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		<title>Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte - Blogs - Ablaufdaten von Mummius Picius</title>
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		<description>Community für Geschichtsinteressierte</description>
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			<title>Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte - Blogs - Ablaufdaten von Mummius Picius</title>
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			<title>Herumwutzen mit Heraclius</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/224-herumwutzen-mit-heraclius.html</link>
			<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 05:39:00 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Heraclius oder Eraclius ist ein spätantiker, nach der vorherrschenden Meinung der Fachwelt frühmittelalterlicher Autor, der ein Werk namens "Farben und Künste der Römer" hinterlassen hat. Das Werk ist bunt, entstehungsgeschichtlich und inhaltlich. Einige Kapitel sind in Versen abgefasst, andere ähneln Kochrezepten, andere sind Kochrezepte. Einig sind sich alle: einen "Heraclius" hat es vermutlich nie gegeben, hier hat jemand viele Quellen und Gerüchte zusammengetragen und den klingenden Namen drangehängt.

Sich mit dem Heraclius auseinanderzusetzen bedeutet erst einmal, sich die relevanten Informationen zusammenzusuchen. In vier Fünfteln des Buches gibt er nämlich Rezepte und Tipps zur Herstellung von Vergoldungen, Keramik- und Glasbemalungen und Buntglasherstellungen. Ein weiterer Teil ist der Herstellung von Farben und Tinten zugewiesen, und hier wird es interessant. Kann man wirklich eine "Grüne Tinte zum Schreiben" mit Essig und starkem Honig herstellen, und wenn ja, was macht den Honig stark, und was für eine Wirkung wird intendiert, wenn das Gefäss mit der grünwerdensollenden Mischung zehn Tage mit Mist bedeckt wird? Warmhalten? Manche Experimente möchte man einfach nicht machen.

Andere sollte man nicht machen, Bleiweiss herstellen zum Beispiel. Bleiweiss ist hochgiftig (wenn auch ein richtig schönes Weiss), der Prozess der Herstellung sieht Bleiplatten, ein Eichenholzgefäß und Urin vor. Ich kaufe lieber Titanweiss im Laden – Zinkweiss wäre auch nicht schlecht gewesen – und gehe weiter vor wie beschrieben.

Für die Bereitung eines Malgrundes auf Holz fordert Heraclius fleißiges Polieren des Holzes (geht klar) und anschliessendes Einebnen der Malfläche mit einem Gemisch aus Wachs und Bleiweiss, mit einer heissen Kelle. Kann man machen. Aber man sollte nicht hoffen, auf der Wachsfläche irgendeinen Pinselstrich mit Temperafarben anbringen zu können! Wasserabweisend perlt die Farbe zu kleinen Inseln zusammen. 

Man sollte auch das Gummi Arabicum aus den Farben lassen. Zwar lässt sich aus weissem Pigment, Eiweiss und Leinöl ein tolles Deckweiss mit enormer Deckkraft mischen, aber keine andere Farbe will mehr darauf haften, und das Deckweiss lässt sich in keine andere Farbe mischen. Dennoch muss zugestanden werden: die Stabilität und Haftfähigkeit des Weiss hat sich stark erhöht, nach dem Antrocknen lässt sich das Bild streicheln wie eine Katze, ohne dass man weisse Finger bekommt.

Aber auch gute Tipps zieht man aus dem alten Werk, die eine viel größere Komplexität hinter dem heute Reproduzierbaren erahnen lassen. Jede Farbe hat zwei zugeordnete Farben zum schattieren (abdunkeln) und höhen (aufhellen): so ist gewährleistet, dass sich die Farben mischen lassen. Moderne Mischtechnik "mische alles mit allem" ging einfach nicht; im Experiment entdecke ich, weshalb ich das Beutelchen mit Rebenschwarz vermutlich bei meinem Lebensende noch nicht aufgebraucht haben werde und weshalb die dunkelbraune italienische Erdfarbe den schönen Namen "Umbra", Schatten, trägt.

Grün – Terra Verde – ist das unleidlichste Pigment, und offensichtlich schon immer gewesen. Heraclius beschreibt fünf Methoden, grüne Farbe herzustellen – aus Kupfer, aus Malven, Efeu und anderen Blüten. Ich mische Terra Verde mit Eiweiss und Leinöl, vermale mit Wasserm, die Farbe trocknet und blättert ab. Nun wäre es angelegen, Gummi ("condimentum dicitur gummi") einzumischen, aber ich habe das Deckweiss noch in schlechter Erinnerung. In schierer Verzweiflung mische ich Gouache in die Pampe. Das ist zwar inauthentisch, aber ich habe nicht ewig Zeit.

Zeit braucht es allerdings beim Malen mit antiken Farben, und ein bisschen Humor. Die Farben nehmen ausnahmslos nach dem trocknen einen anderen Ton an – das Pompeianischrot und das Ocker wird heller (zum Glück), das Rostrot dunkler, mit hellen Farben gehöhte Bereiche werden gerne wieder dunkel mit nur der Ahnung einer leichten Aufhellung. Aber es macht Spaß. Malen ist mit der Pinselspitze denken, ein intensives Erlebnis. Vor allem, wenn das eigentliche Abenteuer in Experiment, Übung mit und Herstellung der Farben und Techniken besteht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Heraclius oder Eraclius ist ein spätantiker, nach der vorherrschenden Meinung der Fachwelt frühmittelalterlicher Autor, der ein Werk namens &quot;Farben und Künste der Römer&quot; hinterlassen hat. Das Werk ist bunt, entstehungsgeschichtlich und inhaltlich. Einige Kapitel sind in Versen abgefasst, andere ähneln Kochrezepten, andere sind Kochrezepte. Einig sind sich alle: einen &quot;Heraclius&quot; hat es vermutlich nie gegeben, hier hat jemand viele Quellen und Gerüchte zusammengetragen und den klingenden Namen drangehängt.<br />
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Sich mit dem Heraclius auseinanderzusetzen bedeutet erst einmal, sich die relevanten Informationen zusammenzusuchen. In vier Fünfteln des Buches gibt er nämlich Rezepte und Tipps zur Herstellung von Vergoldungen, Keramik- und Glasbemalungen und Buntglasherstellungen. Ein weiterer Teil ist der Herstellung von Farben und Tinten zugewiesen, und hier wird es interessant. Kann man wirklich eine &quot;Grüne Tinte zum Schreiben&quot; mit Essig und starkem Honig herstellen, und wenn ja, was macht den Honig stark, und was für eine Wirkung wird intendiert, wenn das Gefäss mit der grünwerdensollenden Mischung zehn Tage mit Mist bedeckt wird? Warmhalten? Manche Experimente möchte man einfach nicht machen.<br />
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Andere sollte man nicht machen, Bleiweiss herstellen zum Beispiel. Bleiweiss ist hochgiftig (wenn auch ein richtig schönes Weiss), der Prozess der Herstellung sieht Bleiplatten, ein Eichenholzgefäß und Urin vor. Ich kaufe lieber Titanweiss im Laden – Zinkweiss wäre auch nicht schlecht gewesen – und gehe weiter vor wie beschrieben.<br />
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Für die Bereitung eines Malgrundes auf Holz fordert Heraclius fleißiges Polieren des Holzes (geht klar) und anschliessendes Einebnen der Malfläche mit einem Gemisch aus Wachs und Bleiweiss, mit einer heissen Kelle. Kann man machen. Aber man sollte nicht hoffen, auf der Wachsfläche irgendeinen Pinselstrich mit Temperafarben anbringen zu können! Wasserabweisend perlt die Farbe zu kleinen Inseln zusammen. <br />
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Man sollte auch das Gummi Arabicum aus den Farben lassen. Zwar lässt sich aus weissem Pigment, Eiweiss und Leinöl ein tolles Deckweiss mit enormer Deckkraft mischen, aber keine andere Farbe will mehr darauf haften, und das Deckweiss lässt sich in keine andere Farbe mischen. Dennoch muss zugestanden werden: die Stabilität und Haftfähigkeit des Weiss hat sich stark erhöht, nach dem Antrocknen lässt sich das Bild streicheln wie eine Katze, ohne dass man weisse Finger bekommt.<br />
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Aber auch gute Tipps zieht man aus dem alten Werk, die eine viel größere Komplexität hinter dem heute Reproduzierbaren erahnen lassen. Jede Farbe hat zwei zugeordnete Farben zum schattieren (abdunkeln) und höhen (aufhellen): so ist gewährleistet, dass sich die Farben mischen lassen. Moderne Mischtechnik &quot;mische alles mit allem&quot; ging einfach nicht; im Experiment entdecke ich, weshalb ich das Beutelchen mit Rebenschwarz vermutlich bei meinem Lebensende noch nicht aufgebraucht haben werde und weshalb die dunkelbraune italienische Erdfarbe den schönen Namen &quot;Umbra&quot;, Schatten, trägt.<br />
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Grün – Terra Verde – ist das unleidlichste Pigment, und offensichtlich schon immer gewesen. Heraclius beschreibt fünf Methoden, grüne Farbe herzustellen – aus Kupfer, aus Malven, Efeu und anderen Blüten. Ich mische Terra Verde mit Eiweiss und Leinöl, vermale mit Wasserm, die Farbe trocknet und blättert ab. Nun wäre es angelegen, Gummi (&quot;condimentum dicitur gummi&quot;) einzumischen, aber ich habe das Deckweiss noch in schlechter Erinnerung. In schierer Verzweiflung mische ich Gouache in die Pampe. Das ist zwar inauthentisch, aber ich habe nicht ewig Zeit.<br />
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Zeit braucht es allerdings beim Malen mit antiken Farben, und ein bisschen Humor. Die Farben nehmen ausnahmslos nach dem trocknen einen anderen Ton an – das Pompeianischrot und das Ocker wird heller (zum Glück), das Rostrot dunkler, mit hellen Farben gehöhte Bereiche werden gerne wieder dunkel mit nur der Ahnung einer leichten Aufhellung. Aber es macht Spaß. Malen ist mit der Pinselspitze denken, ein intensives Erlebnis. Vor allem, wenn das eigentliche Abenteuer in Experiment, Übung mit und Herstellung der Farben und Techniken besteht.</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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			<title>Das mit dem das mit dem</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/217-das-mit-dem-das-mit-dem.html</link>
			<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 08:09:38 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA["Ich verstehe das mit dem Absolutismus nicht" heisst es in den Hilferufen, "Ich verstehe das mit der römischen Republik nicht". Was ist es, das scheinbar der ganzen Geschichte zueigen ist, was ist es, das nicht verstanden wird, gewissermaßen der omnipräsente Knochen der Geschichte, der im leckeren Hühnchen des historischen Wissens quersitzt und zu kognitiven Erstickungsanfällen führt.   

Wenn ich das das mit dem nicht verstehe, verstehe ich ein Nichts nicht, denn ich verstehe nicht, was denn das das mit dem denn nun sein soll. Ist es ein "Problem"? Ist ein ein "Themenspektrum"? oder einfach nur ein "Ding"? Das einfache Einfüllen eines Wortes in das "das mit dem" bewirkt 100% Sinngewinn.

Und gleichzeitig klinge ich 100% klüger. "Ich verstehe das Problem des Merkantilismus nicht" klingt schon so, als würde ich den Merkantilismus selber eigentlich doch verstehen. Andere Worte sind noch zauberkräftiger. "Ich verstehe die Entwicklung der römischen Republik von Cato bis Sulla nicht" ist eine Aussage, der sich mit Freuden Heerscharen von weißbärtigen Professoren anschließen möchten, denn wer versteht die schon?

Beleidigt wendet sich der Fisch vom Haken, wenn der schmuck- und wurmlos vor ihm im Wasser hängt. Wer mit "das mit dem" nach Wissen fischt, fängt die kleinen Fische und die Wikilinks. Wer leckere Häppchen und Wörtchen dran tanzen lässt wie "Struktur", "Komplexität", "Phasengliederung", "soziokulturellen Aspekte", dem baumeln bald die fettesten Fische dran. Wer mit Worten ködert, wird Worte kriegen. So einfach ist das. 
:angeln:

Lesen muss dann die dann aber auch …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>&quot;Ich verstehe das mit dem Absolutismus nicht&quot; heisst es in den Hilferufen, &quot;Ich verstehe das mit der römischen Republik nicht&quot;. Was ist es, das scheinbar der ganzen Geschichte zueigen ist, was ist es, das nicht verstanden wird, gewissermaßen der omnipräsente Knochen der Geschichte, der im leckeren Hühnchen des historischen Wissens quersitzt und zu kognitiven Erstickungsanfällen führt.   <br />
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Wenn ich das <i>das mit dem</i> nicht verstehe, verstehe ich ein Nichts nicht, denn ich verstehe nicht, was denn das <i>das mit dem </i>denn nun sein soll. Ist es ein &quot;Problem&quot;? Ist ein ein &quot;Themenspektrum&quot;? oder einfach nur ein &quot;Ding&quot;? Das einfache Einfüllen eines Wortes in das &quot;das mit dem&quot; bewirkt 100% Sinngewinn.<br />
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Und gleichzeitig klinge ich 100% klüger. &quot;Ich verstehe das Problem des Merkantilismus nicht&quot; klingt schon so, als würde ich den Merkantilismus selber eigentlich doch verstehen. Andere Worte sind noch zauberkräftiger. &quot;Ich verstehe die Entwicklung der römischen Republik von Cato bis Sulla nicht&quot; ist eine Aussage, der sich mit Freuden Heerscharen von weißbärtigen Professoren anschließen möchten, denn wer versteht die schon?<br />
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Beleidigt wendet sich der Fisch vom Haken, wenn der schmuck- und wurmlos vor ihm im Wasser hängt. Wer mit &quot;das mit dem&quot; nach Wissen fischt, fängt die kleinen Fische und die Wikilinks. Wer leckere Häppchen und Wörtchen dran tanzen lässt wie &quot;Struktur&quot;, &quot;Komplexität&quot;, &quot;Phasengliederung&quot;, &quot;soziokulturellen Aspekte&quot;, dem baumeln bald die fettesten Fische dran. Wer mit Worten ködert, wird Worte kriegen. So einfach ist das. <br />
:angeln:<br />
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Lesen muss dann die dann aber auch …</div>

]]></content:encoded>
			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Baut Wasserrutschen!</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/212-baut-wasserrutschen.html</link>
			<pubDate>Tue, 10 Nov 2009 12:15:53 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Die meisten Rätsel wollen gar keine sein, sondern sind einfach nur verschüttete, verlorene, schlecht konservierte Informationen. Im Gegensatz zum Mainstream heutiger Mystery-Thriller à la Dan Brown beantragen die Hüter alter Wissensschätze heute eher erfolglos Fördergelder bei Bildungsministerien, als dass sie ihre Tätigkeit als erfolgreichen Geheim-Nebenjob zum offiziellen Elitenstatus betreiben. Nichts würden sie lieber tun, als ihr verborgenes Wissen ans Tageslicht zu rücken. Aber dafür stehen nur begrenzte Budgets zur Verfügung.

Und Geheimnisse gibt es schon gar nicht. Der blinde Musiker Moondog sagte "oh, a secret is what no one knows". Wer hinter ein solches Geheimnis kommen möchte, hat es dann doch wieder vor sich stehen. Geheimnisse sind spröde, oft witzlos, und in der Regel der Fälle enttäuschend. Faszinierende Fragen haben dröge Antworten. Man wollte den Träger der berühmten Kalkrieser Reitermaske rekonstruieren, tolle Frage, wie sah der Mann hinter der Maske aus? Heraus kam ein häßlicher Kerl mit zerknautschter Visage. Das hat sich auch keiner erhofft.

Wir wollen gar keine Rätsel lösen, wir haben es lieber, wenn sich alles so darstellt, wie wir es erwünscht/erhofft haben. Die Wunschvorstellung soll es sein und nicht das bare Faktum. Seit wir gelernt haben, bunt zu träumen und unsere Vorstellungskraft zu vermarkten, passen sich die Rätsellösungen Zielgruppen und Trends an: das Gerüst des Bekannten schalt ein Bild ein, das Ähnlichkeit mit unserem Leben hat, weil wir das so sehen wollen. 

Als Gustave Flaubert "Salammbo" schrieb, wollte er dieser Erwartungshaltung mit einer Überdosis Fremdheit das Ende bereiten – sträflich hatte er die Aufnahmefähigkeit seiner Zuhörer unterschätzt. Historische Romane waren nicht neu: meistens langweilige Projektionen christlicher ("Quo Vadis", "Die letzten Tage von Pompeji") Tugenden ("Ivanhoe", "Ein Kampf um Rom"). "Salammbo" wurde erfolgreich und maßgeblich: wie oft in diesem Fall, versuchten dutzende anderer Authoren, das Vorbild nach Möglichkeit (z.B. durch den Einsatz vorbildlicher Charaktere und christlicher Ethik) zu unterbieten. Heute versucht Gisbert Haefs, die von Flaubert gesetzte Marke zu überspringen, aber dafür ist er zu dick (der Haefs).

Immerhin rückte durch Flaubert Karthago in ein Rampenlicht der Imagination und Mystifizierung, das es bis heute nicht verlassen hat – zumal im Heimatland Tunesien. Der ganze Stadtteil des Villenvororts Carthage zwischen Byrsa und Häfen heißt heute "Salammbo" (und zwei weitere Stationen der TGM-Bahn heißen "Hannibal" und "Hamilcar"). In der Umgebung von Tunis hat das sogenannte Tanith-Zeichen Einzug in die islamisch-folkloristische Bildsprache der Touristenkramverkäufer gefunden; neben den Fischen und Fatimahänden gibt es das fremdartige Damentoilettensymbol der Tanith in allen vorstellbaren Ausprägungen und Anwendungsformen. Und natürlich Elefanten: auf die stößt man überall, schließlich hat Hannibal … genau. 

Die kulturelle Bereicherung durch die Reanimation ausgestorbener Kulturen ist immens. Nichtsdestotrotz hat man angesichts der grünlichen Kunstharzelefanten vor der "Medina" der Hotelzone in Hammamet die Befürchtung, dass die Kultur eher einen Zombie-Status als eine tatsächliche Wiederbelebung bekommen hat; die Existenz und Ausschmückung es Wasserrutschenparks "Carthage Land" bestätigt die Befürchtung. Die Bereicherung beschränkt sich auf die fromale Sprache, nicht auf irgendwelche kulturellen Hintergründe und Sinnstrukturen. Selbst der übelste Kelten- und Druidenmumpitz hat hier mehr Bezug zur historischen Vorlage.

Und braucht man diesen Bezug überhaupt? in einem Souvenirshop wird ein nettes Buch angeboten, welches das Leben und Treiben der Karthager als bunt, hübsch und geordnet darstellt, mit freundlichen Händlern und sauberen Bibliotheken (http://livre.fnac.com/a1981025/Viviane-Bettaieb-Carthage-la-cite-d-Hannibal?PID=1). Gewissermaßen das kinderfreundliche Gegenprogramm zum bluttriefenden Karthago Flauberts (und, in gewisser Weise, auch Diodorus Siculus'). Natürlich ist in dem schönen Pop-Up Buch das Kapitel RELIGION so ausgeklammert wie es bei Flaubert ausgewalzt ist. Natürlich … das Kinderbuch hat pädagogische Ziele, wer möchte einem Kind (als potenziell Betroffenem einer Wiederbelebung gerade dieses Aspektes der Kultur) z. B. Kinderopfer nahe bringen? oder höllische Grausamkeit, Sklavenvernichtung in den Steinbrüchen, Hinrichtung am Kreuz, Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen und die hellenistischen Eskapaden (Agathokles' Version des "Stier des Phalaris" z. B., der von Diodoros Siculus dann zur karthagischen Opfermaschine weitergesponnen wird, offensichtlich hatte Diodor ein Ding damit laufen) … das muss man Kindern nicht unbedingt antun.

Damit stecken wir knietief im Problem "historische Rätsel für Zielgruppen". Die Rückkehr Karthagos auf der Wasserrutsche und das bunte Bilderbuch der netten Händler in Hannibals Stadt, das ganze Experimentieren mit den Überbleibseln Karthagos ist im Kontext des heutigen Tunesien allerdings eine Öffnung und ein Statement: ein Statement kultureller Autonomie angesichts jahrhunderte-, jahrtausendelanger Perioden der Kolonialisierung und Unterdrückung; eine Öffnung für neue, unkonventionelle Weltbilder in einer traditionell starr fixierten Kultursphäre. Auf einer Kosten/Nutzenrechnung ist das nicht nur ein monetärer Gewinn (nebenbei: man sollte nicht den kulturellen Wert von Wohlstand unterschätzen – wer die Kunst arm und hehren Idealen verbunden sehen möchte, hat meistens noch gut zu Mittag gegessen).

Wir haben vorhin festgestellt, dass die moderne populäre Perzeption Karthagos bunt, quietschig und verfälschend ist, aber man kann getrost antworten: das war die alte "fachliche" Perzeption auch. Vertiefung des Wissens und der Aufmerksamkeit erfordert Öffentlichkeit. Öffentlichkeit liebt es bunt, quietschig und zumindest einseitig. In der Zusammenwirkung wird dadurch ein retrospektiver Multikulturalismus, der sich auch in die Gegenwart weiter erstrecken kann (und natürlich in das Zusammenleben der Zukunft). Wenn sich angesichts der Kunstharzelefanten und der Wasserrutschen die Nackenhaare und Zehennägel der "ernsten" Wissenschaftler sträuben mögen, sollte man bedenken, dass Spass und Staunen in der Komödie dasselbe bewirken, was in der Tragödie durch Schrecken und Mitleid erzeugt wird: Lerneffekt, Konnotation, Sympathie. Als Vorbedingung für ernste Beschäftigung mit einem Thema ist das unerlässlich. Baut Wasserrutschen! Wer weiss, vielleicht wird eines der Kinder, die heute jauchzend im "Carthage Land" herumsausen, eines Tages in einem Forschungsprojekt das Leben im antiken Karthago in völlig neues Licht rücken. Oder in einem Vergabeausschuss für eine Unterstützung des Projekts stimmen.

Bild: http://www.geschichtsforum.de/members/mummius-picius-albums-bilder-aus-tunesien-picture1567-die-kunstharzelefanten-vor-der-medina.jpg 


Bild: http://www.geschichtsforum.de/members/mummius-picius-albums-bilder-aus-tunesien-picture1566-carthage-land-siehe-blog.jpg ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Die meisten Rätsel wollen gar keine sein, sondern sind einfach nur verschüttete, verlorene, schlecht konservierte Informationen. Im Gegensatz zum Mainstream heutiger Mystery-Thriller à la Dan Brown beantragen die Hüter alter Wissensschätze heute eher erfolglos Fördergelder bei Bildungsministerien, als dass sie ihre Tätigkeit als erfolgreichen Geheim-Nebenjob zum offiziellen Elitenstatus betreiben. Nichts würden sie lieber tun, als ihr verborgenes Wissen ans Tageslicht zu rücken. Aber dafür stehen nur begrenzte Budgets zur Verfügung.<br />
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Und Geheimnisse gibt es schon gar nicht. Der blinde Musiker Moondog sagte &quot;oh, a secret is what no one knows&quot;. Wer hinter ein solches Geheimnis kommen möchte, hat es dann doch wieder vor sich stehen. Geheimnisse sind spröde, oft witzlos, und in der Regel der Fälle enttäuschend. Faszinierende Fragen haben dröge Antworten. Man wollte den Träger der berühmten Kalkrieser Reitermaske rekonstruieren, tolle Frage, wie sah der Mann hinter der Maske aus? Heraus kam ein häßlicher Kerl mit zerknautschter Visage. Das hat sich auch keiner erhofft.<br />
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Wir wollen gar keine Rätsel lösen, wir haben es lieber, wenn sich alles so darstellt, wie wir es erwünscht/erhofft haben. Die Wunschvorstellung soll es sein und nicht das bare Faktum. Seit wir gelernt haben, bunt zu träumen und unsere Vorstellungskraft zu vermarkten, passen sich die Rätsellösungen Zielgruppen und Trends an: das Gerüst des Bekannten schalt ein Bild ein, das Ähnlichkeit mit unserem Leben hat, weil wir das so sehen wollen. <br />
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Als Gustave Flaubert &quot;Salammbo&quot; schrieb, wollte er dieser Erwartungshaltung mit einer Überdosis Fremdheit das Ende bereiten – sträflich hatte er die Aufnahmefähigkeit seiner Zuhörer unterschätzt. Historische Romane waren nicht neu: meistens langweilige Projektionen christlicher (&quot;Quo Vadis&quot;, &quot;Die letzten Tage von Pompeji&quot;) Tugenden (&quot;Ivanhoe&quot;, &quot;Ein Kampf um Rom&quot;). &quot;Salammbo&quot; wurde erfolgreich und maßgeblich: wie oft in diesem Fall, versuchten dutzende anderer Authoren, das Vorbild nach Möglichkeit (z.B. durch den Einsatz vorbildlicher Charaktere und christlicher Ethik) zu unterbieten. Heute versucht Gisbert Haefs, die von Flaubert gesetzte Marke zu überspringen, aber dafür ist er zu dick (der Haefs).<br />
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Immerhin rückte durch Flaubert Karthago in ein Rampenlicht der Imagination und Mystifizierung, das es bis heute nicht verlassen hat – zumal im Heimatland Tunesien. Der ganze Stadtteil des Villenvororts Carthage zwischen Byrsa und Häfen heißt heute &quot;Salammbo&quot; (und zwei weitere Stationen der TGM-Bahn heißen &quot;Hannibal&quot; und &quot;Hamilcar&quot;). In der Umgebung von Tunis hat das sogenannte Tanith-Zeichen Einzug in die islamisch-folkloristische Bildsprache der Touristenkramverkäufer gefunden; neben den Fischen und Fatimahänden gibt es das fremdartige Damentoilettensymbol der Tanith in allen vorstellbaren Ausprägungen und Anwendungsformen. Und natürlich Elefanten: auf die stößt man überall, schließlich hat Hannibal … genau. <br />
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Die kulturelle Bereicherung durch die Reanimation ausgestorbener Kulturen ist immens. Nichtsdestotrotz hat man angesichts der grünlichen Kunstharzelefanten vor der &quot;Medina&quot; der Hotelzone in Hammamet die Befürchtung, dass die Kultur eher einen Zombie-Status als eine tatsächliche Wiederbelebung bekommen hat; die Existenz und Ausschmückung es Wasserrutschenparks &quot;Carthage Land&quot; bestätigt die Befürchtung. Die Bereicherung beschränkt sich auf die fromale Sprache, nicht auf irgendwelche kulturellen Hintergründe und Sinnstrukturen. Selbst der übelste Kelten- und Druidenmumpitz hat hier mehr Bezug zur historischen Vorlage.<br />
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Und braucht man diesen Bezug überhaupt? in einem Souvenirshop wird ein nettes Buch angeboten, welches das Leben und Treiben der Karthager als bunt, hübsch und geordnet darstellt, mit freundlichen Händlern und sauberen Bibliotheken (<a href="http://livre.fnac.com/a1981025/Viviane-Bettaieb-Carthage-la-cite-d-Hannibal?PID=1" target="_blank">http://livre.fnac.com/a1981025/Vivia...Hannibal?PID=1</a>). Gewissermaßen das kinderfreundliche Gegenprogramm zum bluttriefenden Karthago Flauberts (und, in gewisser Weise, auch Diodorus Siculus'). Natürlich ist in dem schönen Pop-Up Buch das Kapitel RELIGION so ausgeklammert wie es bei Flaubert ausgewalzt ist. Natürlich … das Kinderbuch hat pädagogische Ziele, wer möchte einem Kind (als potenziell Betroffenem einer Wiederbelebung gerade dieses Aspektes der Kultur) z. B. Kinderopfer nahe bringen? oder höllische Grausamkeit, Sklavenvernichtung in den Steinbrüchen, Hinrichtung am Kreuz, Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen und die hellenistischen Eskapaden (Agathokles' Version des &quot;Stier des Phalaris&quot; z. B., der von Diodoros Siculus dann zur karthagischen Opfermaschine weitergesponnen wird, offensichtlich hatte Diodor ein Ding damit laufen) … das muss man Kindern nicht unbedingt antun.<br />
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Damit stecken wir knietief im Problem &quot;historische Rätsel für Zielgruppen&quot;. Die Rückkehr Karthagos auf der Wasserrutsche und das bunte Bilderbuch der netten Händler in Hannibals Stadt, das ganze Experimentieren mit den Überbleibseln Karthagos ist im Kontext des heutigen Tunesien allerdings eine Öffnung und ein Statement: ein Statement kultureller Autonomie angesichts jahrhunderte-, jahrtausendelanger Perioden der Kolonialisierung und Unterdrückung; eine Öffnung für neue, unkonventionelle Weltbilder in einer traditionell starr fixierten Kultursphäre. Auf einer Kosten/Nutzenrechnung ist das nicht nur ein monetärer Gewinn (nebenbei: man sollte nicht den kulturellen Wert von Wohlstand unterschätzen – wer die Kunst arm und hehren Idealen verbunden sehen möchte, hat meistens noch gut zu Mittag gegessen).<br />
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Wir haben vorhin festgestellt, dass die moderne populäre Perzeption Karthagos bunt, quietschig und verfälschend ist, aber man kann getrost antworten: das war die alte &quot;fachliche&quot; Perzeption auch. Vertiefung des Wissens und der Aufmerksamkeit erfordert Öffentlichkeit. Öffentlichkeit liebt es bunt, quietschig und zumindest einseitig. In der Zusammenwirkung wird dadurch ein retrospektiver Multikulturalismus, der sich auch in die Gegenwart weiter erstrecken kann (und natürlich in das Zusammenleben der Zukunft). Wenn sich angesichts der Kunstharzelefanten und der Wasserrutschen die Nackenhaare und Zehennägel der &quot;ernsten&quot; Wissenschaftler sträuben mögen, sollte man bedenken, dass Spass und Staunen in der Komödie dasselbe bewirken, was in der Tragödie durch Schrecken und Mitleid erzeugt wird: Lerneffekt, Konnotation, Sympathie. Als Vorbedingung für ernste Beschäftigung mit einem Thema ist das unerlässlich. Baut Wasserrutschen! Wer weiss, vielleicht wird eines der Kinder, die heute jauchzend im &quot;Carthage Land&quot; herumsausen, eines Tages in einem Forschungsprojekt das Leben im antiken Karthago in völlig neues Licht rücken. Oder in einem Vergabeausschuss für eine Unterstützung des Projekts stimmen.<br />
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<img src="http://www.geschichtsforum.de/members/mummius-picius-albums-bilder-aus-tunesien-picture1567-die-kunstharzelefanten-vor-der-medina.jpg" border="0" alt="" /><br />
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			<title>Gruppenausflüge nach Karthago</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/211-gruppenausfl-ge-nach-karthago.html</link>
			<pubDate>Wed, 04 Nov 2009 10:22:57 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA["Rom und Karthago führten drei Kriege" … in den frühsten Jugenderinnerungen kleben wie Tapetenreste Bilder und Sätze von Geschichte büffelnden älteren Brüdern, Sammelbilderalben "Weltgeschichte" und die erste Erwähnung von Elefanten. Rom kannte ich. Die Saalburg war Ausflugsziel, Timpo-Figuren in Tonnenrüstung, mit schreiendem Mund, zum Reitersitz gegrätschten Beinen, "Asterix", "Sandalenfilme" – das war Rom. 
Karthago und Rom führten drei Kriege, alle drei verlor Karthago, im kindlichen Geschichtsbewusstsein verband sich damit die Konsequenz, dass demnächst auch ein dritter Weltkrieg anstünde, der natürlich verloren gehen müsse wie die ersten zwei. Dass der dritte Krieg nicht nur Niederlage, sondern Vernichtung mit sich bringen werde: diese Ansicht teilten viele Menschen in den Siebzigerjahren.

Karthago als Datum, Karthagho als Analogie, auch als Mysterium und Projektionsfläche. Der Informationsüberfluss zu Rom erzeugte einen Informationshunger nach Karthago, doch da gab es wenig und meistens nur enttäuschendes. Das eindrucksvollste war die fast überall präsente Karte mit den Städten, Inseln und Küsten, die Karthago zugehörten. Im Älterwerden konkretisierte sich das Bild, allerdings ungenügend im Vergleich zur Bilderflut seitens Griechenlands, Roms, Ägyptens. Zu den Daten und Beschreibungen aus Büchern z. B. von Huss und Moscati gesellte sich dann mit Gustave Flauberts "Salammbo" ein literarisches Trip-Erlebnis. Sowas gehört zum Erwachsenwerden. 

Zum Erwachsensein gehört es, mit Kindheitsträumen verantwortlich und liebevoll umzugehen. Es ist auch nicht einfach, letztlich einen Ort zu besuchen, an dem man in seiner Vorstellung schon Stunden und Tage und Wochen vebracht hat. Der Pauschalausflugsanbieter unserer Pauschalreise nach Hammamet (Hotelzone) dieses Jahr bot "Tunis, Carthage, Sidi Bou Said" als Tagesausflug, was inetwa räumlich und ideell "Frankfurter Zeil, Saalburg, Rüdesheimer Drosselgasse" entsprechen könnte. Zur großen angenehmen Überraschung enthielt das Paket auch eine kurze Tour durch das große, sehr schöne und staubige Bardo-Museum; ansonsten war das Programm klar: mach Fotos (Sidi Bou Said), guck Steine (Carthage) und kauf Stuss (Tunis). 

Der Himmel war bewölkt, mir war schlecht vom Busfahren, sämtliche Orientierung verloren auf tunesischen Autobahnen und Umgehungsstrassen, Wahlplakate des Machthabers und -behalters überall, beduselt von der staubigen Mosaikpracht des Bardo und der Postkartenidylle von Sidi Bou Said kamen wir nach Karthago, wo uns der Reiseleiter an der Byrsa raus liess; der Rest der Exkursion besah sich die Antoninus-Pius-Thermen (mir stehen Thermen bis HIER, war schon in Xanten, Rom und Trier - krudeste aller kruden Abfertigungstouren für Touristen: ihr wollt Säulen sehen? Hier sind Säulen!).

… und dann stehen wir auf dem Byrsa-Hügel.

… und dann

… und dann fällt alles an seinen Platz, als hätte man die Puzzleteile hochgeworfen und herunter kam das zusammengesetzte Bild.

Auf einmal stimmen wieder Norden, Süden, Osten, Westen; auf einmal blicke ich aufs Meer, die Berge haben ihre charakteristische Form, die Küste auch; dort unten wuchs sie zusammen, wo der Damm Scipios die Häfen vom Meer abschnitt; die Teiche zwischen den Villen, das sind die Häfen. An Stelle der scheußlichen Kirche hier stand der Eschmun-Tempel, später das Capitol der Römer; dort wanden sich enge Straßen zu den Häfen hinunter. Und dort steht schon wieder der Bus, der uns auf der Rückreise aufsammelt. Im Schweinsgalopp des Pauschalausflugs sind 45 Minuten sehr schnell aufgebraucht. 

Drei Tage später sind wir wieder da, auf eigene Faust diesmal, mit Taxi, den "Louages" genannten Fern-Shuttles und der TGM-S-Bahn war das günstig und gar nicht kompliziert. Wir haben viel Zeit zum Sehen und Herumgehen. 

Die Bahnstation liegt zwischen funkelnden kleinen Villen, Bäume, Gärten, lachende Schülerinnen und Schüler überall. Wo sind wir?

Der Blick öffnet sich plötzlich auf eine Wasserfläche. Und wieder stellt sich das wunderbare Gefühl des "Wiedersehens eines unbekannten Ortes" ein. 

Die Teiche zwischen den Villen – die Häfen – sind aus der Nähe betrachtet richtig groß, zumal der Kriegshafen ist ein Rund von enormem Durchmesser. Die Insel in der Mitte des Hafens ist heute eine Halbinsel, archäologischer Park, mit einem Wächter, der schier außer sich vor Freude ist, Besucher zu bekommen. Das Modell des punischen Hafens im kleinen Aufsichtshäuschen kenne ich noch aus der "Hannibal ad portas" Ausstellung. Nicht weit vom Hafen liegt der Tophet, die geheimnisvolle Begräbnisstätte der Kinderopfer für Baal Hammon und Tanith. Hier hält ein Haufen Wichtigtuer Wacht, die herumschreien und mit viel Getue eine weitere Eintrittskarte aus uns rausleiern. Der Tophet bleibt fremd: weder lässt sich aus der Anlage eine Gebäudestruktur erkennen, noch stehen irgendwo Informationen zur Verfügung. Die groben Stelen, die in enger Formation das Terrain bestimmen, sprechen keine allgemein verständliche Sprache: hier geht es nur um die Weihenden, das Opfer und den Gott. 

Byrsa revisited: auch ein staubiges kleines Museum im ehemaligen Kloster der "weißen Väter". Aus den Rekonstruktionen nach den Grabungen lässt sich schnell erkennen: hier stand zu punischen Zeiten kein "karthagischer Parthenon" oder "punisches Kapitol", viel zu nahe an die Hügelkuppe führen die verschachtelten Häuser Karthagos. Jetzt ist es offensichtlich: religiöse Bauten waren in Karthago nicht zu Repräsentationszwecken angelegt. Die Chancen stehen gut, dass das Heiligtum des Eschmun auf der Höhe der Byrsa von den umgebenden Wohnblocks überragt wurde. Das "Mago-Viertel" am Ufer des Mittelmeeres, quer durch die Stadt gewissermaßen, ist ein sauberes Parkgelände von den Dimensionen etwa einer Villa, ein deutsches Team hat hier gegraben und die Baugeschichte – den Umbau einer alten punischen Seemauer mit Seetor hin zu einer geschlossenen hellenistischen Quadermauer, ein anschließendes Handwerkerviertel, das auch in römischer Zeit ein solches blieb – vorbildlich dokumentiert. Von hier ist es nicht mehr weit zu den Ruinen der römischen Villen im Stadtteil "Megara", wo Flaubert den Palast des Hamilkar Barkas platziert: elegante Stadthäuser, wie man sie aus Pompeji kennt, mit  herrlichem Blick auf das Meer, rüber zur Byrsa, auf die Berge. Schräg gegenüber den Ruinen liegt der Palast des heutigen Autokraten. 

Nach diesem Tag bin ich augen- und seelensatt, dankbar, abgelatscht, halbtotfotografiert und müde geschwatzt, melancholisch auch. Meine Frau war eine gute Zuhörerin und ließ sich vollreden; als Souvenir kauften wir ein buntes Tuch. 

An diesem Tag war ich allein eine ganze Reisegruppe: das von einem Namen faszinierte Kind, der schwärmerische Jugendliche, die Leser von Flaubert, Huss, Moscati und anderer Bücher, der Spieler von "Rome", das Mitglied der "Flavii" und yours truly, Mummius Picius. Soviele von mir werden wahrscheinlich keinen anderen Ort der Welt mehr sehen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>&quot;Rom und Karthago führten drei Kriege&quot; … in den frühsten Jugenderinnerungen kleben wie Tapetenreste Bilder und Sätze von Geschichte büffelnden älteren Brüdern, Sammelbilderalben &quot;Weltgeschichte&quot; und die erste Erwähnung von Elefanten. Rom kannte ich. Die Saalburg war Ausflugsziel, Timpo-Figuren in Tonnenrüstung, mit schreiendem Mund, zum Reitersitz gegrätschten Beinen, &quot;Asterix&quot;, &quot;Sandalenfilme&quot; – das war Rom. <br />
Karthago und Rom führten drei Kriege, alle drei verlor Karthago, im kindlichen Geschichtsbewusstsein verband sich damit die Konsequenz, dass demnächst auch ein dritter Weltkrieg anstünde, der natürlich verloren gehen müsse wie die ersten zwei. Dass der dritte Krieg nicht nur Niederlage, sondern Vernichtung mit sich bringen werde: diese Ansicht teilten viele Menschen in den Siebzigerjahren.<br />
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Karthago als Datum, Karthagho als Analogie, auch als Mysterium und Projektionsfläche. Der Informationsüberfluss zu Rom erzeugte einen Informationshunger nach Karthago, doch da gab es wenig und meistens nur enttäuschendes. Das eindrucksvollste war die fast überall präsente Karte mit den Städten, Inseln und Küsten, die Karthago zugehörten. Im Älterwerden konkretisierte sich das Bild, allerdings ungenügend im Vergleich zur Bilderflut seitens Griechenlands, Roms, Ägyptens. Zu den Daten und Beschreibungen aus Büchern z. B. von Huss und Moscati gesellte sich dann mit Gustave Flauberts &quot;Salammbo&quot; ein literarisches Trip-Erlebnis. Sowas gehört zum Erwachsenwerden. <br />
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Zum Erwachsensein gehört es, mit Kindheitsträumen verantwortlich und liebevoll umzugehen. Es ist auch nicht einfach, letztlich einen Ort zu besuchen, an dem man in seiner Vorstellung schon Stunden und Tage und Wochen vebracht hat. Der Pauschalausflugsanbieter unserer Pauschalreise nach Hammamet (Hotelzone) dieses Jahr bot &quot;Tunis, Carthage, Sidi Bou Said&quot; als Tagesausflug, was inetwa räumlich und ideell &quot;Frankfurter Zeil, Saalburg, Rüdesheimer Drosselgasse&quot; entsprechen könnte. Zur großen angenehmen Überraschung enthielt das Paket auch eine kurze Tour durch das große, sehr schöne und staubige Bardo-Museum; ansonsten war das Programm klar: <i>mach Fotos</i> (Sidi Bou Said), <i>guck Steine</i> (Carthage) und <i>kauf Stuss</i> (Tunis). <br />
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Der Himmel war bewölkt, mir war schlecht vom Busfahren, sämtliche Orientierung verloren auf tunesischen Autobahnen und Umgehungsstrassen, Wahlplakate des Machthabers und -behalters überall, beduselt von der staubigen Mosaikpracht des Bardo und der Postkartenidylle von Sidi Bou Said kamen wir nach Karthago, wo uns der Reiseleiter an der Byrsa raus liess; der Rest der Exkursion besah sich die Antoninus-Pius-Thermen (mir stehen Thermen bis HIER, war schon in Xanten, Rom und Trier - krudeste aller kruden Abfertigungstouren für Touristen: ihr wollt Säulen sehen? Hier sind Säulen!).<br />
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… und dann stehen wir auf dem Byrsa-Hügel.<br />
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… und dann<br />
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… und dann fällt alles an seinen Platz, als hätte man die Puzzleteile hochgeworfen und herunter kam das zusammengesetzte Bild.<br />
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Auf einmal stimmen wieder Norden, Süden, Osten, Westen; auf einmal blicke ich aufs Meer, die Berge haben ihre charakteristische Form, die Küste auch; dort unten wuchs sie zusammen, wo der Damm Scipios die Häfen vom Meer abschnitt; die Teiche zwischen den Villen, das sind die Häfen. An Stelle der scheußlichen Kirche hier stand der Eschmun-Tempel, später das Capitol der Römer; dort wanden sich enge Straßen zu den Häfen hinunter. Und dort steht schon wieder der Bus, der uns auf der Rückreise aufsammelt. Im Schweinsgalopp des Pauschalausflugs sind 45 Minuten sehr schnell aufgebraucht. <br />
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Drei Tage später sind wir wieder da, auf eigene Faust diesmal, mit Taxi, den &quot;Louages&quot; genannten Fern-Shuttles und der TGM-S-Bahn war das günstig und gar nicht kompliziert. Wir haben viel Zeit zum Sehen und Herumgehen. <br />
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Die Bahnstation liegt zwischen funkelnden kleinen Villen, Bäume, Gärten, lachende Schülerinnen und Schüler überall. Wo sind wir?<br />
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Der Blick öffnet sich plötzlich auf eine Wasserfläche. Und wieder stellt sich das wunderbare Gefühl des &quot;Wiedersehens eines unbekannten Ortes&quot; ein. <br />
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Die Teiche zwischen den Villen – die Häfen – sind aus der Nähe betrachtet richtig groß, zumal der Kriegshafen ist ein Rund von enormem Durchmesser. Die Insel in der Mitte des Hafens ist heute eine Halbinsel, archäologischer Park, mit einem Wächter, der schier außer sich vor Freude ist, Besucher zu bekommen. Das Modell des punischen Hafens im kleinen Aufsichtshäuschen kenne ich noch aus der &quot;Hannibal ad portas&quot; Ausstellung. Nicht weit vom Hafen liegt der Tophet, die geheimnisvolle Begräbnisstätte der Kinderopfer für Baal Hammon und Tanith. Hier hält ein Haufen Wichtigtuer Wacht, die herumschreien und mit viel Getue eine weitere Eintrittskarte aus uns rausleiern. Der Tophet bleibt fremd: weder lässt sich aus der Anlage eine Gebäudestruktur erkennen, noch stehen irgendwo Informationen zur Verfügung. Die groben Stelen, die in enger Formation das Terrain bestimmen, sprechen keine allgemein verständliche Sprache: hier geht es nur um die Weihenden, das Opfer und den Gott. <br />
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Byrsa revisited: auch ein staubiges kleines Museum im ehemaligen Kloster der &quot;weißen Väter&quot;. Aus den Rekonstruktionen nach den Grabungen lässt sich schnell erkennen: hier stand zu punischen Zeiten kein &quot;karthagischer Parthenon&quot; oder &quot;punisches Kapitol&quot;, viel zu nahe an die Hügelkuppe führen die verschachtelten Häuser Karthagos. Jetzt ist es offensichtlich: religiöse Bauten waren in Karthago nicht zu Repräsentationszwecken angelegt. Die Chancen stehen gut, dass das Heiligtum des Eschmun auf der Höhe der Byrsa von den umgebenden Wohnblocks überragt wurde. Das &quot;Mago-Viertel&quot; am Ufer des Mittelmeeres, quer durch die Stadt gewissermaßen, ist ein sauberes Parkgelände von den Dimensionen etwa einer Villa, ein deutsches Team hat hier gegraben und die Baugeschichte – den Umbau einer alten punischen Seemauer mit Seetor hin zu einer geschlossenen hellenistischen Quadermauer, ein anschließendes Handwerkerviertel, das auch in römischer Zeit ein solches blieb – vorbildlich dokumentiert. Von hier ist es nicht mehr weit zu den Ruinen der römischen Villen im Stadtteil &quot;Megara&quot;, wo Flaubert den Palast des Hamilkar Barkas platziert: elegante Stadthäuser, wie man sie aus Pompeji kennt, mit  herrlichem Blick auf das Meer, rüber zur Byrsa, auf die Berge. Schräg gegenüber den Ruinen liegt der Palast des heutigen Autokraten. <br />
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Nach diesem Tag bin ich augen- und seelensatt, dankbar, abgelatscht, halbtotfotografiert und müde geschwatzt, melancholisch auch. Meine Frau war eine gute Zuhörerin und ließ sich vollreden; als Souvenir kauften wir ein buntes Tuch. <br />
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An diesem Tag war ich allein eine ganze Reisegruppe: das von einem Namen faszinierte Kind, der schwärmerische Jugendliche, die Leser von Flaubert, Huss, Moscati und anderer Bücher, der Spieler von &quot;Rome&quot;, das Mitglied der &quot;Flavii&quot; und yours truly, Mummius Picius. Soviele von mir werden wahrscheinlich keinen anderen Ort der Welt mehr sehen.</div>

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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Marcus Caelius, Tod in der Varusausschlachtung</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/195-marcus-caelius-tod-der-varusausschlachtung.html</link>
			<pubDate>Tue, 22 Sep 2009 07:42:30 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Markengeprägte Realität (schon wieder?). Nein, eher "immer noch". Oder "immer mehr". Anlass gibt mal wieder der gute alte Varus, mit seinem ohnehin einprägsamen Namen (wenn man mal von der Quinctilius-Quintilius-Frage absieht) eindeutig der Gewinner über den Arminius, den niemand mehr Hermann nennen mag, weil überhaupt niemand mehr Hermann heisst oder heissen sollte. Das Varusjahr nähert sich dem Ende, ab dem 25. Oktober werden die Ausstellungen geschlossen, die Parks winterfest gemacht und das Rumpf-Schiff "Victoria" aufgebockt. Zurück bleiben einige Stunden Fernsehdokumentationen, dutzende wieder an ihre Plätze zurückgekehrte Exponate, mehrere Hunderttausend Besuchereindrücke und ein Unentschieden in der Verlängerung: keiner der Konflikte wurde hundertprozentig aufgelöst. 

Konflikt eins: War jetzt Kalkriese der Schauplatz der Schlacht oder nicht? Ernsthafte Konkurrenz gibt es keine, aber das Schlachtfeld von Kalkriese gibt weiter Rätsel auf. Warum auch nicht? Rätsel sorgen wenigstens für Beschäftigung, und nach 2000 Jahren hat man noch ein wenig Zeit.

Konflikt zwei: Wie sieht es denn aus mit der Spätwirkung? da wollen welche mit der Niederlage des Varus einer verpassten Romanisierung nachweinen, als gäbe es ohne sie die Pizza billiger, andere schaffen es nicht, einen Hermann auf neu-deutschnationale Schultern zu wuchten – dafür sind die Schultern zu schwach und der alte Germane zu dubios. Auch hier ein unentschieden – mehr, weil das Publikum von der Show angeödet davonlief, als weil eine der Parteien den Sieg (oder die Niederlage) für sich verbuchen konnte.

Wahrscheinlich, weil man dem "Imperium-Konflikt-Mythos" nicht noch eins draufsetzen konnte, hat das formidable und absolut sehenswerte neue Museum in Xanten eine eigene Ausstellung mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn gemacht – über den nächst Varus selbst wohl berühmtesten Toten der Schlacht, den Centurio Marcus Caelius, dessen Grabstein 15?? in Xanten gefunden wurde. 

Die Ausstellung ist gut, fundiert, schön aufbereitet und durchaus angemessen für einen der schönsten und aussagekräftigsten Grabsteine der römischen Antike. Der Stein, an dem man (vielleicht einer der Kalkrieser Ausgräber?) später die Gebeine des Marcus und seiner beiden Freigelassenen begraben soll, wird in der Ausstellung nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen: und das ist wörtlich zu verstehen, denn jedes gestalterische Element des Grabmals wird vorgestellt, analysiert, mit Vergleichsobjekten versehen und erläutert. Das ist anschaulich und lehrreich. 

War das der Anlass, ein Ausstellungsplakat zu gestalten, das aussieht wie der Einband eines Robert-Harris-Historienschinkens? Sinn- und zweckenthoben dominiert ein rotes "C" die Mitte des Plakats; hat das was mit "100" zu tun (in Analogie zu Frank Millers "300"), ist es einfach nur das Monogramm des Toten (das wäre aber MC und stünde irgendwie dem Motorsport nahe) oder ist es einfach nur das "hohe C", das wir in der einen wie der anderen Form durch die Kehle rinnen lassen? Es erinnert an "M", eine Stadt sucht einen Mörder, Deutschland sucht das Varusschlachtfeld, aber weder ist die Jury so illuster besetzt noch lassen sich die Ausgeschlossenen so einfach vom Platz stellen, nein, sie mosern weiterhin am Rande. 

Darüber hinaus: warum ist der Stein so dramatisch von unten beleuchtet, als wäre der Centurio ein Nosferatu, der gleich aus seinem wahrscheinlich Kalkrieser Knochengrubengrab steigen würde? Hier hascht ein Gestalter Effekte. Die Ausstellung hat nichts gruftig-unheimliches an sich. Man kann viel drin lernen, aber nicht das Fürchten. Aber mit der Ansprache "komm her, schau hin, du kannst etwas lernen" kann man heute Kinder jeder Altersgruppe effizient verjagen. Da muss Reisserischeres her. Über Tote nur gutes heisst es, müssen es denn so banale Plakate sein?

Und nicht zuletzt: *sichtbar muss es sein.* Offensichtlich zog die Ausstellung in Xanten nicht genügend Leute, nun wurde auch der Bahnhof in Köln damit plakatiert, und zwar am Boden. Bodenplakatierung war einmal ein Werbegag; vor ein paar Wochen noch plakatierte die Bahn in eigener Sache den Boden mit verstreuten Klamotten und einer Nachtbrille. Die Bodenplakate für den toten Marcus Caelius sind einfach nur in der Dimension verrutscht; hier wird im Wortsinn der letzte Rest der Welt mit Werbung zugeklebt. Das ist aufdringlich, obszön und demzufolge ärgerlich, und ich alter Miesnickel habe wieder einen Grund, mich aufzuplustern. Schon deshalb sollte man so eine Schaltungsform (das ist der offizielle Ausdruck der Medienwelt für eine Art der Plakatierung) nicht wählen, denn zum einen ist das Plakat am Fussboden, zum anderen ist auch ein aufgeplusterter T. Mummius P. kein schöner Anblick.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Markengeprägte Realität (schon wieder?). Nein, eher &quot;immer noch&quot;. Oder &quot;immer mehr&quot;. Anlass gibt mal wieder der gute alte Varus, mit seinem ohnehin einprägsamen Namen (wenn man mal von der Quinctilius-Quintilius-Frage absieht) eindeutig der Gewinner über den Arminius, den niemand mehr Hermann nennen mag, weil überhaupt niemand mehr Hermann heisst oder heissen sollte. Das Varusjahr nähert sich dem Ende, ab dem 25. Oktober werden die Ausstellungen geschlossen, die Parks winterfest gemacht und das Rumpf-Schiff &quot;Victoria&quot; aufgebockt. Zurück bleiben einige Stunden Fernsehdokumentationen, dutzende wieder an ihre Plätze zurückgekehrte Exponate, mehrere Hunderttausend Besuchereindrücke und ein Unentschieden in der Verlängerung: keiner der Konflikte wurde hundertprozentig aufgelöst. <br />
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Konflikt eins: War jetzt Kalkriese der Schauplatz der Schlacht oder nicht? Ernsthafte Konkurrenz gibt es keine, aber das Schlachtfeld von Kalkriese gibt weiter Rätsel auf. Warum auch nicht? Rätsel sorgen wenigstens für Beschäftigung, und nach 2000 Jahren hat man noch ein wenig Zeit.<br />
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Konflikt zwei: Wie sieht es denn aus mit der Spätwirkung? da wollen welche mit der Niederlage des Varus einer verpassten Romanisierung nachweinen, als gäbe es ohne sie die Pizza billiger, andere schaffen es nicht, einen Hermann auf neu-deutschnationale Schultern zu wuchten – dafür sind die Schultern zu schwach und der alte Germane zu dubios. Auch hier ein unentschieden – mehr, weil das Publikum von der Show angeödet davonlief, als weil eine der Parteien den Sieg (oder die Niederlage) für sich verbuchen konnte.<br />
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Wahrscheinlich, weil man dem &quot;Imperium-Konflikt-Mythos&quot; nicht noch eins draufsetzen konnte, hat das formidable und absolut sehenswerte neue Museum in Xanten eine eigene Ausstellung mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn gemacht – über den nächst Varus selbst wohl berühmtesten Toten der Schlacht, den Centurio Marcus Caelius, dessen Grabstein 15?? in Xanten gefunden wurde. <br />
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Die Ausstellung ist gut, fundiert, schön aufbereitet und durchaus angemessen für einen der schönsten und aussagekräftigsten Grabsteine der römischen Antike. Der Stein, an dem man (vielleicht einer der Kalkrieser Ausgräber?) später die Gebeine des Marcus und seiner beiden Freigelassenen begraben soll, wird in der Ausstellung nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen: und das ist wörtlich zu verstehen, denn jedes gestalterische Element des Grabmals wird vorgestellt, analysiert, mit Vergleichsobjekten versehen und erläutert. Das ist anschaulich und lehrreich. <br />
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<i>War das der Anlass, ein Ausstellungsplakat zu gestalten, das aussieht wie der Einband eines Robert-Harris-Historienschinkens?</i> Sinn- und zweckenthoben dominiert ein rotes &quot;C&quot; die Mitte des Plakats; hat das was mit &quot;100&quot; zu tun (in Analogie zu Frank Millers &quot;300&quot;), ist es einfach nur das Monogramm des Toten (das wäre aber MC und stünde irgendwie dem Motorsport nahe) oder ist es einfach nur das &quot;hohe C&quot;, das wir in der einen wie der anderen Form durch die Kehle rinnen lassen? Es erinnert an &quot;M&quot;, eine Stadt sucht einen Mörder, Deutschland sucht das Varusschlachtfeld, aber weder ist die Jury so illuster besetzt noch lassen sich die Ausgeschlossenen so einfach vom Platz stellen, nein, sie mosern weiterhin am Rande. <br />
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Darüber hinaus: warum ist der Stein so dramatisch von unten beleuchtet, als wäre der Centurio ein Nosferatu, der gleich aus seinem wahrscheinlich Kalkrieser Knochengrubengrab steigen würde? Hier hascht ein Gestalter Effekte. Die Ausstellung hat nichts gruftig-unheimliches an sich. Man kann viel drin lernen, aber nicht das Fürchten. Aber mit der Ansprache &quot;komm her, schau hin, du kannst etwas lernen&quot; kann man heute Kinder jeder Altersgruppe effizient verjagen. Da muss Reisserischeres her. Über Tote nur gutes heisst es, müssen es denn so banale Plakate sein?<br />
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Und nicht zuletzt: <b>sichtbar muss es sein.</b> Offensichtlich zog die Ausstellung in Xanten nicht genügend Leute, nun wurde auch der Bahnhof in Köln damit plakatiert, und zwar am Boden. Bodenplakatierung war einmal ein Werbegag; vor ein paar Wochen noch plakatierte die Bahn in eigener Sache den Boden mit verstreuten Klamotten und einer Nachtbrille. Die Bodenplakate für den toten Marcus Caelius sind einfach nur in der Dimension verrutscht; hier wird im Wortsinn der letzte Rest der Welt mit Werbung zugeklebt. Das ist aufdringlich, obszön und demzufolge ärgerlich, und ich alter Miesnickel habe wieder einen Grund, mich aufzuplustern. Schon deshalb sollte man so eine Schaltungsform (das ist der offizielle Ausdruck der Medienwelt für eine Art der Plakatierung) nicht wählen, denn zum einen ist das Plakat am Fussboden, zum anderen ist auch ein aufgeplusterter T. Mummius P. kein schöner Anblick.</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Ach, Kunst …</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/181-ach-kunst.html</link>
			<pubDate>Wed, 26 Aug 2009 10:40:23 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Wer bislang glaubte, das Dilemma bei der Historiendarstellung ginge nur um Authentizität, Darstellungsvermögen und Didaktik, irrt. Es ist ja nicht so, als ob die Leute ins Museum oder aufs Museum kämen, um ihren Horizont zu erweitern, um sich etwas interessantes anzusehen oder auch um zu lernen – in erster Linie wollen sie unterhalten werden.
Wollen sie oder sollen sie? Nehmen wir mal an, sie wollen. Das schiebt den aktiven Part der Belustigung den Darstellungsgruppen zu. Ihre Darstellung muss so unterhaltsam – aber auch lehrreich – sein, wie es gerade eben geht, ohne die Messlatte der Authentizität zu zerbrechen (ein bisschen biegen darf sie sich). Man darf z. B. als Handwerker nicht einfach nur rumsitzen und handwerken, man muss den Leuten erklären, was man tut – sonst fühlen sich Erziehungsberechtigte und Halbgebildete bemüßigt, in diese Rolle zu springen, und man hat seine liebe Mühe den gut gemeinten Unsinn wieder aus den Köpfen zu kriegen. Mittlerweile hat sich das ganz gut durchgesetzt; wenn irgendwo stumme Fische vor sich hin bosseln, ist meistens ein redender Fisch dabei, der dem staunenden Publikum die ganze Chose vermittelt.

Soll das Publikum unterhalten werden? Gut, dann engagiert man Gruppen mit besonderem Unterhaltungswert, oder macht bestimmte Aktionen. Immer wieder gern gesehen ist die Modenschau, die den Stolz des Historiendarstellers auch bei maximalem Maulfaulsein befriedigt. Auh gut ist die militärische Übung – meistens schreit dabei nur der, der es sonst auch immer tut (mit dem großen Büschel auf dem Helm) und den man auch sonst kaum still kriegt. Prunk und Pracht der Ausrüstung verbinden sich mit der Choreografie des Drills zu einem scheppernden, funkelnden Gerassel von nicht abzustreitender Pracht. Wer größere Kanonen auffahren will, kann bei militärischen Events durchaus größere Kanonen auffahren, bei Adoleszierenden und adoleszent Gebliebenen hat kaum etwas größere Faszination als schwer bewegliches Mordgerät.

Und dann gibt es noch die Königsdisziplin, die Darstellung von Historientheater. man nennt sie Königsdisziplin, weil die Darsteller dann gerne Könige darstellen – die Lager füllen sich mit Lincolns, Drususse tummeln sich zu Pferd und zu Fuß, Gruppen von Napoleons spazieren zwischen den Zelten, meistens begleitet von der ein oder anderen Mary Todd oder Josephine. Das Anziehen großer Kleider ist ein Menschheitsbedürfnis; auch in die Irrenanstalt wird man nicht als anonymer Bäckergeselle aus dem 18. Jahrhundert eingeliefert, man muss sich schon für jemand besonderes halten. Aber in der Regel der Fälle klappt auch diese Königsdisziplin der Historiendarstellung dann am besten, wenn man eine Stufe runter schaltet: der Druck, den großen Max markieren zu müssen, bringt manches kleine Mäxchen zum Platzen. Und dabei schaut man nur ungern zu.

In der Regel ist also die kleine Szene die erfolgreiche: gespräch unter Freunden, ein Handel auf dem Markt, eine Musterung im Aushebungsbüro, eine Verhaftung, ein Gerichtsverfahren, eine religiöse Handlung. Rein theoretisch kann man da nichts falsch machen, solange man den Ball flach und die bekannten Standards – Authentizität, Darstellung, Didaktik – hoch hält.

Doch, man kann etwas falsch machen. Man kann Kunst versuchen. Und mit der ist es so eine Sache wie mit dem Napoleon: den überzeugend darzustellen hat selbst Napoleon selber kaum geschafft. Wie anders ein Schauspieler, der sich nur ansatzweise mit dem Thema beschäftigt, der heute als Neanderthaler, morgen als Stauffenberg, übermorgen als Hadrian auftreten muss? Die Kostüme sind aus dem Theaterfundus. Die Geschichte ist entlang irgendwelcher hastig zusammengeklöppelter Daten gestrickt. Die Theatralik theatralisch, denn wenn eines den Künstler vor dem Abdriften in die absolute Lächerlichkeit bewahrt, dann ist es die Aura der "Großen Kunst" –– eine Aura, die etwa so kunstvoll gewoben und blickdicht ist wie des Kaisers neue Kleider.

Nichts gegen Kunst, sie macht viel Arbeit und sie ist dabei viel preisgünstiger als Leute, die sich mit dem Thema wirklich auskennen. Aber genau wie ein Menu nicht auf einem einzigen Teller serviert wird – Suppe, Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, Mocca – sollte man Kunst den "Sicherheitsabstand" geben, den sie braucht. Und den man um alles wahren sollte, was Gefahr läuft, mit großem Knall zu platzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Wer bislang glaubte, das Dilemma bei der Historiendarstellung ginge nur um Authentizität, Darstellungsvermögen und Didaktik, irrt. Es ist ja nicht so, als ob die Leute ins Museum oder aufs Museum kämen, um ihren Horizont zu erweitern, um sich etwas interessantes anzusehen oder auch um zu lernen – in erster Linie wollen sie unterhalten werden.<br />
Wollen sie oder sollen sie? Nehmen wir mal an, sie wollen. Das schiebt den aktiven Part der Belustigung den Darstellungsgruppen zu. Ihre Darstellung muss so unterhaltsam – aber auch lehrreich – sein, wie es gerade eben geht, ohne die Messlatte der Authentizität zu zerbrechen (ein bisschen biegen darf sie sich). Man darf z. B. als Handwerker nicht einfach nur rumsitzen und handwerken, man muss den Leuten erklären, was man tut – sonst fühlen sich Erziehungsberechtigte und Halbgebildete bemüßigt, in diese Rolle zu springen, und man hat seine liebe Mühe den gut gemeinten Unsinn wieder aus den Köpfen zu kriegen. Mittlerweile hat sich das ganz gut durchgesetzt; wenn irgendwo stumme Fische vor sich hin bosseln, ist meistens ein redender Fisch dabei, der dem staunenden Publikum die ganze Chose vermittelt.<br />
<br />
Soll das Publikum unterhalten werden? Gut, dann engagiert man Gruppen mit besonderem Unterhaltungswert, oder macht bestimmte Aktionen. Immer wieder gern gesehen ist die Modenschau, die den Stolz des Historiendarstellers auch bei maximalem Maulfaulsein befriedigt. Auh gut ist die militärische Übung – meistens schreit dabei nur der, der es sonst auch immer tut (mit dem großen Büschel auf dem Helm) und den man auch sonst kaum still kriegt. Prunk und Pracht der Ausrüstung verbinden sich mit der Choreografie des Drills zu einem scheppernden, funkelnden Gerassel von nicht abzustreitender Pracht. Wer größere Kanonen auffahren will, kann bei militärischen Events durchaus größere Kanonen auffahren, bei Adoleszierenden und adoleszent Gebliebenen hat kaum etwas größere Faszination als schwer bewegliches Mordgerät.<br />
<br />
Und dann gibt es noch die Königsdisziplin, die Darstellung von Historientheater. man nennt sie Königsdisziplin, weil die Darsteller dann gerne Könige darstellen – die Lager füllen sich mit Lincolns, Drususse tummeln sich zu Pferd und zu Fuß, Gruppen von Napoleons spazieren zwischen den Zelten, meistens begleitet von der ein oder anderen Mary Todd oder Josephine. Das Anziehen großer Kleider ist ein Menschheitsbedürfnis; auch in die Irrenanstalt wird man nicht als anonymer Bäckergeselle aus dem 18. Jahrhundert eingeliefert, man muss sich schon für jemand besonderes halten. Aber in der Regel der Fälle klappt auch diese Königsdisziplin der Historiendarstellung dann am besten, wenn man eine Stufe runter schaltet: der Druck, den großen Max markieren zu müssen, bringt manches kleine Mäxchen zum Platzen. Und dabei schaut man nur ungern zu.<br />
<br />
In der Regel ist also die kleine Szene die erfolgreiche: gespräch unter Freunden, ein Handel auf dem Markt, eine Musterung im Aushebungsbüro, eine Verhaftung, ein Gerichtsverfahren, eine religiöse Handlung. Rein theoretisch kann man da nichts falsch machen, solange man den Ball flach und die bekannten Standards – Authentizität, Darstellung, Didaktik – hoch hält.<br />
<br />
Doch, man kann etwas falsch machen. Man kann Kunst versuchen. Und mit der ist es so eine Sache wie mit dem Napoleon: den überzeugend darzustellen hat selbst Napoleon selber kaum geschafft. Wie anders ein Schauspieler, der sich nur ansatzweise mit dem Thema beschäftigt, der heute als Neanderthaler, morgen als Stauffenberg, übermorgen als Hadrian auftreten muss? Die Kostüme sind aus dem Theaterfundus. Die Geschichte ist entlang irgendwelcher hastig zusammengeklöppelter Daten gestrickt. Die Theatralik theatralisch, denn wenn eines den Künstler vor dem Abdriften in die absolute Lächerlichkeit bewahrt, dann ist es die Aura der &quot;Großen Kunst&quot; –– eine Aura, die etwa so kunstvoll gewoben und blickdicht ist wie des Kaisers neue Kleider.<br />
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Nichts gegen Kunst, sie macht viel Arbeit und sie ist dabei viel preisgünstiger als Leute, die sich mit dem Thema wirklich auskennen. Aber genau wie ein Menu nicht auf einem einzigen Teller serviert wird – Suppe, Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, Mocca – sollte man Kunst den &quot;Sicherheitsabstand&quot; geben, den sie braucht. Und den man um alles wahren sollte, was Gefahr läuft, mit großem Knall zu platzen.</div>

]]></content:encoded>
			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/181-ach-kunst.html</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Ahmlich, nachahmlich, unnachahmlich</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/170-ahmlich-nachahmlich-unnachahmlich.html</link>
			<pubDate>Fri, 24 Jul 2009 14:32:46 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Die Schönheit von Kunstwerken vergangener Epochen liegt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil darin, dass diese Epochen vorbei sind. In ihren eigenen Zeiten haben diese Kunstwerke einen Aspekt, den sie heute nicht haben – den der Aktualität. Aktualität ist nicht nur ein Ruhen im Augenblick des Jetzt, es ist auch ein Blick in die Zukunft – das Kunstwerk  besticht dadurch, dass es zum Zeitpunkt seiner Vollendung das jeweils modernste, aktuellste, zeitgemäßeste ist, das der jeweilig Schaffende hervorbringen konnte: Verfeinerung (auch "Pflege" genannt) traditioneller Stile gehört immer dazu. Anfangs des 20. Jhs. wurde es Tradition, neue Stile zu erfinden, heute ist es Stil, in dieser Hinsicht personengebunden zu operieren. 

Wo die Stilelemente vergangener Zeiten außerhalb ihres sinnhaften oder funktionalen Kontexts verwendet werden, spricht man von Eklektizismus oder "Retro" – das führt zu gotischen Bahnhofshallen und Handtaschen mit Piratentätowierungen als Dekor. Seit der Misere des 19. Jhs., in dem die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche unter einem bröseligen Putz aus künstlerischen Rückberufungen auf antike, romanische und gotische Epochen versteckt werden sollten, können diese Stile – heute geschaffen – nur noch als ironische Imitationen gesehen werden. In der Tat ist es "keine Kunst" mehr, in handwerklicher Perfektion tolle lebensechte Bilder zu malen; die Produktion bestimmter Farben (wegen denen Maler wie Tizian oder Rubens eine eigene Berühmtheit errangen) wird heute in industrieller Perfektion von Firmen wie Schmincke oder Caran d'Ache übernommen, vom Ausstoß fotorealistischer Bilder nach Quadratmetern leben ganze Städte in China.

Manche Aspekte vergangener Stile gehen unter, weil die Produktionsbedingungen sich einfach geändert haben – die oben genannten Farben, die früher in mühevoller Arbeit nach Geheimrezeptur angefertigt wurden, sind ein Beispiel, ein anderes ist z. B. die Vollendung des Kölner Doms unter Verwendung von Stahlträgerbauweise, die dem gotischen "Überbau" zugrunde liegt. Wir können mit moderner Technik jedes beliebige antike Bauwerk und Kunstwerk kopieren – die Walhalla in Regensburg ist vielleicht das letzte "ernst gemeinte" Exemplar – weshalb ein respektabler und wichtiger Bestandteil moderner Forschung sich mit der Reproduktion historischer Werke mittels historischer Techniken befasst. 

Kopieren, kopieren. Das geht relativ einfach. Ob man nun mit Schieblehre und Augenmaß an einem Marmorblock meisselnd oder mittels 3-D-Scanner und Computerfräse eine Kopie der Kolossalstatue des Constantin vom Kapitol in Rom herstellt ist unter Aspekten des Stils, wie man so sagt, "wumpe"; Constantin ist Constantin. Aber stilistisch wäre es z. B. auch möglich, eine solche Statue von Angela Merkel zu schaffen: wir kennen die Kleidung, die Physiognomien, die stilistischen Merkmale, die notwendig wären, ein solches Abbild zu erzielen. Warum klappt das nicht? 

Zum einen versucht das niemand, Gott sei Dank.

Zum anderen fehlen nicht die Proportionen, sondern die Zwischentöne zwischen den Proportionen, der tägliche Umgang mit ihnen.  Ein Neurotiker wie Viollet-le-Duc konnte sein ganzes Leben lang mit begeistertem Eifer die Baukunst der Gotik studieren, das Stundenbuch des Herzogs von Berry, die wenigen erhaltenen Bauwerke – die Rekonstruktionen von seiner Hand nehmen sich heute käsig, kitschig, übertrieben aus. Die vergangenen Stile sind uns fremd wie tote Sprachen, auch wenn sie uns näher und greifbarer scheinen. Die Versuche, Neues mit altem Aussehen zu schaffen, lassen Neues einfließen, durch neue Bildsymboliken, durch neue Bedeutungen, die sich über alte Bilder gelegt haben. Andere, alte Konnotationen sind durch die Patina dieser neuen Inhalte nicht mehr erkennbar – wir stehen vor den Rekonstruktionen z. B. in der Ausstellung "Bunte Götter" und begreifen nur, wie wenig wir eigentlich verstehen können.  

Und trotzdem versuchen wir es, denn zum verstehen gehört das Bildermachen. Wir können gar nicht anders. Rekonstruktion lässt nichts altes wiederauferstehen, Rekonstruktion träumt einen Traum.

Aber man könnte sich die Mühe machen, diesen Traum etwas gewissenhafter zu träumen. Einer dieser Träume schippert gerade auf den Flüssen des ehemaligen Germania Inferior herum. Das kleine Flusskriegsschiff "Victoria", als Rekonstruktion des faktischen Befunds schmucklos wie ein Knie, trägt eine viel zu aufgedonnerte Statue am Heck, dafür aber keine Standarte; sie trägt einen geschnitzten Namen am Bug, dafür aber nicht das Schiffsauge; sie ist am Bug stromlinienförmig wie ein Porsche und trotzdem ragen die Steven vorn und hinten hervor wie Fremdkörper, ohne den eleganten Schwung und die Überleitung in die Beplankung, die man auf den vielen Fresken und Reliefs römischer Schiffe (übrigens auch kleiner Schiffe) sieht. Manche Leute träumen halt gar nicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Die Schönheit von Kunstwerken vergangener Epochen liegt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil darin, dass diese Epochen vorbei sind. In ihren eigenen Zeiten haben diese Kunstwerke einen Aspekt, den sie heute nicht haben – den der Aktualität. Aktualität ist nicht nur ein Ruhen im Augenblick des Jetzt, es ist auch ein Blick in die Zukunft – das Kunstwerk  besticht dadurch, dass es zum Zeitpunkt seiner Vollendung das jeweils modernste, aktuellste, zeitgemäßeste ist, das der jeweilig Schaffende hervorbringen konnte: Verfeinerung (auch &quot;Pflege&quot; genannt) traditioneller Stile gehört immer dazu. Anfangs des 20. Jhs. wurde es Tradition, neue Stile zu erfinden, heute ist es Stil, in dieser Hinsicht personengebunden zu operieren. <br />
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Wo die Stilelemente vergangener Zeiten außerhalb ihres sinnhaften oder funktionalen Kontexts verwendet werden, spricht man von Eklektizismus oder &quot;Retro&quot; – das führt zu gotischen Bahnhofshallen und Handtaschen mit Piratentätowierungen als Dekor. Seit der Misere des 19. Jhs., in dem die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbrüche unter einem bröseligen Putz aus künstlerischen Rückberufungen auf antike, romanische und gotische Epochen versteckt werden sollten, können diese Stile – heute geschaffen – nur noch als ironische Imitationen gesehen werden. In der Tat ist es &quot;keine Kunst&quot; mehr, in handwerklicher Perfektion tolle lebensechte Bilder zu malen; die Produktion bestimmter Farben (wegen denen Maler wie Tizian oder Rubens eine eigene Berühmtheit errangen) wird heute in industrieller Perfektion von Firmen wie Schmincke oder Caran d'Ache übernommen, vom Ausstoß fotorealistischer Bilder nach Quadratmetern leben ganze Städte in China.<br />
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Manche Aspekte vergangener Stile gehen unter, weil die Produktionsbedingungen sich einfach geändert haben – die oben genannten Farben, die früher in mühevoller Arbeit nach Geheimrezeptur angefertigt wurden, sind ein Beispiel, ein anderes ist z. B. die Vollendung des Kölner Doms unter Verwendung von Stahlträgerbauweise, die dem gotischen &quot;Überbau&quot; zugrunde liegt. Wir können mit moderner Technik jedes beliebige antike Bauwerk und Kunstwerk kopieren – die Walhalla in Regensburg ist vielleicht das letzte &quot;ernst gemeinte&quot; Exemplar – weshalb ein respektabler und wichtiger Bestandteil moderner Forschung sich mit der Reproduktion historischer Werke mittels historischer Techniken befasst. <br />
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Kopieren, kopieren. Das geht relativ einfach. Ob man nun mit Schieblehre und Augenmaß an einem Marmorblock meisselnd oder mittels 3-D-Scanner und Computerfräse eine Kopie der Kolossalstatue des Constantin vom Kapitol in Rom herstellt ist unter Aspekten des Stils, wie man so sagt, &quot;wumpe&quot;; Constantin ist Constantin. Aber stilistisch wäre es z. B. auch möglich, eine solche Statue von Angela Merkel zu schaffen: wir kennen die Kleidung, die Physiognomien, die stilistischen Merkmale, die notwendig wären, ein solches Abbild zu erzielen. Warum klappt das nicht? <br />
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Zum einen versucht das niemand, Gott sei Dank.<br />
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Zum anderen fehlen nicht die Proportionen, sondern die Zwischentöne zwischen den Proportionen, der tägliche Umgang mit ihnen.  Ein Neurotiker wie Viollet-le-Duc konnte sein ganzes Leben lang mit begeistertem Eifer die Baukunst der Gotik studieren, das Stundenbuch des Herzogs von Berry, die wenigen erhaltenen Bauwerke – die Rekonstruktionen von seiner Hand nehmen sich heute käsig, kitschig, übertrieben aus. Die vergangenen Stile sind uns fremd wie tote Sprachen, auch wenn sie uns näher und greifbarer scheinen. Die Versuche, Neues mit altem Aussehen zu schaffen, lassen Neues einfließen, durch neue Bildsymboliken, durch neue Bedeutungen, die sich über alte Bilder gelegt haben. Andere, alte Konnotationen sind durch die Patina dieser neuen Inhalte nicht mehr erkennbar – wir stehen vor den Rekonstruktionen z. B. in der Ausstellung &quot;Bunte Götter&quot; und begreifen nur, wie wenig wir eigentlich verstehen können.  <br />
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Und trotzdem versuchen wir es, denn zum verstehen gehört das Bildermachen. Wir können gar nicht anders. Rekonstruktion lässt nichts altes wiederauferstehen, Rekonstruktion träumt einen Traum.<br />
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Aber man könnte sich die Mühe machen, diesen Traum etwas gewissenhafter zu träumen. Einer dieser Träume schippert gerade auf den Flüssen des ehemaligen Germania Inferior herum. Das kleine Flusskriegsschiff &quot;Victoria&quot;, als Rekonstruktion des faktischen Befunds schmucklos wie ein Knie, trägt eine viel zu aufgedonnerte Statue am Heck, dafür aber keine Standarte; sie trägt einen geschnitzten Namen am Bug, dafür aber nicht das Schiffsauge; sie ist am Bug stromlinienförmig wie ein Porsche und trotzdem ragen die Steven vorn und hinten hervor wie Fremdkörper, ohne den eleganten Schwung und die Überleitung in die Beplankung, die man auf den vielen Fresken und Reliefs römischer Schiffe (übrigens auch kleiner Schiffe) sieht. Manche Leute träumen halt gar nicht.</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title><![CDATA["Der Kaiser muss weg"]]></title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/166-der-kaiser-muss-weg.html</link>
			<pubDate>Mon, 29 Jun 2009 07:38:15 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Angesichts einer Katastrophe vernünftig und besonnen zu handeln ist eine große Tugend, welche von den Organisatoren der "Schwerter, Brot und Spiele" im Archäologischen Park Xanten beim diesjährigen Römerfest unter Beweis gestellt wurde. Ein Blitzschlag verletzte 18 Menschen, mehrere davon schwer. Zwei Menschen mussten reanimiert werden. Trotzdem lief alles gut: die Rettungsdienste waren schnell und in ausreichender Anzahl zur Hand, die Evakuierung des Parks vollzog sich zügig und ohne Panik, die Information der Anwesenden und Teilnehmer war an den gegebenen Umständen gemessen schnell und direkt. Es wurden Leben gerettet. Allen, die hierbei durch Planung, Handlung, Besonnenheit und Tatkraft das ihrige beigetragen haben, sei herzlich und aufrichtig gedankt.

Vielleicht wäre es das schönste Römerfest seit der Gründung geworden, trotz der Regengüsse; die Zuschauer und Besucher waren in blendender Laune und die Gruppen auch. Für manche ist dieser Termin das "Weihnachten, das nur alle zwei Jahre stattfindet", höchstes Fest und liebste "Familienveranstaltung" überhaupt – man kennt sich oder lernt sich kennen, man trifft Freunde, Gleichgesinnte, und man prüft die Arbeit der letzten Jahre, denn jede Gruppe, welche die Einladung nach Xanten bekommt, möchte besser sein als die Male zuvor. Natürlich ist da die eine oder andere Eifersüchtelei dabei, und Familienfeste ohne Familienzank gibt es auch nicht – wo ist das Ex-Mitglied hin? Wer macht jetzt bei wem mit? Wo sind eigentlich die? Nicht mehr dabei? Warum nicht? Die Sozialstrukturen der Parallelgesellschaft der Historiendarsteller sind so komplex und undurchschaubar wie die von Teenagern. 

Und doch hält sie – zumindest die, welche nach Xanten eingeladen werden – etwas zusammen, nämlich das ernste Bemühen um Qualität in Darstellung und Aussage. Alle werden besser: in der Ausstattung, in der Didaktik, in der Darstellung. Der Zwei-Jahres-Turnus von Xanten garantiert Quantensprünge, und das mit kleinem Geldbeutel.

Und dann steht da einer, der als "Kaiser" bezeichnet wird, im Mittelpunkt des Festzugs, in der Mitte der Arena, in der Mitte der Aufmerksamkeit. Ich kann seine Knie unter der Tunika sehen, das unverzierte dunkelrote Tuch eines Toga-sein-sollenden Umhangs hängt ihm nur bis über die Oberschenkel. Daneben eine aufgedonnerte Matrone mit Plastik-Haarteil in bester Hausfrauentracht, das ist die Kaiserin. Noch ein dritter ist dabei, der ebenfalls mit Baumwolltoga von lächerlicher Größe den "Senator" markiert, wedelnd mit den Armen und mit einer Papyrusrolle. Was sind das für Witzfiguren? Das sind professionelle Schauspieler. Der arme Marcus Junkelmann muss den "Kaiser", der so bartlos ist wie eine Kniescheibe, auch noch als Kaiser Hadrian verkaufen. Womit haben die beiden das verdient? 

Es ist der Lebensunterhalt der Schauspieler. Das Konzept des "Theaters Taktil" ist es, Kunst in Geschichtsausstellungen zu bringen, und zwar offensichtlich Kunst mit großem K. Ihre Homepage zeigt das deutlich: Hier wird nicht historisiert oder um Authentik geschert, hier wird Kunst gemacht, modernes Theater, von professionellen Schauspielern. Schade eigentlich, dass die 350 anderen Darsteller des Festes in einem anderen Stück spielen. Die armen Profis von "Taktil" stehen in der Arena und müssen so stumm sein wie die Fische, während Junkelmann sich durch die Erklärung quält, der Priester seine Formeln vom DIN A 4 Blatt abliest und die Festzugsteilnehmer nicht aus dem missmutigen Staunen herauskommen: was, diese Playmobilfiguren sollen "der Kaiser" und seine Frau sein? Alle hatten sie bislang für über-enthusiastische Besucher gehalten, die sich mit Stoff aus der Karnevalsabteilung und hastig aus "Kleopatra" abgepinnten Kostümen ans Werk gemacht hatten. 

Hier ist etwas ganz, ganz schief gelaufen, hier rieben sich zwei Konzepte, die zusammenpassen wie Maulwurf und Auto. Das Publikum hat es zwar hingenommen, aber das zählt nicht – das vertraut auf die Sorgfalt der Veranstalter, etwas anständiges zu bieten. Man kann natürlich auf dessen Gutmütigkeit und das "das macht doch nix!" der Familienväter und -mütter vertrauen, die auch einen Asterix und Obelix hingenommen hätten, aber – wozu dann die rigorosen Kriterien bei der Auswahl der teilnehmenden Darstellergruppen? Wozu der Anspruch an Authentizität und Angebot? 

Offensichtlich wurde den Veranstaltern hier etwas angedreht, und gebannt vom Label der Professionalität wurde zugegriffen. Wie schade! Vielleicht hätte sich in einem fortgesetzten Event die Brunzdoofheit dieser "professionellen" Darstellung an diesem Platz, in diesem Kontext noch krasser offenbart. Und die Darstellungsgruppen hätten das wahrgemacht, was in der Arena nur gemunkelt wurde: "Los, wir setzen den Kaiser ab und wählen einen von uns als neuen."]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Angesichts einer Katastrophe vernünftig und besonnen zu handeln ist eine große Tugend, welche von den Organisatoren der &quot;Schwerter, Brot und Spiele&quot; im Archäologischen Park Xanten beim diesjährigen Römerfest unter Beweis gestellt wurde. Ein Blitzschlag verletzte 18 Menschen, mehrere davon schwer. Zwei Menschen mussten reanimiert werden. Trotzdem lief alles gut: die Rettungsdienste waren schnell und in ausreichender Anzahl zur Hand, die Evakuierung des Parks vollzog sich zügig und ohne Panik, die Information der Anwesenden und Teilnehmer war an den gegebenen Umständen gemessen schnell und direkt. Es wurden Leben gerettet. Allen, die hierbei durch Planung, Handlung, Besonnenheit und Tatkraft das ihrige beigetragen haben, sei herzlich und aufrichtig gedankt.<br />
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Vielleicht wäre es das schönste Römerfest seit der Gründung geworden, trotz der Regengüsse; die Zuschauer und Besucher waren in blendender Laune und die Gruppen auch. Für manche ist dieser Termin das &quot;Weihnachten, das nur alle zwei Jahre stattfindet&quot;, höchstes Fest und liebste &quot;Familienveranstaltung&quot; überhaupt – man kennt sich oder lernt sich kennen, man trifft Freunde, Gleichgesinnte, und man prüft die Arbeit der letzten Jahre, denn jede Gruppe, welche die Einladung nach Xanten bekommt, möchte besser sein als die Male zuvor. Natürlich ist da die eine oder andere Eifersüchtelei dabei, und Familienfeste ohne Familienzank gibt es auch nicht – wo ist das Ex-Mitglied hin? Wer macht jetzt bei wem mit? Wo sind eigentlich die? Nicht mehr dabei? Warum nicht? Die Sozialstrukturen der Parallelgesellschaft der Historiendarsteller sind so komplex und undurchschaubar wie die von Teenagern. <br />
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Und doch hält sie – zumindest die, welche nach Xanten eingeladen werden – etwas zusammen, nämlich das ernste Bemühen um Qualität in Darstellung und Aussage. Alle werden besser: in der Ausstattung, in der Didaktik, in der Darstellung. Der Zwei-Jahres-Turnus von Xanten garantiert Quantensprünge, und das mit kleinem Geldbeutel.<br />
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Und dann steht da einer, der als &quot;Kaiser&quot; bezeichnet wird, im Mittelpunkt des Festzugs, in der Mitte der Arena, in der Mitte der Aufmerksamkeit. Ich kann seine Knie unter der Tunika sehen, das unverzierte dunkelrote Tuch eines Toga-sein-sollenden Umhangs hängt ihm nur bis über die Oberschenkel. Daneben eine aufgedonnerte Matrone mit Plastik-Haarteil in bester Hausfrauentracht, das ist die Kaiserin. Noch ein dritter ist dabei, der ebenfalls mit Baumwolltoga von lächerlicher Größe den &quot;Senator&quot; markiert, wedelnd mit den Armen und mit einer Papyrusrolle. Was sind das für Witzfiguren? Das sind professionelle Schauspieler. Der arme Marcus Junkelmann muss den &quot;Kaiser&quot;, der so bartlos ist wie eine Kniescheibe, auch noch als Kaiser Hadrian verkaufen. Womit haben die beiden das verdient? <br />
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Es ist der Lebensunterhalt der Schauspieler. Das Konzept des &quot;Theaters Taktil&quot; ist es, Kunst in Geschichtsausstellungen zu bringen, und zwar offensichtlich Kunst mit großem K. Ihre Homepage zeigt das deutlich: Hier wird nicht historisiert oder um Authentik geschert, hier wird Kunst gemacht, modernes Theater, von professionellen Schauspielern. Schade eigentlich, dass die 350 anderen Darsteller des Festes in einem anderen Stück spielen. Die armen Profis von &quot;Taktil&quot; stehen in der Arena und müssen so stumm sein wie die Fische, während Junkelmann sich durch die Erklärung quält, der Priester seine Formeln vom DIN A 4 Blatt abliest und die Festzugsteilnehmer nicht aus dem missmutigen Staunen herauskommen: was, diese Playmobilfiguren sollen &quot;der Kaiser&quot; und seine Frau sein? Alle hatten sie bislang für über-enthusiastische Besucher gehalten, die sich mit Stoff aus der Karnevalsabteilung und hastig aus &quot;Kleopatra&quot; abgepinnten Kostümen ans Werk gemacht hatten. <br />
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Hier ist etwas ganz, ganz schief gelaufen, hier rieben sich zwei Konzepte, die zusammenpassen wie Maulwurf und Auto. Das Publikum hat es zwar hingenommen, aber das zählt nicht – das vertraut auf die Sorgfalt der Veranstalter, etwas anständiges zu bieten. Man kann natürlich auf dessen Gutmütigkeit und das &quot;das macht doch nix!&quot; der Familienväter und -mütter vertrauen, die auch einen Asterix und Obelix hingenommen hätten, aber – wozu dann die rigorosen Kriterien bei der Auswahl der teilnehmenden Darstellergruppen? Wozu der Anspruch an Authentizität und Angebot? <br />
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Offensichtlich wurde den Veranstaltern hier etwas angedreht, und gebannt vom Label der Professionalität wurde zugegriffen. Wie schade! Vielleicht hätte sich in einem fortgesetzten Event die Brunzdoofheit dieser &quot;professionellen&quot; Darstellung an diesem Platz, in diesem Kontext noch krasser offenbart. Und die Darstellungsgruppen hätten das wahrgemacht, was in der Arena nur gemunkelt wurde: &quot;Los, wir setzen den Kaiser ab und wählen einen von uns als neuen.&quot;</div>

]]></content:encoded>
			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/166-der-kaiser-muss-weg.html</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Ein Außenposten des Fortschritts</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/165-ein-au-enposten-des-fortschritts.html</link>
			<pubDate>Thu, 25 Jun 2009 07:26:05 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Jeder kennt diese optische Täuschung: man betrachtet eine Minute lang ein optisches Gewusel – und wenn man dann eine weiße Wand ansieht erscheint einem Jesus Christus. Das nennt sich "Nachbild", hervorgerufen wird es von gestressten Sehzellen, die gerade eine Minute lang den gleichen Sinneseindruck hatten, etwas, wofür Sinneszellen rein gar nicht angelegt sind. Sinnesorgane sind wie Zappelkinder, sie wollen immer neue, immer andere Unterhaltung, je vielfältiger desto besser.

Je prägender ein bislang ausgeübter Eindruck ausgeübt wurde, desto tiefer drückt er sich ein – diese einfache plastische Formel bestimmt Essgewohnheiten, Sehgewohnheiten und das kulturelle Umfeld: man isst Currywurst mit Pommes, weil es das überall gibt; man hält Abstraktion für Kunst, weil sie das sein kann; und man hat natürlich sein historisch-soziales Bild von "den" Franzosen, "den" Rittern und "den" Römern. Beim Prägen dieser Bilder arbeiten Museen, Fernsehfilme, Kinofilme, Comics, Romane, Schulunterricht und "lebendige Geschichte" zusammen und gegeneinander.  Und noch besser: die Bilder stapeln sich. Die Germanenbilder wallebärtiger Wilhelminiker mit Flügelhelm und Sauspieß sind noch in ausreichender Anzahl vorhanden, um das moderne Germanenbild des Oerlinghausener Freilichtmuseums zu schattieren. 

Der Impact der Unterhaltungsindustrie ist dabei nicht zu unterschätzen. Ein einziger "Gladiator" schaffte es – trotz seiner Entstehung in den Frühzeiten des Bewegtbild-Webs – die Wahrnehmung römischer Zeit in den letzten Jahren so zu trüben, dass man heute in der didaktischen Arbeit mehr Aufräumarbeit um dieses Bild herum betreiben muss als dass man losgelöste Aufbauarbeit betreiben kann. Desgleichen der Eindruck traditioneller Rekonstruktionen: die Saalburg prägte in ihrer trutzig-ritterburglichen Unverputztheit die Rekonstruktion vieler steinerner Limestürme in den 60er und 70er Jahren, die als Bild gesetzte Blockbauweise der römischen Lager in "Asterix"-Heften prägte die Rekonstruktion zeitgleicher (und modernerer!) Limestürme aus Holz.

Sehen ist unser Hauptsinn, 80% der Sinneseindrücke hängen daran. Mit Sehgewohnheiten zu brechen ist schwieriger als mit allen anderen Konventionen. Sich freizustrampeln vom belastenden Umfeld der prägenden Bilder und etwas zu schaffen, das den Forschungsergebnissen entspricht und ein neues Bild setzt ist eine mutige und entschlossene Tat. Im Moment wird so etwas am Limes getan, in einem "kleinen germanischen Dorf" nahe an der Grenze zum freien Germanien, mitten im Nassauer Land. Das Dorf heisst Pohl – und der Name ist Programm: leitet er sich doch von Palus, dem lateinischen Wort für "Pfahl" und der Pars-pro-toto-bezeichnung für die Palisade des Limes, ab. Die mutige Tat ist die Rekonstruktion eines Kleinkastells: eines der vielen kleinen Lager entlang des Limes, das anders als die mächtige Saalburg oder ein einfacher Limesturm eine bislang nicht rekonstruierte Form hat. Mut und Entschlusskraft braucht man, um sich tatsächlich von den Vorgaben des gelernten und geprägten Bilds zu lösen: das Kleinkastell wird nicht aussehen wie ein Wild-West-Fort, auch nicht wie eine Ritterburg, auch nicht wie eine der bekannten Rekonstruktionen vom Hadrian's Wall. Es wird einfach aussehen wie ein Kleinkastell. Kurz nach Fertigstellung – das wird etwa Mitte 2010 sein – wird es noch etwas frisch aussehen, später wird sich eine gewisse Patina feststellen lassen. Es wird aus Erde und Holz sein, und ein Holzbau altert eben.

Wenn es erst einmal steht (im Moment steht nur der Plan, der Entschluss und die Website http://www.limeskastell-pohl.de (http://www.limeskastell-pohl.de/) ) wird das kleine Kastell Maßstäbe setzen, auch für die großen Brüder unter den archäologischen Parks, auch unter den ringsum und in Europa aus dem Boden schießenden "Infotainment"- und "Histotainment"-Parks. Es wird für ein "think small" stehen – und für ein "think different" bezüglich des prägenden Nachbilds der letzten Jahrhunderte. Setzt ein Maßstab automatisch ein Vorbild? Möglich. Mit der weiteren Erschließung der "unzugänglichsten Regionen Germaniens" durch touristische Maßnahmen entlang des Limes setzt vielleicht irgendwann wieder der Hunger nach mehr Bildlichkeit, mehr Fassbarkeit ein, der im Moment so ausschließlich von Massen- und Unterhaltungsmedien befriedigt wird. Welche ihre visuelle Sprache aus den jahrhundertelang geprägten Bildern beziehen. Gegen welche das Limeskastell Pohl einen mutigen und selbstbewussten Standpunkt bezieht.

Um 260 n. Chr. wurde das originale Kleinkastell überrannt. Wollen wir hoffen, dass es ab 2010 gut besucht sein wird – und dass es sich behauptet gegen die Flut der Bilder aus Comics und Hollywood.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Jeder kennt diese optische Täuschung: man betrachtet eine Minute lang ein optisches Gewusel – und wenn man dann eine weiße Wand ansieht erscheint einem Jesus Christus. Das nennt sich &quot;Nachbild&quot;, hervorgerufen wird es von gestressten Sehzellen, die gerade eine Minute lang den gleichen Sinneseindruck hatten, etwas, wofür Sinneszellen rein gar nicht angelegt sind. Sinnesorgane sind wie Zappelkinder, sie wollen immer neue, immer andere Unterhaltung, je vielfältiger desto besser.<br />
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Je prägender ein bislang ausgeübter Eindruck ausgeübt wurde, desto tiefer drückt er sich ein – diese einfache plastische Formel bestimmt Essgewohnheiten, Sehgewohnheiten und das kulturelle Umfeld: man isst Currywurst mit Pommes, weil es das überall gibt; man hält Abstraktion für Kunst, weil sie das sein kann; und man hat natürlich sein historisch-soziales Bild von &quot;den&quot; Franzosen, &quot;den&quot; Rittern und &quot;den&quot; Römern. Beim Prägen dieser Bilder arbeiten Museen, Fernsehfilme, Kinofilme, Comics, Romane, Schulunterricht und &quot;lebendige Geschichte&quot; zusammen und gegeneinander.  Und noch besser: die Bilder stapeln sich. Die Germanenbilder wallebärtiger Wilhelminiker mit Flügelhelm und Sauspieß sind noch in ausreichender Anzahl vorhanden, um das moderne Germanenbild des Oerlinghausener Freilichtmuseums zu schattieren. <br />
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Der Impact der Unterhaltungsindustrie ist dabei nicht zu unterschätzen. Ein einziger &quot;Gladiator&quot; schaffte es – trotz seiner Entstehung in den Frühzeiten des Bewegtbild-Webs – die Wahrnehmung römischer Zeit in den letzten Jahren so zu trüben, dass man heute in der didaktischen Arbeit mehr Aufräumarbeit um dieses Bild herum betreiben muss als dass man losgelöste Aufbauarbeit betreiben kann. Desgleichen der Eindruck traditioneller Rekonstruktionen: die Saalburg prägte in ihrer trutzig-ritterburglichen Unverputztheit die Rekonstruktion vieler steinerner Limestürme in den 60er und 70er Jahren, die als Bild gesetzte Blockbauweise der römischen Lager in &quot;Asterix&quot;-Heften prägte die Rekonstruktion zeitgleicher (und modernerer!) Limestürme aus Holz.<br />
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Sehen ist unser Hauptsinn, 80% der Sinneseindrücke hängen daran. Mit Sehgewohnheiten zu brechen ist schwieriger als mit allen anderen Konventionen. Sich freizustrampeln vom belastenden Umfeld der prägenden Bilder und etwas zu schaffen, das den Forschungsergebnissen entspricht und ein neues Bild setzt ist eine mutige und entschlossene Tat. Im Moment wird so etwas am Limes getan, in einem &quot;kleinen germanischen Dorf&quot; nahe an der Grenze zum freien Germanien, mitten im Nassauer Land. Das Dorf heisst Pohl – und der Name ist Programm: leitet er sich doch von Palus, dem lateinischen Wort für &quot;Pfahl&quot; und der Pars-pro-toto-bezeichnung für die Palisade des Limes, ab. Die mutige Tat ist die Rekonstruktion eines Kleinkastells: eines der vielen kleinen Lager entlang des Limes, das anders als die mächtige Saalburg oder ein einfacher Limesturm eine bislang nicht rekonstruierte Form hat. Mut und Entschlusskraft braucht man, um sich tatsächlich von den Vorgaben des gelernten und geprägten Bilds zu lösen: das Kleinkastell wird nicht aussehen wie ein Wild-West-Fort, auch nicht wie eine Ritterburg, auch nicht wie eine der bekannten Rekonstruktionen vom Hadrian's Wall. Es wird einfach aussehen wie ein Kleinkastell. Kurz nach Fertigstellung – das wird etwa Mitte 2010 sein – wird es noch etwas frisch aussehen, später wird sich eine gewisse Patina feststellen lassen. Es wird aus Erde und Holz sein, und ein Holzbau altert eben.<br />
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Wenn es erst einmal steht (im Moment steht nur der Plan, der Entschluss und die Website <a href="http://www.limeskastell-pohl.de/" target="_blank">http://www.limeskastell-pohl.de</a> ) wird das kleine Kastell Maßstäbe setzen, auch für die großen Brüder unter den archäologischen Parks, auch unter den ringsum und in Europa aus dem Boden schießenden &quot;Infotainment&quot;- und &quot;Histotainment&quot;-Parks. Es wird für ein &quot;think small&quot; stehen – und für ein &quot;think different&quot; bezüglich des prägenden Nachbilds der letzten Jahrhunderte. Setzt ein Maßstab automatisch ein Vorbild? Möglich. Mit der weiteren Erschließung der &quot;unzugänglichsten Regionen Germaniens&quot; durch touristische Maßnahmen entlang des Limes setzt vielleicht irgendwann wieder der Hunger nach mehr Bildlichkeit, mehr Fassbarkeit ein, der im Moment so ausschließlich von Massen- und Unterhaltungsmedien befriedigt wird. Welche ihre visuelle Sprache aus den jahrhundertelang geprägten Bildern beziehen. Gegen welche das Limeskastell Pohl einen mutigen und selbstbewussten Standpunkt bezieht.<br />
<br />
Um 260 n. Chr. wurde das originale Kleinkastell überrannt. Wollen wir hoffen, dass es ab 2010 gut besucht sein wird – und dass es sich behauptet gegen die Flut der Bilder aus Comics und Hollywood.</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Wanderung am Limes von Öhringen nach Lorch (II/II)</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/162-wanderung-am-limes-von-hringen-nach-lorch-ii-ii.html</link>
			<pubDate>Tue, 16 Jun 2009 09:00:57 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[In dieser Gegend vor Murrhardt sind die als sichtbar gekennzeichneten Limestürme eher aufgemauert – zum Teil nur die Fundamente, aber auch romantisch verstiegen mit Türbögen und Fensteröffnungen – als einfache Huppel im Boden, die man meist unter Gehölz und Gestrüpp (Abwehr gegen Sondengänger?) nur ahnen kann. Dagegen ist der Weg öfters nicht sichtbar, bzw. nur auf eine Blickrichtung ausgelegt, und die kommt von Süden. Man kann nicht jedem Baum hinterherschauen, weshalb wir uns ein paar Mal verlaufen; wenn man nach 20 Minuten Wanderung in die Irre umkehrt und eventuell einen Weg zurück bergauf laufen muss, wünscht man sich, den Beschilderern die Zähne massieren zu dürfen. Die dedizierten Wanderkarten des Limesvereins sind nur Anhaltshilfen, selten präzise; gerade eingezeichnete Strecken verlaufen in Kurven durch den Wald, auch sieht man hier öfter ein anderes Wanderweg-Kennzeichnen, welches allerdings auch gerne die Turmspitze pfeilartig und notwendigerweise in die richtige Richtung kippt.

Die Höhe vor Murrhardt ist gespickt mit Turmmauern und lässt eine ausreichende Beschilderung vermissen. Ebenfalls auf der Höhe eine Grillhütte mit dicken Grillenden, welche alle den gleichen Witz draufhaben: "Wir haben alles aufgegessen, es ist nix für euch übrig". So sehen sie auch aus. Im Tal eine vielbefahrene Strasse voller Motorräder und der Beschluss, die Distanz zum nächsten Hotel à la Kerkeling zu reduzieren: der Taxifahrer macht an Freundlichkeit die Spaßwürste auf dem Hügel wett und lässt uns 2 km vor dem Ebnisee wieder heraus, wo wir ein Kleinkastell im Wald ahnen können. Nun geht es bergab und runter zu einem wochenendaktiv brodelnden Ausflugslokal. Unser Hotel hat – zum glanzvollen Abschluss – ein kleines Hallenbad, bald liegen wir drin, und erkennen aufs Neue den Sinn und Nutzen der römischen Badekultur ... man braucht das einfach nach einem Tag von ca. 23 km Wanderung (ohne die Kerkelingstrecke) im Mittelgebirge, wo es am mittelsten ist.

Der letzte Tag führt bergab – der Weg führt von der Hochebene und seinen Tälern herunter dahin, wo die Kernschwaben hausen. Erstes Ziel ist Welzheim, unausweichlich und unübersehbar, mit seinem Mini-Saalburg- Gemäuer. Etwas dicke wird hier vom "archäologischen Park" gesprochen und der ortsansässige "Numerus Brittonum" sieht ein bisschen sehr jung aus, aber der Enthusiasmus ist unverkennbar – und schließlich hatte Welzheim besseres zu tun als das ausgegrabene Ostkastell gleich mit faden Einfamilienhaussiedlungen zu überbauen (auch wenn es den Anschein hat, dass "Häuslebaue" hier wirklich mehr mit schneckenhaft-biologischer Gesetzmäßigkeit als mit sozialem Brauch zu tun hat; zwei von drei großen Bausparkassen haben in dieser Gegend ihren Sitz). Hinter Welzheim geht es dann endgültig den Berg runter; auch hört der Wanderweg nun auf, sich kebabartig um einen pilegraden Bratspieß von Limesverlauf zu winden: der Limes biegt ab und folgt dem Gelände. Auf einen Golfplatz zurückblickend sehen wir seinen Verlauf am weissen Schimmer abgeschlagener Übungsbälle, welche die Bodenwelle des Walls runterrollten und in der leichten Kuhle des Grabens liegen blieben.

Vor uns liegt Pfahlbronn, das wieder die Grenze im Namen trägt, und hinter dem Hang auch schon Lorch, das mit seinem Kloster und phonetischen Ähnlichkeit zum Heimatort Lorsch einen merkwürdig bekannten Zauber ausübt. Unterwegs treffen wir eine Gruppe, geführt von einem "Limes-Cicerone", und zwei Männer, die ihre Niederbieber-Helm und englischen Langbogen verstauen, offensichtlich wurde hier gerade Geschichte gemacht. Gleichviel. Eine weitere Kette von aufgemauerten Turmresten am Limeswanderweg wird ergänzt durch einen Trimm-Dich-Pfad mit stummen Piktogrammen körperlicher Ertüchtigung. In Lorch ist Schwüle, Stille und der "Königin-Irene-Pfad" (ist das eine Rose?). Die Wirtshäuser machen hier Mittagspause oder schließen sogar wegen Urlaub, das lädt nicht ganz zum Verweilen ein; immerhin kriegen wir bei "Lukullus" noch ein Bier und kurz darauf einen Zug früher nach Stuttgart.

Mit der dritten Wanderung am Limes wurde aus der Wiederholung eine Tradition, das "ob" und "wo" des nächsten Jahres wird gar nicht mehr zur Diskussion gestellt, nur noch das "wann"; und auch wenn das "ob" sich durch denn Passus "Deus Volens" von Gesundheit und Kondition ins Spiel bringt: wenn er es will, machen wir weiter. Für mich wurden diese drei Tage zu einem der höchsten Familienfeiertage, nur vergleichbar dem traditionellen Weihnachtstreffen mit Kindern und Kegeln. Ich freue mich aufs nächste Jahr.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>In dieser Gegend vor Murrhardt sind die als sichtbar gekennzeichneten Limestürme eher aufgemauert – zum Teil nur die Fundamente, aber auch romantisch verstiegen mit Türbögen und Fensteröffnungen – als einfache Huppel im Boden, die man meist unter Gehölz und Gestrüpp (Abwehr gegen Sondengänger?) nur ahnen kann. Dagegen ist der Weg öfters nicht sichtbar, bzw. nur auf eine Blickrichtung ausgelegt, und die kommt von Süden. Man kann nicht jedem Baum hinterherschauen, weshalb wir uns ein paar Mal verlaufen; wenn man nach 20 Minuten Wanderung in die Irre umkehrt und eventuell einen Weg zurück bergauf laufen muss, wünscht man sich, den Beschilderern die Zähne massieren zu dürfen. Die dedizierten Wanderkarten des Limesvereins sind nur Anhaltshilfen, selten präzise; gerade eingezeichnete Strecken verlaufen in Kurven durch den Wald, auch sieht man hier öfter ein anderes Wanderweg-Kennzeichnen, welches allerdings auch gerne die Turmspitze pfeilartig und notwendigerweise in die richtige Richtung kippt.<br />
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Die Höhe vor Murrhardt ist gespickt mit Turmmauern und lässt eine ausreichende Beschilderung vermissen. Ebenfalls auf der Höhe eine Grillhütte mit dicken Grillenden, welche alle den gleichen Witz draufhaben: &quot;Wir haben alles aufgegessen, es ist nix für euch übrig&quot;. So sehen sie auch aus. Im Tal eine vielbefahrene Strasse voller Motorräder und der Beschluss, die Distanz zum nächsten Hotel à la Kerkeling zu reduzieren: der Taxifahrer macht an Freundlichkeit die Spaßwürste auf dem Hügel wett und lässt uns 2 km vor dem Ebnisee wieder heraus, wo wir ein Kleinkastell im Wald ahnen können. Nun geht es bergab und runter zu einem wochenendaktiv brodelnden Ausflugslokal. Unser Hotel hat – zum glanzvollen Abschluss – ein kleines Hallenbad, bald liegen wir drin, und erkennen aufs Neue den Sinn und Nutzen der römischen Badekultur ... man braucht das einfach nach einem Tag von ca. 23 km Wanderung (ohne die Kerkelingstrecke) im Mittelgebirge, wo es am mittelsten ist.<br />
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Der letzte Tag führt bergab – der Weg führt von der Hochebene und seinen Tälern herunter dahin, wo die Kernschwaben hausen. Erstes Ziel ist Welzheim, unausweichlich und unübersehbar, mit seinem Mini-Saalburg- Gemäuer. Etwas dicke wird hier vom &quot;archäologischen Park&quot; gesprochen und der ortsansässige &quot;Numerus Brittonum&quot; sieht ein bisschen sehr jung aus, aber der Enthusiasmus ist unverkennbar – und schließlich hatte Welzheim besseres zu tun als das ausgegrabene Ostkastell gleich mit faden Einfamilienhaussiedlungen zu überbauen (auch wenn es den Anschein hat, dass &quot;Häuslebaue&quot; hier wirklich mehr mit schneckenhaft-biologischer Gesetzmäßigkeit als mit sozialem Brauch zu tun hat; zwei von drei großen Bausparkassen haben in dieser Gegend ihren Sitz). Hinter Welzheim geht es dann endgültig den Berg runter; auch hört der Wanderweg nun auf, sich kebabartig um einen pilegraden Bratspieß von Limesverlauf zu winden: der Limes biegt ab und folgt dem Gelände. Auf einen Golfplatz zurückblickend sehen wir seinen Verlauf am weissen Schimmer abgeschlagener Übungsbälle, welche die Bodenwelle des Walls runterrollten und in der leichten Kuhle des Grabens liegen blieben.<br />
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Vor uns liegt Pfahlbronn, das wieder die Grenze im Namen trägt, und hinter dem Hang auch schon Lorch, das mit seinem Kloster und phonetischen Ähnlichkeit zum Heimatort Lorsch einen merkwürdig bekannten Zauber ausübt. Unterwegs treffen wir eine Gruppe, geführt von einem &quot;Limes-Cicerone&quot;, und zwei Männer, die ihre Niederbieber-Helm und englischen Langbogen verstauen, offensichtlich wurde hier gerade Geschichte gemacht. Gleichviel. Eine weitere Kette von aufgemauerten Turmresten am Limeswanderweg wird ergänzt durch einen Trimm-Dich-Pfad mit stummen Piktogrammen körperlicher Ertüchtigung. In Lorch ist Schwüle, Stille und der &quot;Königin-Irene-Pfad&quot; (ist das eine Rose?). Die Wirtshäuser machen hier Mittagspause oder schließen sogar wegen Urlaub, das lädt nicht ganz zum Verweilen ein; immerhin kriegen wir bei &quot;Lukullus&quot; noch ein Bier und kurz darauf einen Zug früher nach Stuttgart.<br />
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Mit der dritten Wanderung am Limes wurde aus der Wiederholung eine Tradition, das &quot;ob&quot; und &quot;wo&quot; des nächsten Jahres wird gar nicht mehr zur Diskussion gestellt, nur noch das &quot;wann&quot;; und auch wenn das &quot;ob&quot; sich durch denn Passus &quot;Deus Volens&quot; von Gesundheit und Kondition ins Spiel bringt: wenn er es will, machen wir weiter. Für mich wurden diese drei Tage zu einem der höchsten Familienfeiertage, nur vergleichbar dem traditionellen Weihnachtstreffen mit Kindern und Kegeln. Ich freue mich aufs nächste Jahr.</div>

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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
			<guid isPermaLink="true">http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/162-wanderung-am-limes-von-hringen-nach-lorch-ii-ii.html</guid>
		</item>
		<item>
			<title>Wanderung am Limes von Öhringen nach Lorch (I von II)</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/161-wanderung-am-limes-von-hringen-nach-lorch-i-von-ii.html</link>
			<pubDate>Tue, 16 Jun 2009 08:58:58 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Etwas zum dritten Mal zu machen bedeutet schon, sich auf eine Tradition eingelassen zu haben, zumindest wenn es im dritten Jahr in Folge geschieht. Im ersten Jahr gingen wir von Miltenberg nach Osterburken, im zweiten von Osterburken nach Öhringen, dieses Jahr haben wir (drei Brüder und ein Vater) uns einen Tag mehr freigenommen, um eine längere Strecke ablaufen zu können, zwischen Öhringen und Lorch sind es gut 60 km Wanderstrecke, dazu mit anspruchsvollen Steigungen und Gefällen. Dafür aber auch mit ein paar Perlen des Limes, und Öhringen ist schon so eine.

Im Buch "Der römische Limes" von Dietwulf Baatz steht, dass der Limes durch unbesiedeltes Terrain gelegt wurde: nicht so nahe an den Siedlungsgebieten der germanischen Stämme, dass diese eingeengt und so provoziert würden – und auch weit genug von den römisch-provinziellen Zentren entfernt, um diese wirkungsvoll zu schützen. Letztere Maßnahme wurde durch Nachzug siedlungsfreudiger Provinzialen ad absurdum geführt; in den Provinzen waren Militärlager bedeutende Wirtschaftsfaktoren und die Leute gehen dahin, wo das Geld ist. Innerhalb kürzester Zeit blühte das Leben hinter den offensichtlich hocheffektiven Annäherungshindernissen und Grenzmarkierungen des römischen Limes, und natürlich fanden das auch die weiter entfernt lebenden Germanen interessant. 

Aus der heutigen Perspektive ist die Situation fast wieder in römische Zeiten verkehrt: der Limes führt auf der Strecke zwischen Main und Rems durch keine großen Ballungszentren, im Gegenteil, gerade das frischgebackene alte Weltkulturerbe dient der Attraktion von Bildungsreisenden, Erholungssuchenden, Vätern und Brüdern. Zwei Brüder und ein Vater tröpfeln am Fronleichnamsabend in Öhringen ein, der dritte Bruder reist am nächsten Morgen aus dem protestantischen Bremen an, wo nicht gefeiert wurde. In Öhringen sehen wir zwei typische Formen des Limes: die Dopplung der Kastelle (hier das "Bürgel" und das "Rendel"-Kastell, benannt nach de jeweiligen Ortsteilen, in denen sie folgerichtig nach der Ausgrabung rückstandsfrei mit den jew. käsigen Vororten überbaut wurden). Im Gegensatz zu vielen anderen Orten hat sich die Stadt Öhringen aus dem Lagerdorf heraus entwickelt, und zwar prächtig, das bildhübsche, blühende fette kleine Städtchen prangt mit Spätgotik, Barock, Gärten und Schlössern, einem ganzen klassizistischen Stadtteil und umwerfenden Eisdielen. 

Vollkommen begeistert von Öhringen verlassen wir das Städtchen Richtung Pfedelbach, erkennen dort den Verlauf des Wanderwegs an der Peripherie und müssen einen langen Abstecher durch verschnarchte Häuslebauerviertel machen, um in Pfedelbach-Zentrum für den Weg zu "fouragieren". Der Abstecher lohnt sich, in Pfedelbach steht ein großartiges weißes Wasserschloss (trockengelegt), gleichzeitig werden aber auch einige Extra-Kilometer auf den Zähler gepackt. Erstes richtiges Limeserlebnis ist das große achteckige Turmfundament auf einem Hügel ein paar Kilometer weiter, nachdem es durch beschauliche Dörfer mit liebevoll restaurierten Schätzen wie einer "Brennerei und Gefängnis" ging - unten wurde Schnaps gebrannt, oben Strafen abgebrummt. Beide kleinen Räume voll eingerichtet und zum Anfassen, ohne Angst vor Vandalismus. 

Das Terrain wird bald unwirtlicher und unzugänglicher, und je öfter wir in steile Schluchten hinab- und aus ihnen wieder heraufsteigen müssen (z. T. auf absurd schmalen und unsicheren Wegen; Leute, nahmt keine gebrechlichen Omas oder Kleinkinder mit auf diese Piste) desto höher wächst der Respekt für die Römer, welche Palisade, Wall und Graben ohne Rücksicht auf irgendwas in einer 81 km langen Linie quer über diese Landschaft trieben. Der Respekt wächst sich nach der vierten Schlucht, welche nur mit einer Metalltreppe gequert werden kann, aus und macht einem "die spinnen, die Römer" Platz. Ja, man kann dabei von einer "Machtdemonstration" sprechen; vorbeischauende Germanen müssen veritable Bauklötze gestaunt haben angesichts dieser Leistung. Aber Staunen ist ein schlecht haltbares Gefühl, wie Schimmel bilden sich Zweifel und Aberglauben, und während wir in den heutigen unzugänglichen Gebieten den guten Erhaltungsstand des Limes bewundern, wissen wir doch, dass er nur dieser Unzugänglichkeit den Zustand verdankt.

Schließlich betreten wir ein größeres Stück Hochebene und stehen vor der ersten Wachturm-Rekonstruktion bei Gailsbach, einer Block-Konstruktion auf Betonsockel, in den sechzigern zuerst, dann in den neunzigern nach Baufälligkeit wieder (und beide Male vollkommen falsch und entgegen jeglicher Forschungsergebnisse) aufgebaut. Eher passt er nach Fort Laramie oder ins asterix-gallische Petitbonum, aber das Bild der Römer ist persistenter als das Wissen über sie, und drum steht er da. Immerhin, man kann hochklettern, die Aussicht genießen und seine Initiale in die dicken Balken ritzen. Die Römer hätten das auch gemacht. Nebendran ein ehemaliges Ausflugslokal, traurige Gummibäume glotzen durch die unbelebten Fenster und träumen von Zeiten hoffnungsvoller touristischer Attraktion. 

Unser Weg führt weiter an einem abstrusen Fabrikbau namens "Pahl-Museum" vorbei (das hat jetzt nichts direkt mit dem "Pfahl" oder Limes sondern mit einem hiesigen Maler namens Gerhard Pahl zu tun, der Menschen und Gegenstände malte, in einer Art Lurchi-Verismus). An den Laternenmasten hängt noch die Werbung ekliger nationaler Parteien zur letzten Kommunalwahl. Das freundliche Mainhardt begrüßt uns mit einem liebevoll gepflegten Museum, Hobby und Herzensschatz des vor ein paar Jahren verstorbenen Herrn Pasler, einem sichtbaren Kastellrest in der Dorfmitte und einer strahlenden Kellnerin in der "Alten Post", die nach dem Essen vergnügt einen "wilden Weinbergpfirsich" nach dem anderen einschenkt. Beseligt sinken wir in die Federn.

Und stehen am nächsten Tag etwas gravitationsgeschwächt auf. Auf dem Dorfplatz neben dem Museum verkauft eine Mädchenklasse unglaublich viel Kuchen zur Klassenfahrtfinanzierung, davon muss auch etwas mit, Frau Eisenmann im Gemischtwarenladen bekräftigt unser 23-km-Ziel für den Tag mit einem "Das schaffen Sie! Ich wandere 8 km in einer Stunde!" -- ist hier Nomen Omen ? -- und wir sind wieder unterwegs. Wieder geht es durch schluchtartige Einschnitte im Gelände hinunter und hinauf, was unendlich an den Kräften zehrt. Der Limes als Bodenwelle und -graben wird nun schon fast zum alltäglichen Begleiter, nach den vielen vergangenen Tagen ohne eine Spur davon ein ungewohntes Gefühl. Mit der Zeit lernt man, diese Spur von Holzwirtschaftswegen und -abfuhrrinnen zu unterscheiden. Auf dem Heidenbuckel bei Grab hat man einen Turm so originalgetreu wie möglich wieder aufgebaut, inkl. Zugang im, naja, nullkommafünften Stock (bei den echten muss der weiter oben gewesen sein). Wie immer fehlt auch hier der weiße Verputz mit Fugenstrich, man rekonstruiert lieber noch eine Saalburg als einen tatsächlichen Turm. Neu hier ist die Schneise im Wald, welche den Turm isoliert und weithin sichtbar macht - sie ist ein bisschen schmal und endet direkt hinter dem Turm, aber immerhin. Der Turm ist abgesperrt wegen baufälligen Balkons. Die Schneise ist verwildert. Eine der Hauptaufgaben der Limesbesatzungen muss die diesbezügliche Landschaftspflege gewesen sein.  Obendrein ist er abgesperrt, und in der Tat sehen die Bretter des umlaufenden Balkons zu schmalbrüstig aus für zu erwartende Reisegruppen z. B. der dicken Kinder von Landau. 

In den folgenden Dörfern und Weilern, überhaupt auf der ganzen Strecke, ergänzt sich Abgelegenheit von den Getrieben der Welt mit einer begeisterten Liebe zum neugefundenen Weltkulturerbe. Der Gailsbacher Asterix-Turm hat in einem unweiten Familienhausgarten ein kleines Pendant mit integrierter Kinderrutsche. Wandmalereien grüßen von jedem zweiten Haus, in Grab auch die Karikaturen zweier römischer Adler, Miniatur-Limestürme mit standhafter Playmobil-Besatzung bewachen die Vorgärten. Auch kreuzen und queren die Lehrpfade: zwar wissen wir nach mittlerweile über 150 km Limesstrecke ganz gut Bescheid, wie Turmrekonstruktionen im Querschnitt aussehen, wie ein Besatzungsmitglied die Fackel schwenkt, während einer Schuhe repariert und ein anderer Essen aus dem Keller holt, doch überall steht eben auch noch ein bisschen was zum jeweiligen Turm/Kleinkastell/sonstwas. Der Vater fotografiert die Tafeln mit Bedacht. Der älteste Bruder erschnüffelt die Schutthügel und Bodenwellen wie ein Spürhund (oder motzt über deren Nichtauffindbarkeit). Der mittlere Bruder ist für die schrägen Witze zuständig. Der jüngste ist beim Geschichtsforum angemeldet und dokumentiert das hier während der elenden Pendlerei.

Eine Zeitlang funktioniert das Schema der "Bestellungen beim Universum" ganz gut; wir wollen keine Berge mehr und steigen hinab nach Siegelsberg, wir wollen ein schönes schattiges Dorfplatz-Kriegerdenkmal mit Brunnen zum Ausruhen und bekommen ein Limes-und-700-Jahres-Denkmal mit Rundbank, Stele und Brunnen. Auch treffen wir zum ersten (!) Mal auf andere Limeswanderer: eine Gruppe von sieben Leuten, wegen denen vermutlich der Turm bei Grab gesperrt wurde, trifft uns an unserer Raststätte und fragt nach dem Dorfgasthaus (gibt es nicht). Später treffen wir sie an der Bushaltestelle wieder und - auf zwei geschrumpft - beim Abstieg nach Murrhardt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Etwas zum dritten Mal zu machen bedeutet schon, sich auf eine Tradition eingelassen zu haben, zumindest wenn es im dritten Jahr in Folge geschieht. Im ersten Jahr gingen wir von Miltenberg nach Osterburken, im zweiten von Osterburken nach Öhringen, dieses Jahr haben wir (drei Brüder und ein Vater) uns einen Tag mehr freigenommen, um eine längere Strecke ablaufen zu können, zwischen Öhringen und Lorch sind es gut 60 km Wanderstrecke, dazu mit anspruchsvollen Steigungen und Gefällen. Dafür aber auch mit ein paar Perlen des Limes, und Öhringen ist schon so eine.<br />
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Im Buch &quot;Der römische Limes&quot; von Dietwulf Baatz steht, dass der Limes durch unbesiedeltes Terrain gelegt wurde: nicht so nahe an den Siedlungsgebieten der germanischen Stämme, dass diese eingeengt und so provoziert würden – und auch weit genug von den römisch-provinziellen Zentren entfernt, um diese wirkungsvoll zu schützen. Letztere Maßnahme wurde durch Nachzug siedlungsfreudiger Provinzialen ad absurdum geführt; in den Provinzen waren Militärlager bedeutende Wirtschaftsfaktoren und die Leute gehen dahin, wo das Geld ist. Innerhalb kürzester Zeit blühte das Leben hinter den offensichtlich hocheffektiven Annäherungshindernissen und Grenzmarkierungen des römischen Limes, und natürlich fanden das auch die weiter entfernt lebenden Germanen interessant. <br />
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Aus der heutigen Perspektive ist die Situation fast wieder in römische Zeiten verkehrt: der Limes führt auf der Strecke zwischen Main und Rems durch keine großen Ballungszentren, im Gegenteil, gerade das frischgebackene alte Weltkulturerbe dient der Attraktion von Bildungsreisenden, Erholungssuchenden, Vätern und Brüdern. Zwei Brüder und ein Vater tröpfeln am Fronleichnamsabend in Öhringen ein, der dritte Bruder reist am nächsten Morgen aus dem protestantischen Bremen an, wo nicht gefeiert wurde. In Öhringen sehen wir zwei typische Formen des Limes: die Dopplung der Kastelle (hier das &quot;Bürgel&quot; und das &quot;Rendel&quot;-Kastell, benannt nach de jeweiligen Ortsteilen, in denen sie folgerichtig nach der Ausgrabung rückstandsfrei mit den jew. käsigen Vororten überbaut wurden). Im Gegensatz zu vielen anderen Orten hat sich die Stadt Öhringen aus dem Lagerdorf heraus entwickelt, und zwar prächtig, das bildhübsche, blühende fette kleine Städtchen prangt mit Spätgotik, Barock, Gärten und Schlössern, einem ganzen klassizistischen Stadtteil und umwerfenden Eisdielen. <br />
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Vollkommen begeistert von Öhringen verlassen wir das Städtchen Richtung Pfedelbach, erkennen dort den Verlauf des Wanderwegs an der Peripherie und müssen einen langen Abstecher durch verschnarchte Häuslebauerviertel machen, um in Pfedelbach-Zentrum für den Weg zu &quot;fouragieren&quot;. Der Abstecher lohnt sich, in Pfedelbach steht ein großartiges weißes Wasserschloss (trockengelegt), gleichzeitig werden aber auch einige Extra-Kilometer auf den Zähler gepackt. Erstes richtiges Limeserlebnis ist das große achteckige Turmfundament auf einem Hügel ein paar Kilometer weiter, nachdem es durch beschauliche Dörfer mit liebevoll restaurierten Schätzen wie einer &quot;Brennerei und Gefängnis&quot; ging - unten wurde Schnaps gebrannt, oben Strafen abgebrummt. Beide kleinen Räume voll eingerichtet und zum Anfassen, ohne Angst vor Vandalismus. <br />
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Das Terrain wird bald unwirtlicher und unzugänglicher, und je öfter wir in steile Schluchten hinab- und aus ihnen wieder heraufsteigen müssen (z. T. auf absurd schmalen und unsicheren Wegen; Leute, nahmt keine gebrechlichen Omas oder Kleinkinder mit auf diese Piste) desto höher wächst der Respekt für die Römer, welche Palisade, Wall und Graben ohne Rücksicht auf irgendwas in einer 81 km langen Linie quer über diese Landschaft trieben. Der Respekt wächst sich nach der vierten Schlucht, welche nur mit einer Metalltreppe gequert werden kann, aus und macht einem &quot;die spinnen, die Römer&quot; Platz. Ja, man kann dabei von einer &quot;Machtdemonstration&quot; sprechen; vorbeischauende Germanen müssen veritable Bauklötze gestaunt haben angesichts dieser Leistung. Aber Staunen ist ein schlecht haltbares Gefühl, wie Schimmel bilden sich Zweifel und Aberglauben, und während wir in den heutigen unzugänglichen Gebieten den guten Erhaltungsstand des Limes bewundern, wissen wir doch, dass er nur dieser Unzugänglichkeit den Zustand verdankt.<br />
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Schließlich betreten wir ein größeres Stück Hochebene und stehen vor der ersten Wachturm-Rekonstruktion bei Gailsbach, einer Block-Konstruktion auf Betonsockel, in den sechzigern zuerst, dann in den neunzigern nach Baufälligkeit wieder (und beide Male vollkommen falsch und entgegen jeglicher Forschungsergebnisse) aufgebaut. Eher passt er nach Fort Laramie oder ins asterix-gallische Petitbonum, aber das Bild der Römer ist persistenter als das Wissen über sie, und drum steht er da. Immerhin, man kann hochklettern, die Aussicht genießen und seine Initiale in die dicken Balken ritzen. Die Römer hätten das auch gemacht. Nebendran ein ehemaliges Ausflugslokal, traurige Gummibäume glotzen durch die unbelebten Fenster und träumen von Zeiten hoffnungsvoller touristischer Attraktion. <br />
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Unser Weg führt weiter an einem abstrusen Fabrikbau namens &quot;Pahl-Museum&quot; vorbei (das hat jetzt nichts direkt mit dem &quot;Pfahl&quot; oder Limes sondern mit einem hiesigen Maler namens Gerhard Pahl zu tun, der Menschen und Gegenstände malte, in einer Art Lurchi-Verismus). An den Laternenmasten hängt noch die Werbung ekliger nationaler Parteien zur letzten Kommunalwahl. Das freundliche Mainhardt begrüßt uns mit einem liebevoll gepflegten Museum, Hobby und Herzensschatz des vor ein paar Jahren verstorbenen Herrn Pasler, einem sichtbaren Kastellrest in der Dorfmitte und einer strahlenden Kellnerin in der &quot;Alten Post&quot;, die nach dem Essen vergnügt einen &quot;wilden Weinbergpfirsich&quot; nach dem anderen einschenkt. Beseligt sinken wir in die Federn.<br />
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Und stehen am nächsten Tag etwas gravitationsgeschwächt auf. Auf dem Dorfplatz neben dem Museum verkauft eine Mädchenklasse unglaublich viel Kuchen zur Klassenfahrtfinanzierung, davon muss auch etwas mit, Frau Eisenmann im Gemischtwarenladen bekräftigt unser 23-km-Ziel für den Tag mit einem &quot;Das schaffen Sie! Ich wandere 8 km in einer Stunde!&quot; -- ist hier Nomen Omen ? -- und wir sind wieder unterwegs. Wieder geht es durch schluchtartige Einschnitte im Gelände hinunter und hinauf, was unendlich an den Kräften zehrt. Der Limes als Bodenwelle und -graben wird nun schon fast zum alltäglichen Begleiter, nach den vielen vergangenen Tagen ohne eine Spur davon ein ungewohntes Gefühl. Mit der Zeit lernt man, diese Spur von Holzwirtschaftswegen und -abfuhrrinnen zu unterscheiden. Auf dem Heidenbuckel bei Grab hat man einen Turm so originalgetreu wie möglich wieder aufgebaut, inkl. Zugang im, naja, nullkommafünften Stock (bei den echten muss der weiter oben gewesen sein). Wie immer fehlt auch hier der weiße Verputz mit Fugenstrich, man rekonstruiert lieber noch eine Saalburg als einen tatsächlichen Turm. Neu hier ist die Schneise im Wald, welche den Turm isoliert und weithin sichtbar macht - sie ist ein bisschen schmal und endet direkt hinter dem Turm, aber immerhin. Der Turm ist abgesperrt wegen baufälligen Balkons. Die Schneise ist verwildert. Eine der Hauptaufgaben der Limesbesatzungen muss die diesbezügliche Landschaftspflege gewesen sein.  Obendrein ist er abgesperrt, und in der Tat sehen die Bretter des umlaufenden Balkons zu schmalbrüstig aus für zu erwartende Reisegruppen z. B. der dicken Kinder von Landau. <br />
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In den folgenden Dörfern und Weilern, überhaupt auf der ganzen Strecke, ergänzt sich Abgelegenheit von den Getrieben der Welt mit einer begeisterten Liebe zum neugefundenen Weltkulturerbe. Der Gailsbacher Asterix-Turm hat in einem unweiten Familienhausgarten ein kleines Pendant mit integrierter Kinderrutsche. Wandmalereien grüßen von jedem zweiten Haus, in Grab auch die Karikaturen zweier römischer Adler, Miniatur-Limestürme mit standhafter Playmobil-Besatzung bewachen die Vorgärten. Auch kreuzen und queren die Lehrpfade: zwar wissen wir nach mittlerweile über 150 km Limesstrecke ganz gut Bescheid, wie Turmrekonstruktionen im Querschnitt aussehen, wie ein Besatzungsmitglied die Fackel schwenkt, während einer Schuhe repariert und ein anderer Essen aus dem Keller holt, doch überall steht eben auch noch ein bisschen was zum jeweiligen Turm/Kleinkastell/sonstwas. Der Vater fotografiert die Tafeln mit Bedacht. Der älteste Bruder erschnüffelt die Schutthügel und Bodenwellen wie ein Spürhund (oder motzt über deren Nichtauffindbarkeit). Der mittlere Bruder ist für die schrägen Witze zuständig. Der jüngste ist beim Geschichtsforum angemeldet und dokumentiert das hier während der elenden Pendlerei.<br />
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Eine Zeitlang funktioniert das Schema der &quot;Bestellungen beim Universum&quot; ganz gut; wir wollen keine Berge mehr und steigen hinab nach Siegelsberg, wir wollen ein schönes schattiges Dorfplatz-Kriegerdenkmal mit Brunnen zum Ausruhen und bekommen ein Limes-und-700-Jahres-Denkmal mit Rundbank, Stele und Brunnen. Auch treffen wir zum ersten (!) Mal auf andere Limeswanderer: eine Gruppe von sieben Leuten, wegen denen vermutlich der Turm bei Grab gesperrt wurde, trifft uns an unserer Raststätte und fragt nach dem Dorfgasthaus (gibt es nicht). Später treffen wir sie an der Bushaltestelle wieder und - auf zwei geschrumpft - beim Abstieg nach Murrhardt.</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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			<title>Die Weiterentwicklung einer Großstadt</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/151-die-weiterentwicklung-einer-gro-stadt.html</link>
			<pubDate>Tue, 05 May 2009 07:09:24 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Früher war hier zumindest eine. Die Großstadt hieß früher Colonia Ulpia Traiana und war eine der Maßnahmen zur Zivilisierung und Pazifierung der Nordgrenzen des Römischen Reichs, abgekürzt CUT; als Abkürzung heisst sie heute APX – archäologischer Park Xanten – und ist eine ziemlich große Fläche, auf der früher eine Hälfte der alten Stadt stand. Demnächst wird die Fläche auf die originalen 73 ha erweitert. Die Zahl der Einwohner wird sich dann um ein paar dutzend verringern, ironischerweise, wenn die restlichen Bewohner der Fläche wegziehen. Im Moment steht noch ein hässlicher Möbelmarkt auf dem Capitolstempel. 

73 Hektar, das ist fast so groß wie das moderne Xanten (naja, "modern"). Das ist eine Fläche, die man nicht leicht in den Griff bekommt. Die bereits bestehenden des Parks sind beeindruckend durch ihre Rekonstruktionen -- viele Türme, Tore, Mauern, ein teilweise aufgebautes Amphitheater, ein voll funktionsfähiges Gasthaus mit Betten und Küche, Handwerkerläden und -häuser. Die Erweiterung ist auch nicht übel -- das schönste Römermuseum, das ich kenne. Dazwischen Einschlüsse von "verkommener Landschaft" wie sie Heiner Müller nennen würde. Ein riesengroßer Wasserspielplatz, ein ebenso großer Abenteuerspielplatz irgendwo zwischen Hüpfburg und authentischem Limeskastell. Am Ende der Welt steht das Nordtor, dazwischen eine durchsichtige Garage für Römerwagen und jede Menge moderne Toilettenhäuschen.

Der APX streckt sich nach den Ecken. Es steht zu erwarten, dass neben dem teilrekonstruierten Hafentempel auf absehbare Zeit kein Capitolstempel auf den Ruinen des Möbelhauses errichtet wird; auch die Ummantelung des gesamten Areals durch Wehrtürme und Ligusterhecken ist nicht absehbar. Ist der Bissen zu groß, um geschluckt werden zu können? Die Leichtigkeit, mit der in den reichen 70ern Türme, Tore und Theater aufgebaut werden konnten, ist heute nicht mehr gegeben -- die Ansprüche sind höher, höher sogar noch als die Kosten.

Eine kuriose Metapher springt da ins Auge. Sind die Ansprüche so groß, dass sie nicht mehr bedient werden können? Müssen Ansprüche aufgegeben werden, nur weil sie nicht mit den Ad-Hoc-Mitteln erfüllt werden können? Diese Generation bürdet ihrer Nachfolge eine Menge auf. Neben Schulden und zu lösenden Problemen im Bereich Umweltschutz und Sozialvertrag kommt die Verpflichtung dazu, langfristige Projekte am Laufen zu halten: John Cages 639 Jahre dauerndes Musikstück in Halberstadt, zum Beispiel, Bibliotheken, Archive, Wissenssammlungen, und letztendlich natürlich auch Freilichtmuseen. Es versteht sich von selbst, dass man in Xanten jetzt nicht hätte hingehen und den größeren Rest der Colonia zwecks Abbau von Rheinkies wegbaggern lassen sollen. Doch – wird der vergrößerte Park den alten Ansprüchen gerecht? Wie geht man damit um?

In erster Linie – trocken, aber verantwortungsvoll. Die bestehenden Strukturen werden konsolidiert und zusammengeführt, das Stadtgelände abgetrennt, Raubgräber und Sondengänger bleiben draussen. Wenn das erledigt ist, wird geforscht. Weitere Rekonstruktionen in größerem Stil müssen warten. 

Und warten werden sie müssen, evtl. bis zum St. Nimmerleinstag. Das Publikum begeistert sich aber an Türmen und Theatern, an Laubengängen, Säulen und Mauern, an Rom wie es am römischsten zu sein scheint. Lässt sich die Dosis steigern? Viel hilft viel, und die Begeisterung über eine saubere, schöne moderne Römerstadt schlägt hoch. So hoch, dass man in Orten wie dem "Limespark" in Rheinbrohl und dem "Archeon" in den Niederlanden das Ganze gewissermaßen zum Super-Size-Menu verdichtet bekommt. Super-Size-APX, was spricht dagegen?

Die eigene Geschichte des Parks, und die (immernoch, trotz aller Ausgliederungen) öffentliche Trägerschaft. Der APX wurde in einer Zeit angelegt, als der Eventpark noch nicht erfunden und das Asterix-Spassland noch etwas ganz anderes war. Heute würde man vielleicht einen Turm, ein Viertel des Amphitheaters und eine Säule des Hafentempels wieder aufbauen, dafür aber aus streng authentischen Materialien und mit größerer Akribie. Natürlich würde das weitaus mehr kosten als das ganze heutige Gebäudeensemble auf dem Gelände des APX. Dazwischen stünden dann moderne Gebäude in der nachempfundenen Form der Originalbauten. Und natürlich Toilettenhäuschen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Früher war hier zumindest eine. Die Großstadt hieß früher Colonia Ulpia Traiana und war eine der Maßnahmen zur Zivilisierung und Pazifierung der Nordgrenzen des Römischen Reichs, abgekürzt CUT; als Abkürzung heisst sie heute APX – archäologischer Park Xanten – und ist eine ziemlich große Fläche, auf der früher eine Hälfte der alten Stadt stand. Demnächst wird die Fläche auf die originalen 73 ha erweitert. Die Zahl der Einwohner wird sich dann um ein paar dutzend verringern, ironischerweise, wenn die restlichen Bewohner der Fläche wegziehen. Im Moment steht noch ein hässlicher Möbelmarkt auf dem Capitolstempel. <br />
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73 Hektar, das ist fast so groß wie das moderne Xanten (naja, &quot;modern&quot;). Das ist eine Fläche, die man nicht leicht in den Griff bekommt. Die bereits bestehenden des Parks sind beeindruckend durch ihre Rekonstruktionen -- viele Türme, Tore, Mauern, ein teilweise aufgebautes Amphitheater, ein voll funktionsfähiges Gasthaus mit Betten und Küche, Handwerkerläden und -häuser. Die Erweiterung ist auch nicht übel -- das schönste Römermuseum, das ich kenne. Dazwischen Einschlüsse von &quot;verkommener Landschaft&quot; wie sie Heiner Müller nennen würde. Ein riesengroßer Wasserspielplatz, ein ebenso großer Abenteuerspielplatz irgendwo zwischen Hüpfburg und authentischem Limeskastell. Am Ende der Welt steht das Nordtor, dazwischen eine durchsichtige Garage für Römerwagen und jede Menge moderne Toilettenhäuschen.<br />
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Der APX streckt sich nach den Ecken. Es steht zu erwarten, dass neben dem teilrekonstruierten Hafentempel auf absehbare Zeit kein Capitolstempel auf den Ruinen des Möbelhauses errichtet wird; auch die Ummantelung des gesamten Areals durch Wehrtürme und Ligusterhecken ist nicht absehbar. Ist der Bissen zu groß, um geschluckt werden zu können? Die Leichtigkeit, mit der in den reichen 70ern Türme, Tore und Theater aufgebaut werden konnten, ist heute nicht mehr gegeben -- die Ansprüche sind höher, höher sogar noch als die Kosten.<br />
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Eine kuriose Metapher springt da ins Auge. <i>Sind die Ansprüche so groß, dass sie nicht mehr bedient werden können?</i> Müssen Ansprüche aufgegeben werden, nur weil sie nicht mit den Ad-Hoc-Mitteln erfüllt werden können? Diese Generation bürdet ihrer Nachfolge eine Menge auf. Neben Schulden und zu lösenden Problemen im Bereich Umweltschutz und Sozialvertrag kommt die Verpflichtung dazu, langfristige Projekte am Laufen zu halten: John Cages 639 Jahre dauerndes Musikstück in Halberstadt, zum Beispiel, Bibliotheken, Archive, Wissenssammlungen, und letztendlich natürlich auch Freilichtmuseen. Es versteht sich von selbst, dass man in Xanten jetzt nicht hätte hingehen und den größeren Rest der Colonia zwecks Abbau von Rheinkies wegbaggern lassen sollen. Doch – wird der vergrößerte Park den alten Ansprüchen gerecht? Wie geht man damit um?<br />
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In erster Linie – trocken, aber verantwortungsvoll. Die bestehenden Strukturen werden konsolidiert und zusammengeführt, das Stadtgelände abgetrennt, Raubgräber und Sondengänger bleiben draussen. Wenn das erledigt ist, wird geforscht. Weitere Rekonstruktionen in größerem Stil müssen warten. <br />
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Und warten werden sie müssen, evtl. bis zum St. Nimmerleinstag. Das Publikum begeistert sich aber an Türmen und Theatern, an Laubengängen, Säulen und Mauern, an Rom wie es am römischsten zu sein scheint. Lässt sich die Dosis steigern? Viel hilft viel, und die Begeisterung über eine saubere, schöne moderne Römerstadt schlägt hoch. So hoch, dass man in Orten wie dem &quot;Limespark&quot; in Rheinbrohl und dem &quot;Archeon&quot; in den Niederlanden das Ganze gewissermaßen zum Super-Size-Menu verdichtet bekommt. Super-Size-APX, was spricht dagegen?<br />
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Die eigene Geschichte des Parks, und die (immernoch, trotz aller Ausgliederungen) öffentliche Trägerschaft. Der APX wurde in einer Zeit angelegt, als der Eventpark noch nicht erfunden und das Asterix-Spassland noch etwas ganz anderes war. Heute würde man vielleicht einen Turm, ein Viertel des Amphitheaters und eine Säule des Hafentempels wieder aufbauen, dafür aber aus streng authentischen Materialien und mit größerer Akribie. Natürlich würde das weitaus mehr kosten als das ganze heutige Gebäudeensemble auf dem Gelände des APX. Dazwischen stünden dann moderne Gebäude in der nachempfundenen Form der Originalbauten. Und natürlich Toilettenhäuschen.</div>

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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Die ständige Anti-Haltung</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/139-die-st-ndige-anti-haltung.html</link>
			<pubDate>Tue, 14 Apr 2009 11:30:06 GMT</pubDate>
			<description>Es wird zuwenig positives berichtet, geschrieben, gemeldet, gebloggt, und die Geschichte selber ist ja auch in erster Linie ein großer Haufen abgeschnittener Köpfe. Jetzt sind auch die historischen Möbel (in Velburg-Lengenfeld) negativistischer Geschichtssicht verfallen. Wann endlich gibt es Proquitäten?</description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Es wird zuwenig positives berichtet, geschrieben, gemeldet, gebloggt, und die Geschichte selber ist ja auch in erster Linie ein großer Haufen abgeschnittener Köpfe. Jetzt sind auch die historischen Möbel (in Velburg-Lengenfeld) negativistischer Geschichtssicht verfallen. Wann endlich gibt es Proquitäten?</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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			<title>Zur Abwechslung mal was Nettes</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/110-zur-abwechslung-mal-nettes.html</link>
			<pubDate>Mon, 09 Mar 2009 14:24:06 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Zu gerne wettere ich herum, schimpfe Hexen und Katzen auf schlechtes Marketing, blöde Werbung, dumme Dinge bzw. das, was ich dafür halte. Und dann gibt es mitten in meiner Stadt entwas so entzückend Nettes, dass es mir die sentimentalsten Augentrübungen beschert: seit ein paar Jahren ist es bei verliebten Paaren Sitte geworden (so richtig erst in diesem Jahr), auf der Hohenzollernbrücke/Südseite Vorhängeschlösser anzubringen, auf denen ihr Name steht, und den Schlüssel in den Rhein zu werfen. 

Angeblich stammt die Sitte aus Rom, aber Köln hat den definitiv größeren Fluss und damit auch mehr Platz für die Liebe. Und überhaupt hat es in Köln ja Tradition, römische Sitten zu übernehmen ... wir werden unseren 10. Hochzeitstag voraussichtlich auch u. a. mit einem "Traumschloß der Liebe" feiern (was in diesen Dimensionen wirklich erschwinglich ist).]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Zu gerne wettere ich herum, schimpfe Hexen und Katzen auf schlechtes Marketing, blöde Werbung, dumme Dinge bzw. das, was ich dafür halte. Und dann gibt es mitten in meiner Stadt entwas so entzückend Nettes, dass es mir die sentimentalsten Augentrübungen beschert: seit ein paar Jahren ist es bei verliebten Paaren Sitte geworden (so richtig erst in diesem Jahr), auf der Hohenzollernbrücke/Südseite Vorhängeschlösser anzubringen, auf denen ihr Name steht, und den Schlüssel in den Rhein zu werfen. <br />
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Angeblich stammt die Sitte aus Rom, aber Köln hat den definitiv größeren Fluss und damit auch mehr Platz für die Liebe. Und überhaupt hat es in Köln ja Tradition, römische Sitten zu übernehmen ... wir werden unseren 10. Hochzeitstag voraussichtlich auch u. a. mit einem &quot;Traumschloß der Liebe&quot; feiern (was in diesen Dimensionen wirklich erschwinglich ist).</div>


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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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		</item>
		<item>
			<title>Im Andenkenladen</title>
			<link>http://www.geschichtsforum.de/blogs/mummius-picius/99-im-andenkenladen.html</link>
			<pubDate>Fri, 27 Feb 2009 09:42:03 GMT</pubDate>
			<description><![CDATA[Andenken ist ein schönes Wort, das erst vor kurzem seine Aufnahme in den Heidegger-Kreis der doppeldeutigen Begriffe feiern konnte; zum Einstand machte es klar, dass es mit seiner Bedeutung "Souvenir" nicht mehr eng liiert, sondern nur noch freundschaftlich verbunden ist --- klar, Souvenir drückte sich schon seit einiger Zeit in schmierigen Kreisen herum, seitdem ruchbar wurde, dass Souvenir seine Ware aus Asien bezieht (selbst die Kuckucksuhren). Andenken hingegen hat immerhin ein "Denken" im Namen, mit diesem Adelstitel bekam das Wort gleich Eintritt zu Politiker- und Soziologenkreisen, und auch wenn man ihm nachsagt dass es nie mit den Dingen fertig wird, die es anfängt, so führt es nun ein tolles Leben mit vielen neuen Freunden.

Wenn bei einem Berlinbesuch keine Zeit bleibt für das Pergamon- oder Antikenmuseum, gehe ich doch gerne gucken, was man dort kaufen kann. 

Außen vor dem Pergamonmuseum steht ein Kasten, das ist der Andenkenladen. Der Museumsshop. Man kauft sich in solchen Läden Sachen, die eine Verbindung zum Inhalt des Museums haben. Weil die Sachen im Museum schön sind, aber leider Unikate, gibt es im Laden Replikate. Und da eine Replika des Markttors von Milet nicht jedermanns Sache ist, gibt es Verkleinerungen, Abbildungen, Postkarten, Kitsch, Tand, Schnickschnack.

Der Shop-Kasten des Pergamonmuseums muss vor kurzem in die Hände von Designern gefallen sein -- diese haben die gestalterisch-konzeptionelle Oberhoheit übernommen und bieten darin nicht geschmackliche Diversität, sondern Homogenität an. Nun muss man Designer kennen, um sie zu verstehen -- sie sind ein selbstbewusstes Völkchen, sehen gerne ihren Stil als die Leitplanke der Geschmacksautobahnen, ihren Horizont als Erdscheibe und Universum in einem. Und so ist der Pergamonmuseumskastenshop (oder Pergamonmuseumsshopkasten) nicht nur stilistisch gradlinig wie eine chinesische "Geistermauer" knallpeng vor den Eingang gesetzt, drinnen sagen auch die Andenken "ich bin schick" und nicht "nimm mich mit".

In der letzten Zeit machte sich Adobe Illustrator breit. Das ist ein Zeichenprogramm, welches sehr schnell und einfach Konturen und Silhouetten erfasst und in klare, schöne Strichgrafiken umsetzt (wenn man nur die einfachsten Features des Programms nutzt). Man sieht die Ergebnisse überall: Outline-Muffins kennzeichnen kleine schicke Backwarenläden mit Namen wie "Törtchen Törtchen", Outline-Affen bilden das Signet der Klamottenmarke "Frank Paul", Outlines zieren den Partyflyer und den Messeauftritt. Im Pergamonmuseumsshopkasten hat jemand alle möglichen Dinge mit Konturenbildern persischer Torkapitelle und Ishtartorlöwen bedruckt. So viele mögliche Dinge waren das übrigens gar nicht, nur ein paar; ok, der Kasten/Laden ist auch klein (Ich habe über diesen modischen, einfachen Illustrationsstil schon an anderer Stelle [ Designchen Designchen (http://mummpizz.wordpress.com/2008/10/21/designchen-designchen/) ] ausführlicher gezetert)

Mir machte sich bei diesem Anblick der Geschmack von Powerpoint im Munde breit. Hier hat jemand ein Konzept gemacht und den Laden nach diesem Konzept sowohl eingerichtet als auch gefüllt -- will sagen, hier gibt es nicht "für jeden etwas" sondern "alles für einen", möglichst einen, der diesen Geschmack hat. Natürlich ist das Spektrum einer rein dekorativen Verwendung begrenzt, es gab also neben den üblichen Notizbüchern, der üblichen Rosenseife und Postkärtchen überwiegend Geschenkpapier, Geschenkboxen, Geschenktütchen mit diesen Aufdrucken, fast so als wäre die dekorative Verwendung der Gestaltung nicht genug, sondern müsste durch den Dekorationszweck des gestalteten Mediums potenziert werden. 

Oder ist es, weil man Umverpackungen (und Geschenkverpackungen) eh meistens wegschmeißt? 

Im Andenkenladen fand ich nichts zum Mitnehmen, aber zumindest was zum andenken. Na, wenigstens etwas, und das war sogar kostenlos.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div><i>Andenken</i> ist ein schönes Wort, das erst vor kurzem seine Aufnahme in den Heidegger-Kreis der doppeldeutigen Begriffe feiern konnte; zum Einstand machte es klar, dass es mit seiner Bedeutung &quot;Souvenir&quot; nicht mehr eng liiert, sondern nur noch freundschaftlich verbunden ist --- klar, Souvenir drückte sich schon seit einiger Zeit in schmierigen Kreisen herum, seitdem ruchbar wurde, dass Souvenir seine Ware aus Asien bezieht (selbst die Kuckucksuhren). Andenken hingegen hat immerhin ein &quot;Denken&quot; im Namen, mit diesem Adelstitel bekam das Wort gleich Eintritt zu Politiker- und Soziologenkreisen, und auch wenn man ihm nachsagt dass es nie mit den Dingen fertig wird, die es anfängt, so führt es nun ein tolles Leben mit vielen neuen Freunden.<br />
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Wenn bei einem Berlinbesuch keine Zeit bleibt für das Pergamon- oder Antikenmuseum, gehe ich doch gerne gucken, was man dort kaufen kann. <br />
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Außen vor dem Pergamonmuseum steht ein Kasten, das ist der Andenkenladen. Der Museumsshop. Man kauft sich in solchen Läden Sachen, die eine Verbindung zum Inhalt des Museums haben. Weil die Sachen im Museum schön sind, aber leider Unikate, gibt es im Laden Replikate. Und da eine Replika des Markttors von Milet nicht jedermanns Sache ist, gibt es Verkleinerungen, Abbildungen, Postkarten, Kitsch, Tand, Schnickschnack.<br />
<br />
Der Shop-Kasten des Pergamonmuseums muss vor kurzem in die Hände von Designern gefallen sein -- diese haben die gestalterisch-konzeptionelle Oberhoheit übernommen und bieten darin nicht geschmackliche Diversität, sondern Homogenität an. Nun muss man Designer kennen, um sie zu verstehen -- sie sind ein selbstbewusstes Völkchen, sehen gerne ihren Stil als die Leitplanke der Geschmacksautobahnen, ihren Horizont als Erdscheibe und Universum in einem. Und so ist der Pergamonmuseumskastenshop (oder Pergamonmuseumsshopkasten) nicht nur stilistisch gradlinig wie eine chinesische &quot;Geistermauer&quot; knallpeng vor den Eingang gesetzt, drinnen sagen auch die Andenken &quot;ich bin schick&quot; und nicht &quot;nimm mich mit&quot;.<br />
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In der letzten Zeit machte sich Adobe Illustrator breit. Das ist ein Zeichenprogramm, welches sehr schnell und einfach Konturen und Silhouetten erfasst und in klare, schöne Strichgrafiken umsetzt (wenn man nur die einfachsten Features des Programms nutzt). Man sieht die Ergebnisse überall: Outline-Muffins kennzeichnen kleine schicke Backwarenläden mit Namen wie &quot;Törtchen Törtchen&quot;, Outline-Affen bilden das Signet der Klamottenmarke &quot;Frank Paul&quot;, Outlines zieren den Partyflyer und den Messeauftritt. Im Pergamonmuseumsshopkasten hat jemand alle möglichen Dinge mit Konturenbildern persischer Torkapitelle und Ishtartorlöwen bedruckt. So viele mögliche Dinge waren das übrigens gar nicht, nur ein paar; ok, der Kasten/Laden ist auch klein (Ich habe über diesen modischen, einfachen Illustrationsstil schon an anderer Stelle [ <a href="http://mummpizz.wordpress.com/2008/10/21/designchen-designchen/" target="_blank">Designchen Designchen</a> ] ausführlicher gezetert)<br />
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Mir machte sich bei diesem Anblick der Geschmack von Powerpoint im Munde breit. Hier hat jemand ein Konzept gemacht und den Laden nach diesem Konzept sowohl eingerichtet als auch gefüllt -- will sagen, hier gibt es nicht &quot;für jeden etwas&quot; sondern &quot;alles für einen&quot;, möglichst einen, der diesen Geschmack hat. Natürlich ist das Spektrum einer rein dekorativen Verwendung begrenzt, es gab also neben den üblichen Notizbüchern, der üblichen Rosenseife und Postkärtchen überwiegend Geschenkpapier, Geschenkboxen, Geschenktütchen mit diesen Aufdrucken, fast so als wäre die dekorative Verwendung der Gestaltung nicht genug, sondern müsste durch den Dekorationszweck des gestalteten Mediums potenziert werden. <br />
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Oder ist es, weil man Umverpackungen (und Geschenkverpackungen) eh meistens wegschmeißt? <br />
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Im Andenkenladen fand ich nichts zum Mitnehmen, aber zumindest was zum andenken. Na, wenigstens etwas, und das war sogar kostenlos.</div>

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			<dc:creator>Mummius Picius</dc:creator>
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