Geschichtsforum.de
Die Community für Geschichtsinteressierte und Geschichtsfans


Alt 18.04.2017, 15:38   #161
Mitglied
 
Mitgliederbild von Maglor
 
Registriert seit: 10.2008
Ort: Teutschland
Beiträge: 1.125
Maglor ist einfach richtig nettMaglor ist einfach richtig nettMaglor ist einfach richtig nettMaglor ist einfach richtig nett
Zitat:
thanepower Beitrag anzeigen
In einer Kurzfassung der PhD-Arbeit "Heaven in Conflict" beleuchtet Clark den Zusammenhang zwischen dem Konflikt der christlichen Lehre und chinesischen Sichten.
Clark widerspricht deiner und meiner bisherigen Darstellung vollständig, die "Boxer" hätten die Christen mit den Kolonialmächten idenzifiziert. (Haben die Boxer nicht viel mehr die Kolonialmächte mit den Christen identifziert?)
Nach Clark hätten die "Boxer" die Christen eben nicht umgebracht, weil sie sie für Handlanger der europäischen Imperialisten hielten, sondern weil sie die Christen für die Dürre und Heuschreckenplage verantwortlich machten und ihnen geheime Kannibalismusrituale unterstellten. Chlark bezeichnet das als "antichristliche Mythologie".

Die Dehumanisierung der Gruppe der Christen zu "Teufeln" ist ein wichtiger Schritt Richtung Genozid. Irrationalität der Schuldzuweisungen und natürlich die Ritualmordlegenden erinnern mich stark an den abendländischen Antisemitismus, wobei die Übereinstimmungen wohl zufällig sind bzw. diese Motive des Aberglaubens in verschiedenen Epochen weltweit unabhängig voneinander vorkommen.

Die Rolle der christlichen Lehre im Konflikt beschreibt Clark eindeutig.
Zitat:
Clark, Heaven in Conflict: Franciscans and the Boxer Uprising in Shanxi S. 10
The Boxers in Shanxi fought the earthly part of that battle with guns, swords, and magical spells, while the Franciscans fought in the purely spiritual realm.
Die beschriebenen Franziskaner verwirklichten ohne Kompromiss die christliche Lehre der Gewaltlosigkeit. Bischof Fogolla verweigerte die Barrikadierung der Kirche und die Verteidigung der Gemeindemitglieder. Die Gemeinde ergab sich dem Martyrium.
(Die Heiligsprechung von 120 China Märtyrern (u.a. die beschriebenen Franziskaner) erfolgte 2000 durch Papst Johannes Paul II.)


Bemerkenswert ist, dass Giuseppe Castiglione (Jesuit und Mandarin am chinesischen Kaiserhof) im 18. Jahrhundert den Erzengel Michael im chinesischen Stil malte. Link zum Bild
Castiglione malte Luzifer in abendländischer Tradition als gehörnten Teufel, während der Erzengel Michael ein wenig an die chinesische Mode angeglichen wurde.


Die Phantasie von der Nachfolge des Erzengels Michael im Kampf mit der "gelben Gefahr" spielte aber bereits 1895 Teil der wilhelminischen Propaganda, vgl. Geschichtsforum . (Die Adressaten dieser Propaganda war jedoch die Europäer.) Es handelt sich um eine Instrumentalisierung der Massaker an den Christen durch die Allianz der Imperialisten. Sie waren willkommene Vorwand für weitere Eroberungen in China.
Anzumerken ist natürlich, dass in der überlieferten "Hunnenrede" die Massaker an chinesischen Christen gar keinen Raum einnehmen. Dort geht es Kaiser Wilhelm II. lediglich, um die China lebenden Deutschen und insbesondere um die Diplomaten. Die Missionare werden von ihm auch nicht expliziert erwähnt!
__________________
אַ שפּראַך איז אַ דיאַלעקט מיט אַן אַרמיי און פֿלאָט
a schprach is a dialekt mit an armej un flot
Max Weinreich

Geändert von Maglor (18.04.2017 um 15:48 Uhr).
Maglor ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.04.2017, 16:44   #162
Mitglied
 
Registriert seit: 06.2015
Beiträge: 526
Gangflow befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
[QUOTE=Sepiola;783264]V
Zitat:
on welcher Zeit sprichst Du? Von der Zeit um 1900 wohl eher nicht...
Diese Feststellungen stammen von Hudson Taylor und beziehen sich auf die Zeit vor der Boxer-Zeit.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Watchman_Nee

Nach dem Boxer-Aufstand folgte eine Periode der außergewöhnlichen Öffnung für das Evangelium in China:
La débâcle des Boxers fut suivie d’une période d’ouverture exceptionnelle à l’Evangile en Chine. L’Empire fut renversé et la République instaurée en 1912 avec, comme président provisoire, le médecin chrétien Sun Yat-sen. Vers 1900, on comptait plus de un million de convertis et, en 1913, le tiers des missionnaires travaillant en Chine étaient des chinois. Ils participèrent à la grande conférence missionnaire de Shanghai où l’on décida d’intensifier la formation de pasteurs chinois et de travailler au rapprochement des églises formées par les différentes sociétés de mission étrangères. En 1914, il y avait 5462 missionnaires protestants étrangers en Chine, dont plus de mille étaient rattachés à la Mission à l’Intérieur de la Chine (CIM), fondée en 1865 par Hudson Taylor, qui avait aussi 2500 pasteurs et évangélistes chinois.

Zitat:
Von welchen Chinesen sprichst Du hier? Von den Boxern wohl eher nicht. Die hatten den Christen noch sehr viel mehr vorzuwerfen: Angeblich führten sie Schadenszauber aus, vergifteten Brunnen und schnitten kleinen Kindern das Herz aus dem Leib.
Das war wohl eine allgemein verbreitete Beobachtung im Land. Vielleicht auch ein gewisser Neid auf die "Reis-Christen", die von der Kirche unterstützt wurden.
Gangflow ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 18.04.2017, 17:34   #163
Mitglied
 
Mitgliederbild von thanepower
 
Registriert seit: 03.2009
Beiträge: 4.791
Blog-Einträge: 3
thanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekanntthanepower ist jedem bekannt
Zitat:
Maglor Beitrag anzeigen
Clark widerspricht deiner und meiner bisherigen Darstellung vollständig, die "Boxer" hätten die Christen mit den Kolonialmächten idenzifiziert. (Haben die Boxer nicht viel mehr die Kolonialmächte mit den Christen identifziert?)
Nach Clark hätten die "Boxer" die Christen eben nicht umgebracht, weil sie sie für Handlanger der europäischen Imperialisten hielten, sondern weil sie die Christen für die Dürre und Heuschreckenplage verantwortlich machten und ihnen geheime Kannibalismusrituale unterstellten. Chlark bezeichnet das als "antichristliche Mythologie".

Nein, in #153 findet sich eben dieser Hinweis und die Sicht von Clark ist in dieser Beziehung auch nicht besonders "originell".

Zitat:
thanepower Beitrag anzeigen
Eingebunden ist diese Situation, so die Arbeiten von Cohen und Esherick in einen „Modernisierungskonflikt“, bei dem traditionelle und teils archaische bzw. schamanistische Vorstellungen über das Leben und die Natur eine Rolle gespielt haben. Dieses Gleichgewicht, so die Sicht der „Boxer“ auf die christlichen Missionen wurde durch die Fremden gestört und war eine der zentralen Gründe für die Erklärung bzw. Schuldzuweisungen der teils verheerenden Dürren in China zu der Zeit.
Aber ich werde ausführlicher noch dazu etwas schreiben. Kann nur etwas dauern.

Vielleicht könnte ja ein Moderator das Thema entflechten und unter die "Ursachen des Boxer-Aufstands" verschieben. Dann hat der gute KW II. seine Ruhe
__________________
When the facts change, I change my mind. What do you do, sir? J.M. Keynes

Geändert von thanepower (18.04.2017 um 17:38 Uhr).
thanepower ist offline   Mit Zitat antworten
Sponsored Links


Alt 18.04.2017, 17:44   #164
Mitglied
 
Mitgliederbild von Sepiola
 
Registriert seit: 01.2013
Beiträge: 4.038
Sepiola ist einfach richtig nettSepiola ist einfach richtig nettSepiola ist einfach richtig nett
Zitat:
Gangflow Beitrag anzeigen
Diese Feststellungen stammen von Hudson Taylor
Indem man Zitate kenntlich macht, lassen sich die Aussagen richtig einschätzen.

Zitat:
Gangflow Beitrag anzeigen
Man kann sagen, es existierte vielleicht kein Land auf der Welt mit einer größeren religiösen Toleranz als China. Den einzigen Grund, den die Chinesen gegen das Christentum anführten war, das es in ihren Augen eine Religion der Ausländer war.

There is perhaps no country in the world in which religious toleration is carried to so great an extent as in China; the only objection that prince or people have to Christianity is that it is a foreign religion, and that its tendencies are to approximate believers to foreign nations.


(Hudson Taylor 1867)

Zur zeitlichen Einordnung:

Wenige Jahre zuvor war der Zweite Opiumkrieg zu Ende gegangen.

Als Ergebnis des verlorenen Krieges musste Peking 1860 zähneknirschend in den "Vertrag von Tianjin" einwilligen, der die Regierung zur Tolerierung der christlichen Religion und zum Schutz der christlichen Missionare verpflichtete:

Zitat:

ARTICLE VIII. The Christian religion, as professed by Protestants or Roman Catholics, inculcates the practice of virtue, and teaches man to do as he would be done by. Persons teaching or professing it, therefore, shall alike be entitled to the protection of the Chinese authorities, nor shall any such, peaceably pursuing their calling, and not offending against the law, be persecuted or interfered with.

https://en.wikisource.org/wiki/Treat...peror_of_China



Zitat:
ARTICLE XXIX.
The principles of the Christian religion, as professed by the Protestant and Roman Catholic churches, are recognized as teaching men to do good, and to do to others as they would have others do to them. Hereafter those who quietly profess and teach these doctrines shall not be harassed or persecuted on account of their faith. Any person, whether citizen of the United States or Chinese convert, who, according to these tenets, peaceably teach and practice the principles of Christianity, shall in no case be interfered with or molested.
https://en.wikisource.org/wiki/Treat...mpire_of_China
__________________
"Nun ja! denkt sich der Jägersmann. Jetzt zieh' ich meine Handschuh an!" (W. Busch)
Sepiola ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.04.2017, 12:42   #165
Mitglied
 
Registriert seit: 05.2015
Beiträge: 43
Rhys befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Servus,

hab hier 2 Links gefunden, welche zu einem Tagebuch eines Zeitzeugen führt.
Hat zwar nix mit Völkermord, jedoch teilweise mit dem Boxeraufstand zu tun.

LeMO*Zeitzeugen*-*Wilhelm Kaudel: Aufzeichnungen von der Niederschlagung des Boxeraufstandes in China

diese staatliche Seite führt dann zu:

http://sms-hansa.de/

über den Wahrheitsgehalt und Authensität kann ich natürlich nix sagen.
Rhys ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

« Emser Depesche | - »
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist aus.
HTML-Code ist aus.
Trackbacks are aus
Pingbacks are aus
Refbacks are aus


Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Warum galt das Frankenreich als Nachfolger des Römischen Reiches? Backup Die Franken 8 14.06.2014 20:04
Krönung von Wilhelm I. von Preußen zum Kaiser? Daddeldu Das Deutsche Kaiserreich 34 06.03.2013 15:23
Cleopatras Nachkommen wonni Das Alte Ägypten 35 27.06.2011 08:22
Drei Reiseandenken an die 2.Orientreise Kaiser Wilhelms II. Arne Das Deutsche Kaiserreich 0 14.06.2005 17:24
Die Tang-Dynastie (618-907) Louis le Grand Indien | Ferner Osten 0 18.09.2004 18:00


Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 17:08 Uhr.


Powered by: vBulletin Version 3.8.9 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, Jelsoft Enterprises Ltd.
SEO by vBSEO 3.3.2 ©2009, Crawlability, Inc.
Copyright © 2000-2016 Geschichtsforum.de