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Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
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Offene Tore einrennen

Veröffentlicht: 03.09.2010 um 16:33 von Mummius Picius

Nach den Baubildern zu urteilen, die Prof. Steffen regelmäßig auf der Website des Limeskastells Pohl hochlädt, hätte ich die Anlage für größer gehalten. Die Spannung war groß: schon seit einiger Zeit verfolge ich das Projekt und habe hier auch schon einmal drüber geschrieben – und nun: auf der Bäderstraße von Norden kommend war da zunächst einmal ein Wall, darüber ein Dach, nicht unähnlich einem Mehrfamilienhaus-Neubau hinter einer Lärmschutzwand, kein ungewöhnlicher Anblick in deutschen Dörfern.

Nur ist die Wand keine Lärmschutzwand, sondern die mittlerweile hochgezogene Wallanlage der Rekonstruktion des Limeskastells selber.

Jetzt war "Tag des offenen Tores" – ein bisschen übertrieben, schließlich ist noch gar keins drin – und die halbfertige Anlage lässt schon wirklich ihr ganzes Potenzial erkennen.

"Tag des offenen Tores" – die Nachbarn und Besucher rannten die offenen Tore ein. Trotz schlechten Wetters kamen viele Leute, um sich die Baustelle der Rekonstruktion anzusehen. Unsere Rolle als "Flavii" war es, die Kastellbaustelle mit römischem Leben zu füllen, während die Väter des Kastells – Gemeindebürgermeister Crecelius, Limesarchäologe Dolata, Architekt Kaffai und die Förderkreismitglieder Perabo und Steffen – den Besuchern Pläne, Ziele und Geschichte nahe brachten.

Der Mix aus Wurst und Wissen, "Leiblichem Wohl" und "Living History" hat etwas magisches an sich: Besucher sind besonders aufnahmefähig, wenn sie beides aufnehmen können, und zufrieden, wenn sie beides in ausreichender Qualität gegrillt (echte lukanische!) und gespielt (Handmühle! echte Auxiliare!) geboten bekommen. So gesehen war der Tag ein voller Erfolg, vergnüglich und informativ.

Eigentlich ist die Anlage ja ganz einfach: ein kleiner dreiflügeliger Zweckbau, links und rechts Baracken, in der Mitte eine Halle, die als Lager oder Stall interpretiert werden kann. Das Ganze sicher keine "Festung" an der alten römischen Grenze, auch kein "Fort" in Wild-West-Manier und ganz bestimmt kein asterixinisches "Kleinbonum". Eher eine Zollstation, eine Passkontrolle, ein Handelsposten. Hier war kein Russell Crowe im silberbeschlagenen Muskelpanzer stationiert, kein vergoldeter Augustus zu Pferde zeigte staunenden Germanen, was Rom hervorzubringen vermag. Wir wissen noch nicht einmal, ob unsere Darstellung als "Römer" im Lager angebracht ist: wahrscheinlicher saßen abgeteilte Soldaten aus einem lokal angeworbenen "Numerus" oder einer Auxiliarkohorte in den Baracken, Männer, welche die Sprache der germanischen Nachbarn sprachen, vielleicht sogar mit ihnen verwandt waren. Diese Soldaten blieben nicht "für immer" oder auch nur "für lange" da: auch wenn sich in Pohl ein kleines Lagerdorf (vicus) nachweisen lässt, kennzeichnet das eher einen Handels- und Warenumschlagsplatz hinter einer Grenze als ein florierendes bürgerliches Gemeinwesen: ähnlich wachsen Grenzübergänge mit Tankstellen, Läden und Geldwechselstuben am Schnittpunkt zwischen zwei Ländern.

Und die Soldaten hatten auch sicher besseres zu tun als heroisch auf der Mauer zu stehen: das Kleinkastell war aus Holz und Erde, was bedeutet: Jahrhunderte vor der Erfindung der Holzschutzmittel war ständige Reparatur angesagt, ständiges Aufschütten und Befestigen des Walls, Erneuerung der Holzteile. Nicht zuletzt Unkraut jäten: um das Sichtfeld nach Germanien frei zu halten, müssen ständig Baumsprösslinge aus der Wall-und-Graben Zone gejätet worden sein. Holzgewinnung war auch nicht nur zu Instandhaltungszwecken, sondern zur Selbstversorgung mit Brennmaterial und zur Versorgung anderer militärischer Einrichtungen notwendig.

Man kann sich die Auxiliare oder Numeri des Kastells halb als Förster, halb als Zöllner vorstellen; vielleicht etwas schwerer bewaffnet, vielleicht etwas ruppiger im Umgang mit dem Wald. Das tut vielleicht dem scheppernden Image von trutzigen, waffenstarrenden "römischen Soldaten" Abbruch, aber die Nüchternheit und Bescheidenheit der Anlage tun unserer Sichtweise des Limes und des Lebens an ihm gut. Wir müssen verstehen, dass der eigentliche Feind, der von "Soldaten" wie den Auxiliaren und Legionären der "Flavii" bekämpft wird, das Nachbild von Asterix bzw. der Sandalenfilme ist: es geht nicht um Über- oder Unterstilisierung, nicht um Heroismus und schon gar nicht um Feindbilder "Wir Germanen – Ihr Römer (und umgekehrt)". Es geht um das lebendige Bild eines Stücks Geschichte, um Verständnis, um Erlebnis.

Mit der Fertigstellung des Projekts "Limeskastell Pohl" wird das Bild noch ein bisschen lebendiger.

(Foto: Thomas Steffen)
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Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Würde gerne den Anhang (jpg-file) ansehen, darf aber nich ... schniff ... es fehlen angeblich "Zugriffsrechte". Schade.
    permalink
    Veröffentlicht: 09.09.2010 um 18:45 von Vatrenus Vatrenus ist offline
  2. Alter Kommentar
    Wäre mal gespannt, wie authentisch der Bau ist. Selber hätte ich ja gern eine vollständige Turm-Toranlage für "meine" Heeg. ;-)
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    Veröffentlicht: 28.09.2010 um 11:07 von Brissotin Brissotin ist offline
 

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