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Ja, ich laufe gerne in der Gegend herum und schaue sie mir an. Und das statistische Mittel zeigt, dass ich am meisten und am besten schreibe, wenn ich über die Erlebnisse entlang von Wanderungen zu, an oder entlang historischen Orten berichte. Seit Hape Kerkelings Durchbruch mit dem Jakobsweg ist ja jeder Heinz auf spiritueller Wanderschaft; was hält mich da zuhause? Ganze Tourismusbranchen leben mittlerweile davon, den spirituellen Wanderern alles außer ihrem Arsch hinterherzutragen, damit die Pilgerschaft stressfrei und erlebnisorientiert vorgenommen werden kann. Leider kann ich nicht von mir behaupten, vor dem allgemeinen Hype in die Hufe gekommen zu sein, wenngleich mich dessen mittlerweile erreichtes Ausmaß überrascht.

Wanderkarten und Wanderzeichen können in die Irre leiten, darauf lässt man sich ein, wenn man sich auf den Weg begibt. Selbst wenn man nicht vom Weg abkommen möchte, kann die versagende eigene Orientierung einen dorthin führen, wo man nicht hinwollte. Risiko eben. Aber ich schwöre bei Rosses Rumpf und Schiffes Kiel, dass ich, wo ich auch hingehe, mit leichtem Gepäck oder schwerbeladen, alles meine auf meinem eigenen Rücken trage. Und was ich hierhin mitbringe, habe ich selbst gesammelt und aufgelesen.
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Limeswanderung IX: Richtung Norden

Veröffentlicht: 29.05.2017 um 16:40 von Mummius Picius
Aktualisiert: 29.05.2017 um 16:42 von Mummius Picius

Der “nasse Limes” ist eine relativ kurze Strecke zwischen Stockstadt und Miltenberg bzw. da wir den Weg von Süden nach Norden gingen, Miltenberg und Stockstadt. Er verläuft hier nur auf etwas mehr als 40 Kilometern entlang des Mains – genau genommen: er ist hier der Main. Die Kastelle entlang dieser Strecke sind weitaus zahlreicher und größer als entlang der diversen Pfähle und Wälle, allerdings findet man dort auch kein “richtig” großes Reiterkastell der späteren Zeit (wie Ruffenhofen oder Aalen). An dieser kurzen “nassen” Strecke gabelt sich der Limes auch: Ab Wörth geht der Odenwaldlimes den Hang hinauf, ab Miltenberg dann der spätere niedergermanische, der sich mit dem raetischen zu der Strecke vereint, die wir vor zwei Jahren – und in den sieben Jahren zuvor – gelaufen sind.

Diesmal ist nur die statistisch jüngere Hälfte am Start. Der Vater mag nicht mehr, der älteste hat den Termin verbumbaselt – also laufen Stefan und ich. Wir fahren zusammen von Bonn nach Aschaffenburg, bleiben da eine Nacht, stellen das Auto ab: am nächsten Tag dann geht es mit der Bahn nach Miltenberg und von dort aus wieder den Main hinauf. Für die Karte (Auflage von 2008) beginnt der Wanderweg erst in Stockstadt, trotzdem gibt es in Miltenberg, Obernburg und an anderen Ecken z. T. sehr versteckte und vereinzelte Markierungen eines Wanderwegs – der in die Hügel der Umgebung führt. Da diese Markierungen nicht sehr konsequent angebracht sind (und die Wanderkarte seit 2008 nicht neu aufgelegt wurde) bleiben wir lieber auf Wegen entlang des Mains – es ist ja schon ziemlich schwer, einen zwanzig Meter breiten, trägen braunen Fluss aus den Augen zu verlieren.

Leider ist der Weg entlang des Mains der Limes-Radwanderweg, die Wanderung wird zu einer Studie in altersungemäßer Funktionskleidung, Klingeltonvarianz und Sozialstruktur/Verhalten der Freizeitradler. Nun, für die behelmten Scharen müssen wir beiden Fuzzis mit Schlapphüten auch einen seltsamen Anblick geboten haben.

Miltenberg ist schön, entweder ist es schöner geworden oder das Wetter ist besser als vor zehn Jahren. Die Häuser der Hauptstraße stehen dicht einander zugebeugt und strecken stolz ihre Limes-Wanderweg-Abzeichen vor. Alles ist vollkommen gespitzwegt; aber da, wo die Touristen nicht mehr durchschleichen, ist alles zu und verrammelt. Das Hotel, in dem wir vor zehn Jahren gestartet sind, ist geschlossen und steht zum Verkauf. Der Weg geht durch Schrebergärten, vorbei an einem Marker für ein unsichtbares Kastell, an einem rötlich-ockerigen “Löwenstein” Schloss vorbei wieder durch die endlosen Vorortstraßen mit Einfamilienhäusern, diesmal in idyllischer Mainlage. Schrebergärten, Villen, Campingplätze – dann und wann mal ein Industriegebiet oder zur Abwechslung ein quietschlebendiges Schwimmbad.

Der Main treibt träge dahin, der Weg trägt uns in ein Restaurant in Laudenbach, das auf der Karte nur als “denbach” zu lesene ist und die Phantasie anregt. Die Restaurants machen erst Abends auf, das hier nicht, dafür kostet eine Tasse Tomatensuppe mit einer trotzig drin schwimmenden Tortellini sechs Euro. Dann wieder Campingplätze, Industriegebiete – als in Wörth auf der anderen Seite eine größere Werftanlage auftaucht und die Stadtsilhouette links sich mit einem Betonsockel und stückpfortenähnlichen Metallfenstern bewehrt, ist das die optisch attraktivste Gestaltung der ganzen Strecke. Dafür wird man mit einer folgenden Durststrecke entlang einer schier endlosen Autobahn bis Obernburg bestraft.
Obernburg selber ist eine Erlösung, mit schönen Türmen, schönen Straßen und Geschäften und sogar einem kleinen Museum, das Samstags und Sonntags je zwei Stunden lang ein paar Steine vorzeigt. Schräg gegenüber die Kopie einer Jupiter-Gigantensäule. Das ist so ziemlich das schönste römische Element der Strecke. Überhaupt ist Obernburg die Stadt, die aus ihrer historischen Schönheit das meiste macht: Cafes, Kultur, offene Läden und freundliche Leute. Wie es nicht geht, sieht man ein paar Kilometer weiter in Niedernberg: Der ganze Tourismus sitzt in einem “Dorf” vor der Stadt, überall hängen Verbotsschilder und Mittags gibt’s nur in der Bäckerei kurz vorm Schließen was zu Essen (allerdings mit dem Tipp, wo man sie am besten und ungestört verzehren kann).

Zwischen den Industriegebieten vor Aschaffenburg hat sich der Nilkheimer Park gequetscht; die Karte verrät seine eigentliche Größe, leider durchtrennt ihn die Großostheimer Straße wie eine stetig laufende Kettensäge, von den aufgeklärt-romantischen Tempelchen und Statuen (und dem Kastellbad aus Stockstadt, das man hierher verpflanzt hat) hat man nur dann was, wenn man sich die Ohren verstopft. Kurze Zeit später spendiert das Wasserwerk Aschaffenburg einen kühlen Trunk und längs des Mains sitzen Leute in kleinen Buchten, manche mit Angeln, manche mit Kindern, und lassen ihre Füße in die braune Brühe hängen.

Die Camper belagern die Stadt, über den Main lugen die Türme des Schloss Johannisburg, dann dröhnt auch Gewummer durch die Uferbepflanzung. Am Main unter dem Schloss findet ein Kiddie-Rave statt, der Bruder windet sich mit Grausen, für mich ist es nicht ganz der richtige Soundtrack, aber erträglich. Mein Auto steht noch da, wo es zuletzt stand, nur ist es grau von Staub. Dann haben wir noch Zeit fürs Pompeianum, dieses schräge erste Living History Experiment der Welt (in diesem Maßstab) … ich wünschte, das wäre etwas besser dokumentiert, vor allem die ersten Restaurierungsmaßnahmen nach dreißig, vierzig Jahren (vieles musste “komplett neu gemalt” werden, was haben die bei der Anlage der Fresken falsch gemacht?). Um etwas mehr zu erfahren, kaufe ich der hübschen Empfangssklavin ein Büchlein ab, vom Innenumschlag glotzt mich Söder an. Grußwort. Au weia!

Das Pompeianum ist heute viel zu klug, viel zu schön für diese Welt. Der restaurierte Sehnsuchtsort eines Bayernfürsten … der Traum von Rom einer Zeit, die fast genauso fremd ist … die Götter starren mit königlich-bayerischen Augen am Besucher vorbei, die Genauigkeit der Ausführung verrät die halbwegs moderne Entstehung. Einzelne Kammern mit Kriegszerstörungen, als wäre der Vesuv (et in Arcadia ego) auch hier gewesen. Im ersten Stock dann Kratz-Graffiti von irgendeinem Herbert und Manfred, die in den Fünfzigern hier waren, konserviert wie die russischer Soldaten im Reichstag. Es steckt viel Liebe in diesem kleinen Haus. Wo viel Liebe ist, ist oft auch viel Schmerz. Der steckt auch drin.
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Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Marcia
    Ein Limes-wanderbericht, wie schön! Ich habe ihn mit Genuss gelesen ... da muss ich gar nicht selber wandern, so lebendig ist die Schilderung. Obwohl ich schon Lust aufs Fernwandern bekomme, aber dann doch eher in der Natur.
    Limes-Wandern ist nicht nur erholsam, habe ich den Eindruck. Wir waren ein Stück im Taunus unterwegs, dort ist das was Anderes.
    permalink
    Veröffentlicht: 04.06.2017 um 06:54 von Marcia Marcia ist offline
 

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