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| | #1 |
| Gesperrt Registriert seit: 08.2005
Beiträge: 595
![]() | Galeerenstrafe in Neuzeit und Antike Frohes Neues Jahr werte Forumsgemeinde, es hat sich ja mittlerweile unter kundigen Betrachtern herumgesprochen, dass die Galeerenstrafe in der Antike praktisch unbekannt war, und dass die entsprechende Szene in Ben Hur reine Fiktion ist. Allerdings kam es durchaus zum sporadischen Einsatz von Sklaven, die aber meist vor oder nach dem Einsatz freigelassen wurden. In der Regel bestanden die Rudermannschaften auf antiken Kriegsschiffen aus Bürgern, Halbbürgern, Bundesgenossen und Angeheuerten, also aus freien Männern. Ganz anders dagegen in der frühen Neuzeit (1450-1750), als sowohl christliche (Franzosen, Spanier, Venedig, etc.) als auch moslemische Kriegsmarinen (Türken, algerische Korsaren) rücksichtslos andersgläubige Kriegsgefangene, 'Kriminelle' oder eingekaufte Sklaven auf die Ruderbänke zwangen. So konnten nach dem Sieg der christlichen Koalition in Lepanto 1571 15 000 (!!) christliche Rudersklaven befreit werden. Erst die schrittweise Ablösung der Galeere durch das Breitseiten-Segelschiff hat dieser Praxis ein langsames Ende bereitet. War die viel gescholtene Antike also in dieser Hinsicht moralisch besser als die vermeintlich so aufklärerische Neuzeit? Und wie kommt es, dass Griechen und Römer auf den Einsatz von freien Ruderern vertrauten, wohingegen Franzosen und Türken so sehr auf versklavte Rudermannschaften angewiesen zu sein glaubten? Literaturhinweise, die der Diskussion mehr Substanz verleihen können, sind sehr willkommen. |
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| | #2 |
| Gesperrt Registriert seit: 08.2005
Beiträge: 595
![]() | Thema läuft ja wie am Schnürchen... |
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| | #3 |
| Mitglied | Was soll man dazu sagen? Die Sklaverei war selbst im ach so fortschrittlichen Europa bis ins 18.Jh. nicht geächtet und erst an der Wende zum 19.Jh. kam es in Frankreich und dann noch entscheidender in England zu erfolgreichen Versuchen, die Sklaverei einzudämmen, anfangs erstmal nur betreffend den Sklavenhandel und das war in den letzten Dekaden der Herrschaft George III. schon ein riesiger Aufwand für die Abolutionisten, das im Unter- und Oberhaus, wo viele vom Sklavenhandel profitierten durchzusetzen. Also was soll dann daran überraschend sein, dass man auf Sklaven für Tätigkeiten zurückgriff, für welche diese prädestiniert waren, da sie dafür verfügbar waren? @ Gegenkaiser PS: Da hast Du ja auch nicht mitgemacht. Die ganze Welt in einem Park
__________________ "Jeder Schritt zur Erkenntnis bringt den Menschen seinem Schöpfer näher." Honoré Gabriel Riqueti Comte de Mirabeau (1749-91) Geändert von Brissotin (14.01.2008 um 14:53 Uhr). |
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| | #4 |
| Gast
Beiträge: n/a
| Hallo, also zu dem Einsatz von Sklaven auf Kriegsschiffen in der Antike und später bei den Römern gibt es gegensätzliche Darstellungen. Ist gibt einmal die Behauptungen, das die Griechen keine Sklaven hatten, dafür aber die Römer. Siehe Link: Griechenland Superathleten auf antiken Kriegsschiffen - Wissen - sueddeutsche.de Und dann wieder die Angabe: Das Militär bediente sich auch der Sklaven, die den Hopliten dienten, sowie als Ruderer auf den Kriegsschiffen. Rom hatte im Gegensatz zu Griechenland kaum Rudersklaven. Die wenigen die zum Einsatz kamen, wurden nach ihren Einsätzen frei gelassen. Siehe Link: Sklaverei in der Antike Aber Grundsätzlich kann ich mir den Einsatz von Sklaven auf wichtigen Positionen eines Kriegsschiffes, zu welcher Zeit auch immer, nur schwer vorstellen. Meist waren die Kriegsschiffe komplexe und sehr technische Bauten, sie verliehen der Nation, die welche besahsen Macht und Ansehen. Um diese auch zumeist teuren Kriegsschiffe zu bedienen, benötigte man in aller Regel Fachpersonal, somit keine Sklaven. Also auch die Ruderer, die fit sein mussten, um das wichtigste Moment der Ruderkriegschiffe, die Geschwindigkeit und die Bewegung ohne Wind zu halten. Auch in der Segelkriegschiffzeit waren die Leute in der Takelage genauso Fachmänner, wie die an den Geschützen. Und später, im Dampfkriegsschiffzeitalter war das Thema Sklaven schon rein von der Gesellschaft her erledigt. In der Handelsmarine mag das sicher anders sein. |
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| | #5 | |
| Mitglied Registriert seit: 01.2008 Ort: Würzburg
Beiträge: 4
![]() | Zitat:
Nachzulesen (wenn ich mich recht entsinne!) bei Wolfgang Wüst: Die "gute" Policey im Fränkischen Reichskreis, Berlin 2003. | |
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| | #6 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2006 Ort: Hessen
Beiträge: 3.691
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Ich wäre bei Begriffen aus dem politischen Kampf wie "Soldatenschacher" sehr vorsichtig, weil sie historisch undifferenziert sind und ein selektives Geschichtsbild wiedergeben. Was du überden fränkischen reichskreis schreibst, ist korrekt. Kriminelle im Festungsbau, auf den Galeeren oder auch bei gesundheitsschädigenden Arbeiten wie Brillenschleifen oder Süßholzraspeln einzusetzen, dabei hatte man keine Skrupel. Gefangene auf Galeeren zu beschäftigen bot dazu noch den Vorteil, dass man sie erstens für immer los wurde und dafür noch etwas bekam, während man sie in Gefängnissen ernähren mußte. Zu solchen strafen wurden allerdings nur Schwerkriminelle verurteilt, und die Signoria behielt sich offenbar eine "Qualitätskontrolle" des ihnen übergebenen "Menschenmaterials" vor. In Frankreich spielte die Galeerenstrafe bis ins 19. Jhd eine Rolle. Es war allerdings eine Sache Gefangene zur galeere zu verurteilen, eine andere, sie dann auch tatsächlich in den Mittelmeerhäfen abliefern zu können. Manche Gefangene wie der Bandit Mathieu Rouhet, alias der Major wurde mehr als dreimal zur Galeerenstrafe verurteilt, konnte aber jedesmal rechtzeitig türmen. In Gaunerkreisen sprach man daher von 10, 15 Jahren Galeerenstrafe nur abfällig von 10 oder 15 Sous. Literatur: Ernst Schubert, Arme Leute, Bettler und Gauner im Franken des 18. Jahrhunderts, Martin Lange "Räuber und Gauner ganz privat"
__________________ What´s up, Doc? (Bugs Bunny) Geändert von Scorpio (10.02.2008 um 17:37 Uhr). |
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| | #7 | |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Im Mittelalter verhielt es sich etwas anders. In Venedig stellte jeder Pfarrbezirk eine gewisse Anzahl freiwilliger Ruderer, die eine eigene Kampftruppe bildeten. Sie wurden zwar schlecht bezahlt, bekamen aber einen Anteil an der Beute zugesprochen. Auf Handelgaleeren konnten sie eigene Waren unter ihrer Bank mitführen und mit Profit weiterverkaufen. Mit steigendem Wohlstand wurde es zunehmend schwerer Freiwillige für diese Schinderei zu bekommen. Es hatte sich auch etwas im Zusammenleben auf den Schiffen geändert. Die Ruderer, die früher noch zur Mannschaft gehörten, wurden zunehmend als Gesindel bezeichnet und erhielten aus Einsparungsgründen miserable Verpflegung. Man mußte die Rudermannschaften hauptsächlich in den dalmatischen und griechischen Provinzen anheuern oder Werber schanghaiten junge Männer in Hafenkneipen. Auch griff man in Kriegszeiten immer mehr zu dem Mittel, Freiwillige unter den Kerkerinsassen zu rekrutieren oder ließ zahlungsunfähige Schuldner Ihre Kredite abarbeiten. Man kann sich das Leben auf einer Galeere nicht schlimm genug vorstellen. Waren sie rein äußerlich wirklich schöne mit farbigen Stoffen und Malereieien verzierte, schnittige Schiffe, so muß der Gestank den sie verbreiteten entsetzlich gewesen sein. Man roch die Galeere schon lange bevor man sie sah. Den fünf Ruderern einer Bank stand ein Raum von 2,50m mal 1,25m zum arbeiten ,essen , schlafen und Notdurft verrichten zur Verfügung. Da ihr Platz nur etwa einen Meter über der Wasseroberfläche lag, waren die Sträflinge ständig der Nässe ausgesetzt. Auch war der Befall mit Ungeziefer unerträglich. Alle litten unter Krätze. Keiner, auch die Soldaten und Matrosen, hatte Platz sich zum schlafen hinzulegen. Man hockte da wo man Platz fand. Nur der Kapitän und die höheren Offiziere besaßen einen kleinen Raum im Heckbereich. Alle Anderen campierten ständig unter freiem Himmel, bei jedem Wetter. Der Aufseher war der absolute Herrscher über die Ruderer und kein Kapitän hinderte ihn daran, diese nach Lust und Laune zu misshandeln. In der ruderfreien Zeit strickten viele der Rudersklaven und Sträflinge Strümpfe, die im Hafen verkauft wurden . Von diesem Geld, abzüglich des Anteils des Woll-Lieferanten und des Aufsehers, konnten sich die Männer Wein und zusätzliche Nahrungsmittel kaufen. Auf diesem Bild ist die Bestrafung eines Ruderers dargestellt.http://666kb.com/i/b4jdym6mzk2dryu75.png Es existieren zwei sehr aufschlußreiche Autobiographien von Galeerenruderern. Eine von Michael Heberer aus Bretten, der 1581 in osmanische Gefangenschaft geriet und 3 Jahre als Sklave an ein Ruder gekettet war . Aus der Zeit des Sonnenkönigs gibt es den Bericht des Hugenotten Jean Marthaile, der als religiös Verfolgter, 12 Jahre als Galeerensträfling leben musste. | |
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| | #8 |
| Mitglied Registriert seit: 01.2007 Ort: In den Bergen; das heisst, eigentlich eher zwischen diesen.
Beiträge: 1.780
Blog-Einträge: 1 ![]() ![]() ![]() | Grüezi In der Innerschweiz wurden zwischen 1570 und 1790 zahlreiche Diebe und Betrüger zur Galeerenstrafe verurteilt. Venedig warb im 16. Jahrhundert in Luzern, Schwyz und Unterwalden um Sträflinge. Die Kantone veranstalteten darauf hin Bettlerjagden und verurteilten die brauchbaren Gefangenen zur Galeerenstrafe. Anfang des 17. Jahrhunderts vereinbarten die Innerschweizer Kantone mit Savoyen einen Vertrag über die Lieferung von Galeerensträflingen. Man sammelte die Sträflinge in Luzern, schmiedete sie zusammen und transportierte sie dann über Bern oder das Wallis nach Savoyen. Für genauere Angaben müsste ich mal in den Büchern nachschauen... Gruss Pelzer . |
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| | #9 |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Hallo Pelzer, vielen Dank für diese Informationen, dass Venedig bereits im 16. Jh. Sträflinge aus der Schweiz bekam, wusste ich bisher noch nicht. Galeotto |
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| | #10 |
| Gast
Beiträge: n/a
| Ich hätte mal ne Frage zu den Galeeren. Ist vielleicht ein wenig O.T. aber gab es auch hochseefähige Galeeren oder waren diese Schiffe nur für küstennahe Einsätze geeignet? |
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| | #11 | |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Galeassen waren wegen ihrer stabileren Bauart hochseetauglicher, hatten aber dasselbe Problem mit dem Proviant für die große Menge an Besatzung. Im Mittelmeer wurden sie aber auch in den Wintermonaten eingesetzt. | |
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| | #12 |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Hier sind einige Bilder, meiner Galeerenmodelle. Man sieht recht gut, wie wenig Platz zwischen den Dollborden und der Wasserlinie lagen http://666kb.com/i/b4kiqhqhqhcex7qsh.jpgOsmanische Galeere 1571 http://666kb.com/i/b4kisf5uu9bjtmbfl.jpg http://666kb.com/i/b4kj0w8osikdtp65d.jpg http://666kb.com/i/b4kithmsqsxam6xcx.jpg http://666kb.com/i/b4kiw0p6q4s95hnxd.jpgvenezianische Galeasse (Lepanto) http://666kb.com/i/b4kjdmwqyt2zhm4bl.png |
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| | #13 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2007 Ort: 79227
Beiträge: 115
![]() | Es soll französische Mittelmeerhäfen gegeben haben, die sich weigerten Galeeren aufzunehmen, wegen des bestialischen Gestanks, den diese während ihrer Liegezeit verbreiteten.
__________________ Aequo animo audienda sunt imperitorum convicia |
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| | #14 | |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Die Kleidung der Galeerensträflinge:http://666kb.com/i/b4mh71wvwbu06w2u9.png Jeder Sträfling erhielt zwei grobleinene Hemden, zwei Unterhosen(wobei men eher Unterröcke sagen muß, da sie wegen der Kette keine Hosenbeine hatten)ein Paar Strümpfe, einen roten wollenen Kittel und einen Regenmantel mit Kapuze aus starkem Segeltuch, den die Ruderer in der Nacht als Zudecke benutzten. Außerden trugen sie eine rote Zipfelmütze, die aber die Ohren freiließ, um die Pfeifsignale der Aufseher hören zu können. Diese Mütze erlangte in der franz. Revolution durch die Jakobiner Berühmtheit. Schuhe erhielten die Sträflinge keine, um Fluchtversuche zu erschweren. Wenn sie ruderten trugen sie nur die Unterhosen, anziehen durften sie sich nur wenn die Galeere unter Segeln fuhr. | |
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| | #15 | |
| Mitglied Registriert seit: 09.2006 Ort: Hessen
Beiträge: 3.691
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Zitat:
Was Galeotto schreibt, erinnert mich an einen früheren Beitrag zur Kulturgeschichte des Kaffees. Tatsächlich profitierte Marseille von der Galeerenflotte, und es war nicht nur die französische Flotte, mit der sich Geschäfte machen ließen. So überwinterte oft die türkische Galeerenflotte in Marseille, und die türkischen Ruderer erhielten offenbar reichlich Kaffee zugeteilt. Bald schon entwickelte sich ein schwunghafter Handel mit Kaffee, der u. a. von Limonadenhändlern verkauft wurde. Jedenfalls gehörte Marseille zu den ersten Städten, in denen sich bereits in den 1660er Jahren die ersten Kaffehäuser etablierten.
__________________ What´s up, Doc? (Bugs Bunny) | |
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| | #16 | |
| Mitglied Registriert seit: 11.2008 Ort: Chemnitz
Beiträge: 1.067
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Es ist mir nicht bekannt, dass die Osmanen mehrmals in Frankreich überwintert haben. !543 hatte Chaireddin Barbarossa seine Galeeren in Toulon mehrere Monate vor Anker liegen, was bei den anderen christlichen Mächten zu großer Entrüstung führte. Das Zusammenleben der Osmanen mit der Bevölkerung Toulons soll aber ziemlich friedlich verlaufen sein. Die Kaffeehäuser werden wohl eher durch die guten Handelsbeziehungen Frankreichs, mit der Hohen Pforte entstanden sein. | |
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