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Eigentlich eher ein 'Merkheft' an einem Ort der nicht durch plötzliche Missgeschicke von mir selbst zerstört werden kann. Aber als selbst-bekennende Plaudertasche, plappere ich hier auch fröhlich vor mich hin. NB: Es sei denn, eine Deutsche Quelle ist angegeben, sind alle Übersetzungen von mir und dementsprechend ohne Gewähr.
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Was ist E10? Oder: Heim in die Fremde

Veröffentlicht: 25.05.2012 um 00:21 von Saint-Simone

Tanken sollte ich. Kein Problem, das Auto fährt mit bleifreiem Super Benzin und...was ist E10? Darf ich das in das Auto füllen? Seit wann hat das Benzin in Deutschland 95 Oktan? Und wann wurde eigentlich der Geschmak von Gummibärchen geändert? Wer ist Alexandra Nedel, und warum muß sich die Wanderhure rächen? An wem denn?

Fragen über Fragen, und plötzlich war ich nicht mehr so sicher, daß ich wirklich deutsch bin, auch wenn ich die Sprache fließend spreche, wie ich mir habe versichern lassen. Manchmal etwas komisch, manchmal etwas altmodisch, aber akzentfrei, und bei Bedarf auch fließend saarländisch platt. Aber nach mehr als zehn Jahren auf der Insel, und einem ganzen Jahr, in dem ich aus beruflichen Gründen keine Zeit hatte mal wieder nach Deutschland zu kommen, war plötzlich alles anders. Und ich brauchte erstmal Zeit, bevor ich mich wieder einfand, und im Schnellverfahren lernte, was für mein Umfeld ganz natürlich ist.

Dabei fing alles so unschuldig an. Juhu, ich hatte ein wenig Zeit, also habe ich kurzerhand einen langen Urlaub daheim gebucht. Vier Wochen Deutschland, vier Wochen ordentliches Brot, gutes Bier und Milchschnitten die man im Laden kaufen kann, statt sie mühsam zu importieren, und Fanta, hach ja, deutsche Fanta! Nein, P. aus L. die Fanta hier in GB schmeckt nach Süßstoffen, das ist so, und da kannste sagen was du willst! Wenn ich Fanta trinke, dann deutsche Fanta, und dann wird mir nach einem Liter schlecht, aber wenigstens nicht von den Süßstoffen, sondern weil ich zuviel ordentliche Fanta getrunken habe. Kurzum, ich hatte vor vier Wochen lang alles nachzuholen, was ich hier in Schottland so vermisse, und dachte nichts böses.

Für ein solches Unterfangen durfte es natürlich nur die Lufthansa sein. Na gut, ich gebe es zu, nachdem ich alles durchgerechnet hatte, kostete die Lufthansa etwas weniger als Ryanair, versprach mir einen Sitz um den ich nicht kämpfen muß, ein kostenloses Butterbrot und ein Getränk meiner Wahl. Alles war gut, und ich hatte meinen Koffer halb leer gelassen, weil ich ja jede Menge Zeug aus Deutschland mitbringen wollte. Und so schlug ich dann in Frankfurt am Main auf, leicht angeheitert, da die Lufthansa auch Bier herausgibt, und ich beim Fliegen immer so nervös werde. Und dann, ja dann wurde mir ganz anders.

Zur Verwunderung der Umstehenden, habe ich erstmal meinen Mantel, und dann meinen dicken Pulli ausgezogen, weil es im Flughafen warm war. Viel zu warm. Das sollte ein kontinuierliches Problem werden, daß in Deutschland öffentliche Gebäude sowohl ordentlich isoliert, als auch ordentlich beheizt werden. Ach, deswegen sitzen die Deutschen in Schottland auch in den Pubs, als wäre arktischer Winter!

Dann kam die Bahn. "Guten Abend, ich würde gerne den nächsten Zug nach Saarbrücken nehmen."
"Der fährt um 18.20 Uhr."
Schweigen. Äh, ja, ich weiß wann der Zug fährt, weil ich das schon nachgeschaut habe, ich hätte gerne ein...sagt man in Deutschland "ticket"? Da gab es doch ein deutsches Wort, oder? Wie hieß das nochmal? Mein Gott, Mädel, sag doch endlich was!
"Ich würde gerne ein Billet lösen."
Schweigen, während sich der gute Herr an der Schläfe krazte.
"Einen Farschein wollen Sie also?"
Mist, falsches Jahrhundert...

Meine Ankunft im Saarland war relativ ereignislos, nur schienen meine Mitfahrenden im ICE etwas verwirrt von meinem Bedürfnis Belanglosigkeiten über das Wetter auszutauschen. Ach ja, das hatte ich vergessen, soetwas macht man in Deutschland nicht. Was man aber anscheinend tut, ist ein lautes "Guten Tag" in einen Laden/Aufzug/andere Orte an denen sich Menschen befinden zu brüllen, welches sich an niemanden wirklich richtet. Und wenn jemand fragt "wie geht's", dann beantwortet man diese Frage, im Detail. Ich wollte nicht wirklich wissen, daß die Kassiererin Rückenprobleme hat, und in dem Moment, in dem sie damit anfing erinnerte ich mich wieder, daß man in Deutschland nur fragt, wenn man die Antwort auch hören will. Also, die Kassiererin hatte ständige Rückenschmerzen, wahrscheinlich weil sie so viel Zeit sitzend verbringt, aber das ist halt Teil des Jobs und bei der heutigen Wirtschaft kann man es sich halt nicht aussuchen. Und das macht dann dreizehn fünfzig, Karte oder bar?

Karte? Seit wann kann man in Deutschland überall mit Karte zahlen? Vor drei Jahren habe ich mal versucht mit meiner britischen Karte zu zahlen. Von wegen, die wird überall in Europa genommen! Wird sie heutzutage anscheinend schon, aber wann hat sich das eigentlich geändert? Ich lebte glücklich in der Vorstellung, daß man in Deutschland noch immer bar zahlt, und dann war doch alles anders.

Der deutsche Alltag war voller Tücken, nicht zuletzt weil ich bei Müdigkeit oder mangelnder Konzentration plötzlich mit Englisch um mich warf. Strom ablesen wollte der gute Herr, der in meinem Elternhaus vor der Tür stand, und ich wusste nicht wo der Stromzähler war. "Metre" heißt das in GB, und nach einer kurzen Suche fand ich ihn auch, und teilte dem Herrn glücklich mit "The metre's through here". Mist, falsches Land...

Und dann wurde ich auf den Straßenverkehr losgelassen. Mal ganz abgesehen davon, daß ich am ersten Tag vier Mal mit der linken Hand gegen die Fahrertür schlug, während ich versuchte zu schalten, und mich konzentrieren musste um auf der rechten Seite der Straße zu bleiben, war es peinlich regelmäßig auf der Beifahrerseite ins Auto zu steigen, und dann kein Lenkrad vor mir zu haben. Falsches Land, und jetzt denk bloß dran auf der rechten Seite der Straße zu bleiben.

Deutschland war ungewohnt. Fremd. Deutschland hat sich verändert, seit ich 1999 mit einem Rucksack voller Träume das Land verlassen habe. Auch wenn ich regelmäßig heim komme, dann gibt es tausende kleine Dinge, die einfach an mir vorbeigegangen sind. Unter anderem die Rechtschreibreform, mit der ich wohl nie warm werde. Aber ich hatte mich auch verändert, und war eine Woche lang todunglücklich, weil ich überall fremdelte.

Wie mir unangenehm auffiel, bin ich anscheinend 1999 ausgewandert, ohne es richtig zu merken. Das war keine Absicht, so nicht geplant, aber im Anbetracht der Beweislage habe ich dann das getan, was ich für die beste Lösung hielt: Ich bin in den Schwarzwald gefahren, hab' mir einen großen Schinken gekauft und Bauklötze gestaunt wie hübsch das alles ist. Es hat so richtig Spaß gemacht, Tourist zu sein, viel zu viel Torte und lokales Bier zu vernichten, und schamlos alles zu photographieren.

Hübsch ist es. Deutschland. Nette Leute, gutes Bier, gutes Essen und Torten...hach, Torten! Toller Urlaub! Ich komme auf jeden Fall wieder, und dann erkunde ich den Schwarzwald weiter, und andere Landstriche Deutschlands. Der nächste Urlaub ist auch schon geplant, es geht wieder in den Schwarzwald...weil, naja, der Schinken ist alle.

Nach vier Wochen war ich froh wieder "daheim" zu sein. Der Koffer war voller leckerer Sachen, inklusive zweier Flaschen Bier (die Großen, mit dem Verschluß der so schön 'plopp' macht) und einer Flasche Fanta. Richtig aufgeregt war ich wieder auf schottischem Boden zu stehen, und wunderte mich, daß ein paar Flughafenarbeiter am Ausgang des Tunnels standen, und pfiffen, bis mir aufging was die pfiffen, und ich lachen musste*. Dafür gab's dann Lächeln und Augenzwinkern, und bei mir die Erkenntnis, daß ich daheim war- was auch immer das bedeutet. Meine Größere Hälfte wartete mit "Mince & Tatties" auf mich, weil nach so viel Deutschland das nun sein musste. Dazu gab es dann das deutsche Bier, und er hat alles über die "Wanderhure" erfahren, die ich mittlerweile nicht nur gesehen, sondern auch gelesen habe.

Nur was E10 ist, weiß ich noch immer nicht so genau. Und so genau brauche ich das nicht zu wissen. Nicht weil es nicht wichtig ist, sondern weil ich diese Entwicklung nicht mitbekommen habe, und sie auch nicht mitbekommen konnte. Klar schmerzt es, wenn einem die Heimat fremd wird, aber es war überhöht zu erwarten, daß besagte Heimat unverändert auf mich wartet. Das hat sie nicht, und das ist gut so, weil ich Alt-bekanntes und Neues entdecken durfte, und letzendlich frisch verliebt in Deutschland war. Auch wenn ich die "Wanderhure" und die Filme dazu nicht verstehen werde, aber das geht mir mit "Braveheart" genauso.




* Die Herren am Flughafen pfiffen übrigens die Titelmelodie zu "The Great Escape".
Kategorie: Kategorielos
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Kommentare 12

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    "Die Wanderhure"? Und Du beschwerst Dich über Frau Cartland?

    Billet, ist schon richtig, in Freiburg hätte man Dich schon verstanden. Schweizer verlangen ja auch immer Billets und Reservationen, wobei ich im Hinterkopf immer an Reservate denken muss.

    Übrigens finde ich es ganz unverfroren von Dir, dass Du in den Schwarzwald gekommen bist und Dich nicht mal gemeldet hast.
    Nachher hast Du noch einen falschen Eindruck vom Schwarzwälder Schinken. Ja, der schmeckt schon generell aus einer richtigen Metzgerei gut, aber es gibt mehr als gut und das hätte ich Dir auch beweisen können.
    Bei den Flaschen mit Plopp musste ich an ein gewisses Gebräu denken, was heutzutage leider nicht mehr vor Ort gebraut wird, aber mit Glück und eher im Schwarzwaldinneren noch in der Bügelflasche zu haben ist.

    Ich hoffe mal, Du warst nicht in diesen Touristenfallen...
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    Veröffentlicht: 25.05.2012 um 12:15 von Brissotin Brissotin ist offline
  2. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Saint-Simone
    @Brissotin

    Schande über mich, ich hatte ganz vergessen, daß ich mich da auf deinem Territorium befinde! Das nächste Mal melde ich mich, und lasse mich dann gerne eines besseren belehren, vor Allem was Schinken und Bier angeht. Der nächste Ausflug in den Schwarzwald ist bereits in Planung, und sollte irgendwann im Laufe des Sommers auch tatsächlich stattfinden.

    Aber ich hab' nicht gesagt, daß ich die "Wanderhure" gut fand, nur, daß ich es gelesen und den Film angeschaut habe. Das war...aufschlußreich, was das Höflichste ist, was ich dazu sagen kann.
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    Veröffentlicht: 26.05.2012 um 09:14 von Saint-Simone Saint-Simone ist offline
  3. Alter Kommentar
    @ Chefin

    Bist ja wieder rehabilitiert. Hauptsache Du warst noch nicht in Freiburg, dass ich es Dir noch zeigen kann. Wichtig: Rechtzeitig melden, im Sommer ist Saison. ;-)

    Wenn Du den Film kanntest oder umgekehrt, warum hast Du Dir dann den Roman angetan? Selbstgeißelungstrieb oder geht es um gewisse Grenzerfahrungen?
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    Veröffentlicht: 29.05.2012 um 14:55 von Brissotin Brissotin ist offline
  4. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Saint-Simone
    @Brissotin

    Jetzt erst gesehen, sorry! Keine Sorge in Freiburg war ich noch nicht, und ich melde mich sobald ich etwas weiß.

    Was die "Wanderhure" angeht, hab' ich zuerst das Buch gelesen. Was soll ich sagen? Ich habe die Angewohnheit mich in Flughäfen und Banhöfen mit deutscher Literatur zu versorgen, und dachte mir nach einer langen Zugfahrt "wie schlimm kann die Verfilmung jetzt noch werden?" Sie konnte, und um ganz sicher zu gehen, habe ich mir sowohl "Die Wanderhure", als auch "Die Rache der Wanderhure" angeschaut, wobei der zweite Teil den Vogel abgeschossen hat. Vergessen wir einfach, daß das jemals passiert ist.
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    Veröffentlicht: 04.06.2012 um 23:20 von Saint-Simone Saint-Simone ist offline
  5. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von zaphodB.
    Ein sehr schöner Blog ! So manches fällt einem wirklich esrt dann auf,wenn man länger weg war und Tourist imeigenen Land spielt.
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    Veröffentlicht: 07.06.2012 um 22:08 von zaphodB. zaphodB. ist offline
  6. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von beetle
    ich habe beim letzten Heimatbesuch auch eine Stadtführung mit gemacht. War sehr interessant.
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    Veröffentlicht: 08.06.2012 um 13:18 von beetle beetle ist offline
    Aktualisiert: 08.06.2012 um 13:20 von beetle
  7. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Saint-Simone
    @ Zaphod: Volle Zustimmung! Dabei fallen einem immer wieder Dinge auf, die man sonst nicht wahrnimmt, oder denen man keine Wichtigkeit zumisst. Das führt zu interessanten Entdeckungen. Was hast du Neues und Interessantes entdeckt?

    @ Beetle: Das habe ich auch vor, beim nächsten Besuch in der Kleinstadt in der ich mal in die Schule gegangen bin. Als Schülerin fand ich die Stadt immer öder und verschlafen, und habe mir nie Gedanken gemacht. Hat dich die Stadtführung zu weiteren Nachforschungen angeregt?
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    Veröffentlicht: 09.06.2012 um 14:05 von Saint-Simone Saint-Simone ist offline
  8. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von beetle
    Zitat:
    Saint-Simone Kommentar anzeigen
    @ Beetle: Das habe ich auch vor, beim nächsten Besuch in der Kleinstadt in der ich mal in die Schule gegangen bin. Als Schülerin fand ich die Stadt immer öder und verschlafen, und habe mir nie Gedanken gemacht. Hat dich die Stadtführung zu weiteren Nachforschungen angeregt?
    wenn ich auf weitere Angebote für Stadtführungen aufmerksam werde, werde ich die mit machen. Allerdings habe ich mir im Augenblick noch keine weiterführende Literatur besorgt
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    Veröffentlicht: 11.06.2012 um 07:16 von beetle beetle ist offline
  9. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Rurik
    Zitat:
    Auch wenn ich die "Wanderhure" und die Filme dazu nicht verstehen werde, aber das geht mir mit "Braveheart" genauso.
    Um gegenüber William Wallace ein wenig gnädig zu sein: Braveheart wurde wenigstens zum Schluss gevierteilt. Auf etwas ähnliches habe ich bei der Wanderhure vergeblich gewartet.
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    Veröffentlicht: 26.06.2012 um 10:51 von Rurik Rurik ist offline
  10. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Saint-Simone

    Als sich in Alaska der Höllenschlund auf

    @ Rurik

    Einfach nur: und
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    Veröffentlicht: 28.06.2012 um 23:48 von Saint-Simone Saint-Simone ist offline
  11. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Alex74
    Sehr schöner Text, hat mir gefallen :-)
    (und habe ich leider erst jetzt entdeckt)

    Zum Trost:
    Du darfst Dir sicher sein, daß:

    -die meisten Deutschen die Rechtschreibreform noch immer nicht verstanden haben, geschweige denn daß sie umgesetzt würde. "Du/Dir/Ihre/Sie" schreiben alle die ich kenne nach wie vor groß, das gebietet die Höflichkeit. Und ich liebe das "ß" und lasse mir das auch nicht nehmen. "isst" sieht doch total komisch aus...

    -E10 ist etwas, das die meisten hier auch noch nciht verstanden haben. Ebenso wie die meisten es auch nach wie vor gar nicht tanken dürfen; mein Auto ist Baujahr 2000 und damit zu alt, E10 dürfen nur Autos tanken wo es die Hersteller auch freigegeben haben. Ansonsten trägt man das Risiko von Motorschäden selbst. Den meisten hier ist das alles zu blöd und die tanken weiter einfach Super.

    -Ja, das Normalbenzin. Erst wurde es im Preis an Super angeglichen, mit den Beteuerungen der Industrie daß man nicht vorhabe es abzuschaffen...und wenige Monate später gab es kein Normal mehr.

    -Die Wanderhure und ähnliches liest hier gottlob auch nicht jeder. Ich habe es jedenfalls nicht.

    Wünsche Dir viel Spaß wieder in Edinburgh, ich vermisse Schottland immernoch ;-)

    Gruß Alex
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    Veröffentlicht: 24.07.2012 um 13:08 von Alex74 Alex74 ist offline
  12. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von FoxP2gen
    Schade, hätte ich gewusst, dass du in Deutschland bist, hätte ich es mir nicht nehmen lassen, dich zu sehen und mit dir eine Kneipentour zu machen

    Aber ich kann dich hoffentlich ein Bisschen trösten, denn: Man muss nicht im Ausland leben, um mit der Heimat zu fremdeln.

    Ich lebe seit mittlerweile guten 8 Jahren in Bayern und jedes Mal wenn ich wieder nach Norddeutschland zu meinen Eltern fahre, trifft mich der Kulturschock.

    Da gibts nicht in jeder Bäckerei Brezn, dafür an jeder Ecke Hering. Da gibts kein Weißbier, sondern Pils. Die Leute sagen auch nicht "Grüß Gott" oder "Servus" , nein, sie sagen - wenn überhaupt, "Guten Tag" ...

    Versuch mal, in einer Norddeutschen Bäckerei "Semmeln" zu kaufen, dann weißt du, was ich meine.

    Oder geh in einen Klamottenladen und bitte die Verkäuferin, dir zu helfen. In Bayern fragen sie dich alle zehn Minuten, ob du hilfe brauchst, oder ob sie dir etwas zeigen sollen, wenn du etwas bestimmtes suchst.

    In Norddeutschland sind die eher sowas wie sich bewegende Schaufensterpuppen. "Ja, wir arbeiten hier, aber zu diesem Job gehört es nicht, die Kunden zu bedienen!"

    Die Kneipen sind dunkel und jeder trinkt für sich allein, wenn er nicht in Gesellschaft hingeht. In Bayern geht man in eine Kneipe um NICHT allein zu sein. Man setzt sich an die bar und irgendjemand spricht einen immer an, Unterhaltungen ergeben sich von selbst...Oder man setzt sich an den Stammtisch (sofern man die Herrschaften schon kennt) und ratscht über das Neueste.

    Nein, man muss nicht im Ausland leben, um zu fremdeln. Deutschland hat genug Kultur, um auch ein Fremdeln zwischen Regionen hervorzurufen.

    Aber - es ist irgendwie auch echt genial, dass man immer was Neues erlebt. Selbst wenn man denkt, man kennt schon alles - nach einem Jahr ist alles wieder anders. Die Autos in Norddeutschland haben alle Umweltplaketten - hier nur einige Wenige. Umweltzone? War da was?

    Hier laufen jeden Tag irgendwelche Spassterroristen in Dirndl und Lederhosn herum... in Norddeutschland ist das undenkbar. Da gibts Lodenjacken und so.

    Und nächstes Mal, wenn du nach Deutschland kommst, sag bitte Bescheid - ich würd gern mit dir in einen Pub hier gehen und fragen, worin sich der zu denen bei dir unterscheidet
    permalink
    Veröffentlicht: 28.10.2012 um 10:27 von FoxP2gen FoxP2gen ist offline
 

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