Geschichtsforum.de
Die Community für Geschichtsinteressierte und Geschichtsfans

Zurück   Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte > Blogs > Ablaufdaten

Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
Bewertung: 2 Stimmen mit einer durchschnittlichen Bewertung von 5,00.

Unter der Römerpassage, Mainz

Veröffentlicht: 12.08.2010 um 10:42 von Mummius Picius
Aktualisiert: 12.08.2010 um 10:44 von Mummius Picius

Zwischen den glitzernden Dingen führt eine Treppe abwärts. Der Eingangsbereich ist wenig mehr als ein Treppenabsatz, ein schmaler Steg, gerade genug Platz für einen kleinen Thresen, eine Handvoll Gipsbüsten und Bücher und eine kleine Frau mit Brille, die freundlich "der Eintritt ist kostenlos!" sagt. Aber über eine Spende freut man sich.

Die glitzernden Dinge sind die der Warenwelt in der "Römerpassage", welche ich noch unter ihrem alten Namen "Lotharpassage" kenne, weil ich keinen Steinwurf entfernt zwischen 1989 und 1992 wohnte. Nur drei Jahre? Mir kommt es länger vor. Prägende Erlebnisse, heroische Zeiten, Freundschaften, die z. T. noch heute lebendig sind. Während dieser Zeit als Student des Grafik Design/Kommunikationsdesign lebte ich also "ad templum isidis", nahe beim Tempel der isis/Magna Mater in Mainz. Damals stand dort allerdings noch ein Wohnhaus, auf dessen mittleren Balkon eine Frau jeden Sonnenstrahl nutzte, während die Katze auf dem Geländer spazierte.

Dort also stand der Tempel der Isis. Und schon hat man das falsche Bild im Kopf. Das Wort "Tempel" zeigt uns im visuellen Wörterbuch sofort einen Parthenon, ein Maison Careé, eine Walhalla: ein Trumm mit Sockel, Säulen, Umbau. Dieser Tempel der Isis und Magna Mater war ein kleines, zurückgezogenes Ding, kleiner als die 3er WG, in der ich mit Kirsten und Frank zehn Meter weiter hauste, die zentrale Cella deutlich kleiner als mein Zimmer. Repräsentativ? Nicht die Bohne: eine kleine Seitenstraße führte zum Heiligtum, in der Nähe waren Läden, Häuser, eine öffentliche Bedürfnisanstalt. Letztere wohl für die vielen Besucher des Heiligtums.

Es fällt schwer, sich auf ein Kapellendenken umzustellen, aber die Symptomatik ist eindeutig: dieses Tempelchen unter dem Mainzer Boden war ein Raum für das Individuum und die Göttin. Der einzelne Mensch brachte hier seine Opfer mit, stellte seine billige Tonlampe auf, betete und ging wieder, vielleicht hatte er auch die Gelegenheit, wenn die Priester wegsahen, schnell eine bekritzelte Bleitafel ins Mauerwerk zu schieben, auf der ein wüster Fluch gegen jemanden geschrieben stand. Die Situation muss sehr intim gewesen sein: das versteckte Bauwerk, der mysteriöse fremde Kult, dessen Zugang man nur mit verschiedengradigen Weihungen erreichte, das Kultbild der begehrten Frau, der Mutter, der magischen Herrscherin. Das uralte Tempelchen, rußig vom Schmutz der Lampen, der Stadt und hunderter Opfer.

Und auch die Stadt: benannt nach dem Heiligtum des "Apollon Mogon", eines keltischen Gottes, bewohnt von Kelten, die verspielte Ornamentik, schlichte Figuren und düstere Rituale lieben; eine Frontstadt, das große Zwei-Legionen-Lager auf dem Hügel ein kontroverses Teil zwischen willkommener Einkommensquelle und bedrohlicher Präsenz, die Grenze zu Germanien zu den besten Zeiten keine Tagesreise weit entfernt, ansonsten direkt auf der anderen Seite der Brücke. Keine arme Stadt: die Stadthalter von Obergermanien waren mit Amphitheater und Aqaedukt auf Repräsentation bedacht, die erfolgreichen Kaufleute wetteiferten mit Stiftungen wie dem Dativius-Victor-Bogen oder der Severus-Samus-Säule, auf denen sich eine Welt voller Angst und ein Himmel voller Götter wiederspiegeln.

Der kleine Isis-Tempel ist heute eine Reihe von Grundmauern in der Nacht des Kellergeschosses, liebevoll aufbereitet und als Schmuckstück herausgeputzt, ein trauriges Computerspiel in der Ecke lässt einen gegen die Zeit "bis zum Baubeginn" ausgraben, steckt hier ein Stück "archäologische Aufarbeitung" dahinter? Im kleinen Treppenabsatz-Shop finden sich erstaunlich viele christliche Hefte und Bücher, na gut, die Ähnlichkeit der schummrigen Kapellen mit Lichtern, Spenden, Votivgaben und einer mysteriösen Muttergottheit ist wohl doch ein bisschen zu offensichtlich und gar nicht so willkommen für den modernen Katholizismus in Mainz, der immernoch Marienverehrung als integralen Bestandteil hat.

Die Treppe führt hinauf, zurück in die Welt der glitzernden Dinge. Die Dinge sehen vergänglich aus, der Baustil käsig und mutlos, die "Römerpassage" ist eine fadenscheinige Shopping Mall mit viel zu großen Läden, welche nach außen wie nach innen trotz aller Dimensionen kein Größe zeigt. Aber vielleicht täuscht mich auch nur der subjektive Blick, solche Trübungen können entstehen, wenn man 1800 bzw. 18 Jahre zurückblickt.

(Nebenbei: http://www.römerpassage.de/isis-heiligtum.html , lasciate ogni speranza)
Kategorie: Ablaufdaten
Hits 3294 Kommentare 1
« Zurück     Startseite des Blogs     Nächste »
Kommentare 1

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Marcia
    Danke für den schönen Bericht!
    Das ist wirklich ein anschauliches, liebevoll ausgestattetes Museum. Ich war auch schon ein paar Mal dort.
    Ich bin immer dankbar für Erläuterungen, Rekonstruktionszeichnungen und dergleichen. Auf Knopfdruck konnte man sich Informationen über verschiedene Punkte abrufen. Unter anderem war dort zu lesen, dass es während des Saturninus-Aufstandes im Jahre 89 zu erheblichen Zerstörungen in den Zivilsiedlungen kam. Diese Information habe ich sonst nirgendwo! finden können. Das Interesse der Geschichtsschreiber galt ja eher dem Militär, und obwohl es logisch scheint, dass die Zivilbevölkerung unter diesen Ereignissen ebenfalls gelitten hat, ist wissenswert, dass es dafür offenbar Belege gibt.
    permalink
    Veröffentlicht: 14.08.2010 um 08:50 von Marcia Marcia ist offline
 

Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 17:14 Uhr.


Powered by: vBulletin Version 3.8.9 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.
SEO by vBSEO 3.3.2 ©2009, Crawlability, Inc.
Copyright © 2000-2016 Geschichtsforum.de