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Alt 28.10.2011, 16:36   #101
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Und wie erklärst du denn ihre zumindest äußerst zweispältige Haltung zum Putsch des Jahres 1920?

Wenn die verfassungstreu, wie im Parteiprogramm zum Ausdruck gebracht, dann hätte die DVP den Putsch und die Putschisten ja wohl verurteilen müssen.
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Francis Picabia
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Alt 28.10.2011, 17:49   #102
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Lies dir bitte einmal diesen Eintrag bei dhm durch:

Deutsche Volkspartei 1918-1933 (DVP)
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Alt 29.10.2011, 00:13   #103
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Zitat:
Turgot Beitrag anzeigen
Bei der Reichstagswahl vom 06.06. 1920 gab es das folgende Ergebnis:

Reichstagswahl ? Wikipedia


MSPD, DDP und Zentrum kamen auf 43,6 %. Die DVP würde ich zu jenem zeitpunkt nicht als verfassungstragende Partei bezeichnen. Die DVP hatte sich während des Putsches von Wolfgang sogar mit den Putschisten solidarisiert und den Putsch nicht verurteilt. Die DVP war 1920 noch nicht in der Republik angekommen.
Hast Recht, ich hatte mich verzählt.
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Alt 29.10.2011, 11:49   #104
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Zitat:
Turgot Beitrag anzeigen

Wenn die verfassungstreu, wie im Parteiprogramm zum Ausdruck gebracht, dann hätte die DVP den Putsch und die Putschisten ja wohl verurteilen müssen.
Die Haltung der DVP zur Weimarer Republik und ihren Repräsentanten lässt sich - phasenweise - am besten als zwiespältig bezeichnen. In ihrem Parteiprogramm ("Grundsätze" vom 19.10.1919) betonte die DVP in Anknüpfung an imperialistische Traditionen der Nationalliberalen den nationalen Machtstaatsgedanken, befürwortete die legale Restauration des Kaisertums, wobei sie die Beteiligung am Wiederaufbau des Reichs "innerhalb der jetzigen Staatsform" (sic!) in Aussicht stellte. Allerdings wandte sie sich gegen den "Sozialismus" und setzte sich bei Ablehnung der Mitbestimmung in Unternehmen massiv für die Interessen der Privatwirtschaft ein.

Es besteht somit ein Missverhältnis zwischen den in den Grundsätzen erklärten Zielen und dem zuweilen zwiespältigen Verhältnis zur Verfassung der Weimarer Republik. Insofern ist dein Einwand berechtigt, dass das Sympathisieren mit Kapp - von dem sie sich erst nach dem Scheitern seines Putsches distanzierte - ein gestörtes Verhältnis zur demokratioschen Verfasstheit des Staates zeigt.

Andererseits muss man einräumen, dass die DVP ab 1920 zu einer Mitarbeit an der Regierung bereit war und so zur Stabilisierung beitrug (Kabinett Wirth, Fehrenbach, Cuno, Große Koalition 1923, Rechtskoalition 1928-30).

Immerhin war Stresemann Fraktionsvorsitzender DVP im Reichstag, dem man kaum vorwerfen kann, dass er die Verfassung von Weimar hätte sabotieren wollen.
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Alt 29.10.2011, 12:40   #105
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silesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekanntsilesia ist jedem bekannt
Zitat:
Dieter Beitrag anzeigen
Dieses Ergebnis ist keine Hexerei, sondern lässt sich ganz leicht aus dem Wahlergebnis vom 5.3.1933 ablesen. Dort erreichte die NSDAP 43,9% der Stimmen und die ultrakonservative DNVP, deren Mitglieder und Wähler mit der NSDAP sympathisierten, 8%. Es wäre Haarspalterei, bei diesem Ergebnis entweder von der Hälfte deutscher NSDAP-Sympathisanten zu sprechen, oder von mir aus auch von "nahezu" der Hälfte. Das ändert am bedauerlichen Ergebnis herzlich wenig.

Im übrigen: Auch wenn man die Behinderung politischer Gegner bei der Reichstagswahl 1933 in Rechnung stellt, so wurde doch kein Wähler gezwungen, sein Kreuzchen bei der NSDAP zu machen, wie auch keiner daran gehindert wurde, in dieser durchaus noch geheimen Wahl sein Kreuz bei der SPD oder KPD zu machen. Langfristige Wählerbindungen waren maßgebend.

Der enorme Aufschwung der NSDAP seit der Reichstagswahl vom 20.5.1928, wo sie lediglich 2,6% der Stimmen erhielt, ist überhaupt nicht zu bestreiten. Die armen "verführten" Deutschen haben in Scharen kräftig faschistisch gewählt und die NSDAP ist weder vom Himmel gefallen, noch waren es fremde braune Marsmännchen, die sie wählten - und nach 1945 - ruckzuck - wieder verschwanden.
Beantwortest Du noch meine drei Fragen? Dazu steht leider nichts in dem post.

_______
Selbst wenn man die Wahl vom März 1933 unter dem Aspekt zählen würde bzw. zu den neu aufgerissenen Aspekten: Von "langfristigen" Bindungen kann keine Rede sein, hier gibt es vielmehr Brüche, wie der Vergleich mit dem Nov32 zeigt (übrigens auch die Verschiebungen nach der Strukturanalyse -> siehe Falters Studien).

Die stoische Wiederholung "der Hälfte" wird auch durch durch die passend gebogene Zählweise (Addition der Stimmen von Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, DNVP trat übrigens nicht separat an) nicht richtiger. Siehe wiederum Falter: abgesehen von den strukturellen Unterschieden wurde eben nicht NSDAP, sondern Kampffront gewählt. Selbst wenn man die 3,136 Mio. zu den 17,277 der NSDAP hinzu zählen würde, ergeben sich rd. 20,4 Mio., im Vergleich zu den 44,7 Mio. wahlberechtigten Deutschen (auf den Unterschied weist auch Falter hin).

Somit bleibt es unter diesen zwei Aspekten - Arithmetik und irreguläre Wahlen März 1933 - gemäß Literatur Unsinn, im März 1933 vom Zuspruch der Hälfte der Deutschen/Sympathisanten (gemeint waren wohl die "wahlberechtigten" Deutschen) zu sprechen.

Es ist auch keine Spitzfindigkeit, über diese Frage den Stand der Literatur zu berücksichtigen (abgesehen davon ist es auch keine Spitzfindigkeit, sondern eine Notwendigkeit, zwischen regulären und irregulären Wahlergebnissen zu unterscheiden):
Zitat:
man geht nicht fehl in der Annahme, dass etwa die Hälfte der Deutschen mit der NSDAP sympathisierten. Da helfen auch keine Spitzfindigkeiten wie die Frage, inwieweit die Wahl von 1933 nun frei war.
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Geändert von silesia (29.10.2011 um 14:24 Uhr).
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Alt 29.10.2011, 15:22   #106
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Die DVP Stresemanns hatte sich in einem Aufruf vom 13.März mit dem Zielen der sogenannten Regierung Kapp solidarisiert. Es war auch Stresemann der sich für die von Wolfgang Kapp geforderte sofortige Volkswahl des Reichspräsidenten einsetzte. Später war man bemüht, das ganze zu verniedlichen. Der Putsch von Kapp und Lüttwitz stieß gerade in der Klientel, gemeint sind die schwerindustriellen und großagraischer Kreise, der DVP auf Sympathien.
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Alt 29.10.2011, 18:58   #107
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Die Wahl fand am 05.März 1933 statt. Am 28.Febraur wurde vom Reichspräsident von Hindenburg die sogenannte Reichstagsbrandverordnung erlassen. Diese sah erhebliche Einschränkungen der Presse- und Versammlungsfreiheit vor. Die Bestimmungen waren so wischi waschi formuliert, dass der politische Gegner problemlos zum Schweigen gebracht werden konnte und wurde. Aber schon am 04.Febraur gab es einen Erlass, der die Pressen- und Versammlungsfreiheit auch schon nicht unerheblich einschränkte.

So ging beispielsweise in Preußen Göring rigoros brutal gegen den politischen Gegner vor. Goebbels notierte in seinem Tagebuch dazu: „Göring räumt in Preußen auf mit einer herzerfrischenden Forschheit.“ Am 17.Februar 1933 hat Göring dann auch der sogenannte Schießerlaß erlassen, in dem er die Polizei zum rücksichtslosen Gebrauch von der Waffe auffordert.

Unter den geschilderten Umständen kann man nicht von einer freien und demokratischen Wahl sprechen und deshalb auch das Ergebnis nicht so bewerten.
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Geändert von Turgot (29.10.2011 um 19:58 Uhr).
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Alt 30.10.2011, 10:26   #108
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Zitat:
Turgot Beitrag anzeigen
Unter den geschilderten Umständen kann man nicht von einer freien und demokratischen Wahl sprechen und deshalb auch das Ergebnis nicht so bewerten.
Ganz richtig. Insbesondere ist die Veränderung zur November-Wahl 1932, in der der Zuspruch für die NSDAP erstmals stagnierte bzw. sich sogar rückläufig entwickelte, nicht durch irgendwelche "langfristige Bindungen" erklärbar. Die Wähler der Kampffront, ebenfalls rechtsaußen, wählten auch nun einmal "Kampffront" und nicht NSDAP.

Weiterhin sind durchaus strukturelle Änderungen in der NS-Wählerschaft zu beobachten. Besonders interessant sind dabei die negativen Korrelationen arbeitsloser Arbeiterwähler, was zu dem Phänomen der Wirtschaftskrise führte, dass beschäftigte Arbeiter stärker NSDAP wählten als arbeitslose Arbeiterwähler. Das ist ein Indiz, dass die NSDAP im besonderen Maße Verlustängste im Wählerbereich ansprach, was ihr auch bei der von der Wirtschaftskrise existentiell betroffenen Mittelschicht gelungen ist. Auch hier sind es weniger die tatsächlichen Verlierer, als vielmehr die vom potenziellen Verlust Betroffenen, die NSDAP wählten.

All das hat wenig mit "langfristigen Bindungen" zu tun, da diese Affinitäten kurzfristig und eher situativ auftraten. Mit dieser "Arithmetik" gelang es Hitler eben, auf dem Höhepunkt der WWK 29/33 rd. 17 Mio. Wähler anzusprechen. Mit der Machtübernahme, dem dann verfügbaren Instrumentarium der Exekutive, Unterdrückung, Terror etc. einerseits, dem massenweisen (zT opportunistischen) Überlaufen bisheriger NS-Nichtwähler in Ecke der neuen Machthaber andererseits wurden diese Potenziale aufgebohrt. Nicht zuletzt zeigt der Massenansturm auf die Parteimitgliedschaft, der in einer ersten - kleineren - Welle 1932 (!) begann, dass man zu den vermeindlich neuen Herren überlief. Umgekehrt verhielt es sich mit den Parteiaustritten (Quoten vor 1930: 60% der Mitglieder von 1926, 49% der von 1927, 32% der von 1928 eingetretenen Mitglieder sind bis 1930 wieder ausgetreten. Der Austrittsqoutient von 1932 belegt noch 25% der Mitgliedseintritte von 1930/32, der nach 1933 nur 0,4%. An diesen Mitglieds- und Wahlanalysen wird der Wendepunkt "Machtübernahme" deutlich. Man geht nach den vorliegenden Analysen davon aus, dass die NS ihre krisengetriebenen Potenziale Anfang 1933 bereits ausgeschöpft hatten.

Noch zur Themenüberschrift: hier wäre weiter danach zu differenzieren, welche ppropagandistischen Schwerpunkte die NSDAP tatsächlich gesetzt hat. Hier gibt zB Analysen, die einen "Bruch 1930" behaupten, die Schwerpunkt-Verlagerung von Anti-Versailles auf Antisemitismus.

Literatur siehe Manstein: Die Mitglieder und Wähler der NSDAP 1919-1933 - Untersuchungen zu ihrer schichtmäßigen Zusammensetzung.
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Geändert von silesia (30.10.2011 um 13:40 Uhr).
silesia ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 20.12.2011, 18:18   #109
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Etwas weiter weg von Wahlergebnissen:
Das Schauspiel "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf, 1933 geschrieben. Die Premiere fand am 19. Januar 1934 im Jüdischen Theater Warschau statt, wo es in jiddischer Sprache unter dem Titel „Der Gelbe Fleck“ aufgeführt wurde.
Friedrich Wolf war selbst Jude und als Antifaschist ein politischer Mensch.

Eine Parole der KPD zur Reichspräsidentenwahl 1932 lautete: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg."
Das war dann ja auch so.
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Ich habe keine Macken, das sind Special-Effects.
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