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Alt 31.12.2014, 01:26   #21
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Solwac ist ein sehr geschätzer MenschSolwac ist ein sehr geschätzer Mensch
Gehen wir doch mal einige offensive Möglichkeiten durch, defensive wären zwar sinnvoller, aber eben politisch nicht möglich:
  • Angriff im Norden - was hätte eine Eroberung Leningrads gebracht? Nicht viel mehr als die Verbindung mit Finnland, aber kaum bessere Transportwege oder Vorteile in der Produktion/Ressourcen (eigenes verbessern, dem Gegner schaden).
  • Angriff gegen Moskau - Verteidigung zu stark und gegen ausgebaute Stellungen ist eine Zerschlagung von möglichst vielen Truppen zu verlustreich.
  • Angriff gegen Stalingrad (ohne Zersplitterung der Kräfte) - war nach dem Sieg bei Charkow und dem Vormarsch über Donez und Don in Reichweite. Ziel wäre die Eroberung einer großen Stadt mit industriellem Potential und politischer Bedeutung und die Kontrolle über die Transporte auf der Wolga. Zudem hätten die Wege in den Kaukasus durch Kommandounternehmen und Luftwaffe gestört werden können.
  • Angriff gegen die Ölfelder im Kaukasus - aufgrund der Überdehnung der Front nicht durchführbar. Außerdem hätten die Ölfelder auf absehbare Zeit keinen Nutzen gebracht, stellten aber auch nur rund 10% der gegnerischen Produktion, wären also nicht kritisch genug.

Wo wären aus meiner Sicht die Vorteile gegenüber der Geschichte? Ein Vormarsch bis zu einer Linie Rostow - Don - Kotelnikowo - Wolga südlich von Stalingrad entspricht ungefähr den Möglichkeiten bis Mitte August (23. Juli wurde der Don im Süden erreicht, statt des Schwenks nach Süden durch die Heeresgruppe A hätte jetzt der Übergang über den Don nach Osten unterstützt werden müssen. Dadurch wäre die 6. Armee beim Vormarsch auf Stalingrad unterstützt worden und wegen der stärkeren Kräfte hätte beim Kampf in Stalingrad einiges an zusätzlicher Zeit im Sommer zur Verfügung gestanden. Der Don hätte die Sicherung der Südflanke unterstützt und den Aufwand an Mensch und Material reduziert. Trotzdem wäre der Korridor nach Osten groß genug gewesen um Nachschub zu liefern. Lokale Gegenstöße über den Don bzw. links des Don abwärts zur Sicherung wären natürlich immer noch möglich.

Die erhöhten Vorräte hätten den motorisierten Truppen erhöhte Beweglichkeit gegeben und ggf. der Luftwaffe mehr Spielraum gegeben. Die sowjetischen Kräfte im Kaukasus wären natürlich zu beobachten gewesen, ihrer Struktur nach hätten sie aber wohl nicht so stark angreifen können als dass die Vorteile nicht doch auf deutscher Seite gelegen hätten.

Die rumänischen und sonstigen Truppen hätten so auch bessere Unterstützung bekommen.

Wäre Stalingrad bei stärkerer Konzentration zu erobern gewesen? Spekulation. aber mehr Zeit vor dem Frost (und Verstärkung der Verteidiger) und stärkere eigene Kräfte hätten die Chancen erhöht. Und die Stabilität der eigenen Linien wäre deutlich höher gewesen - eine Einkesselung der 6. armee hätte es so wohl nicht gegeben.

Das nächste Puzzlestück wäre jetzt bei einer unterstellten Einnahme Stalingrads die Situation zu analysieren. Wäre Operation Bagration immer noch möglich, dann ist der Plan viellicht besser als die Realität gelaufen, aber immer noch nicht gut genug. Der weitere Verlauf des Krieges wäre dann anders, die Niederlage aber immer noch unausweichlich gewesen.
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Alt 03.02.2016, 13:57   #22
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Das Thema der nicht erkannten, leistungsfähigen Bahnverbindung zwischen Astrachan und dem eigentlichen Kaukasusgebiet ist hier bereits einmal angesprochen worden:
lend-lease: die US-Lieferungen an die Sowjetunion 1941-45

Die Anlage erhellt die Voraussetzungen, unter denen diese exentrische Operationsbewegung durchgeführt wurde: man ging nach Überschreiten des Dons und Vormarsch Richtung Manytsch/Kaukasus davon aus, die letzten Bahnverbindungen zum sowjetischen Kerngebiet zerschnitten zu haben. Damit rechnete man "lediglich" mit leichter Verfolgung, während keinerlei sowjetische Reserven mehr den Kaukasus erreichen würden.

Die Anlage entstammt dem KTB der Heeresgruppe A vom 1.8.1942. Erst wenige Tage zuvor wurde unter dem Operationsnamen Edelweiß diese Fortführung der Operationen beschlossen.

die Planung "Blau" ließ diese Zangenbewegung dagegen noch ausdrücklich offen. Dies scheint sich unter dem Lageeindruck (mit einem Versagen der deutschen Aufklärung) und dem Fehlschlag ergeben zu haben, sowjetische Kräfte am Don entscheidend zu treffen.

Nach Süden wurde jedoch nun mit "nichts" mehr gerechnet.
Der Hinweis erklärt außerdem das "Eindrehen" des PzAOK 4 Richtung Don/südlich Stalingrad.
Er zeigt außerdem (mangels ausdrücklichem Verweis auf Führerweisung, wie in den Tagen zuvor bei anderen Gelegenheiten), dass das OKH mit Halder diesem Fehlschluss - entgegen der Nachkriegsdarstellung - ebenfalls aufgesessen ist, dies also keine Entscheidung Hitlers "gegen die Generalität" gewesen ist.
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Alt 19.07.2016, 16:18   #23
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Neu erschienen ist nun ein (ich meine, ein in der Quellenrecherche recht spektakulärer) Aufsatz in der JoMH 2016:

Anand Toprani: The First War for Oil: The Caucasus, German Strategy, and the Turning Point of the War on the Eastern Front, 1942
The Journal of Military History 80 (July 2016): 815-854.


Der Aufsatz analysiert in der Tiefe die deutsche Archivlage, und fördert neue Unterlagen zur Strategie 1942 zu Tage, bzw. zu den Entscheidungsabläufen.

Die Quellen belegen, dass es Einflussnahmen der Marine (!) und der Wirtschaftsdirektionen bis hin zu Göring waren, die die Entstehung von "Operation Blau" und dies gegen den Widerstand der Armeeführung aus strategischen Erwägungen beeinflussten. In der Durchsicht tauchen Studien zwischen Juni 1940, dann weiter Herbst 1941 bis März 1942 auf, die unmittelbar in die ergangenen Weisung für die Kriegführung 1942 mündeten.

Offenbar bestand eine Fokussierung bereits im Mai 1941 auf Groszny und Maikop, inklusive Planungen zu Sicherungsmaßnahmen gegen Zerstörungen, während für Baku keinerlei Planungen existierten. Für den Transport waren Planungen ausgearbeitet:
"first option was ideal, since Bulgarian and Romanian ports were ice-free year-round. The Economics Ministry calculated that Batum was capable of handling 670,000 tons of oil per month, of which 170,000 tons would go to Odessa to be distributed within the Ukraine, thus leaving 500,000 tons of oil available for Axis Europe, divided among the following routes: 200,000 tons through Romania, 100,000 through Bulgaria, and 200,000 through Odessa."
Defense-Economy Office, “Mineralöleinfuhr aus Russland,” 12 February 1942, T-77/1071
"Krauch to Hanneken,“Bau von Tankschiffen . . . ,” 5 June 1942, T-77/1071 (Wi/ID. 109). Krauch also requested the Economics Ministry to assist in procuring the resources necessary to complete sixteen tankers already under construction in the Ukraine, Rumania, Bulgaria, and Croatia"

"On New Year’s Eve [1942], Ernst Rudolf Fischer (the head of the Economics
Ministry’s Petroleum Division) informed Thomas that Germany could expect no more than 100,000 tons per month from the Caucasus during the first half of 1943, rising to 200,000 tons during the second half."
Defense-Economy Office, “Auszug aus KTB . . . ,” no date, T-77/668 (Wi/VI. 216)

Noch bevor die exzentrische Operation 1942 (Wolga/Don-Bogen - Kaukasus) überhaupt angeordnet wurde, liefen die Wirtschaftsplanungen heraus.
Defense-Economy Office, “Mineralöleinfuhr . . . ,” 1 June 1942, “Mineralölverkehrslage 1942/1943 . . . ,” 5 June 1942, “Mineralölverkehrslage 1942/1943 . . . ,” 6 June 1942, and “Mineralölverkehrslage 1942/43 . . . ,” 9 June 1942; all in T-77/1071 (Wi/ID. 109), während die Bohrgeräte und Ausrüstungssätze bereits im Januar 1942 vor der Entscheidung über die Südoffensive disponiert wurden.

Die Details sind neu, der Hinweis auf dieses Hauptziel Öl in der Operationsplanungen wurde allerdings schon von Paulus vor dem IMT gegeben:
"In his testimony before the International Military Tribunal on 11 February 1946, Field Marshal Friedrich Paulus recounted Hitler’s admission in June 1942 that “If I do not get the oil of Maikop and Grozny, then I must end this war.” Interestingly, Hitler made no reference to Baku—just the North Caucasus"

Das Zitat ist bei Halder für diesen Zeitraum Juni 1942 nicht zu finden, und wird ggü. Manstein erst für Ende November 1942 - nach Einkesselung von Stalingrad - erwähnt.

Interessant ist weiter ein Briefwechsel Raeder-Göring vom Juni 1940 mit denselben Ideen.

"Grand Admiral Erich Raeder had been imploring Göring since June 1940 to
begin planning for Germany to secure control of and access to foreign oilfields"
Raeder to Göring, “Ölversorgung,” 13 June 1941 (sic—1940), T-77/1399; and Göring to Raeder, 14 November 1940, T-120/3671
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Alt 19.07.2016, 20:52   #24
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Noch als Nachsatz der Hinweis auf eine Sichtweise, die final auf die Vernichtung der sowjetischen Ölförderung gegen Ende der Kampagne ausgerichtet ist, als die Okkupation nicht mehr erreichbar schien.

Hayward, Joel: Too Little, Too Late: An Analysis of Hitler's Failure in August 1942 to Damage Soviet Oil Production., JoMH 2000, S. 769-794.
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