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Alt 28.06.2005, 22:09   #1
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WK-1: "Deutschland trug zweifellos große Schuld am Kriegsausbruch"

Als das Deutsche Reich 1914 in den Ersten WK zog, glaubte die deutsche Bevölkerung, dass sich das Reich gegen einen russischen Überfall verteidigt. Die Franzosen, Belgier und Engländer hingegen erlebten die Deutschen als Angreifer.

In der 2004 veröffentlichten „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“ schrieb Gerd Krummeich zur Kriegsschuld folgendes: „Es dürfte heute kein Zweifel daran bestehen, dass das Deutsche Reich durch seine unbedingte Unterstützung Österreich-Ungarns bei dessen Vorgehen gegenüber Serbien und durch seine Strategie, die Kriegsbereitschaft der Alliierten und insbesondere Russlands durch Starrheit in den Verhandlungen auszuloten, alle Bemühungen um eine diplomatische Deeskalation (wie sie insbesondere von England unternommen wurden) sabotiert hat. Die Verantwortlichen in Berlin waren bereit zum „Sprung ins Dunkle“ des Krieges (Bethmann Hollweg). So gesehen trug Deutschland zweifellos große Schuld am Kriegsausbruch. (Gerd Krummeich in: Gerhard Hirschfeld, Gerd Krummeich, Irina Renz, Enzyklopädie Erster Weltkrieg, 2004, unter Kriegsschuld).

Soll das Verdikt von Krummeich nur "dem eitlen Trend der Zeit mit der ewigen deutschen Selbstzerknirschung" geschuldet sein?

Weit gefehlt! Nach dem Ersten Weltkrieg beauftragte der Untersuchungsausschuss des Deutschen Reichstages Hermann Kantorowicz mit dem Erstellen eines Gutachtens zur Kriegschuldfrage 1914. Kantorowicz kam im Mai 1927 zu folgendem Ergebnis: „Allen vier schuldigen Regierungen stehen in den wechselseitigen Provokationen der Vorkriegszeit mildernde Umstände zur Seite, keiner ein Rechtfertigungsgrund, da der Krieg von Deutschland als Präventivkrieg, von Österreich-Ungarn als Verzweiflungskrieg, von Frankreich und von Rußland als Machterhaltungskrieg beschlossen worden ist. Die vier Regierungen tragen also gemeinsam die Schuld am Friedensbruche. Jedoch sind unter den beteiligten Regierungen, die der Mittelmächte, unter ihnen die österreichisch-ungarische Regierung, unter den beteiligten Regierungsmitgliedern der Urheber des ganzen Unternehmens, der ungarische Graf Berchtold, als hauptschuldig zu erklären. (Hermann Kantorowicz, Kriegsschuldfrage 1914, hrsg. von Immanuel Geiss, 1967, S. 423).
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Alt 28.06.2005, 22:29   #2
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soll ich dich überraschen? ich stimme dem urteil zu!
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Alt 28.06.2005, 22:44   #3
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in dieser jetzt ausgewogeneren form schließe ich mich collo gerne an.

ponzelar
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Alt 27.09.2005, 11:10   #4
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Kriegsschulddebatte im Strang "Deutscher Imperialismus"

Quelle: Deutscher Imperialismus

Zitat:
Robert Craven #28
Liebe Geschichtsfans,

wie wäre es wenn ihr euch einmal über die Fischer Kontroverse informiert anstatt Teile dieser bereits ausgefochtenen Schlacht nach zu kämpfen.

Zum Beispiel bei Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Fischer-Kontroverse

Zudem kann ich ein relativ neues Buch zum Thema empfehlen:
Dirk van Laak: Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert.
http://images-eu.amazon.com/images/...03.LZZZZZZZ.jpg

Hochachtungsvoll, Robert Craven
Gute Idee!
Zitat:
Robert Craven #30
(...) Die Kontroverse läuft nicht seit Jahren und immer noch, sondern gilt als weitestgehend beigelegt. Der wichtige Satz ist wohl dieser:
Es bleibt jedoch die nachhaltige Leistung Fritz Fischers, der apologetischen Geschichtsschreibung ein Ende bereitet zu haben, denn kein Historiker ist heute noch bereit, einen bedeutenden Anteil des Deutschen Reiches an dem Kriegsausbruch zu leugnen.
Besonders die damals einsetzende selbstkritische Haltung unter der Historikerzunft ist nicht hoch genug zu werten.
Geschichtsinterpretationen, die auf eine geringe Teilschuld des Reiches am ersten Weltkrieg oder sogar auf Präventivkriegsthesen zurückgreifen, kommen klar aus der revisionistischen Ecke. (Was ich dir natürlich keinesfalls unterstellen möchte!) ...
1. Ich stimme Dir zu, dass die Fischer-Kontroverse heutzutage dahin gehend erledigt ist, dass die These, Deutschland sei wie alle Großmächte in den WK1 fahrlässig hineingeschlittert, eindeutig widerlegt ist. Übrigens kam schon Hermann Kantorowicz im Mai 1927 in seinem Gutachten für den Untersuchungsausschuß des Deutschen Reichstages zu dem Ergebnis, dass das Deutsche Reich den WK1 mit bedingtem Vorsatz herbeiführte und neben ÖU die Hauptschuld für den Ausbruch dieses Krieges trug (vgl. http://www.geschichtsforum.de/showt...99758#post99758).

2. Offen geblieben ist jedoch die Frage, ob das Deutsche Reich den WK1 nur mit bedingtem Vorsatz oder nicht sogar mit zielgerichtetem Willen oder Absicht herbeiführte. Was diese Frage angeht, konnte Fischer nicht den "letzten Beweis" führen, dass auf deutscher Seite der zielgerichtete Wille zum Krieg oder die Kriegsabsicht bereits zu Beginn der Julikrise 1914 bestand. ABER wie sollte er dies auch? Schon als Kantorowicz für die Erstellung seines Gutachtens die deutschen Akten einsah, musste er feststellen, dass diese manipuliert waren. Urkunden wurden entfernt oder verändert; falsche nachträglich in den Aktenbestand aufgenommen, etc. Insofern muss man befürchten, dass die deutsche Hauptschuld wohl noch größer ist, als man dies bislang nachweisen kann.

Interview des Spiegel mit dem Wilhelm-II.-Biograf John Röhl über die Verantwortung des Kaisers für den Ausbruch des Ersten WK in: Stephan Burgdorff, Klaus Wiegrefe (Hg.), Der Erste Weltkrieg, 2004, S. 37:
>>Röhl: (...) Das Attentat von Sarajevo kam Bethmann Hollweg insofern gelegen. Vielleicht haben die Deutschen sogar von dem Anschlagsplan vorab gewusst.
Spiegel: Wie kommen Sie darauf?
Röhl: Oberquatiermeister Graf Georg von Waldersee hat zwölf Tage vor dem Attentat die Militärbevollmächtigten, die die Könige von Sachsen, Bayern und Württemberg in Berlin unterhielten, zu sich gerufen und gebeten, keine schriftlichen Berichte mehr für die Kriegsminister ihrer Regierungen zu verfassen. Das deutet darauf hin, dass etwas streng Geheimes vor sich ging.<<
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Alt 28.09.2005, 08:57   #5
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Zitat:
Gandolf
2. Offen geblieben ist jedoch die Frage, ob das Deutsche Reich den WK1 nur mit bedingtem Vorsatz oder nicht sogar mit zielgerichtetem Willen oder Absicht herbeiführte. Was diese Frage angeht, konnte Fischer nicht den "letzten Beweis" führen, dass auf deutscher Seite der zielgerichtete Wille zum Krieg oder die Kriegsabsicht bereits zu Beginn der Julikrise 1914 bestand. ABER wie sollte er dies auch? Schon als Kantorowicz für die Erstellung seines Gutachtens die deutschen Akten einsah, musste er feststellen, dass diese manipuliert waren. Urkunden wurden entfernt oder verändert; falsche nachträglich in den Aktenbestand aufgenommen, etc. Insofern muss man befürchten, dass die deutsche Hauptschuld wohl noch größer ist, als man dies bislang nachweisen kann.

Interview des Spiegel mit dem Wilhelm-II.-Biograf John Röhl über die Verantwortung des Kaisers für den Ausbruch des Ersten WK in: Stephan Burgdorff, Klaus Wiegrefe (Hg.), Der Erste Weltkrieg, 2004, S. 37:
>>Röhl: (...) Das Attentat von Sarajevo kam Bethmann Hollweg insofern gelegen. Vielleicht haben die Deutschen sogar von dem Anschlagsplan vorab gewusst.
Spiegel: Wie kommen Sie darauf?
Röhl: Oberquatiermeister Graf Georg von Waldersee hat zwölf Tage vor dem Attentat die Militärbevollmächtigten, die die Könige von Sachsen, Bayern und Württemberg in Berlin unterhielten, zu sich gerufen und gebeten, keine schriftlichen Berichte mehr für die Kriegsminister ihrer Regierungen zu verfassen. Das deutet darauf hin, dass etwas streng Geheimes vor sich ging.<<
Das kommt mir doch vor, wie eine der vielen Verschwörungstheorien. Am Ende hat die deutsche Regierung noch den Serben bezahlt um den österreichischen Thronfolger zu ermorden.

Bei aller Liebe und aller Gefahr rote Bömmelchen zu bekommen. Ich möchte die Hauptschuld Deutschlands am 1. WK bestreiten und nicht etwa weil ich diese Schuld nicht erragen kann oder so. Nein, ich stelle mir vor die Queen, der französische, sowjetische oder amerikanische Präsident oder eine direkter Verwandter oder ähnliches würde von einem vom Iran, Nordkorea oder sonst wem bezahlten Killer umgebracht. Wie würden sie reagieren? Ich sag es euch. Mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit stünden sie schon Tage später im Iran etc... Wären sie nun die Hauptschuldigen an diesem Konflikt? Klar, es gibt bei solchen Konflikten immer eine Vorgeschichte, die Nationen hätten auch die Wahl andere Mittel einzusetzen. Ich denke Deutschland hatte eine gehörige Mitschuld am 1. WK, sie war aber mitnichten größer als die der anderen Hauptkriegsteilnehmer.
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Alt 28.09.2005, 11:37   #6
hyokkose
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Zitat:
beorna
Nein, ich stelle mir vor die Queen, der französische, sowjetische oder amerikanische Präsident oder eine direkter Verwandter oder ähnliches würde von einem vom Iran, Nordkorea oder sonst wem bezahlten Killer umgebracht.
Der Vergleich hinkt doch etwas, indem er unterstellt nämlich, daß der Attentäter "von Serbien bezahlt" worden sei. Tatsächlich war Serbien bereit, gegen die Hintermänner des Attentats zu ermitteln.
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Alt 28.09.2005, 17:36   #7
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Zitat:
hyokkose
Der Vergleich hinkt doch etwas, indem er unterstellt nämlich, daß der Attentäter "von Serbien bezahlt" worden sei. Tatsächlich war Serbien bereit, gegen die Hintermänner des Attentats zu ermitteln.
Sicher! Und ich bin mir gewiß, daß sie auch welche gefunden hätten. Dennoch wird in der serbischen Regierung niemand wirklich geweint haben, wenn ich das mal ein wenig bissig ausdrücken darf. Es ist doch nicht so, daß die serbischen Nationalisten gegen den Willen und die Politik der herrschenden Politiker gehandelt hätten. Ich weiß natürlich nicht, in wie weit die serbische Regierung oder führende Kreise in dieses Attentat direkt verwickelt waren, von daher ist es schon in gewisser Weise eine Unterstellung von mir. Sie erscheint mir aber nicht unwahrscheinlich.
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Alt 28.09.2005, 17:43   #8
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Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich will jetzt keinesfalls die Schuld am 1. WK ganz allein Serbien zuschieben. Mir geht es nur um die immer wieder wiederholte Haupt- oder Alleinschuld Deutschlands. Ich denke hier wird zu sehr die Sicht der Sieger wiedergegeben und die Ursachen des Krieges, die teilweise Jahrhunderte zurückliegen geraten außer Acht.


Ich bin auch ein wenig ein gebranntes Kind. Daher bitte Nachsicht. Meine ehem. Geschichtslehrerin vertrat, ich glaube ich hatte das schon mal erwähnt, die Auffassung, daß Deutschland so ziemlich an allen Kriegen seit Adam und Eva Schuld war. Die Frau macht mich noch heute rasend.
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Alt 28.09.2005, 17:55   #9
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Zitat:
beorna
Das kommt mir doch vor, wie eine der vielen Verschwörungstheorien. Am Ende hat die deutsche Regierung noch den Serben bezahlt um den österreichischen Thronfolger zu ermorden.

Bei aller Liebe und aller Gefahr rote Bömmelchen zu bekommen. Ich möchte die Hauptschuld Deutschlands am 1. WK bestreiten und nicht etwa weil ich diese Schuld nicht erragen kann oder so. Nein, ich stelle mir vor die Queen, der französische, sowjetische oder amerikanische Präsident oder eine direkter Verwandter oder ähnliches würde von einem vom Iran, Nordkorea oder sonst wem bezahlten Killer umgebracht. Wie würden sie reagieren? Ich sag es euch. Mit sehr, sehr großer Wahrscheinlichkeit stünden sie schon Tage später im Iran etc... Wären sie nun die Hauptschuldigen an diesem Konflikt? Klar, es gibt bei solchen Konflikten immer eine Vorgeschichte, die Nationen hätten auch die Wahl andere Mittel einzusetzen. Ich denke Deutschland hatte eine gehörige Mitschuld am 1. WK, sie war aber mitnichten größer als die der anderen Hauptkriegsteilnehmer.
Widerspruch. Es ist ja nicht der deutsche Thronfolger in Sarajewo erschossen worden, sondern der österreichische.

Ohne Verpflichtung, ohne Not stellte Deutschland den "Blanko-Scheck" aus und ermöglichte Österreich dadurch erst, eine so harte Haltung gegenüber Serbien einzunehmen.

Serbien war - ob traurig darüber oder nicht - zu weitreichenden Zugeständnissen bereit, obwohl Österreich das Ultimatum absichtlich eigentlich unannehmbar gestaltete.

Und ich bezweifle, dass - würde der amerikansiche Präsident (geschweige denn ein Verwandter) in Korea ermordet (noch dazu von einem bezahlten Killer) und Korea böte Zusammenarbeit an, amerikanische Truppen einmarschieren würden.
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Alt 29.09.2005, 08:31   #10
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Österreich-Ungarn war aber ein wichtiger Pfeiler im deutschen Bündnissystem. Eine Destabilisierung der kuk-Monarchie war nicht hinzunehmen. Daher bestärkte Deutschland seinen Verbündeten Härte zu zeigen. Serbien war zwar zu Zugeständnissen bereit, wußte aber Rußland hinter sich. Sicher war der "Blanco-Scheck" nicht friedensfördernd, doch drehte sich die Spirale der Kriegsvorbereitungen überall in Europa.Und zu deiner These die USA würden in Nordkorea nicht einmarschieren wenn ..... Mir fällt da spontan Afghanistan ein. Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon wurde von El Kaida durchgeführt, nicht von Afghanistan. Und doch sind sie, mit ihren Verbündeten dort einmarschiert. Sie haben sogar ein an diesem Anschlag unbeteiligtes Land, den Irak, überfallen. Ich halte daher deine Vermutung sie würden in unserem hypothetischen Fall nicht einmarschieren für sehr, sehr unwahrscheinlich.
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Alt 29.09.2005, 13:06   #11
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Zitat:
beorna
Österreich-Ungarn war aber ein wichtiger Pfeiler im deutschen Bündnissystem. Eine Destabilisierung der kuk-Monarchie war nicht hinzunehmen. Daher bestärkte Deutschland seinen Verbündeten Härte zu zeigen.
Das Bündnis der Mittelmächte hat sich durch eine gerade auf deutscher Seite unglückliche Bündnispolitik im Vorfeld des Balkankonflikts selbst destabilisiert . Die Isolation von den Entente -Mächten und von Rußland war nicht zwingend notwendig . Als Beispiel sei die überzogene Flottenrüstung des Admiral Tirpitz genannt, der via Wilhelm II. durch unannehmbare Maximalforderung zwecks Rüstungsbegrenzung an England, diese eigentlich umworbene Macht verlor und die Selbstisolation damit einleitete.
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Alt 29.09.2005, 14:00   #12
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Österreich-Ungarn war aber ein wichtiger Pfeiler im deutschen Bündnissystem. Eine Destabilisierung der kuk-Monarchie war nicht hinzunehmen. Daher bestärkte Deutschland seinen Verbündeten Härte zu zeigen. Serbien war zwar zu Zugeständnissen bereit, wußte aber Rußland hinter sich. Sicher war der "Blanco-Scheck" nicht friedensfördernd, doch drehte sich die Spirale der Kriegsvorbereitungen überall in Europa.Und zu deiner These die USA würden in Nordkorea nicht einmarschieren wenn ..... Mir fällt da spontan Afghanistan ein. Der Anschlag auf das WTC und das Pentagon wurde von El Kaida durchgeführt, nicht von Afghanistan. Und doch sind sie, mit ihren Verbündeten dort einmarschiert. Sie haben sogar ein an diesem Anschlag unbeteiligtes Land, den Irak, überfallen. Ich halte daher deine Vermutung sie würden in unserem hypothetischen Fall nicht einmarschieren für sehr, sehr unwahrscheinlich.
In welchem BündnisSYSTEM?


Und zu Afghanistan und El Kaida:
a) Ist ein Terroranschlag mit solchen Opferzahlen, der IN den USA verübt wird, eine andere Kategorie als wenn ein einzelner Amerikaner (und sei es der Präsident) im Ausland erschossen wird.
b) Vorsicht, persönlich Meinung: es ging den USA weder in Afghanistan noch im Irak nur darum, El Kaida zu schlagen, Vergeltung für Terror zu üben bzw. neuen Terror zu verhindern. Da spielten noch ganz andere Interessen rein.
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Alt 29.09.2005, 14:30   #13
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Zitat:
Papa_Leo
Und zu Afghanistan und El Kaida:
b) Vorsicht, persönlich Meinung: es ging den USA weder in Afghanistan noch im Irak nur darum, El Kaida zu schlagen, Vergeltung für Terror zu üben bzw. neuen Terror zu verhindern. Da spielten noch ganz andere Interessen rein.

Stimmt, aber der 1WK ist nicht einfach deshalb ausgebrochen weil der Österreichische Thronfolger ermordet wurde, auch hier waren andere Interessen mit in Spiel.
Deutschland z.B. wollte Vorherrschaft auf dem Kontinent sichern, dafür brauchten sie aber Österreich-Ungarn.
Frankreich wollte schon lange eine Revanche wegen 1871.
England wollte das Gleichgewicht der Kräfte (balance of power) erhalten, Deutschland forderte dies durch den Flottenausbau heraus.
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Alt 29.09.2005, 22:06   #14
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kaum bin ich eine woche weg, schon wird wieder über die kriegsschuldfrage diskutiert...

john röhl ist sicher ein exzellenter historiker, doch mir erscheint er etwas zu verbissen die schuldfrage nur dem kaiser und der deutschen regierung in die schuhe schieben zu wollen. zur abwechslung empfehle ich daher mal john keegan und niall ferguson...
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Alt 29.09.2005, 22:44   #15
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Ich werde mich bemühen jetzt möglichst emotionslos etwas zu JR zu schreiben..

John Röhl hat sich daran gemacht die umfangreichste Biografie von Kaiser Wlhelm II zu schreiben, die je gemacht wurde. Er hat Zugang zu allen möglichen Archiven und Privatquellen bekommen, wie wohl kein Forscher zuvor. Er ist ein Historiker, der dem Zeitgeist entsprechend wunderbar ankommt und von fast allen Seiten gelobt wird (bzw. gelobt werden muß). Das Problem ist, daß er mit einem festen Ziel an seine Aufgabe geht, nämlich den Kaiser in einem möglichst schlechten Licht dastehen zu lassen. Er wühlt und sucht in den Kisten von Material nach dem, was ihm in sein Bild des Kaisers passt. Wenn er dann etwas findet und sei es die kleinste Nebensächlichkeit, hebt er es zu einer Wesentlichkeit empor.

Als typische Sache sei die eine private Postkarte genannt, die KWII an eine andere Person gesandt hat. Da fiel der Satz von den Juden, die ausgerottet werden sollten. Röhl fand sie in irgendeinem privaten Nachlaß und präsentiert sie ständig mit geheuchelt betroffenem Gesicht bei Interviews. Ich kann seine genüßliche Befriedigung dabei förmlich spüren. `Ach, endlich was gefunden, was ihn so herrlich zu den Nazis runterzieht!`
Nein, so einen "Historiker", der nur in eine Richtung forscht um seine vorher gefasste Meinung zu bestätigen, mag ich nicht.
Nicolaus Sombart, ein anderer KWII-Biograph, antwortete einmal auf die Frage, warum Röhl und manche Kollegen den Kaiser so schlecht dastehen lassen, mit den Worten: "Sie lieben den Kaiser halt nicht."

Kaiser Wilhelm II sah sich als Repräsentant des deutschen Kaiserreiches, dessen Größe und Macht. Logisch, daß all die, die mit Pracht, Glanz und Militarismus des Kaiserreiches nicht sympathisieren, sondern darin nur Krieg und Rückständigkeit sehen, auch dessen Repräsentanten verdammen.
Man könnte jetzt sagen "Es war halt sein Job - Who cares?" aber erstens hat er sich diesen "Job" nicht ausgesucht, sondern wurde hereingeboren und zweitens war er auch nur ein Mensch - wenn auch an exponierter Stelle.
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"Freiheit ist immer die Freiheit des Anders-Denkenden" Rosa Luxemburg

Geändert von Arne (29.09.2005 um 22:46 Uhr).
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Alt 29.09.2005, 23:02   #16
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ein problem bei der kriegs"schuld"debatte scheint mir zu sein, daß stets nach der "schuld" gefragt wird. dadurch entstehen möglicherweise einige probleme:

1. ist es sehr schwer, geschichte mit moralischen methoden verstehen zu wollen.
2. wird dadurch mehr emotion erzeugt, als der debatte und der erkenntnis gut tut.
3. verleitet das womöglich, kriterien und maßstäbe in die untersuchung einfließen zu lassen, die den damals handelnden fremd waren, möglichweise fremd sein mussten.

niemand wird bestreiten, daß deutschland am zustandekommen des 1. wk erheblichen anteil hat. aber vielleicht wäre der debatte mehr gedient, statt nach der schuld ein wenig neutraler nach der verantwortung, nicht von vorne herein der einen macht, sodnern der mächte zu fragen. je nach dem, was dabei herauskommt, bleibt immer noch gelegenheit, das ganze moralisch zu werten.
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Alt 29.09.2005, 23:15   #17
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Zitat:
Arne
Kaiser Wilhelm II sah sich als Repräsentant des deutschen Kaiserreiches, dessen Größe und Macht. Logisch, daß all die, die mit Pracht, Glanz und Militarismus des Kaiserreiches nicht sympathisieren, sondern darin nur Krieg und Rückständigkeit sehen, auch dessen Repräsentanten verdammen.
Man könnte jetzt sagen "Es war halt sein Job - Who cares?" aber erstens hat er sich diesen "Job" nicht ausgesucht, sondern wurde hereingeboren und zweitens war er auch nur ein Mensch - wenn auch an exponierter Stelle.
Na, erstens hätte er den Job ja nicht höchstpersönlich selbst machen müssen (dafür hätte man ja z.B. Bismarck im Amt lassen können) und zweitens hätte er den Job doch mit etwas mehr Fingerspitzengefühl und Vorsicht ausfüllen können.
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Alt 29.09.2005, 23:36   #18
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Zitat:
Papa_Leo
Na, erstens hätte er den Job ja nicht höchstpersönlich selbst machen müssen (dafür hätte man ja z.B. Bismarck im Amt lassen können) und zweitens hätte er den Job doch mit etwas mehr Fingerspitzengefühl und Vorsicht ausfüllen können.
Bismarck war 1888 ein alter, verstockter Mann. Sicher ein erfolgreicher Taktierer, aber auch "abgenutzt". Sein offensiver Kampf gegen die Sozialdemokratie lag KWII nicht. Er wollte den Ausgleich mit den Arbeitern, durch noch mehr Schutz und Entgegenkommen den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nehmen. Das war nur bedingt erfolgreich, aber er hat es versucht.
Und das Fingerspitzengefühl? Klar hat er drei, vier grobe Patzer gemacht. Aber ein Teil davon ist den jeweiligen Regierungen (mit-)anzulasten (z.B. Daily Telegraph, Marokko/Panthersprung). Für 26 Jahre Regierungszeit ist das doch gar keine üble Quote, oder? Guck dir an, wie viele Fehler und Affären heute jede Regierungsperiode von 4 Jahren hat. Parteispenden etc...
Nach 25 Jahren, zum Regierungsjubiläum wurde KWII als der "Friedenskaiser" gefeiert. Ein paar Jahre später war er der Hunnenkönig Etzel..

Zitat:
ponzelar
niemand wird bestreiten, daß deutschland am zustandekommen des 1. wk erheblichen anteil hat. aber vielleicht wäre der debatte mehr gedient, statt nach der schuld ein wenig neutraler nach der verantwortung, nicht von vorne herein der einen macht, sodnern der mächte zu fragen. je nach dem, was dabei herauskommt, bleibt immer noch gelegenheit, das ganze moralisch zu werten.
Da möchte ich mich selbst aus dem "Schwesterthread" zitieren:
"Die Hauptgründe für den Weltkrieg sehe ich vielmehr in der Unfähigkeit der Großmächte mit den ganz natürlich entstehenden Konflikten in einer enger werdenden Welt umzugehen. Das heißt sie mit friedlichen Mitteln zu lösen, also einen Ausgleich zu suchen, statt als Lösung Krieg zu wählen."
__________________

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Alt 30.09.2005, 09:09   #19
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Es bleibt festzustellen, dass alle Beteiligten Schuld an diesem Krieg hatten. Wilhelm II durch seine tolpatschige Art eben auch. Da Deutschland keine parlamentarische Monarchie wie das Vereinigte Königreich war, kamen eben nur Nichtskönner als Kanzler, die doch vom Kaiser ernannt wurden. Ich denke nur an die unheilvolle Rolle von Bethman-Hollweg.
Dass Ö-U Serbien endgültig ausschalten wollte, steht doch wohl außer Frage.
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Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.

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Alt 30.09.2005, 10:13   #20
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Bismarck war 1888 ein alter, verstockter Mann. Sicher ein erfolgreicher Taktierer, aber auch "abgenutzt". Sein offensiver Kampf gegen die Sozialdemokratie lag KWII nicht. Er wollte den Ausgleich mit den Arbeitern, durch noch mehr Schutz und Entgegenkommen den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nehmen. Das war nur bedingt erfolgreich, aber er hat es versucht.
Die Frage ist , wer verstockt war . Bismarck ist es eine Weile noch gelungen Wilhelm II. vor den schlimmen Konsequenzen der milit. Einflüsterer abzuhalten ,die sofort nach Intronisation auf Konfliktkurs gegen Frankreich und Rußland gebaut haben .
Der "verbrauchte und verstockte alte Bismarck" hat aus gegebenen Anlaß vor gefährlichen Tendenzen schon des Kronprinzen gewarnt hinsichtlich des Bündnisses mit Österreich :
" ...zwar müsse man Österreich der dt. Bereitschaft versichern, im Konfliktfall die eigenen Bündnisverpflichtungen zu erfüllen. Man dürfe in Wien jedoch nicht den falschen Eindruck entstehen lassen,das es risikolos sei ,im Vertrauen auf die Unterstützung des dt. Reiches
mutwillig einen Krieg gegen das zarist. Rußland vom Zaune zu brechen."

Ein gewisses ,das dt. Reich stabilisierende positive Image im Ausland nach dem Berliner Kongress 1878,wurde nach Bismarcks Abgang Stück für Stück zerstört und selbstgewählt ins Gegenteil verkehrt. --- Da lob ich mir das verstockte Alter vor verstockter"Schönheit"
Zum "sozialen Engagement " Wilhelms ist anzumerken, daß dieses in der calvinistisch-preuß.
Tradition einer gebotenen Zweckmäßigkeit stand und nicht aus einer durch humane Einstellung geleitete Einsicht herrührt. Als auf die sozialpolit. Initiative Wilhelms die grundsätzliche Verhaltensänderung der Arbeiterschaft gegenüber Staat und Unternehmertum ausblieb, konnte Wilhelm sogleich damit drohen "auch andere Saiten aufzuziehen" , wenn sich Wohlverhalten der Arbeiterschaft nicht einstellen wollte.
Neben einigen Fortschritten i.d. Sozialpolitik dieser Jahre ,sind die pers. Vorstellungen Wilhelms auf diesem Feld, als "Einnebelung der gesellschaftl. Gegensätze " ( W. Mommsen ) zu sehen.
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