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Alt 22.11.2016, 18:06   #1
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Stimulierten die Sumerer die Entwicklung Chinas?

Aus dem thread zu frühen chinesischen Reichen:

Zitat:
Chan Beitrag anzeigen
Man hat darüber spekuliert, ob der Fu Xi / Nugua-Mythos teilweise aus von sumerischen Händlern nach China übermittelten Enki-Ninhursag-Mythen entstanden sei, so wie auch andere Verbindungen zwischen Sumer und China zumindest hypothetisch hergestellt werden können. Möglicherweise hat Sumer durch Handelskontakte nach China ab Mitte des 3. Jt. BCE die chinesische Kultur zur Zeit der Xia-Dynastie entscheidend beeinflusst. Zu dieser Auffassung neigt jedenfalls Prof. Milo Kearney. Andere bestreiten einen solchen Kontakt. Ich will mich im Moment in dieser Frage nicht festlegen.
Der interessante Hinweis auf Kearney bezieht sich auf dessen Publikation "The Indian Ocean in World History" , dort zum Kapitel "The Earliest Leadership in Indian Ocean Trade". Das angedeutete Zitat verdient eine etwas nähere Betrachtung, weil interessant.

Kearney führt folgendes aus:

"Sumer’s trade and creativity spreads to the Atlantic and to the Pacific

The trade enjoyed by the Sumerians extended to both east and west, following the principal water routes in each direction. Four major new civi- lizations resulted, two to the east (the Indus Valley and Chinese) and two to the west (Egyptian and Iberian – see page 13). Sumerian traders appeared in both Egypt and the Indus Valley, while the trade to China and Spain went through intermediaries...

The (land) trade stimulus to Chinese society

Sumer’s vitality resulting from its trade routes across the Indian Ocean allowed it also to establish a major land route across Central Asia to China.

The Sumerian trade contact helped to stimulate China in the second half of the third millennium BC into creating its own civilization as well. While this development came via overland trade, the Chinese society stirred into life would later come to play a major role in the Indian Ocean trade, and thus world history.

This was the period of the legendary first dynasty of China, the Xia, based in the Huang Ho (Yellow River) Valley of northern China. The region was called Chung-Kuo (‘Central Land’), which is still the name used by Chinese for their country. This area was the part of China that land trade from Sumer would naturally encounter first, by the route across Central Asia and Sinkiang."


Leider gibt er dazu keine Basisliteratur an, auf die er sich bezieht. Am Ende des Kapitels werden lediglich allgemeine Literaturvorschläge gemacht, die überdies keinen Bezug zu diesen sehr weitgehenden Aussagen möglich machen.

Findet sich das sonst irgendwo in Literaturdiskussionen wieder, ggf. mit archäologischen Nachweisen dieser Kontakte?
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In der Theorie sind Theorie und Praxis das Gleiche. In der Praxis sind sie es nicht (Yogi Berra). Der Unterschied ist Unsicherheit (Stephen Ross).
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Alt 22.11.2016, 18:22   #2
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Ein kleiner Nachtrag.

Milo Kearney ist anscheinend auf unglaublich vielen historischen Gebieten ausgewiesener Experte, wie hier anhand der Publikationen nachzulesen ist (ich muss gestehen, eine derartige Breite verblüfft).

https://webapps.utrgv.edu/aa/dm/inde...r=milo.kearney
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Alt 24.11.2016, 17:40   #3
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Chan hat die Renommee-Anzeige deaktiviert
Man könnte die Frage eines sumerisch-chinesischen Kontaktes von der Schriftentwicklung in beiden Kulturen her aufrollen.

Angenommen, ein sumerisch-chinesischer Kontakt, direkt oder über ´intermediaries´ (Zwischenhändler), hätte in der 2. Hälfte des 3. Jt. BCE bestanden - warum hat sich das nicht in der Entwicklung der chinesischen Schrift deutlicher niedergeschlagen? Die frühesten chinesischen Inschriften finden sich auf Orakelknochen aus der Shang-Zeit (die meisten ab 1200 BCE) und dienten ausschließlich der Erstellung und Formulierung von Orakeln. Das harmoniert nicht sonderlich mit Kearneys These eines mindestens 1000 Jahre vorher stattfindenden sumerischen Einflusses, weil sich folgende Fragen stellen:

+ Warum setzte die Entwicklung der chinesischen Schrift so lange nach den ersten hypothetischen Kontakten mit Sumer (Schrift ab ca. 3000 BCE) ein?

+ Warum hatte sie zunächst ausschließlich einen rituellen Zweck und keinen administrativen wie die sumerische Schrift mit ihrer ursprünglich rein administrativen Anwendung?

Es ist kaum vorstellbar, dass ein relevanter kultureller Einfluss ohne gleichzeitige Vermittlung des Schriftwesens stattgefunden haben könnte (der Einfluss der sumerischen auf die ägyptische Schrift wird in Fachkreisen, anders als im Fall Sumer-China, ernsthaft diskutiert). Zur literarischen Reife fand die chinesische Schrift zudem erst in der auf die Shang-Epoche folgenden Zhou-Epoche (ab 1045 BCE). Die sumerisch-akkadische Literatur hatte aber schon weit über 1000 Jahre vorher eine erstaunliche Höhe erreicht.

Zum Vergleich habe ich ein selbst zusammengestelltes Bild angehängt (links altchinesisch / oben Orakelzeichen, unten klassische Schrift // rechts sumerisch)

Bekannt sind mindestens 30.000 verschiedene Orakelschriftzeichen, die aber nur Varianten von ca. 4.000 Grundzeichen sind, von denen bisher 1500-2000 entziffert werden konnten. Das klassische Chinesisch weist ca. 4000 Zeichen auf. Die sumerische Keilschrift umfasste zunächst ca. 1000 und später ca. 600 Zeichen.
Miniaturansicht angehängter Grafiken
1.jpg  

Geändert von Chan (24.11.2016 um 18:08 Uhr).
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Alt 24.11.2016, 21:18   #4
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Zitat:
Chan Beitrag anzeigen
+ Warum hatte sie zunächst ausschließlich einen rituellen Zweck und keinen administrativen wie die sumerische Schrift mit ihrer ursprünglich rein administrativen Anwendung?
Aus der Tatsache, dass die frühesten erhaltenen chineschen Inschriften ausschließlich auf Orakelknochen gefunden worden sind, würde ich nicht den zwingenden Schluss ziehen, dass die Chinesen ausschließlich auf Orakelknochen geschrieben haben.

Es könnte ja durchaus sein, dass die Chinesen auch andere Schreibmaterialien benutzt haben, diese aber aus vergänglichem Material waren und deswegen nicht mehr erhalten sind.

Ein Schriftsystem von mehreren tausend Zeichen setzt eine längere Entwicklung voraus. Bei der Schrift auf den Orakelknochen kann es sich also nicht um die ersten Schreibversuche der Chinesen handeln.

Wenn das Schriftsystem älter ist als die beschrifteten Orakelknochen, kann man nicht behaupten, die Schrift habe ursprünglich einen rein rituellen Zweck gehabt.
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Alt 27.11.2016, 16:05   #5
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Ich verstehe nicht, wieso sich ein allfälliger Kontakt zwischen Sumer und China ausgerechnet auf dem Gebiet der Schriftentwicklung niedergeschlagen haben sollte. Kearney geht doch offenbar davon aus, dass es sich um Handelskontakte handelte und sie über zwischengeschaltete Vermittler erfolgten, also nicht direkt Sumerer nach China reisten. (Letzteres könnte ich mir auch nicht vorstellen: Noch der unmittelbare Reise-Radius der römischen Seekaufleute von Ägypten aus reichte anscheinend nur bis etwa zum Golf von Bengalen, da werden nicht die Sumerer bis zum Gelben Fluss gefahren sein, und der Landweg von Mesopotamien nach China über mehrere Hochgebirge ist auch kein Klacks.) Wenn es also nur um Handel ging, mögen zwar - eventuell - auch ein paar beschriftete Objekte (Rollsiegel?) dabei gewesen sein, aber was sollten die Chinesen damit anfangen? Wenn der Handel nur über Zwischenhändler lief, wird kaum jemand nach China gelangt sein, der die Keilschrift lesen und schreiben - und somit den Chinesen näherbringen - konnte. Doch wenn die Chinesen die Keilschriftzeichen gar nicht verstanden, wieso hätten sie sie imitieren sollen? Für sie waren sie vielleicht einfach nur abstrakte Verzierungen, deren tiefere Bedeutung sie gar nicht erkannten.
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