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Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
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Limeswanderung VIII: am Ende

Veröffentlicht: 10.06.2015 um 13:07 von Mummius Picius
Aktualisiert: 10.06.2015 um 14:46 von Mummius Picius

Diesmal gibt es keinen Wanderbericht, was ich über den Weg schreibe, zitiere ich aus den Notizen meines ältesten Bruders. Mein Vater wirkt nach außen weitaus jünger, als er eigentlich ist; er konnte die Wanderung am Freitag dann doch nicht mitmachen und ich habe mich um ihn gekümmert. Am Samstagmorgen fuhr er dann nach Hause, aus der Vater-Brüderwanderung wurde eine reine Brüdertour, für mich gab es dann nur ein kurzes Stück zu wandern – von Kelheim nach Weltenburg, also längst nicht mehr am Limes – aber manche Gegebenheiten im Leben kann man eben weder wegdiskutieren noch durch Worte in ihr Gegenteil verkehren. Dass unser Vater nicht mehr mitläuft ist, schade, dass wir ihn haben, ist großartig. Mein mittlerer Bruder zeigte mir Bilder von einem Rasenmäher, der vor ihnen den Wanderweg freimähte, von einem "Maxstein" am Ende des Limes, von einer Turmrekonstruktion, die aussah wie von Poggenpohl gebaut. Der Weg war schlecht ausgeschildert, offensichtlich beginnt jetzt schon zu verfallen, was wir vor acht Jahren im noch-nicht-gebauten Zustand erleben konnten.

Der Umstand, dass ich mit dem Auto da war, versemmelte mir zwar die Wanderung mit den Brüdern, ermöglichte aber die Besichtigung von Pförring und Kösching, zwei kleineren Alenkastellen abseits des Limes. In Pförring gibt es auf einer erhöhten Ebene ein Maisfeld, zwei handelsübliche Laserschnitt-Römersilhouetten (gibt es einen Onlineshop für sowas) und, außergewöhnlich, ein aus Tuch und Stahlrohren rekonstruiertes Kastelltor, das so, wie es ist, die beste Rekonstruktion am Limes darstellt – zumindest besser als die Saalburg-Imitate in Pfünz, Welzheim, Weissenburg. Pförring (Celeusum) war an drei Seiten von einem Vicus umgeben. Das war Kösching (Germanicum) sicher auch, aber in Kösching überlebte das Dorf und wurde zum Städtchen vor den Toren von Ingolstadt. Römisches ist dort nicht mehr zu sehen, dafür Bäckereien, Metzgereien, Eisdielen, und auf den Straßen toben die wilden, eingeborenen Audifahrer.

Großartig ist übrigens auch die Wanderung von Kelheim nach Weltenburg. Von der Kelheimer "Befreiungshalle", die aussieht wie ein Steampunk-Kernkraftwerk, kann man halten was man will: ich finde es ziemlich ironisch, dass die bayerischen Könige mit diesem Trumm und dem "Walhalla"-Tempel Mitte des 19. Jhs. das Deutschtum beschworen, das die Bayern heute so vehement zugunsten ihrer depperten "Mia-san-mia"-Autonomie verleugnen (während die Preussen ihr Geld in Waffentechnik und taktische Entwicklung investierten). Der Hügel über Kelheim muss in der Antike karg und waldlos dagestanden haben: das Oppidum Alkimoennis verarbeitete Eisenerz, das aus dem Wald gegraben wurde; viele Kohle- und Erzmeiler müssen ihre Rauchfahnen weithin sichtbar gemacht haben und was heute also wie "unberührte Natur" erscheint, ist ein lange überwachsenes, antikes Industriegebiet. Das heutige Kehlheim ist eine Art modernes Rüdesheim, früher soffen dort die Alten, heute radeln die Senioren durch das Altmühltal und sind aktiv. Umgehungs- und Zufahrtsstraßen winden sich um die Stadt wie Laokoons Schlangen, die Bahnhofstraße beherbergt keinen Bahnhof, der Römerturm stammt von 14hundertnochwas und die Donauschiffe fahren von der Altmühl ab.

Im Tal um die Ecke "bricht die Donau durch" den Kalksteinriegel des oberbayerischen Jura. In der Kehle der ersten Biegung liegt das Kloster Weltenburg, ein phänomenal schöner Platz, wo Kiesstrände, Boote, reißende Strömung und steilaufragende Klippen ein einzigartiges Ensemble bilden. Das gute, heiße Sommerwetter bereicherte die Szene noch durch Halbnackte und Bierbäuche. Und das ist wundervoll! Selten findet man schönere, friedlichere Bilder als da, wo die Leute planschen und Bier trinken, mit ihren Kindern und Hunden spielen und generell einfach auf der faulen Haut liegen und sich sonnen. Das Leben ist einfach, die Fische springen und der Mais steht noch gar nicht hoch. Die Leute tanzen am Ufer und winken den Schiffen hinterher! Am liebsten möchte man aussteigen, mit planschen, aber das geht nicht, schließlich haben wir was zu tun! Irgendjemand muss ja auf diesem Schiff weiterfahren, wir müssen nach Regensburg.

Ich könnte jetzt noch im Einschub Weltenburg loben, den einzigartigen Barock, aber Barock und Bayern passen eh gut zusammen und irgendwie fühle ich mich beim Anblick der Asam-Gemälde eher an das "You Win"-Cinematic eines modernen Computerspiels erinnert. Wolken! Licht! Jesus Maria! Herrgott Sakrament! Ich will den Kunstgehalt der berühmten Arbeiten gar nicht schmälern, aber die Intention – eine Riesenshow zu zeigen, die irgendwie am Ende abgespielt wird – ist die gleiche wie bei "StarCraft". Cosmas & Damian – High Score.

Wer Regensburg in seinem Leben noch nicht (und Berlin schon dreimal) gesehen hat, sollte seinen nächsten Urlaub in Berlin absagen und nach Regensburg fahren. Zum einen ist es eine wunderschöne Stadt, viel schöner als Heidelberg, Rothenburg ob der Tauber oder was ihr mir sonst an "romantischen" Städten aus dem Hut zaubern wollt; zum anderen regiert dort der König der deutschen Poetry-Slammer Thomas Spitzer, zum dritten gibt es dort das ebenfalls in Deutschland einzigartige Hotel Orpheé. Natürlich gibt es dort nicht so viele Hipsterbärte wie in Berlin, nicht so viel Kunst, staatliche Kulturstätten und Zeug, dafür sind die jungen Leute dort viel zu jung und die Kultur noch viel zu handgemacht. Die Studenten saßen dort in der Samstagnacht in dichten Trauben wie die Lummen auf einem Vogelfelsen, fast scheint es verlockend, am nächsten Tag mit einer Schaufel nach Studentenguano suchen zu wollen. Wem es gelingt, um die Fürsten (die T&T-Gloria und den Bischof Voderholzer) einen Bogen zu machen, der kann Regensburg als einen Traum erleben, wie Deutschland aussehen könnte, wenn es nicht einmal "über alles" hätte sein wollen.

In Regensburg gibt es viel römisches zu sehen, die wunderbare Porta Praetoria und ein ellenlanges Stück Mauer des Castra Regina (das mit der Königin weniger zu tun hat als mit dem Flüsschen Regen, das gegenüber in die Donau mündet), dazu ein gutes Museum. Und irgendwie – der Limes hört nicht auf. Die Grenze des römischen Reichs verläuft längs der Donau weiter, zum schwarzen Meer, durch Kleinasien, Ägypten, Afrika, macht dann einen großen Bogen durch den Atlantik nach Schottland, fällt dann wieder zurück auf die Niederlande, von wo er sich am Rhein entlang hangelt bis nach Rheinbrohl, wo wir nächstes Jahr wieder anfangen werden etappenweise zu wandern. Irgendwann sind wir dann wieder in Miltenberg, wo wir vor acht Jahren mit unserem Vater begonnen haben. Ein Ende ist nicht abzusehen.
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Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von zaphodB.
    Wow,ein schöner Bericht
    Ich hab das Mitlesen richtig genossen
    Und Lust bekommen,auch mal den Limes abzulaufen
    gruß
    zaphod
    permalink
    Veröffentlicht: 23.09.2015 um 23:01 von zaphodB. zaphodB. ist offline
 

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