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Alt 17.07.2014, 00:48   #1
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Warum waren die Presbyterianer in Schottland so erfolgreich?

Engländer und Schotten sind Protestanten. Die Engländer aber nicht so richtig, sie sind "Protestanten mit Prozessionen". Die Church of Scotland dagegen ist eng mit John 'Killjoy' Knox verbunden, einem zunächst katholischen Priester, der zunächst den reformierten Glauben annahm, unter der Ägide Marias de Guises aus Schottland nach England, und während der Rekatholisierung Mary Tudors weiter in die Schweiz floh, wo er mit dem Calvinismus in Berührung kam und sich radikalisierte.
Nach Schottland zurückgekehrt hielt er einige flammende Predigten gegen die Idolatrie der katholischen Kirche und es kam zum Sturm auf Kirchen und Klöster (wobei man sagt, dass die stürmenden Gläubigen sich hauptsächlich an den Bildwerken zu schaffen machte, Priester, Mönche und Nonnen aber weitgehend unbehelligt blieben). Es entstand die schottische oder presbyterianische Kirche: die Hierarchien wurden flacher, die Bildung der Gemeindemitglieder wegen des sola scriptura-Prinzips forciert, Bischöfe abgeschafft. Im Zentrum stand nun der von der Gemeinde aufgrund theologischer, charismatischer oder rhetorischer Fähigkeiten gewählte Prediger (Presbyter) meint seinen Laienhelfern. Was sich zunächst ganz positiv anhört, war aber eben auch mit einer Art frühem "Totalitarismus" (man beachte die Anführungszeichen) verbunden, darauf auch der Spitzname des schottischen Reformators, Killjoy, zurückzuführen. So war der Sonntag kein Feiertag mehr, sondern ein Tag mehrerer Andachten, zwischendurch hatten die Gemeindemitglieder anwesend zu sein, um sich in der Bibelauslegung zu üben. Wer die Kirche versäumte, musste Geldstrafen zahlen, was aber bald, auch wegen der Kritik am kathol. Ablass(handel) wieder abgeschafft wurde. Anders sah es mit Anprangerungen von Fehlleistungen aus, die presbyterianische Sittenpolizei drang auch in Privathäuser ein, um zu überwachen, dass Kranke auch wirklich krank seien (was so ziemlich der einzige Möglichkeit war, die Kirche zu schwänzen). Alles, was Freude machte, sollte also nach dem Willen John Knox' abgeschafft werden. Warum hatte diese Gemeinde Erfolg?
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Geändert von El Quijote (21.07.2014 um 17:26 Uhr). Grund: Rechtschreibkorrektur
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Alt 17.07.2014, 08:17   #2
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Gute Frage.

Ich habe den Eindruck, dass sich in dieser Zeit stets die radikaleren durchsetzten. Auch in England wurde ja eine Art zweite Reformation angestrebt, scheiterte aber u.a. an Elizabeth. So ganz ließ sich das aber doch nicht unterdrücken und dann kam ja auch der Engl. Bürgerkrieg, der ähnlich wie in Schottland die deutlich radikaleren Puritaner ans Ruder brachte, auch wenn der überwiegende Teil der Bevölkerung Angelikaner blieben und dann nach der Cromwell-Ära aufatmete und so erstaunlich wenig an der Verfolgung der Königsmörder auszusetzen hatte.

Bemerkenswert ist vielleicht, dass diese Presbyterianische Kirche nicht von oben verordnet wurde, sondern in stetem Gegensatz zu bspw. Maria Stuart stand. Vielleicht ist es aber genau das, was sie so erfolgreich machte. Die Königin zeigte sich ja im Ringen um die Macht im Land immer wieder den rivalisierenden Adelskoalitionen gegenüber als unfähig, die nach ihrem Sturz dann sogar den Thronanwärter in ihre Hände bekamen. Der Adel mag hier die Rolle des Landesherren als Protektor der neuen Konfession übernommen haben, was eben mit der Lage der Monarchie zusammenhängen dürfte.

Ich denke, es lag im Zeitgeist, dass entweder die "Gegen"reformation Oberwasser bekam oder aber Reformatoren in bereits protestantischen Ländern wie auch in Kursachsen eine, ihrer Meinung nach, Vollendung der Reformation anstrebten.

Dass sich die Presbyterianer halten konnten, scheint auch mit dem englischen Bürgerkrieg zu tun zu haben. Ihre Opposition zu Charles I. war ein Grund für die schwierige Situation des Königs. Obendrein schien es anfangs, als ob die Presbyterianer im Zuge der "Wars of the Three Kingdoms" in ihrem Kampf gegen den hartnäckigen Marquis of Montrose im Grunde auf der selben Seite der Barrikade stünden wie Cromwell.
Erstaunlich ist, dass sich die Presbyterianer in ihrem Kampf gegen Royalisten und dann gegen das Engl. Parlament und untereinander - Kirk Party gegen Engagers - nicht aufgerieben haben.
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Alt 21.07.2014, 17:39   #3
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Zitat:
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Bemerkenswert ist vielleicht, dass diese Presbyterianische Kirche nicht von oben verordnet wurde, sondern in stetem Gegensatz zu bspw. Maria Stuart stand. Vielleicht ist es aber genau das, was sie so erfolgreich machte. Die Königin zeigte sich ja im Ringen um die Macht im Land immer wieder den rivalisierenden Adelskoalitionen gegenüber als unfähig, die nach ihrem Sturz dann sogar den Thronanwärter in ihre Hände bekamen. Der Adel mag hier die Rolle des Landesherren als Protektor der neuen Konfession übernommen haben, was eben mit der Lage der Monarchie zusammenhängen dürfte.
Ja, Mary beging natürlich den Fehler, dass sie lediglich vier Monate nach der Ermordung Darnleys den Hauptverdächtigten ehelichte - und dann auch noch, was sie auf der internationalen Bühne isolierte - nach protestantischem Ritus.

Da hat die eigentlich als klug geltende Mary sehr unsensibel gehandelt, zumal die Vergewaltigung durch ihren Entführer, die sie zur Heirat mit Bothwell zwang, ihr wohl niemand abnahm.

Zitat:
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dass sich die Presbyterianer halten konnten, scheint auch mit dem englischen Bürgerkrieg zu tun zu haben. Ihre Opposition zu Charles I. war ein Grund für die schwierige Situation des Königs. Obendrein schien es anfangs, als ob die Presbyterianer im Zuge der "Wars of the Three Kingdoms" in ihrem Kampf gegen den hartnäckigen Marquis of Montrose im Grunde auf der selben Seite der Barrikade stünden wie Cromwell.
Du bist da eigentlich schon einen Schritt weiter als ich. Ich frage mich ja, was sie so attraktiv machte.
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Alt 16.06.2017, 12:29   #4
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Ich habe damals, als ich die Frage stellte, das Pferd im Prinzip von hinten aufgezäumt. Es ist ja nicht erst der schottische Reformator John "Freudenkiller" Knox gewesen, der die presbyterianische Arbeitsmoral etablierte sondern bereits Calvin selbst, dem Musik und Tanz, Freuden und Freizeit ein Graus waren. Das mönchische ora et labora wurde im Calvinismus einfach radikal ausgelegt: Entweder man betete oder man ging zur Arbeit. (Bei-)Schlaf und Nahrungsaufnahme waren notwendige Übel, die man am besten so kurz wie möglich hielt. Und hier erneut die Frage: Wie konnte sich dieses rigide und freudlose Denken so durchsetzen? In der Schweiz, in den Niederlanden, in Schottland und in großen Teilen der USA ist bzw. war das jahrhundertelang die vorherrschende Ideologie mit Effekten auf die Kultur bis heute (in den USA etwa, wo man häufig, während man noch am letzten Bissen seines Essens kaut, schon vom Kellner den Teller weggenommen bekommt). Gleichzeitig ist das mit einer lähmenden Schicksalsergebenheit verbunden, etwa das Armut und Reichtum gottgegeben seien und es nicht am Menschen sei, dies zu verändern.
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