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Alt 17.11.2004, 12:29   #1
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Grönland

Hallo,
ich habe jetzt meine Aufzeichnungen aus der Tagung der historischen Fakultät Reykjavik vom Juni 1996 wiedergefunden und stelle hier die Passagen vor, die sich mit Anfang und Ende der Besiedlung befassen:

"Die erste Besiedlung Grönlands hatte nach heutiger archäologischer Kenntnis 2500 v. Chr. durch Eskimos der Independence I - Kultur stattgefunden, die sich aber nur an der Nordküste oberhalb des Polarkreises festgesetzt hatte. Sie waren aus Alaska über Nordkanada eingewandert. Danach lösten sich noch 5 Einwanderungswellen ab, die sich aber alle nicht gehalten haben. Um 900 n.Chr. erschien die Thule-Kultur, die heutigen Innuit. Sie begann hoch im Norden zur gleichen Zeit, als im Süden die Nordmänner von Island aus das menschenleere Land in Besitz nahmen.
Die Besiedlungsgeschichte Grönlands durch die Nordmänner beginnt mit der Überfahrt Eiriks des Roten im Jahre 982, als er wegen einer Totschlagsgeschichte geächtet Island verlassen mußte. Dabei waren sein Vater Thorvald und er als Kind bereits totschlagshalber erst aus Norwegen nach Island geflüchtet. Eirik brachte 3 Jahre an der Südwestspitze von Grönland zu, siedelte sich dort an und erforschte die Fjordlandschaft auf ihre Eignung zur Besiedlung. Im Jahre 984 fuhr er nach Island zurück und brach im Jahre 986 nach der Grönländer-Saga mit 20 Schiffen (nach dem Landnahme-Buch waren es 25 Schiffe) nach Südwestgrönland auf. Von ihnen kamen nach beiden Quellen allerdings nur 14 Schiffe an.
Zu dieser Zeit war das Land unbesiedelt. Die Nordmänner ließen sich in zwei Siedlungsräumen nieder, nämlich in einem an der Südspitze, den sie in Unkenntnis der Geographie “Østerbygden” nannten, und in einem in der Gegend der heutigen Hauptstadt Nuuk (vorher Godthåb), der damals “Vesterbygden” hieß.
Die Ruinen des ersten Siedlers Eirik befinden sich gegenüber dem heutigen Flughafen von Narsarsuaq auf der anderen Fjordseite. Der Ort hieß damals Brattahlid, jetzt heißt er Niaqornaarsuk und hat ca 150 Einwohner. Von hier brach auch sein Sohn Leif Eiriksson nach Westen auf und fand ein Land, das er “Vinland” nannte und wohl Neufundland zuzuordnen ist. Nur Wein dürfte er dort nicht gefunden haben und die dies behauptenden Erzählungen der Geschichte darauf zurückzuführen sein, daß dem Verfasser nicht mehr gegenwärtig war, daß das Wort “vin” im Altnordischen auch einfach “Weideland” bedeuten konnte.

...

Professor Helgi Thorláksson ging anschließend der Frage nach, warum die Schiffahrt zwischen Norwegen und Grönland nach der letzten Fahrt 1386 eingestellt wurde. Er referierte zunächst den bisherigen Meinungsstand, Zusammenbruch des Handels mit Wahlroßzahn und Fellen durch die Konkurrenz durch Elfenbein aus Afrika und Pelze aus Nowgorod, Umstellung der Handelsschiffahrt durch die Hanse auf Koggen, die für die Grönlandfahrt nicht geeignet waren, Aufgabe des Siedlungsgebietes in Vestbygda als Hauptfangebiet für Walrosse um 1340 usw. Er widerlegte zunächst diese Theorien, insbesondere durch den weiterhin bestehenden Handelsverkehr mit Island und entwickelte dann seine eigene Version anhand des Schriftverkehrs zwischen dem Bischof von Bergen, der für den Handel im Nordmeer zuständig war, und dem norwegischen König und anderen norwegischen Quellen. Zwischen 1340 und 1360 war jährlich ein Schiff nach Grönland gefahren, danach nur noch sporadisch, um den Zehnt einzutreiben. 1374 entrichtete der Bischof in Gardar letztmalig den Peterspfennig in Walroßzahn. Der Bischof berichtete dem König von den Schwierigkeiten, eine Mannschaft für die Grönlandfahrt zusammenzustellen, zumal man nur mit dem Knorr mit einer Ladefähigkeit von ca 50 to nach Grönland fahren konnte. Der letzte geeignete Knorr war wohl im Jahre 1396 von Piraten beim Überfall auf Bergen zerstört worden. Die inzwischen gebräuchlich gewordene Busse mit einer Ladefähigkeit von ca 180 to war für die Treibeisverhältnisse in Grönland offenbar nicht manövrierfähig genug. Die Grönlandfahrt von Bergen aus war eine Sache von erfahrenen Spezialisten. Nach 1386 gab es offenbar keinen geeigneten Schiffsführer mehr für ein solches Unternehmen. Dies wird auch dadurch unterstützt, daß, was Professor Helgi nicht erwähnte, König Christian I. von Dänemark im Jahre 1476 ein Schiff unter Johannes Scolnus aussandte, um die Verbindung zu Grönland wieder herzustellen, allerdings vergebens.
Am Rande der Tagung wurde auch die immer wieder heiß diskutierte Frage erörtert, wo die Nordmänner geblieben sind. Vesterbygden war bereits vor 1341 aufgegeben worden, wahrscheinlich wegen einer damals einsetzenden Kälteperiode, die sich aus den Eiskernuntersuchungen ergeben hat. Dies berichtete jedenfalls Ivar Bardsson, der 1341 im Auftrag des Erzbischofs von Nidaros eine Bestandsaufnahme aller Kirchen und zehntpflichtigen Bauernhöfe auf Grönland erstellte. Erst Anfang 1400 stiegen die Temperaturen wieder. Bereits nach dem Tode des letzten ortsansässigen Bischofs Alf im Jahre 1374 residierte kein Bischof mehr in Grönland. Vielmehr blieben sie als Titularbischöfe in Norwegen oder Dänemark und ließen sich vor Ort durch einen Offizial vertreten. Eindride Anndresson war der letzte Official, der durch die 1409 urkundlich festgehaltene Dokumentation einer Hochzeit zwischen zwei hohen Standespersonen im Jahre 1408 bezeugt ist. Der letzte Titularbischof Vincentius Petri Kempe starb 1537 im Maribo-Kloster in Dänemark. Eine Verbindung zu Grönland bestand damals schon lange nicht mehr. Archäologische Untersuchungen haben den Zeitpunkt des Verschwindens der Nordmänner auf die Jahre zwischen 1440 und 1450 eingegrenzt. Die Witterung kann daran nicht schuld gewesen sein. Denn die Eiskernuntersuchungen haben keine anomalen Temperaturstürze für diese Jahre ergeben. Im Gegenteil: Die Temperatur war seit 1340 allmählich aber kontinuierlich gestiegen. Eine Katastrophe gleich welcher Art hätte sicher irgendeinen schriftlichen Niederschlag gefunden. So ist man heute der Meinung, daß es das Zusammentreffen vieler kleinerer, damals nicht für aufzeichnenswert gehaltener Ursachen war, die zum Verschwinden der Nordmänner aus Grönland geführt haben: Etwa 1402 hatte der Schwarze Tod die Bevölkerung Islands stark dezimiert, so daß Arbeitskräfte für den Fischfang fehlten. Da 70% des Siedlungsgebietes in Grönland der Kirche gehörte, die Abgaben der Pächter an die Kirche sehr hoch waren und auch der Fischfang in Westisland fest in kirchlicher Hand war, war es ein Leichtes, die grönländischen Kirchenpächter zu besseren Verdienstmöglichkeiten nach Island zu locken - allerdings nicht alle 3- 5000 Nordmänner, denn dazu fehlte die Transportkapazität. Der Fischpreis auf dem damaligen “Weltmarkt” war sehr hoch. Der Schiffsverkehr nach Grönland ging zurück, es trat Mangel an Holz für Boote, Eisen und Kohle auf. Auch nahmen Piraten viele Nordmänner in Grönland gefangen. Es ist belegt, daß zu jener Zeit Nordmänner aus Grönland auf dem Sklavenmarkt in Lissabon nach den Kanarischen Inseln verkauft worden sind. Frauen und Kinder blieben aber zurück, konnten sich allein nicht halten und heirateten wahrscheilich in Innuitfamilien ein. So wurden die verbliebenen Nordmänner wohl von den Innuit vollständig absorbiert. Dies bestätigen auch Lieder und andere Quellen der Innuit. Das Christentum konnte nicht erhalten werden, da dieses auf Nachschub von geweihten Priestern, Meßwein und anderen Sakramentalien angewiesen war, der aber ausblieb. So trocknete die Kultur der Nordmänner binnen einer Generation aus und hinterließ nur ihre beeindruckenden Bauwerke, die von den Innuit in Besitz genommen und zum Teil als Steinbruch für ihre eigene Kultur verwendet wurden.
Die nächste europäische Einwanderung fand erst 1721 durch die von Hans Egede geleitete Konolisation der Dänen statt."

Fingalo
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