Geschichtsforum.de
Die Community für Geschichtsinteressierte und Geschichtsfans

Zurück   Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte > Blogs > tejason

Bewerten

Vergleich zwischen Wehrpflicht und römisch-republikanischem Kriegsdienst

Veröffentlicht: 30.07.2011 um 19:37 von tejason
Aktualisiert: 30.07.2011 um 20:19 von tejason
Stichworte legion; republik, rom

Inspiriert wurde dieser Text von der Diskussion in diesem Thread und den Reaktionen auf meinen ersten Beitrag darin.
http://www.geschichtsforum.de/f28/al...75/#post595904

Im Bestreben doch noch breiter zu antworten, wovor ich in diesem Beitrag zurückgeschreckt war, wuchs und wuchs der Text an, bis er jeden Rahmen eines normalen Forenbeitrags sprengte. So kam mir der Gedanke anstatt einen der gefürchteten Mammut-Beiträge in den Thread zu setzen, das ganze hier in meinem leeren Blog reinzusetzen. Ob es eine gute Idee ist? Vielleicht… auch nicht.

Meiner Ansicht nach gab es keine Wehrpflicht im alten Rom, denn wir haben davon zu feste Vorstellungen, um sie mit den damaligen Vorgängen in Einklang bringen zu können. Zu tief war die spezielle, römische Art des Kriegsdienstes in der politischen Struktur der polis (antiker Stadtstaat) verankert. Dieses Thema ist so vielschichtig, dass es kaum wirklich auszuleuchten ist, denn man muss schon die Grundzüge dieses politischen Systems beschreiben. Die Vermögensklassen waren grundlegend für das Funktionieren der ganzen polis und des frühen römischen Militärs – ein absoluter Gleichklang zwischen Militärorganisation und politischer Organisation also: Eben eine polis! Ich erlaube mir noch einmal eine längere Schlüsselpassage zu zitieren, wo viele Faktoren in großer Wucht und Kürze aufgezeigt werden:

Zitat:
Der Mensch der römischen Antike, „Der Soldat“
…hat die römische Armee über lange Zeit ihre Stärke aus der vollkommenen Identität von politischer und militärischer Struktur des Stadtstaates bezogen. Die Ressourcen des einzelnen bestimmten dabei zugleich über seine politischen Verantwortlichkeiten und seine militärische Beteiligung, die viel weniger eine Pflicht war als ein Recht, sogar ein Vorrecht. Die Stadt verfügte über keine andere Armee als die Gemeinschaft ihrer Bürger [Anm: Bürger im staatsrechtlichen Sinne!!], die im Turnus und je nach Bedarf und nur für die Dauer des Krieges einberufen wurden. Die Vergrößerung der eroberungslustigen Stadt, die längere Dauer der Kriege und die Notwendigkeit, in den eroberten Provinzen eine militärische Präsenz aufrechtzuerhalten, haben diese überkommene Ordnung dann in die Krise geführt. Als sie faktisch zu einem stehenden Heer wurde, blieb der Armee nichts anderes übrig, als sich den Ärmsten, […] zu öffnen, […] und die wachsende Trennung zwischen dem Waffenberuf und dem „Beruf des Staatsbürgers“ in Kauf zu nehmen…
…Als Augustus die Armee professionalisierte [Anm: Eine Berufsarmee schuf], hat er den alternierenden Waffendienst aller durch den ständigen von einigen ersetzt.
Aus: „Der Mensch der römischen Antike“, Seite 119 f und 121
(Artikel „Der Soldat“ von Jean-Michel Carrié)

Dieses Zitat ist mMn. kaum durch Prägnanz und Kürze zu übertreffen! Man kann es nur noch weiter auslesen und auslegen: [Staats-]Bürger war nur, wer am politischen Leben teilhaben konnte, gemäß seiner Einteilung in die Einkommensklassen (Census). Diese diente wiederum als Grundlage für die Selbstausrüstung der Männer, welche dann Grundlage für ihre Einteilung in die jeweilige „Waffengattung“ für den Kriegsdienst war! Wer kein Bürger war, und/oder keinen Besitz hatte (und sich daher wohlmöglich nicht für den Bestand des Staates und des Gesellschaftssystems interessierte), musste ursprünglich keinen Kriegsdienst leisten. Bewaffneter „Pöbel“ war daher nicht vorgesehen, zu leicht hätte er vielleicht die Waffen gegen die bestehende Ordnung erheben können…? Kein Wunder also, dass nur Männer vollwertige Bürger dieser Stadt werden konnten: Nur sie konnten Kriegsdienst leisten und nur sie hatten auch das Recht an der politischen Teilnahme im Leben der Stadt. Der Kriegsdienst war so gesehen nur einer von vielen Leistungen, die ein Staatsbürger für den Staat bei Bedarf zu erbringen hatte. Dies war das Ideal der römischen Selbstsicht und ihrer politischen und militärischen Organisation während der ganzen republikanischen Zeit, vor dessen Hintergrund wir die Abläufe beurteilen sollten! Ein Ideal das ungeachtet mancher Sachzwänge ständig aufrecht erhalten wurde und auch während der Kaiserzeit noch theoretisch fortwirkte… Man fühlt sich gedrängt den Kriegsdienst mit einer Art „Sondersteuer“ zu vergleichen, ohne dass dies völlig zutrifft, weil es wohl der Selbstsicht der alten Römer widersprochen hätte.

Die Unterschiede zur Wehrpflicht sind durchaus gravierend. Auch „heute“ muss nur Wehrpflicht leisten, wer Staatsbürger ist. An Einkommen und Herkunft ist der Dienst dagegen nicht gebunden. Die Dienstpflicht ist an ein Lebensalter gekoppelt und beträgt im Frieden einen fest vorgegebenen Zeitrahmen. Diesem schließen sich theoretisch vorgegebene Zeiten des Reservedienstes an, bei dem sich der Mann im Bedarfsfall zur Verfügung halten muss. Wehrpflichtigen-Armeen werden in der Regel von bezahlten Berufsoffizieren angeführt und es bestehen aktive Kader, welche die Wehrpflichtigen ungeachtet ihrer Herkunft und ihres Vermögens - alleine nach körperlichen und geistigen Eignungen in Waffengattungen einteilen, bewaffnen und ausbilden. Im Kriegsfalle werden einmal eingezogene Soldaten auch nicht nach einer gewissen Zeit nach Hause entlassen, sondern müssen damit rechnen, dass sie (von Sonderfällen wie Verletzungen einmal abgesehen) für die Dauer des kompletten Krieges im Dienst bleiben müssen. Als Ausgleich für ihren Dienst an der Waffe steht den Soldaten eine Ausgleichszahlung – der Sold zu und im Falle von erlittenen Schäden im Laufe des Dienstes oft auch spätere Zahlungen des Staates. Fast keiner dieser Punkte ist beim oben an skizzierten, „altrömischen System gegeben!!

Im Kriegsfalle wurde die Aushebung einer römischen Armee erst beschlossen. Es wurde festgelegt wie stark die Truppe sein solle, wer sie anführe und in welchem Gebiet sie voraussichtlich eingesetzt werden würde. Gemäß diesen Anforderungen wurde die Truppe zusammengestellt unter den geeigneten Bürgern jeder Einkommensklasse. Es wurde immer nur ein Teil aufgeboten. Ursprünglich auch immer nur für die Dauer eines Feldzuges. Die Truppe wurde Legion genannt, ein Begriff der von dem Wort legere = auslesen/auswählen abgeleitet ist. Schon ein Unterschied zu den für eine allgemeine Wehrpflicht gebräuchlichen Begriffen „einziehen/Konskription“. Nach dem Ende eines Feldzuges wurde die komplette Legion wieder aufgelöst und bei Bedarf durch eine neu aufgestellte Legion ersetzt. Zwischen sich bekriegenden poleis des alten Welt war einst die Feldzugssaison meist kurz vor Einbringung der Ernte: Der Angreifer drang in das feindliche Gebiet ein und wenn diese ihre Ernte (und damit die Existenz für Viele!) retten wollten, mussten sie sich zur Feldschlacht stellen, was im Idealfall zu einer Entscheidung des ganzen Krieges führte. Stellten sich die Verteidiger nicht, plünderten die Angreifer das offene Land aus und vernichtete die Ernte. Noch in Caesars Beschreibungen des „Gallischen Krieges“ finden sich zahlreich die Berichte, wo er die Ernten einbringen oder vernichten lässt um dem Gegner zu schaden oder ihn zur Annahme der Schlacht zu reizen. Nach Abschluss eines solchen Feldzuges konnten die Männer wieder nach Hause gehen. Sollte im nächsten Jahr ein neuer Feldzug nötig sein, wurden im Idealfall andere Männer ausgehoben und die Veteranen vom Vorjahr konnten sich diesmal um ihre Familien und Besitz kümmern. Dies ist das Ideal, welches hinter dem delectus genannten Auswahlverfahren stand. Wenn auch militärische Erfordernisse zunehmend Abweichungen von diesem System erzwangen.

Überall, auch in der Politik der res publika findet sich dieser Wechsel von Zeiten in denen Männer (theoretisch ohne Anspruch auf Ausgleichszahlungen) für die Gemeinschaft Dienst taten, und Phasen in denen sie sich ihren privaten und sonstigen Angelegenheiten widmen konnten. So war eine direkt anschließende, zweite Amtszeit eines (politischen) Magistrats nicht vorgesehen und es gab Wartezeiten in der Ämterlaufbahn des cursus honorum, bevor das nächst höchste Amt angestrebt werden konnte. Es waren ja letztlich auch die ranghohen gewählten Magistrate, welche die Armeen im Feld kommandierten. Überhaupt wurden die Offiziere der Armee von der Oberschicht gestellt. Einst wurden nur die Oberkommandeure der Heere bestimmt, während dieser die Offiziersstellen unter ihm mehr nach eigener Entscheidung besetzen konnte und sie in erster Linie unter seinen Freunden und Klienten auszuwählen pflegte. Er war damit auch für die Organisation und Einübung der neu ausgehobenen Legion zuständig, wobei er gezwungen war auch auf „Fachleute“ oder Veteranen zurückzugreifen. Neben einigen, unbestreitbaren Parallelen zur „Wehrpflicht der Neuzeit“, wie sie seit der Französischen Revolution üblich ist, sehe ich die frühe Militärorganisation Roms doch zu deutlich davon verschieden. Wegen dieser Unterschiede lehne ich das Wort „Wehrpflicht“ für die republikanischen Armeen Roms ab.
Kategorie: Kategorielos
Hits 2313 Kommentare 2
« Zurück     Startseite des Blogs     Nächste »
Kommentare 2

Kommentare

  1. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von tejason
    Das ist in gröbster Skizzierung das „römisch-republikanische Wehrmodell vor Einsetzen der dem Marius zugeschriebenen Reformen“! Hier werden auch die Wurzeln offenbar, die sich um manche römische Eigenheiten ranken: Sie alle liegen begründet in der im Zitat genannten „vollkommenen Identität politischer und militärischer Struktur“ des Staates in dieser Periode.
    Das hohe Ideal eines Staatsbürgers & Soldaten in einer Person wird klarer. Die Stellvertretung weniger für alle war ein Prinzip der Gemeinschaft. Das hohe Ansehen dieses „Dienstes mit der Waffe“ ergibt sich daraus, denn sie waren aus der Masse der zur Verfügung stehenden Männer „ausgewählt“ worden!
    Wir sehen die Ausrufung eines siegreichen Feldherren (aus der Oberschicht stammend, ein gewählter Magistrat, mithin auch ein politischer Repräsentant der res publica) zum Imperator (damit ist noch nicht die spätere Gleichsetzung mit dem Kaiser gemeint!) fand durch seine Bürgersoldaten statt, die selbst eine Auswahl aus dem (Bürger-)Volk darstellten und dies quasi in Vertretung taten. Wurde dieser Anspruch vom Senat bestätigt, war der Weg zum allgemeinen und öffentlichen Triumph ziemlich sicher. Die gewaltige Prestigesteigerung siegreicher Feldherren für das politische Leben in der Stadt ergibt sich daraus. Offizieller Höhepunkt eines Triumphzuges war theoretisch, dass der so Geehrte im Kapitol speiste. Nicht nur der Ort war die Ehre, sondern dass er gemäß landläufiger Meinung hieß, er speise dort gemeinsam mit dem römischen Hauptgott Jupiter. Und hier kann wieder ein weiterer Querverweis ins Endlose angehängt werden, denn prinzipiell umfasst die Gemeinschaft der polis nicht nur ihre Menschen, sondern auch ihre Götter… Was nun ideell das „gemeinsame Essen“ der so geehrten Feldherren mit der wichtigsten Gottheit nur noch abrundet.
    Indem ich versuchte das Kriegssystem der „alten Römer“ gesellschaftlich zu beleuchten, reize ich gewiss manchen Ein- & Widerspruch beim Öffnen einer solchen „Büchse der Pandora“. Schon deshalb bin ich um mein Eingangszitat nicht herumgekommen um anschließend weiter führende Gedanken aufzuzeigen. Für besonders wichtig halte ich den geradezu „säkularisierenden Einschnitt“ in das römische Gesellschaftsmodell durch Kaiser Augustus, als er den Kriegsdienst der Bürger durch Schaffung einer Berufsarmee ersetzte. Man kann Carrié durchaus bei seiner Überlegung folgen, das er durch diese Maßnahme erst >den römischen Zivilisten< geschaffen hat, als er den römischen Berufssoldaten schuf. Bürger und Soldat waren zuvor zwei Seiten der gleichen Medaille gewesen – untrennbare Zwillinge römischen Selbstbewusstseins! Jeder römische Bürger war im Rahmen seiner (wirtschaftlichen und gesellschaftlichen) Möglichkeiten vorher sowohl ein Politiker, als auch ein Zivilist und (meist nur potentieller) Soldat gewesen! Die Stellung eines Römers war letztlich untrennbar mit seinen wirtschaftlichen Grundlagen verbunden, konkretisiert bei seiner Einteilung während des Census, der ja auch für die „Steuerleistung“ des Einzelnen herangezogen wurde.

    Aus moderner Sicht sind das vielleicht sehr wirre Gedanken. Wir pflegen strikt zu trennen zwischen Bürgern/Zivilisten und Militär. Selbst das Bild des „Bürgers in Uniform“ verblasst. Auch wenn in einer Republik die Politiker „irgendwie aus dem Volk“ kommen, hält man sie doch für eine eigene „Kaste“ – oft genug abgehoben vom Rest der Gesellschaft. Keine Spur mehr von der ideellen Einheit von Bürger, Politiker und Soldat der römischen Republik, schon gar nicht mehr nach Einstellung/Aussetzung der Wehrpflicht…? Leider kann die Beschreibung der Wehrstruktur einer Gesellschaft nicht ganz von Kontext und Ausblick verschont bleiben. Und endlich will ich aufhören zu schreiben, egal wie viele offene Fäden noch bleiben.
    permalink
    Veröffentlicht: 30.07.2011 um 19:40 von tejason tejason ist offline
  2. Alter Kommentar
    Mitgliederbild von Afkpu
    Auch wenn man kleinere Schnitzer sieht cursus honoruM und res publiCa und ich auch nicht in allen ansichten mit dir konform gehe ein sehr erfrischender blogeintrag. aber das problem ist nach wie vor, dass der begriff wehrPflicht von vielen heutigen ansichten geprägt ist
    permalink
    Veröffentlicht: 30.07.2011 um 20:15 von Afkpu Afkpu ist offline
 

Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 23:50 Uhr.


Powered by: vBulletin Version 3.8.9 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.
SEO by vBSEO 3.3.2 ©2009, Crawlability, Inc.
Copyright © 2000-2016 Geschichtsforum.de