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Alt 12.02.2017, 19:08   #1
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Deutungen von Ritualen?

Wie schwierig diese Thematik ist, zeigt hier ein neuer Bericht zu den archäologischen Arbeiten in Caverna delle Arene Candide.

Es geht um Bestattungsrituale und "zerbrochene Kieselsteine", die Deutung als "Tötung" von Objekten, um deren "rituelle Kraft" zu zerstören bzw. zu beenden.

Von Spekulation oder plausiblen Begründungen (nebenbei geben die Arbeiten interessante Einblicke!) kann man sich hier selbst ein Bild machen:

Broken pebbles offer clues to Paleolithic funeral rituals | Popular Archaeology - exploring the past
__________________
In der Theorie sind Theorie und Praxis das Gleiche. In der Praxis sind sie es nicht (Yogi Berra). Der Unterschied ist Unsicherheit (Stephen Ross).
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Alt 16.02.2017, 20:21   #2
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Zitat:
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Es geht um Bestattungsrituale und "zerbrochene Kieselsteine", die Deutung als "Tötung" von Objekten, um deren "rituelle Kraft" zu zerstören bzw. zu beenden.
Ein paar hypothetische Überlegungen zum gegebenen Problem.

Zitat:
Humans may have ritualistically "killed" objects to remove their symbolic power (...)

The intent could have been to "kill" the tools, thereby "discharging them of their symbolic power" as objects that had come into contact with the deceased, said the study's co-author Julien Riel-Salvatore (...)
Der Ausdruck ´symbolic power´ ist hier ein theoretischer Begriff, der die angesprochene Handlung, das Zerstören der Steine, anachronistisch interpretiert, also nicht korrekt. Symbole sind Zeichen, die auf etwas verweisen, das mit dem Zeichen überhaupt nichts zu tun hat. So ist das Christenkreuz ein Symbol für Auferstehung und eine Nationalflagge ein Symbol für eine bestimmte Nation. Abstrakte Assoziationen dieser Art waren steinzeitlichen Menschen mit Sicherheit fremd. Sollte der Zweck des Zerbrechens also wirklich ein ´Töten´ gewesen sein, dann das Töten einer dem Objekt konkret immanenten Kraft, die im Tylor´schen Sinn als ´soul´ oder im Sinn von Robert Marett als ´mana´ bezeichnet werden kann, letztere eine Art unsichtbare dem Objekt einwohnende Energie, die im polynesischen Glauben alle Lebewesen und Naturobjekte, auch Steine, belebt. Schon der Ausdruck ´kill´ zeigt ja, dass die Wissenschaftler besagte ´symbolic power´ eigentlich gar nicht symbolisch, sondern (aus Sicht der Paleolithiker) als konkret und sehr lebendig ansehen.

Ich sehe die ´Tötungs´-Interpretation also viel näher an Tylors oder auch Maretts Theorie als an Bird-Davids anti-spiritualistischer relationaler Theorie, die dem paläolithischen Menschen die Unterscheidung zwischen Körper und ´Seele´ abspricht. Auch die Hypothese, der Grund für das ´Töten´ könne eine ´Verunreinigung´ des Steins durch Kontakt mit einem Leichnam gewesen sein, spricht eher für die Seelen- bzw. Mana-Theorie als für Bird-Davids Theorie, da im Denken jener Menschen die vermeintliche Verunreinigung kaum den Stein als materielles Objekt, sondern seine seelische oder geistige Essenz betroffen haben dürfte, und zwar nicht, weil sie mit dem materiellen Leichnam in Kontakt geraten war, sondern mit einer dem Leichnam noch anhaftenden Restsubstanz der Seele bzw. des Mana des Verstorbenen. Ein besonders ausgeprägtes Beispiel dafür liefert der traditionelle hawaiianische Glaube an die Belebtheit eines Leichnams bis zum Moment seiner vollständigen Skelettierung.

Folgende im Artikel zitierte Hypothese würde aber klar gegen die Verunreinigungshypothese sprechen:

Zitat:
No matching pieces to the broken pebbles were found, prompting the researchers to hypothesize that the missing halves were kept as talismans or souvenirs. "They might have signified a link to the deceased, in the same way that people today might share pieces of a friendship trinket, or place an object in the grave of a loved one," Riel-Salvatore said. "It's the same kind of emotional connection."
Diese zweite beißt sich mit der ersten Hypothese: Wenn denn nun das Objekt als verunreinigt galt und sogar ´getötet´ werden musste, welchen Sinn macht es dann, eine der Hälften als Talisman, der doch Glück bringen oder Unglück verhindern soll, zu behalten und womöglich am Körper zu tragen? Wenn das Objekt ´tot´ war, konnte es solche Dienste doch nicht mehr leisten. Die Souvenir-Hypothese macht auch keinen Sinn. Warum sollte jemand einen Teil von einem Objekt zur Erinnerung bewahren, das mit Tod und Unreinheit assoziiert wird, ohne darüber hinaus einen Zweck zu erfüllen?

Wenn also die erste Hypothese (Tötung einer dem Stein innewohnenden Kraft, weil diese verunreinigt wurde) zutreffen soll, dann logischerweise unter Verzicht auf die zweite. Alternativ könnte man vermuten, dass die fehlenden Hälften möglichst weit entfernt gleichfalls vergraben wurden, um zu verhindern, dass die aus dem Objekt entfernte verunreinigte Seele/Mana ihre Kraft noch behielt und sich woanders einnistete.

Geändert von Chan (16.02.2017 um 20:37 Uhr).
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