| Aktuelle Nachrichten zur Geschichte | ||
| Gerettete Erinnerung | ||
| Horst Tappert: Mitgliedschaft in Waffen-SS bestätigt | ||
| Eisenbahner erfanden Europas Zeit | ||
| | #21 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Man kann wohl keine eindeutige Definition finden, was und wie sich die Römer unter Göttern vorgestellt haben. Zwischen allen Göttern gab es Unterschiede. Sicher wußte man, daß man den Kaiser töten konnte und den Mars nicht. Scheiterte ein Kaiser, dann zeigte daß, daß er seine Göttlichkeit nur angemaßt hatte, war er erfolgreich, galt dies als Beweis seiner göttlichen Kräfte. Ob und wie ein Gebet ankam, war weniger wichtig als die Tatsache, daß es gesprochen wurde. Es klafft da auch eine gewaltige Lücke zwischen einzelnen Personen, die sich über die Wirkung Gedanken gemacht haben, und der Masse, die einfach das tat, was sie gewohnt war. Ich will den Vergleich mit dem Christentum wagen, um zu verdeutlichen, was ich meine. Wenn in tausenden Kirchen weltweit die Leute beten, machen sie sich doch auch keinen Kopf darüber, wer sich das alles gleichzeitig anhören soll. Religion ist, und besonders im römischen, stark traditionell, die Leute beten, weil sie es so lernten und weil es Vater und Großvater auch taten. Ob jetzt Jupiter das Gebet hört, der Kaiser aber nicht, ist da schon zu abgeklärt gedacht. Was ist eine Transzendenz, noch dazu eine echte? Die römischen Vorstellungen vom Wirkungsradius ihrer Götter sind selten ausgeprägt definiert, ob sie das Schicksal beherrschen oder die Welt erschufen, ist gar nicht direkt bekannt. Der römische Volksglaube war darauf ausgerichtet, daß die stete Wiederholung der Rituale wichtig war, dies garnierte man mit den griechischen Bildern und Geschichten, über die sich ja Leute wie Lukian gehörig lustig machten, ohne daß man sie deshalb Atheisten nennen kann. Wichtig für die Menschen war, daß die Macht der Götter das menschliche Leben beeinflussen konnte. Dies zum Beispiel und die Vorstellung ihrer Unsterblichkeit sind ja schon transzendente, also über die sinnliche Wahrnehmung hinausgehende Eigenschaften. Da aber die Größe und die Vielschichtigkeit des Reiches es gar nicht zuließ, daß sich eine einheitliche religiöse Vorstellung durchsetzte, gab es natürlich mehrere, sich ergänzende oder auch einander widersprechende Vorstellungen von Göttlichkeit. So konnten Jupiter mit vielen Gottheiten verschmelzen, und gerade die Attraktivität des Sonnenkultes brachte hier eine verstärkte Transzendenz hervor, der universale Weltenherrscher war also denkbar, ohne daß dabei das polytheistische System negiert wurde. Macrobius schreibt in seinen Saturnalien darüber. In Pergamon kann man sehen, wie Jupiter und Asklepios zu einem großen Weltengott verschmelzen. Im Übrigen, und auch da würde ich gern das Christentum als Vergleich heranziehen, ist selbst dort die Transzendenz kein Garant dafür, daß es nicht menschlich beeinflußte Hierarchien gibt. Schon der spätantike-frühchristliche Streit um die Dreifaltigkeit oder das Wesen von Jesus, ich sage nur gottgleich oder gottähnlich, zeigt an, daß sich solche Ideen nie ohne die menschliche Definition denken lassen, daneben die wechselnden Wertigkeiten von Maria, Aposteln, Heiligen und so weiter. Hermes übrigens war meines Wissens im römischen keine Gottheit, die wirklich mal in den Vordergrund getreten wäre, so daß andere dadurch zurückgedrängt wurden. Das trifft immer auf Jupiter zu, Bacchus als liber pater, Asklepios und Mithras mit regionalen oder sozialen Schwerpunkten, und schließlich Sol als Sonnengott. Auch bei Apollon führte eine besondere Wertschätzung durch Augustus nicht zu einer Dominanz des Gottes.
__________________ Ceterum censeo ... Geändert von hjwien (25.07.2012 um 08:56 Uhr). |
| | |
| | #22 |
| Moderator Registriert seit: 04.2005 Ort: En un lugar de la Mancha de cuyo nombre no quiero acordarme...
Beiträge: 29.701
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Nur ganz kurz dazu: es mag sein, dass einzelne Gläubige dies als Problem ansehen, theologisch betrachtet ist der Gott der Juden, Christen und Muslime aber ein überzeitlicher und allmächtiger Gott.
__________________ :urlaub: |
| | |
| | #23 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Genau darauf sollte mein Vergleich zielen: so wie ebendiese Eigenschaften des jüdisch-christlich-muslimischen Gottes von den jeweiligen Gläubigen als gegeben angenommen und nicht hinterfragt werden (sollten), so werden antike Menschen ihren Göttern ebensolche Eigenschaften zugebilligt haben und sich, im Sinne der fingaloschen Frage, nicht überlegt haben, wie denn das Gebet zum Kaiser gelangte. Das Problem ist, daß wir ja gar nicht wissen, was beim Kaiserkult gesprochen wurde. Es gab sicher kein Gebet wie: Lieber Kaiser, mach, daß mir morgen ein Sohn geboren wird, vielmehr wird es geheißen haben: ich schwöre beim Namen des (geheiligten, allmächtigen usw.) Kaisers, oder: ich gelobe dem Kaiser ..., irgendetwas in dieser Art scheint mir wahrscheinlicher. Und nachdem ich gerade nochmal in #20 hineingesehen habe: Der vergöttlichte Kaiser ist der bereits verstorbene und zu den übrigen unsterblichen Göttern erhobene Kaiser. Der könnte problemlos sich ein Gebet anhören, so es denn an ihn gerichtet würde.
__________________ Ceterum censeo ... Geändert von hjwien (25.07.2012 um 09:13 Uhr). |
| | |
| | #24 | ||
| Mitglied Registriert seit: 07.2008 Ort: Österreich
Beiträge: 5.745
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Zitat:
Zu Lebzeiten war der Kaiser noch kein echter Gott, verehrt wurde in erster Linie sein Genius, der einerseits den Kaiser beschützte, in dem sich aber andererseits auch sein Wesen, seine Macht und seine Eigenschaften verkörperten. Zitat:
| ||
| | |
| | #25 | ||
| Premiummitglied Registriert seit: 10.2004 Ort: Wiesbaden
Beiträge: 2.543
![]() ![]() | Zitat:
Zitat:
__________________ Jeder Milliardär hat mal als ganz kleiner Millionär angefangen. | ||
| | |
| | #26 | |
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Die Anbetung der Sonne hatte lange Tradition, und schon Heliogabalus hat versucht, seinen bevorzugten Gott, den Gott von Hemesa, durchzusetzen. Damit ist aber kein Monotheismus verbunden, die übrigen Kulte wurden weder abgeschafft noch negiert.
__________________ Ceterum censeo ... | |
| | |
| | #27 | |
| Premiummitglied Registriert seit: 10.2004 Ort: Wiesbaden
Beiträge: 2.543
![]() ![]() | Zitat:
Ja natürlich. So invictus wurde nicht erfunden, aber er verdrängte die anderen Götter im Pantheon bis zur Bedeutungslosigkeit.
__________________ Jeder Milliardär hat mal als ganz kleiner Millionär angefangen. | |
| | |
| | #28 | ||
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Zitat:
Domitian ist aber auch gerade ein Beispiel dafür, wie es jemand übertreibt mit seinem Bestreben, seine Göttlichkeit zu präsentieren. Der Tempel in Pergamon ist dagegen genau ein Zeichen dafür, daß die Differenzierung nicht nur theoretisch ist. Es ist ja gerade ein Kaiserkulttempel, in dem Octavian aber nicht allein, sondern mit der Göttin Roma zusammen verehrt wird. Diese feinen Unterschiede sind wichtig, die Kaiserkulttempel sind oft Synnaismen, siehe auch Ankara, wo der Tatenbericht des Augustus herkommt. Der Vergöttlichte ist der Divus, und das ist er erst nach dem Tod, das kommt in allen Inschriften deutlich rüber, und die Kaisertempel, die ich in Rom kenne, sind auch immer alle erst für den toten Kaiser gebaut worden. Und es wurde auch genau registriert, daß Caligula den Tiberius nicht vergöttlichen ließ. Kennst Du das Buch von Manfred Clauss, Kaiser und Gott (Stuttgart 1999), da werden ja viele dieser Aspekte angesprochen. Zitat:
Was heißt das denn, er verdrängte die anderen Götter? Wurden ihre Tempel geschlossen, ihre Kulte nicht praktiziert, wurden sie nicht mehr verehrt? Waren die capitolinischen Gottheiten nicht mehr präsent? Dafür gibt es keine Anzeichen. Sol invictus war der vom Kaiser bevorzugte Gott, das hatte es aber schon öfter gegeben. Worüber wir gerne reden können, ist die Frage, ob der Versuch, den Sonnengott als dominierenden Gott zu forcieren mit Tendenzen einherging, diese förderte oder auf sie reagierte, die sich generell einem Monotheismus zuneigten. Innerhalb der nächsten hundert Jahre stellten die Kaiser dann ja fest, daß ihnen eine monotheistische Religion ein stabiles Herrschaftsinstrument sein konnte.
__________________ Ceterum censeo ... | ||
| | |
| | #29 | |
| Premiummitglied Registriert seit: 10.2004 Ort: Wiesbaden
Beiträge: 2.543
![]() ![]() | Zitat:
"Die Errichtung eines dritten bzw. vierten für die gesamte Provinz Asia gedachten Kaisertempels in Ephesus 89/90 n. Chr. dürfte von ihm gefördert worden sein, auch wenn sein Name in der betreffenden Ehreninschrift aufgrund der damnatio memoriae "ausradiert" wurde. Und es spielt auch keine entscheidende Rolle, dass in diesem Tempel nicht nur der Kaiser selbst (Domitian), sondern auch sein Vater Vespasian, sein Bruder Titus und seine Ehefrau Domitia Longina kultisch verehrt wurden. [In der Fn. dazu verweist er auf S. Friesen: Twice Neokoros. Asia and the Cult of the Flavian Imperial Family (Religion in the Graeco-Roman World 116) Leiden 1993 und auf Thomas Witulski: Kaiserkult in Kleinasien. Die Entwicklung der kultisch-religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia von Augustus bis Antoninus. (NTOA 63) Göttingen 2007 S. 53-77.] … Eine in seiner Regierungszeit geprägte Münze stellt seinen 82. n. Chr. verstorbenen Sohn als eines Gottes dar [das ist er selbst], dem die Erde als Thron dient und der sich nach den 7 Sternen ausstreckt (vgl. Offb. 2,1!). Andere Münzen präsentieren Domitian als irdischen Stellvertreter Jupiters bzw. des Zeus. Auch auf dem Kapitol baut man ihm einen Tempel und bringt Opfer für ihn dar, …" Stellvertreter klingt wiederum nicht nach eigener göttlicher Natur.
__________________ Jeder Milliardär hat mal als ganz kleiner Millionär angefangen. | |
| | |
| | #30 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Um mal kurz ein Zwischenfazit zu ziehen: Wir sind ja bei Domitian auf einer Linie, er wollte als Gott verehrt werden. Die Beispiele aus Ephesos oder Pergamon stellen die normale Ebene der Neokorie dar: die römischen Kaiser werden wie Götter verehrt, während man sich ihrer Menschlichkeit durchaus bewußt ist, was aber in den Vorstellungen der Menschen offenbar kein unüberbrückbarer Gegensatz sein mußte. Eine Gratwanderung dagegen war die Präsentation des Kaisers selbst, wenn er bestimmte Grenzen überschritt, wie Domitian, vorher z Bsp. Caligula, dann nahm ihm das die Senatsaristokratie übel. Den meisten "einfachen Römern" dürfte es gleich gewesen sein. Die heutige Forschung, und zum Kaiserkult gab es in den letzten 20 Jahren eine Menge an Publikationen, steht auch nicht einig vor dem Dilemma: Wenn ich einen Kaiser ehre mit Opfern, Prozessionen, Weihrauch, Gesängen, Festbanketten, wenn ich seine Bildnisse bekränze, vor ihnen schwöre, wenn ich ihm gegenüber also ein Verhalten an den Tag lege, wie ich es auch den Göttern gegenüber tue, verehre ich ihn dann w i e einen Gott oder a l s einen Gott. Dieses Dilemma erkannte man auch schon in der Antike, man kennt ja reichlich Beispiele, wie römische Amtsträger den Christen Brücken bauten, wenn diese sich dem Kaiserkult verweigerten. Zum Kapitol noch: Domitian ließ auf dem Kapitol den Tempel der Trias renovieren und baute einen neuen Jupitertempel dazu. Vielleicht bezieht sich Heininger ja darauf.
__________________ Ceterum censeo ... |
| | |
| Sponsored Links |
| | #31 | ||
| Mitglied Registriert seit: 07.2008 Ort: Österreich
Beiträge: 5.745
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Zitat:
Zitat:
Ich vermute, es ist diese Münze gemeint: http://www.romancoins.info/domitia-son.jpg oder diese: File omitian denarius son.png ? Wikimedia CommonsDie Aufschrift entschlüssle ich so: "Divus Caesar Imp(eratoris) Domitiani f(ilius)", also "Der göttliche Caesar, Sohn des Kaisers Domitian". Domitian wird auf dieser Münze also NICHT als Gott bezeichnet, sondern nur als Kaiser. Gott ist nur sein Sohn. Es scheint auch gar keine Münzen oder Dokumente zu geben, auf denen er sich als "dominus et deus" bezeichnen ließ, wenngleich Cassius Dio behauptet, dass der Ausdruck auch in schriftlichen Dokumenten verwendet wurde. Auf den mir bekannten Münzen verwendet er immer nur die Kaisertitulatur. Sueton deutet an, dass die Formulierung "dominus et deus" eher von Schmeichlern verwendet wurde. Ähnliches deutet auch der zeitgenössische Dichter Statius an und ergänzt, dass Domitian die Anrede "dominus" untersagt habe. Dass ein Kaiser von Schmeichlern "Gott" genannt wurde, war übrigens nichts Ungewöhnliches. Schon Ovid nannte Augustus in seinen "Tristia" und "Epistulae ex ponto", mit denen er seine Rückberufung aus dem Exil zu erreichen versuchte, so. | ||
| | |
| | #32 | |
| Mitglied Registriert seit: 09.2006 Ort: Hessen
Beiträge: 4.025
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() | Zitat:
Die Schmeichelei von Angehörigen des Senats für Tiberius, Nero und Domitian monierte Tacitus. Doch die Anrede "Domine", die vielen Aristokraten zu Zeiten Neros oder Domitians als Affront erschien, da man es bestenfalls als angemessene Anrede für Abhängige, Sklaven und Freigelasene galt, war für den Statthalter von Bithynien und Pontus, den jüngeren Plinius eine übliche Anrede, als er den Kaiser um Rat ersuchte, wie er mit bithynischen Christen verfahren solle.
__________________ Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern | |
| | |
| | #33 |
| Mitglied Registriert seit: 09.2009 Ort: Berlin-Pankow
Beiträge: 1.470
![]() ![]() ![]() | Um die Frage nochmal aufzuwärmen: Was hat man denn dem Kaiser eigentlich geopfert?
__________________ Ceterum censeo ... |
| | |
![]() |
| Stichworte |
| kaiserkult, theologie |
| Themen-Optionen | Thema durchsuchen |
| Ansicht | |
| |
Ähnliche Themen | ||||
| Thema | Autor | Forum | Antworten | Letzter Beitrag |
| Kaiserkult | hjwien | Das Römische Reich | 21 | 17.11.2009 14:00 |
| Kaiserkult und Nationalismus | Gast | Das Deutsche Kaiserreich | 4 | 02.03.2008 16:22 |