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Alt 10.09.2005, 15:54   #1
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Giustiniani über Colberts Wirtschaftspolitik (Quelleninterpretation)

Ich bin neu hier und möchte euch allen drum zuerst hallo sagen: Hallo! Ich komme aus der Schweiz, bin 16 und gehe noch zur Schule. Geschichte ist eines meiner Lieblingsfächer und ich setze mich auch "privat" gerne damit auseinander.
Dann zum eigentlichen Thema: Wir müssen in der Schule eine zweiseitige Quelleninterpretation über eine Quelle des 17.Jh, die in Frankreich zur Zeit Ludwigs XIV. entstanden ist, schreiben. Sie wurde von dem Botschafter Venedigs, Marco Antonio Giustiniani, verfasst und handelt von der Wirtschaftspolitik des Finanzministers von Ludwig XIV., Jean Baptiste Colbert. Kennt jemand diese Quelle? Gibt es da irgendwo "Sekundärliteratur" dazu?
Wir müssen unsere Interpretation nach dem Schema von Wolfgang Hug schreiben.
Nun fällt mir der Einstieg ein bisschen schwer und darum möchte ich euch gerne um Hilfe/ Ratschläge/ Tips ... bitten.
Die Fragen, die ich an die Quelle stelle, muss ich die am Anfang meines Textes einbringen?
Ich wäre wirklich sehr froh wenn ihr mir ein wenig helfen könntet ,
Gwen

Geändert von Gwen (10.09.2005 um 16:01 Uhr).
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Alt 10.09.2005, 16:30   #2
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Hallo Gwen!
Schön, dass Du hier bist
Also, leider kenn ich die Quelle nicht, aber im prinzip laufen Interpretationen immer gleich ab. Man sagt erst mal von wem die Quelle kommt, ob Primär oder Sekundär (grob ausgedrückt, einige Leute würden mir für diese Ausdrücke den Hals umdrehen ), dann nennt man den Adressat: Politiker, Privatmann, volk usw. Der Gesichtspunkt, unter der Du die Quelle untersuchst sollte auch am Anfang stehen, damit der Leser weiß, was Du genauer untersuchst.Hast Du Dir da schon was überlegt? Ganz wichtig ist auch, dass Du im Konjunktiv schreibst!
Spezifischer kann Dir bestimmt wer anders aus'm Forum helfen.

Lieben Gruß
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Alt 10.09.2005, 18:22   #3
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Also ich bin etwas verwirrt. Ich habe mal nach dem Namen Marco Antonio Giustiniani gegoogelt und bekomme immer nur einen Hummanisten aus Venedig heraus, der um 1550 Bücher geschrieben hat.
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Alt 10.09.2005, 19:01   #4
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
@ Sissi: Danke vielmals, ich glaube so kann ich meinen Text schon etwas strukturierter aufbauen ^^
@ Louis le Grand: Seltsam, das kann irgendwie nicht sein. 1550 wäre ziemlich viel zu früh... "Mein" Marco Antonio Giustiniani war von 1665 bis 1668 Botschafter Venedigs in Frankreich... Vielleicht ist der Schriftsteller ja ein entfernter Verwandte? Was für Bücher hat der geschrieben? Ach am liebsten würde ich mich irgendwo nach Venedig oder Paris in einem Archiv vergraben und nicht wieder hervorkommen, bis ich was gefunden hab... Aber ich glaube das ist auf Mittwoch zu kurzfristig und meine Schule würde die Kosten wohl nicht übernehmen...
Schon mal vielen vielen Dank!
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Alt 12.09.2005, 13:13   #5
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Hat Frankreich im 17. Jh mit seiner Wirtschaftspolitik bzw. dem Merkantilismus anderen Ländern geschadet? Wann hat Frankreich mit der Kolonialisierung begonnen?
War England eine grosse Handelsmacht (ich beziehe mich immer auf die Zeit Ludwigs XIV)? War "Leder" für sie ein bedeutender Handelszweig? Waren sie eher export- oder eher importstark?
Wie steht es mit dem HRR? Handeln dort einfach einzelne Gebiete oder gibt es eine Instanz? Was bedeutet die Hut- und Weissblechproduktion?
Was macht der nahe Osten?
Ist Venedig im 17. Jh noch eine grosse Macht? Stützt die sich grösstenteils auf Handel? Export oder Import? Was hat die Spitzenklöppelei und Spiegelherstellung für einene Stellenwert gehabt?
Was für eine Position nimmt die Frau inne? Gibt es da europaweit grosse Unterschiede? v.a. interessieren mich Frankreich und Venedig. Der Autor der Quelle erwähnt nämlich Wirtschaftszweige, die die Aufgabe der Frauen waren.
Findet eine Abwanderung nach Frankreich statt? Ich könnte mir vorstellen dass es schon ein wenig magnetisch wirkt... Der Quellenschreiber: "[...] und viele Vorarbeiterinnen sind aus Venedig nach Frankreich gekommen. [...]" Will er damit etwas konkretes sagen/ Kritik üben... Ist es für Venedig "schädlich" wenn Leute abwandern? Heute ist es ja ziemlich klein und schon wenige Leute machen viel aus.
Es wäre toll wenn ihr einige meiner Frangen beantworten könntet
Gwen
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Alt 12.09.2005, 13:36   #6
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Gerade nochmals was: In der Quelle wird hauptsächlich der Kern des Merkantillismus geschildert und am Schluss die Stellungsnahme des Verfassers aufgezeigt. Doch was ist jetzt der Kernteil? Ich weiss wie die Wirtschaftspolitik Frankreich im 17. und frühen 18. Jh ausgesehen hat und finde so eher den letzten Satz spannend... Kann der Kernteil von verschiedenen "Historikern" verschieden gesetzt werden?

Habe hier gerade noch mal kurz die Quelle abgeschrieben, vielleicht hilfts was...

Über die Wirtschaftspolitik von Ludwig XIV., Jean Baptiste Colbert, schrieb Marco Antonio Giustiniani, Botschafter Venedigs in Frankreich von 1665 bis 1668:

„Herr Colbert möchte das ganze Land allen anderen an Wohlstand, Handelsgütern, Kunstfertigkeiten und allen möglichen Gütern überlegen machen, so dass es nichts von anderen bedarf, sondern alles an die anderen Länder liefern kann. [...] Es versäumt nichts, um Gewerbe anderer Länder in Frankreich heimisch zu machen. Was an Besonderem in England hergestellt wird, was die Natur dort an Seltenem liefert, bemüht er sich, ins Königreich einzuführen. Für die Herstellung gewisser Produkte ist man soweit gegangen, den aus England herbeigeholten Arbeitern das Chateau de Madrid (Jagdschloss bei Paris) zur Verfügung zu stellen und hat so eine königliche Residenz in einen Gewerbebetrieb umgewandelt.

Colbert versucht, die aus dem Land angelieferten Ochsenhäute auf englische Weise gerben zu lassen, damit sie den gleichen Zweck erfüllen wie die aus England importierten Leder und diese ersetzen können. Aus Holland hat man Techniken der Tuchproduktion übernommen, ebenso auch die Herstellung von Käse, Butter und anderen Spezialitäten. Aus Deutschland hat man die Produktion von Hüten, Weissblech und vieler anderer Gewerbserzeugnisse geholt, von unserem Land die Spitzenklöppelei und die Spiegelherstellung.

5000 – 6000 Frauen sind in den meisten Provinzen mit dieser Arbeit beschäftigt, und viele Vorarbeiterinnen sind aus Venedig nach Frankreich gekommen. Man strebt danach, das Beste zu erhalten, was auf der Welt produziert wird. Von Persien hat man die Teppichweberei erlernt, und in Paris werden noch schönere und elegantere hergestellt; man kauft und verkauft die begehrtesten und seltensten Waren aus Indien, und gleicherweise hat man aus Afrika Herstellungsverfahren übernommen. Was es an besten Waren in aller Welt gibt, das wird zur Zeit in Frankreich hergestellt, und so gross ist das Ansehen dieser Waren, dass von überall Bestellungen kommen. [...]

Um eine Belastung der Handelsbeziehungen zu vermeiden, muss man Geld in das Königreich senden. Das geschieht zur vollen Zufriedenheit Herrn Colberts, der nichts Anderes im Sinn hat, als die anderen Staaten auszuplündern um Frankreich reich zu machen.

Geändert von Gwen (12.09.2005 um 13:49 Uhr). Grund: Vermeidung von Doppelbericht
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Alt 12.09.2005, 13:53   #7
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Kann leider kaum helfen, wollte aber trotzdem beitragen, was ich ueber den Herrn Giustiniani im Zusammenhang mit Colbert gefunden habe. Hat uebrigens mehr mit Glas als mit Leder und Kloeppelspitze zu tun (was bei Venedig ja auch nahe liegt..)

http://www.materia.it/materia/editor...49846891&pag=2

Viel Glueck uebrigens..
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~Die Angie wird Mami. Und diesmal ist es nicht bloss ein Geruecht!~

^^
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Alt 12.09.2005, 14:23   #8
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PeterWiehe ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Schwierig.
Ich würde sagen, die Beschreibung des Merkantilismus ist der Hauptteil (wenn es um die äußere Form geht) und die kurze Schlußfolgerung ist die Kernaussage (wenn es um die Botschaft/Intention des Verfassers geht).

Es geht dem Verfasser nicht um die Probleme durch Abwanderung.
Der allererste Satz faßt den gesamten Quellentext (außer der Schlußfolgerung) zusammen, oder anders ausgedrückt, es folgen nur noch Ausführungen die seine Behauptung mit Details belegen.

Hast du den ersten Satz der Quelle verstanden, hast du die gesamte Quelle einschließlich des letzten Satzes verstanden.
Ich persönlich verstehe den zweitletzten Satz nicht, da müßte ich genauer über den Merkantilismus recherchieren.

Der zweite Satz (in dieser gekürzten Version!) erklärt, warum er die Frauen erwähnt. Übrigens ist Spitzenklöppelei aus Tradition und wegen der besseren Eignung der Frauen Frauenarbeit. Männer wurden für andere Arbeiten gebraucht, und Frauen haben etwas mehr Fingerspitzengefühl (wörtlich).

Die wikipedia-Artikel über Merkantilismus und Colbert sind nützlich um den wirtschftlichen und politischen Hintergrund zu verstehen. Damit kannst du den zweitletzten Satz interpretieren und Antworten auf deine gestellten Fragen finden.
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Alt 12.09.2005, 15:45   #9
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Danke viel viel mals!
Noch zum zweitletzten Satz: Es ist so, dass Frankreich praktisch nur Rohstoffe importiert, darunter vor allem das Wissen über fremdes Handwerk. Will nun jemand wie Venedig Waren nach Frankreich exportieren, muss es Geld zahlen bzw. wie eine Erlaubnis kaufen, sonst kommen sie (jedenfalls offiziell) nicht hinein. Ich hatte auch ziemlich lange bis ich diesen Satz verstand -.-
PeterWiehe, weisst du wo ich im Netz die Gesamtfassung dieser Quelle finden könnte?
Nochmals ein ganz grosses Danke,
Gwen
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Alt 12.09.2005, 17:51   #10
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Ließ mal auch da. Besonders den Teil "Wirtschaft":
http://de.wikipedia.org/wiki/LudwigXIV.

Zitat:
Gwen
...Um eine Belastung der Handelsbeziehungen zu vermeiden, muss man Geld in das Königreich senden.
Das ist etwas blöd formuliert, drückt aber eigentlich nur die merkantilistische Auffassung vom Geldkreislauf und vom "Wohlstand der Nationen" aus.

Du beschreibst es so: Will nun jemand wie Venedig Waren nach Frankreich exportieren, muss es Geld zahlen bzw. wie eine Erlaubnis kaufen, sonst kommen sie (jedenfalls offiziell) nicht hinein. Was nichst anderes als ein einfacher Zolltarif wäre, der Autor wollte aber wohl etwas anderes damit sagen.

Colbert glaubte, dass eine Nation nur dann wirklich reich ist, wenn sie große Mengen Bargeld hortet. Das heißt frz. Geld im Land behält und ausländisches Geld ebenso aus den anderen Ländern abzieht, also den anderen praktisch wegnimmt. Für Colbert funktionierte die Wirtschaft statisch. Wenn Frankreich wächst, dann müssen die anderen dafür schrumpfen, so als ob es eine genau festgelegte Menge an Ressourcen gäbe.

Der obige Satz drückt also Frankreichs Hunger nach barer Münze um zu wachsen aus. Er sagt, dass wer mit Frankreich handeln will, Geld ins Land bringen muss und nicht Tauschhandel betreiben darf oder noch schlimmer: Geld aus Frankreich abzieht. Das ist natürlich aus heutiger Sicht ein völlig einseitiges und irrationales Verständnis von Ökonomie.
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Alt 13.09.2005, 05:59   #11
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@ Luis le Grand: ok, ich glaube ich war mit meiner Aussage ziemlich falsch Vielen Dank dass du es berichtigt hast!

Dann nochmals was: In Frankreich ist man zu dieser Zeit grösstenteils katholisch. Ist man da so bibelorientiert wie im Mittelalter und gegen alles Fremde und Naturwissenschaftliche oder eher humanistisch?
Wie steht es mit Venedig? Lebt dort der Humanismus? Es ist ja bedeutend näher an Florenz... Florenz muss es auch ziemlich schlecht gehen, oder? Sie haben ja praktisch keine Möglichkeiten mehr, zu handeln.

So, für viele von euch mag es jetzt wohl etwas seltsam klingen aber - ich muss zur Schule ^^ Wünsche euch 'nen schönen Tag,
Gwen
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Alt 13.09.2005, 10:34   #12
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PeterWiehe ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Nein, ich weiß nichts über den vollständigen Text.

Der Humanismus scheint mir zu der Zeit schon vorbei zu sein.

Frankreich: Ludwig der XIV., Sonnenkönig, Absolutismus, Barock.
Venedig: schon keine große Seehandelsmacht mehr.
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Alt 13.09.2005, 10:47   #13
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Der Text erinnert mich an das heutige China. Nur so nebenbei.
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Alt 13.09.2005, 15:03   #14
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Wie steht Frankreich zu Italien allgemein? Gibt es irgendwelche religiösen Bündnisse? Was ist mit dem Papst? In welcher Zeit war der Gegenpapst?
Mir ist aufgefallen dass in der Quelle nur Colbert, und Ludwig eigentlich nicht, vorkommt. Wieso das? War Ludwig ein König der über Mittelmänner gehandelt hat? Aber es musste doch alles von ihm abgesegnet sein?
Morgen ist Abgabetermin, ich muss also ziemlich sputen Aber ihr habt mir schon so viel geholfen, ich wüsste gar nicht wo ich ohne euch stünde
Nochwas: Welche Aufgabe haben Schlüsselbegriffe? Welches sind sie in dieser Quelle?

Geändert von Gwen (13.09.2005 um 15:21 Uhr).
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Alt 13.09.2005, 16:14   #15
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Ich hab da mal meine provisorische, unfertige Quelleninterpretation, vielleicht seht ihr was bis jetzt mit all meinem Fragen rausgekommen ist Wenns euch interessiert, sonst aber auch nicht so tragisch:

Über die Wirtschaftspolitik des Finantminister von Ludwig XIV., Jean Babtiste Colber, schrieb Marco Antonia Giustiniani, Botschafter Venedigs in Frankreich von 1665 bis 1668:
Quelleninterpretation nach dem Schema von Wolfgang Hug (1977):

Marco Antonia Giustiniani sagt alles über die Strategie des Finanzministers Colberts im ersten Satz, dann schmückt er eigentlich nur noch aus und geht in die Tiefe. Er beschreibt die Wirtschaftspolitik Frankreichs objektiv und sehr sachlich. Das Anliegen Colberts, Frankreich von den anderen Ländern unabhängig zu machen und ausländische Spezialitäten ins Land zu bringen kommt deutlich hinüber, was ihm dank Einrichtung grosser Betriebe und Zuziehung von erfahrenen Leuten aus umliegenden auch Staaten auch gelingt. So wird das Warenangebot Frankreichs so bunt, dass von überall her Bestellungen kommen.
Im letzten Satz äussert der Botschafter Venedigs seine Meinung, dass dies alles nur geschehe, um die anderen Bürgerschaften auszupressen und Frankreich reich zu machen.

Die Quelle besteht, wie man wahrscheinlich auch aus der kurzen Zusammenfassung entnehmen kann, aus zwei Abschnitten: einem schildernden Teil, in dem sich der Botschafter zurückhält und gesammeltes Wissen wiedergibt, und einem, in dem dessen Meinung kundgetan wird. Obwohl der zweite Teil viel kürzer als der erste ist, wirkt er stärker und aussagekräftiger. Das kann natürlich daran liegen, dass einem das Vorgehen von Jean Baptiste Colbert auch von anderen Quellen bekannt ist, jedoch die Kritik eines Venezianers hier als das Besondere an der Quelle aufgefasst werden könnte.
Diese zwei Abschnitte stehen in starkem Kontrast zueinander. Der längere Teil zeigt sich als sachlicher Bericht, der eine Lage beschreibt und keine Wertung beinhaltet. Der Ausführlichkeit wegen schliesse ich, dass dies die Aufgabe des Verfassers war und deswegen der Text erst geschrieben wurde. Das heisst aber keineswegs, dass der Schlussteil übersehen werden darf! Von mir aus gesehen ist der erste der Hauptteil, die Beschreibung des Merkantilismus, und der zweite, kürzere beinhaltet die Kernaussage.
Diese Aussage zeigt ganz deutlich, dass die Wirtschaftspolitik von Frankreich ein starker Nachteil für Venedig ist. Einerseits können sie ihre Waren nicht in das Reich Ludwigs XIV. importieren, was für einen Handelsstaat wie Venedig, der zwar nicht im Geringsten dieselbe Macht wie noch vor 200 Jahren hat, aber trotzdem auf den Handel angewiesen ist, verheerend. Denn auch andere Staaten versuchen Frankreich nachzuahmen, als sie dessen Erfolg sehen (z.B. England) und wollen ihre Wirtschaft durch eigene Produkte bestimmen (möglichst kein Import an Fertigwaren).
Andererseits ist Giustiniani ziemlich zu Beginn der alleinigen Herrschaftszeit von Ludwig XIV. in Frankreich als Botschafter und dessen Erfolg hat sich noch nicht so stark abgezeichnet. Deshalb denke ich, er befürchtet vor allem, dass Frankreich ihnen die Kunden wegnimmt, da sie überall alles kopieren und auch noch erfolgreich damit sind. Und da Venedig sowieso schon seine grosse Macht mit dem Gewürzhandel verloren hat, da Vasco da Gama den Seeweg nach Indien gefunden hat, sind die restlichen Ressourcen wie die Spitzenklöppelei und die Spiegelherstellung sehr wertvoll und unentbehrlich.
Venedig droht also, seine Einnahmequelle zu verlieren.

„... um Frankreich reich zu machen.“ Marco Antonia Giustiniani erahnt, sieht jedoch nicht, wie viel Geld sich effektiv in Frankreich anhäufen wird und wie Ludwig XIV. damit um sich wirft. Wahrscheinlich wird es noch stärker seinen Zorn erregen, wenn er später Versailles sieht und die Geldnöte seines Landes im Hinterkopf hat...
„Um eine Belastung der Handelsbeziehungen zu vermeiden, muss man Geld in das Königreich senden.“ Auf diese Aussage möchte ich gerne genauer eingehen denn sie scheint mir wichtig. Colberts Ziel ist es ja, Frankreich gross, reich und somit mächtig zu machen. Es soll eine möglichst grosse Menge Bargeld horten. Frankreich versucht also, Geld aus anderen Ländern abzuziehen, was sie unter anderem auch mit der Herstellung ausländischer Spezialitäten versuchen. Niemand ist dann mehr an den Originalen aus dem eigentlichen Herkunftsland interessiert, da Frankreich die Preise tiefer setzen kann. Es hat sich nämlich so eingerichtet, dass es nicht auf einen Wirtschaftszweig angewiesen ist und viel grössere Mengen produziert. Bei Venedig hingegen machen schon wenige Stücke viel aus.
Man muss wissen dass für Colbert die Wirtschaft wie eine Waage verlief: Wächst Frankreich, müssen die anderen Länder schrumpfen. Dieser Satz bringt also Frankreichs Begieren auf Geld hervor und somit auch den Wunsch nach Machtzunahme. Wer in Frankreich handeln will, muss Geld bringen und nicht tauschen wollen.

Mir ist sehr stark aufgefallen, dass Marco Antonio Giustiniani nie den König Ludwig XIV. erwähnt und als treibende Kraft beschreibt, sondern immer nur Colbert. [in Arbeit]

Im Zentrum des Berichtes stehen die eingeführten und neu erlernten Waren und so sind auch Begriffe wie <herbeigeholt, importiert, übernommen, geholt, gekommen, erhalten> häufig, die alle eine Bewegung nach Frankreich ausdrücken. Alles Wissen um alle Kunstfertigkeiten häuft sich dort an, damit später die Produkte in alle Welt verkauft werden können und der Ertrag, das Geld und somit nach Colbert auch die Macht, nach Frankreich fliesst.
Dann die Wörter möchte (Z1) und versucht (Z14), die verdeutlichen dass sich Colberts Strategie noch nicht so klar abzeichnet. Es ist ja auch noch nicht so viel Zeit vergangen und die Resultate noch nicht sichtbar. [in Arbeit]

fehlend: Sachkritik

Dieser Text, ist von einem Venezianer in der Mitte des 17. Jahrhunderts und zu Beginn der Herrschaftszeit von dem Sonnenkönig Ludwig XIV. verfasst worden. Dieser, Marco Antonia Giustiniani, ist Botschafter in Frankreich von 1665 bis 1668 und seine Aufgabe ist es, der Regierung seines Landes mitzuteilen, was in Frankreich läuft. So ist dieser Brief höchstwahrscheinlich an seinen Vorgesetzten gerichtet und dient allein dem Zweck, diesem die Sachlage zu schildern. Frankreich wächst beinahe wöchentlich und jeder Staat sollte es im Auge behalten.
Das stehende Heer gibt Frankreich zusätzlich unglaubliche Macht und wer sagt, dass das eigentliche Ziel nicht eine Eroberung der umliegenden Ländern ist? Oder Frankreich eine Hegemonie über den ganzen Mittelmeerraum plant? Dieser Aspekt kommt in der Quelle mit der mehrfachen Erwähnung des Geldwunsches Frankreichs an die Oberfläche. [in Arbeit]
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Alt 13.09.2005, 16:37   #16
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PeterWiehe ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
"sagt alles" würde ich ersetzen, z.B. durch "faßt im Wesentlichen zusammen" oder "bringt auf den Punkt"
"schmückt er eigentlich nur noch aus und geht in die Tiefe" würde ich ersetzen, z.B. durch "erläutert" oder "führt aus" oder "nennt Einzelheiten".
Es mag sein, daß (besonders aus heutiger Sicht) er schwafelt und sich wiederholt, aber ganz nutzlos sind seine Ausführungen nicht, denn sie dienen als Untermauerung seiner Eingangsthese

Irgendwie ist es nicht gut, wie du über Colbert schreibst.
Denn du schreibst doch eigentlich über die Behauptungen des venezianischen Botschafters, und hast nur diese Informationen.
Lügt er oder verfälscht er? Das kann man nur aus dem Text nicht erkennen. Wenn du nur den Text nimmst, mußt du alles, was der Verfasser über Colbert, Frankreich, Venedig sagt, als unbewiesene Behauptung darstellen.

Zitat:
Das kann natürlich
daran liegen, dass einem das Vorgehen von Jean Baptiste Colbert auch von anderen
Quellen bekannt ist, jedoch die Kritik eines Venezianers hier als das Besondere
an der Quelle aufgefasst werden könnte.
Ich glaube, dann erwartet der Lehrer, daß du von deiner eigenen Wahrnehmung gesprochen hast. Dann könnte er vielleicht nachhaken, welche anderen Informationen du schon über den Merkantilismus hast. Und dann kommt unweigerlich heraus, daß das nicht dein Wissen und deine Sichtweise ist.
Versuch doch mal, den Text so durchzugehen, als wärst du ein Roboter oder Buchhalter, Satz für Satz: Was sagt er in diesem Satz? Der Sinn liegt darin, daß (vermute ich zumindest) der Lehrer erwartet, daß du dich zuerst auf den Text selber konzentrierst, also nicht auf das Geschichtliche, was dahintersteckt. Also vergiß Colbert, Handwerksprodukte, Geld und Venedig (zumindest im ersten Schritt). Beachte, was er behauptet, wie er es behauptet.
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Geändert von PeterWiehe (13.09.2005 um 16:41 Uhr).
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Alt 13.09.2005, 17:51   #17
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Zitat:
PeterWiehe
Und dann kommt unweigerlich heraus, daß das nicht dein Wissen und deine Sichtweise ist.
Wie meinst du das? Es ist ja meine Sichtweise?
Wieso ist es nicht gut wie ich über Colbert schreibe?
Ich weiss ja, dass die Quelle nicht gefälscht ist und habe auch schon im selben Geschichtsbuch über den Merkantilismus etc. gelesen. Die Aussagen des Botschafters stimmen mit den übrigen überein...

Danke dass du es dir angesehen hast!
Gwen
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Alt 13.09.2005, 19:12   #18
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PeterWiehe ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Zitat:
Gwen
Wie meinst du das? Es ist ja meine Sichtweise?
Wieso ist es nicht gut wie ich über Colbert schreibe?
Ich weiss ja, dass die Quelle nicht gefälscht ist und habe auch schon im selben Geschichtsbuch über den Merkantilismus etc. gelesen.
Gwen
Okay, dann entschuldige, dann ist es doch deine Sichtweise. Der Punkt ist dann also doch okay.

Aber ab da, wo ich sage Satz für Satz wie ein Roboter durchgehen, das stimmt.
Es sei denn jemand klärt ich auf, daß ich eine falsche Vorstellung von Quelleninterpretation habe

Hier zwei Seiten, die Tips geben wie man eine Quelleninterpretation macht:

http://www.uni-tuebingen.de/uni/goi/...ninterpre.html
Dies ist mehr so, wie ich glaube daß es sein sollte.

http://www.tornsdorf.de/toss/lehrer/quelleni.htm
Dies hier wiederum legt nahe, daß du es schon richtig gemacht hast und ich Unrecht habe.
Ich vermute, mein Ansatz (erstmal den Text formal analysieren, erst dann der historische Kontext) ist besser.
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PeterWiehe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.09.2005, 19:27   #19
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Gwen ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
ok, ich glaube es hat jetzt keinen Sinn, wenn ich meine ganze Interpretation nochmals umkremple, vor allem da wir morgen abgeben müssen (es ist ja eigentlich auch mehr eine Übung und ein Einstieg in die Quelleninterpretation...).
Zu der Taktik von Quelleninterpretationen: Ich glaube da gibt es sooo viele verschiedene Möglichkeiten doch keine richtige und falsche, bessere und schlechtere. Wahrscheinlich kommts darauf an wie das jedem einzelnen liegt...
Ich habe hier der Vorgehensweg von Wolfgang Hug herausgesucht, nach dem wir arbeiten mussten:
http://www.thomasgransow.de/Fachmeth...retieren_1.htm --> es ist ziemlich weit unten unter Analyse - und Interpretationsmodell in 6 Schritten aufgezeigt.

Wünsche euch allen eine gute Nacht und nochmals vielen herzlichen Dank für euren Einsatz,
Gwen
Gwen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.09.2016, 14:13   #20
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Help ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Colbert

Ich weiß, dass es etwas spät ist, jedoch wollte ich auch noch eine Antwort geben.
Wenn dein Interesse für Geschichte nun sehr weit geht, kann ich dir das Buch: Geschichte und Geschehen nur empfehlen! Im 4 Band wird auch Colbert unter Kritik mit Giustiniani behandelt. Generell wird neben der kompletten Absolutismus auch noch z.B das Zeitalter der Aufklärung angegeben. Wenn du dich erkundigst: ist auch an vielen Schulen als Standartmaterial...
Ich gehe mal davon aus, dass auch Bibliotheken dieses führen.
LG
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