wohlstand unterschätzen – wer die Kunst arm und hehren Idealen verbunden sehen möchte, hat meistens noch gut zu Mittag gegessen).
Wir haben vorhin festgestellt, dass die moderne populäre Perzeption Karthagos bunt, quietschig und verfälschend ist, aber man kann getrost antworten: das war die alte "fachliche" Perzeption auch. Vertiefung des Wissens und der Aufmerksamkeit erfordert Öffentlichkeit. Öffentlichkeit liebt es bunt, quietschig und zumindest einseitig. In der Zusammenwirkung wird dadurch ein retrospektiver Multikulturalismus, der sich auch in die Gegenwart weiter erstrecken kann (und natürlich in das Zusammenleben der Zukunft). Wenn sich angesichts der Kunstharzelefanten und der Wasserrutschen die Nackenhaare und Zehennägel der "ernsten" Wissenschaftler sträuben mögen, sollte man bedenken, dass Spass und Staunen in der Komödie dasselbe bewirken, was in der Tragödie durch Schrecken und Mitleid erzeugt wird: Lerneffekt, Konnotation, Sympathie. Als Vorbedingung für ernste Beschäftigung mit einem Thema ist das unerlässlich. Baut Wasserrutschen! Wer weiss, vielleicht wird eines der Kinder, die heute jauchzend im "Carthage Land" herumsausen, eines Tages in einem Forschungsprojekt das Leben im antiken Karthago in völlig neues Licht rücken. Oder in einem Vergabeausschuss für eine Unterstützung des Projekts stimmen.


Und Geheimnisse gibt es schon gar nicht. Der blinde Musiker Moondog sagte "oh, a secret is what no one knows". Wer hinter ein solches Geheimnis kommen möchte, hat es dann doch wieder vor sich stehen. Geheimnisse sind spröde, oft witzlos, und in der Regel der Fälle enttäuschend. Faszinierende Fragen haben dröge Antworten. Man wollte den Träger der berühmten Kalkrieser Reitermaske rekonstruieren, tolle Frage, wie sah der Mann hinter der Maske aus? Heraus kam ein häßlicher Kerl mit zerknautschter Visage. Das hat sich auch keiner erhofft.
Wir wollen gar keine Rätsel lösen, wir haben es lieber, wenn sich alles so darstellt, wie wir es erwünscht/erhofft haben. Die Wunschvorstellung soll es sein und nicht das bare Faktum. Seit wir gelernt haben, bunt zu träumen und unsere Vorstellungskraft zu vermarkten, passen sich die Rätsellösungen Zielgruppen und Trends an: das Gerüst des Bekannten schalt ein Bild ein, das Ähnlichkeit mit unserem Leben hat, weil wir das so sehen wollen.
Als Gustave Flaubert "Salammbo" schrieb, wollte er dieser Erwartungshaltung mit einer Überdosis Fremdheit das Ende bereiten – sträflich hatte er die Aufnahmefähigkeit seiner Zuhörer unterschätzt. Historische Romane waren nicht neu: meistens langweilige Projektionen christlicher ("Quo Vadis", "Die letzten Tage von Pompeji") Tugenden ("Ivanhoe", "Ein Kampf um Rom"). "Salammbo" wurde erfolgreich und maßgeblich: wie oft in diesem Fall, versuchten dutzende anderer Authoren, das Vorbild nach Möglichkeit (z.B. durch den Einsatz vorbildlicher Charaktere und christlicher Ethik) zu unterbieten. Heute versucht Gisbert Haefs, die von Flaubert gesetzte Marke zu überspringen, aber dafür ist er zu dick (der Haefs).
Immerhin rückte durch Flaubert Karthago in ein Rampenlicht der Imagination und Mystifizierung, das es bis heute nicht verlassen hat – zumal im Heimatland Tunesien. Der ganze Stadtteil des Villenvororts Carthage zwischen Byrsa und Häfen heißt heute "Salammbo" (und zwei weitere Stationen der TGM-Bahn heißen "Hannibal" und "Hamilcar"). In der Umgebung von Tunis hat das sogenannte Tanith-Zeichen Einzug in die islamisch-folkloristische Bildsprache der Touristenkramverkäufer gefunden; neben den Fischen und Fatimahänden gibt es das fremdartige Damentoilettensymbol der Tanith in allen vorstellbaren Ausprägungen und Anwendungsformen. Und natürlich Elefanten: auf die stößt man überall, schließlich hat Hannibal … genau.
Die kulturelle Bereicherung durch die Reanimation ausgestorbener Kulturen ist immens. Nichtsdestotrotz hat man angesichts der grünlichen Kunstharzelefanten vor der "Medina" der Hotelzone in Hammamet die Befürchtung, dass die Kultur eher einen Zombie-Status als eine tatsächliche Wiederbelebung bekommen hat; die Existenz und Ausschmückung es Wasserrutschenparks "Carthage Land" bestätigt die Befürchtung. Die Bereicherung beschränkt sich auf die fromale Sprache, nicht auf irgendwelche kulturellen Hintergründe und Sinnstrukturen. Selbst der übelste Kelten- und Druidenmumpitz hat hier mehr Bezug zur historischen Vorlage.
Und braucht man diesen Bezug überhaupt? in einem Souvenirshop wird ein nettes Buch angeboten, welches das Leben und Treiben der Karthager als bunt, hübsch und geordnet darstellt, mit freundlichen Händlern und sauberen Bibliotheken (http://livre.fnac.com/a1981025/Vivia...Hannibal?PID=1). Gewissermaßen das kinderfreundliche Gegenprogramm zum bluttriefenden Karthago Flauberts (und, in gewisser Weise, auch Diodorus Siculus'). Natürlich ist in dem schönen Pop-Up Buch das Kapitel RELIGION so ausgeklammert wie es bei Flaubert ausgewalzt ist. Natürlich … das Kinderbuch hat pädagogische Ziele, wer möchte einem Kind (als potenziell Betroffenem einer Wiederbelebung gerade dieses Aspektes der Kultur) z. B. Kinderopfer nahe bringen? oder höllische Grausamkeit, Sklavenvernichtung in den Steinbrüchen, Hinrichtung am Kreuz, Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen und die hellenistischen Eskapaden (Agathokles' Version des "Stier des Phalaris" z. B., der von Diodoros Siculus dann zur karthagischen Opfermaschine weitergesponnen wird, offensichtlich hatte Diodor ein Ding damit laufen) … das muss man Kindern nicht unbedingt antun.
Damit stecken wir knietief im Problem "historische Rätsel für Zielgruppen". Die Rückkehr Karthagos auf der Wasserrutsche und das bunte Bilderbuch der netten Händler in Hannibals Stadt, das ganze Experimentieren mit den Überbleibseln Karthagos ist im Kontext des heutigen Tunesien allerdings eine Öffnung und ein Statement: ein Statement kultureller Autonomie angesichts jahrhunderte-, jahrtausendelanger Perioden der Kolonialisierung und Unterdrückung; eine Öffnung für neue, unkonventionelle Weltbilder in einer traditionell starr fixierten Kultursphäre. Auf einer Kosten/Nutzenrechnung ist das nicht nur ein monetärer Gewinn (nebenbei: man sollte nicht den kulturellen Wert von Wohlstand unterschätzen – wer die Kunst arm und hehren Idealen verbunden sehen möchte, hat meistens noch gut zu Mittag gegessen).
Wir haben vorhin festgestellt, dass die moderne populäre Perzeption Karthagos bunt, quietschig und verfälschend ist, aber man kann getrost antworten: das war die alte "fachliche" Perzeption auch. Vertiefung des Wissens und der Aufmerksamkeit erfordert Öffentlichkeit. Öffentlichkeit liebt es bunt, quietschig und zumindest einseitig. In der Zusammenwirkung wird dadurch ein retrospektiver Multikulturalismus, der sich auch in die Gegenwart weiter erstrecken kann (und natürlich in das Zusammenleben der Zukunft). Wenn sich angesichts der Kunstharzelefanten und der Wasserrutschen die Nackenhaare und Zehennägel der "ernsten" Wissenschaftler sträuben mögen, sollte man bedenken, dass Spass und Staunen in der Komödie dasselbe bewirken, was in der Tragödie durch Schrecken und Mitleid erzeugt wird: Lerneffekt, Konnotation, Sympathie. Als Vorbedingung für ernste Beschäftigung mit einem Thema ist das unerlässlich. Baut Wasserrutschen! Wer weiss, vielleicht wird eines der Kinder, die heute jauchzend im "Carthage Land" herumsausen, eines Tages in einem Forschungsprojekt das Leben im antiken Karthago in völlig neues Licht rücken. Oder in einem Vergabeausschuss für eine Unterstützung des Projekts stimmen.


Kommentare 1
Kommentare
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Ich habe deinen Text gerne gelesen, und er hat mich nachdenklich gestimmt. Mea culpa, ich bin auch gerne an vorderster Front dabei wenn es darum geht das was ich als 'historischen Kitsch' empfinde zu verhöhnen, ungeachtet der Tatsache, daß ich selbst mal als kleines Kind begeistert 'bereinigte' Bilderbücher über das Mittelalter etc verschlungen habe, und es dann eigentlich ein großes Abenteuer war mehr zu lernen und zu erfahren, als ich älter wurde.Veröffentlicht: 23.11.2009 um 12:50 von Saint-Simone



