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Alt 26.01.2005, 14:02   #1
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snoopy ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Die Lollarden - Anfänge und Rückzug in den Untergrund

Lollarden sind die Anhänger John Wycliffes, welcher zunächst unter der Herrschaft von Edward III. und Richard II. im 14. Jahrhundert geduldet, dann aber verurteilt wurde (er musste versprechen, nicht mehr zu predigen).

Wycliffe forderte den Einzug des kirchlichen Besitzes ein und prangerte die Kirchenhierarchie der katholischen Kirche an. Dabei standen zahlreiche weltliche Lords hinter ihm, unter anderem John of Gaunt, Herzog von Lancaster (Sohn Edward III. und Vater von dem späteren Henry IV.).

Als Wycliffe dann aber anfing, darüber zu predigen und arme Priester (poor priest) aussendete, um die Lehren zu verbreiten und die Transubstantionslehre (gesegnete Wein verwandelt sich in Christis Blut) angriff, bekam er Probleme. Rom machte Druck und eine Gruppe von Oxforder Gelehrten verurteilten 24 Lehransätze von Wycliff als herätisch. Er durfte nicht mehr predigen und zog sich bis zu seinem Tod 1384 ins Privatleben zurück. Er arbeitete aber weiter.

Die Lollarden, seine Anhänger, fingen nach seinem Tod (und vielleicht auch schon vorher) an, seine Lehren zu verbreiten. Die Hauptforderung war die Reform der katholischen Kirche. Sie leisteten Angriffe gegen Kirchenmacht und Staatsmacht.

Als Henry IV. und Henry V. Könige waren, ließen sie die Lollarden verfolgen und hinrichten (Tod auf dem Scheiterhaufen durch Verbrennen). Die biehrige Toleranz gegenüber solche Gruppierungen unter Edward III. und Richard II. hatte ihr Ende.

Die Erzbischöfe durften Menschen, die unter Verdacht standen, Lollarden zu sein, verurteilen - NEU war dabei, dass der Sheriff KEINE Rücksprache mit dem König über das Urteil mehr machen musste! Die Macht der Bischöfe wuchs diesbezüglich sehr!

1410 wurde der erste Lollarde verbrannt. Der Prince of Wales, der spätere Henry V. soll dabei noch versucht haben, die verbrennung zu verhindern. Weiß jemand, wer das war und warum der Kronprinz dies zu verhindern versuchte? Es müsste John Badby gewesen sein, aber hatte es einen Grund, warum Prinz Henry noch versucht gewesen war, ihn zu retten?

Denn auch unter Henry V. wurden doe Lollarden verfolgt und als Ketzer bezichtigt. Unter ihm wurde 1415 die Bewegung ausgelöscht!

Die Lollarden versuchten zu Zeiten Henry V. diesen, meine ich, zu töten. Zentrale Fgur der Verschwörung war Sir Johann Oldcastle, ein Verbündeter Hernys V. aus alten Tagen. Dieser sollte als lollarde verurteilt werden, konnte aber entkommen. Henry hat cersucht, ihn zu schützen, als dieser aber offen weigerte, seine Meinungen abzuschwören, und floh, konnte auch dieser nicht mehr die schützende Hand über ihn halten.

Ab 1415 zoen sich die Lollarden wohl in den Untergrund zurück.

Warum waren Henry IV. und V: so sehr darauf aus, die Lollarden zu verfolgen, im Gegensatz zu Edward III. und Richard II.? Ist die Bewegung unter dem Hause Lancaster einfach zu stark geworden? Oder lag es eher daran, dass das Haus Lancaster sich stets für ihre Krone rechtfertigen musste und v.a. Henry IV. immer mit Zweifel an der Legitimität auf Anspruch der Krone zu kämpfen hatte und er sich mit den Bischöfen "guttun" wollte?
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Alt 06.09.2015, 18:29   #2
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Teresa C. wird schon bald berühmt werden
Eigentlich schade, dass es zu diesem interessanten Thread nie Antworten gegeben hat. Allerdings weiß ich selbst über die Lollarden auch nicht wirklich vieles, in der Schule kam John Wycliffe lediglich im Zusammenhang mit Johannes (Jan) Hus.

Sir John Oldcastle ist wiederum nur deswegen nicht gänzlich unbekannt, weil er als ursprüngliches Vorbild für die literarische Figur des Falstaff gilt, mit dem er freilich keine wirkliche Ähnlichkeit haben dürfte. (William Shakespeare soll deswegen auch seine Dramenfigur letztlich in Falstaff umbenannt haben.)

Der Unterhaltungsautor Titus Müller hat vor einigen Jahren mit seinem Roman "Die Brillenmacherin" ein wenig dafür gesorgt, dass die Bewegung der Lollarden zumindest in Deutschland heute nicht mehr gänzlich unbekannt sein dürfte.
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Alt 24.09.2015, 12:32   #3
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Warum waren Henry IV. und V: so sehr darauf aus, die Lollarden zu verfolgen, im Gegensatz zu Edward III. und Richard II.? Ist die Bewegung unter dem Hause Lancaster einfach zu stark geworden? Oder lag es eher daran, dass das Haus Lancaster sich stets für ihre Krone rechtfertigen musste und v.a. Henry IV. immer mit Zweifel an der Legitimität auf Anspruch der Krone zu kämpfen hatte und er sich mit den Bischöfen "guttun" wollte?.
So weit ich das noch im Kopf habe, wurde die Bewegung durchaus auch schon zu Zeiten Richards II verfolgt. 1381 gab jedenfalls einen Bauernaufstand von Wat Tyler / Wat dem Ziegelbrenner gegen eine neue Kopfsteuer, mit welcher der Krieg gegen Frankreich finanziert werden sollte. "Ideologisch" unterstützt wurde Tyler durch John Ball, einem Lollarden-Prediger, der Wyclifs Lehren verbreitete. Von Ball soll auch die berühmte Frage "Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann ?" stammen. Die Frage wurde, so weit ich weiss, später auch im deutschen Bauernkrieg (u.a. in der Bewegung "Armer Konrad" im Rahmen der Bundschuh-Aufstände) als "Slogan" verwendet.
Der Aufstand scheiterte, Tyler und Ball wurden hingerichtet.

Dass Eduard III die Lollarden nicht verfolgte, scheint mir nachvollziehbar. Eduard starb 1377, während Wyclif seine Lehren gerade erst um diese Zeit entwickelte und sich auch etwa erst in dieser Zeit mit dem Papst anlegte. Vermutlich hatte Eduard nicht mehr viel davon mitbekommen, und wenn doch, hätte er vermutlich nichts dagegen gehabt, da Wyclif mehr oder weniger die These vertrat, dass der König über dem Papst stünde und als "König von Gottes Gnaden" keine Herrschaftslegitimation durch die Kirche benötige (gewissermassen der umgekehrte Investiturstreit).
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Alt 24.09.2015, 18:49   #4
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Ist irgendetwas überliefert, in wieweit es bei dem Bauernaufstand von Wat Taylor eine Rolle gespielt hat, dass John Ball Lollarde war?
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Alt 25.09.2015, 21:29   #5
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Wyclifs Lehren spielten beim Aufstand insofern eine Rolle, als in ihnen zum einen der Reichtum der Kirche kritisiert wurde und zum anderen, dass der politische Machtanspruch der Kirche bestritten wurde. Ein grosser Teil der erhobenen Steuern, gegen die sich die Bauern wehrten, wurden nach Rom abgeführt - Steuern, deren Rechtmässigkeit von Wycliff in Frage gestellt wurden, das sie gegen das christl. Armutsgebot verstiessen. Bereits 1373 hatte Eudard III Wyclif damit beauftragt, sich beim Papst über die verbreitete Simonie zu beschweren - der tatsächliche Grund von Wyclifs Mission dürfte jedoch im Versuch bestanden haben, die vereinbarten Abgaben Englands an das Papsttum zu sistieren. Wyclifs Kritik am Machtanspruch der Kirche stiess naturgemäss auch bei Königtum und Adel auf Sympathie.

Die Wanderprediger, welche Wyclifs Theologie unter dem Volk verbreiteten, waren wesentliche Protagonisten des Bauernaufstandes von Tyler; neben John Ball sind John Wrawe und Jack Straw bekannt. Vor allem lieferten diese die Legitimität des Aufstandes: Die Kirche habe nach dem Vorbild der Urchristen in "frommer Armut" zu leben und insofern keine Steuern zu fordern, deshalb sei es gerecht, die neue Kopfsteuer (welche ja teilweise nach Rom ging) zu verweigern. Die Bedeutung von Balls Lollardentum ergibt sich aus der Verbindung von Wyclifs Kirchenkritik mit der Weigerung der Bauern, die Kopfsteuer zu entrichten, auch wenn man vielleicht die Wyclif-Prediger von 1380/1381 noch nicht als "Lollarden" bezeichnen kann.

Die Prediger, insbesondere Ball, scheinen allerdings weiter gegangen zu sein, als Wyclif selbst. Balls Ausspruch "When Adam delved an Eva span, who was then the gentleman ?" (also eigentlich: "... wer war dann der Edelmann" und nicht wie oft ungenau wiedergegen " ... wo war da der Edelmann") deutet einen Angriff auf das Ideal der mittelalterlichen Drei-Stände-Lehre zum Mindesten an, etwas, was Wyclif nie in den Sinn gekommen wäre. Meiner Einschätzung nach sind hier die Paralellen zur Reformation und dem deutschen Bauernkrieg nicht zu übersehen - fast eine Vorwegnahme. Luther - der sich wie Wyclif gegen das Papsttum stellte - hatte den Aufstand der Bauern bekanntlich auf Schärfste verurteilt und den Adel aufgefordert, kompromisslos und ohne Gewährung von Gnade gegen die Aufständischen vorzugehen. Die Aufhebung der Standeshierarchie war weder bei Luther noch Wyclif ein Thema.
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Alt 25.09.2015, 21:33   #6
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Danke für Deine ausführlichen Erklärungen?

Gibt es eigentlich gute deutschsprachige Literatur zu den Lollarden bzw. zu Wycliffe?
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Alt 25.09.2015, 21:43   #7
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Gibt es bestimmt, auch als Übersetzungen. Im Moment fällt mir aber keine ein - meine Erinnerungen über Tylers Aufstand stammen noch von Barbara Tuchmans Werk über den Hundertjährigen Krieg.

PS:
Wenn Du nach Tyler suchen/googeln willst, denk daran, dass dieser tatsächlich Tyler und nicht Taylor hiess - der Mann war Ziegelbrenner oder Zimmermann (tiler = Dachdecker ?) und nicht Schneider -
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