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Alt 18.04.2016, 00:08   #1
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Frage Bewertung der adligen Gewalt in der Theologie des Mittelalters?

Stimmts eigentlich: Aus Sicht der Amtskirche von damals waren die mittelalterlichen Ritter, die Faustrecht und Fehden führten, aufgrund ihrer Gewalt Sünder und mussten dafür Beichten und Buße tun?

Der Vater - oder wars einer der Vorfahren - von Wilhelm den Eroberer oder der Herzog der Normandie soll angeblich als Buße für seine Sünden nach Jerusalem gepilgert sein und wurde seither vermisst. (So genau erinnere ich mich nicht mehr an die Vorlesung.)
Das wird auch in einer Öffentlich-Rechtlichen Doku so angedeutet.
Es soll für die mittelalterlichen Ritter eine regelrechte Erleichterung gewesen sein, als der Papst die Kreuzzüge ausgerufen hatte. Endlich gab es für ihr "Handwerk" segen von Oben.

Stimmts und wenn ja: Kann jemand quellen nennen?
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Alt 18.04.2016, 16:40   #2
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Besorg dir mal von Carl Erdmann* Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens. Erschrick aber nicht über das Erscheinungsjahr (1935), das Buch gilt bis heute als Standardwerk zu der Thematik und Erdmann lässt sich gut lesen, ist auch frei von antisemitischem und völkischem Gekeife.
Unter anderem thematisiert er in dem Buch die Land- und Gottesfriedensbewegung, die eine kirchliche Reaktion auf das Fehdewesen v.a. in der südfranzösischen Ritterschaft nach dem Zusammenbruch der Königsmacht in Frankreich war.

*Nicht zu verwechseln mit dem Historiker Karl Erdmann, der zeitgleich wirkte.
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Alt 19.04.2016, 01:50   #3
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Stimmts eigentlich: Aus Sicht der Amtskirche von damals waren die mittelalterlichen Ritter, die Faustrecht und Fehden führten, aufgrund ihrer Gewalt Sünder und mussten dafür Beichten und Buße tun?
...die privaten Vergnügungen der merowingischen und karolingischen Könige widersprachen auch dem, was "Amtskrichen" (sofern es solche überhaupt gab...) predigten
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Alt 19.06.2016, 08:44   #4
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Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass die Kirche in Zusammenarbeit mit den Landesherren versuchte, zunächst den Landfrieden und später den Gottesfrieden durchzusetzen. Fehden durften nur noch an ausgewählten Tagen geführt werden, wer Vieh stahl, hatte bestimmte Zeiträume Gelegenheit, es zu erstatten, waren diese Gelegenheiten verstrichen, musste man nicht nur das gestohlene Vieh ersetzen sondern dieses gewissermaßen verdoppeln. Die vielen Regelungen sind aber ein deutlicher Anzeiger dafür, dass es Kirche und Zentralgewalt nur unzureichend gelang, die Land- und Gottesfrieden durchzusetzen.
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Alt 23.06.2016, 20:50   #5
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-muck- befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Ein wenig diskutierter, aber beachtlicher Ansatz ist es m.E.n., dass ein allgemein gültiger, sprich ewiger Landfriede im HRRDN auch deshalb beinahe 300 Jahre (ernsthafte) Vorarbeit bedurfte, weil einerseits die geistlichen Fürsten selbst der Fehde nicht abgeneigt waren, andererseits Bußgelder und reumütige Schenkungen der Störenfriede den Kirchen und Klöstern nur allzu gelegen kamen.

Im Übrigen braucht man sich um des Gegensatzes zwischen der Realität des Mittelalters und dem fünften Gebot nicht den Kopf zu zerbrechen; jede logische Erklärung dieses eigentlich unlogischen Kontrastes führt letztlich auf materielle Anreize zurück oder auf die Sittenstarre der Gesellschaft. (Ein gesellschaftlicher Wandel mit der heutigen Geschwindigkeit, d.h. eine fundamentale Verschiebung von Normen und Ansichten noch innerhalb einer Generation, wäre im Mittelalter undenkbar gewesen. Er beruht überhaupt auf der modernen Allverfügbarkeit von Information, auf dem höheren Bildungsgrad, auf einem andersgearteten Verständnis von Zeit, vor allem aber auf der Abkehr von der Vorstellung, der Zustand der Welt sei gottgewollt.)
Vor ersterem war der Klerus nicht gefeit, letzteres konnte er nicht entschieden bekämpfen, wenn er nicht den Kampf gegen alles, worunter der Mensch litt, an sich legitimieren wollte.
Indessen, es ist das Schöne an heiligen Schriften, das man sich das herauslesen kann, was gerade nützt. Die Propheten und der Sohn Gottes verkündeten, du sollst nicht töten, du sollst nicht begehren deines Nächsten und so weiter. An anderer Bibelstelle lobt Gott aber jene, die seine oder ihre Feinde bekämpfen. Ist dieser Dispens nicht höher zu gewichten? Könnte er nicht bedeuten, dass selbst das fünfte Gebot nur Richtschnur ist, oder nur unter bestimmten Umständen gelten soll? So, oder so ähnlich, liefen viele theologische Diskussionen jener Zeit. Beachtlich ist z.B. der Spagat des Bernhard von Clairvaux, der mit seiner Dogmatik, die die Kreuzzüge rechtfertigte, unwidersprochen umwarf, was die Kirche zuvor in der Gottesfriedenbewegung gepredigt hatte.

Im Grunde lässt sich ein solcher Widerspruch auch auf ein Sandkastenargument zurückführen: Das is was andres.

Geändert von -muck- (23.06.2016 um 20:53 Uhr).
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