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Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
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Herumwutzen mit Heraclius

Veröffentlicht: 26.01.2010 um 06:39 von Mummius Picius

Heraclius oder Eraclius ist ein spätantiker, nach der vorherrschenden Meinung der Fachwelt frühmittelalterlicher Autor, der ein Werk namens "Farben und Künste der Römer" hinterlassen hat. Das Werk ist bunt, entstehungsgeschichtlich und inhaltlich. Einige Kapitel sind in Versen abgefasst, andere ähneln Kochrezepten, andere sind Kochrezepte. Einig sind sich alle: einen "Heraclius" hat es vermutlich nie gegeben, hier hat jemand viele Quellen und Gerüchte zusammengetragen und den klingenden Namen drangehängt.

Sich mit dem Heraclius auseinanderzusetzen bedeutet erst einmal, sich die relevanten Informationen zusammenzusuchen. In vier Fünfteln des Buches gibt er nämlich Rezepte und Tipps zur Herstellung von Vergoldungen, Keramik- und Glasbemalungen und Buntglasherstellungen. Ein weiterer Teil ist der Herstellung von Farben und Tinten zugewiesen, und hier wird es interessant. Kann man wirklich eine "Grüne Tinte zum Schreiben" mit Essig und starkem Honig herstellen, und wenn ja, was macht den Honig stark, und was für eine Wirkung wird intendiert, wenn das Gefäss mit der grünwerdensollenden Mischung zehn Tage mit Mist bedeckt wird? Warmhalten? Manche Experimente möchte man einfach nicht machen.

Andere sollte man nicht machen, Bleiweiss herstellen zum Beispiel. Bleiweiss ist hochgiftig (wenn auch ein richtig schönes Weiss), der Prozess der Herstellung sieht Bleiplatten, ein Eichenholzgefäß und Urin vor. Ich kaufe lieber Titanweiss im Laden – Zinkweiss wäre auch nicht schlecht gewesen – und gehe weiter vor wie beschrieben.

Für die Bereitung eines Malgrundes auf Holz fordert Heraclius fleißiges Polieren des Holzes (geht klar) und anschliessendes Einebnen der Malfläche mit einem Gemisch aus Wachs und Bleiweiss, mit einer heissen Kelle. Kann man machen. Aber man sollte nicht hoffen, auf der Wachsfläche irgendeinen Pinselstrich mit Temperafarben anbringen zu können! Wasserabweisend perlt die Farbe zu kleinen Inseln zusammen.

Man sollte auch das Gummi Arabicum aus den Farben lassen. Zwar lässt sich aus weissem Pigment, Eiweiss und Leinöl ein tolles Deckweiss mit enormer Deckkraft mischen, aber keine andere Farbe will mehr darauf haften, und das Deckweiss lässt sich in keine andere Farbe mischen. Dennoch muss zugestanden werden: die Stabilität und Haftfähigkeit des Weiss hat sich stark erhöht, nach dem Antrocknen lässt sich das Bild streicheln wie eine Katze, ohne dass man weisse Finger bekommt.

Aber auch gute Tipps zieht man aus dem alten Werk, die eine viel größere Komplexität hinter dem heute Reproduzierbaren erahnen lassen. Jede Farbe hat zwei zugeordnete Farben zum schattieren (abdunkeln) und höhen (aufhellen): so ist gewährleistet, dass sich die Farben mischen lassen. Moderne Mischtechnik "mische alles mit allem" ging einfach nicht; im Experiment entdecke ich, weshalb ich das Beutelchen mit Rebenschwarz vermutlich bei meinem Lebensende noch nicht aufgebraucht haben werde und weshalb die dunkelbraune italienische Erdfarbe den schönen Namen "Umbra", Schatten, trägt.

Grün – Terra Verde – ist das unleidlichste Pigment, und offensichtlich schon immer gewesen. Heraclius beschreibt fünf Methoden, grüne Farbe herzustellen – aus Kupfer, aus Malven, Efeu und anderen Blüten. Ich mische Terra Verde mit Eiweiss und Leinöl, vermale mit Wasserm, die Farbe trocknet und blättert ab. Nun wäre es angelegen, Gummi ("condimentum dicitur gummi") einzumischen, aber ich habe das Deckweiss noch in schlechter Erinnerung. In schierer Verzweiflung mische ich Gouache in die Pampe. Das ist zwar inauthentisch, aber ich habe nicht ewig Zeit.

Zeit braucht es allerdings beim Malen mit antiken Farben, und ein bisschen Humor. Die Farben nehmen ausnahmslos nach dem trocknen einen anderen Ton an – das Pompeianischrot und das Ocker wird heller (zum Glück), das Rostrot dunkler, mit hellen Farben gehöhte Bereiche werden gerne wieder dunkel mit nur der Ahnung einer leichten Aufhellung. Aber es macht Spaß. Malen ist mit der Pinselspitze denken, ein intensives Erlebnis. Vor allem, wenn das eigentliche Abenteuer in Experiment, Übung mit und Herstellung der Farben und Techniken besteht.
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Kategorie: Kategorielos
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Kommentare 1

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Marcia
    Das ist aber interessant, was du hier erzählst und zeigst!
    Wenn das mit dem Untergrund nicht nach Überlieferung funktioniert – nimmst du da unbehandeltes Holz?
    Schöne warme Farbtöne sind das, und was du damit gemacht hast, sieht auch gut aus.

    „Malen ist mit der Pinselspitze denken“ – hm, darüber muss ich nachdenken. Mache ich aber gerne, schließlich aktiviere ich gerade ein altes Hobby wieder.
    permalink
    Veröffentlicht: 26.01.2010 um 18:21 von Marcia Marcia ist offline
 

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