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Alt 09.07.2017, 12:38   #1
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Entwicklung zum Neuhochdeutschen

Heute ist in den deutschsprachigen Ländern Hochdeutsch die Sprache von Verwaltung, Medien, Unterricht und Kommunikation. Dialekte spielen auf vielen Ebenen keine oder nur eine geringe Rolle.

Allerdings ist diese vorherrschende Stellung des Hochdeutschen eine Folge einer Sprachpolitik, die eine Standardsprache privilegierte. Im übrigen gab es ähnliche Prozesse auch in anderen europäischen Ländern, wo Dialekte und andere Sprachen zugunsten der jeweiligen Staatssprache zurückgedrängt wurden. In vielen Fällen ist es schwer, eine klare Trennlinie zwischen einer Sprache und einem Dialekt zu ziehen.

Am Anfangspunkt dieser Entwicklung gab es eine Vielzahl von gesprochenen Dialekten, die in die niederdeutschen und hochdeutschen Dialekte eingeteilt werden. Letzere werden in die ober- und mitteldeutschen Dialekte eingeteilt. Dann gab es verschiedene Kanzleisprachen bzw. Verkehrssprachen, wie z. B. die Hansesprache (https://de.wikipedia.org/wiki/Hansesprache), die Maximilianische Kanzleisprache (https://de.wikipedia.org/wiki/Maximi...Kanzleisprache) oder die Rhein-Maasländische Kanzleisprache (https://de.wikipedia.org/wiki/Rhein-Maasl%C3%A4ndisch). Letztendlich setzte sich als gemeinsame Sprache das sog. Neuhochdeutsch auf der Basis des meißnischen Obersächsischen durch.

Zitat:
Brissotin Beitrag anzeigen
Sehe ich ungefähr ebenso. Hätten sie nicht auf den alten Gottsched gehört, sprächen wir vielleicht alle einen Dialekt, der aus Wien stammt (nach J.B. Antespergs Sprachschule).
Zu Gottsched und dem spätbarocken Sprachenstreit:

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann...Sprachenstreit

Hier gab es durchaus Kontroversen im hochdeutschen Sprachraum, welches die gemeinsame Sprachnorm sein sollte.

Widerstand im niederdeutschen Sprachraum gab es wohl weniger. Ich vermute, dass im protestantischen Norden mit der Verbreitung der Lutherbibel der Sprachwechsel eingeleitet wurde:

https://de.wikipedia.org/wiki/Luther...uhochdeutschen

Zitat:
timotheus Beitrag anzeigen

Ganz wichtig: Standarddeutsch - umgangssprachlich als Hochdeutsch bezeichnet - ist das Standardhochdeutsche. Standardhochdeutsch ist während der Neuzeit entstanden; seine Basis ist eine erste vereinheitlichende Amtssprache des Ostmitteldeutschen, das Meißner Kanzleideutsch (dieses hat seinen Ursprung im Bereich der Thüringisch(-Obersächsisch)en Dialektgruppe etwa im Bereich der heutigen Dialekte Osterländisch - etwa um Halle/Leipzig - bis Südostmeißnisch - im Großraum Dresden).
Diese Vereinheitlichung war also kein Sich-Angleichen von Dialekten, sondern es war eben eine (künstlich) geschaffene Standardsprache.
Anm.: Wäre ein niederdeutscher Dialekt oder auch verschiedene niederdeutsche Dialekte Ausgangsbasis einer solchen Vereinheitlichung gewesen, so wäre Standarddeutsch eben ein Standardniederdeutsch und würde übrigens der niederländischen Amtssprache außerordentlich ähnlich sein bzw. beinahe gleichen.
Es wäre durchaus möglich gewesen, dass damals das deutsche Sprachgebiet in mehrere nah miteinander verwandte Standardsprachen zerfallen wäre: Im Süden die oberdeutsche Sprache, im Norden das Niederdeutsche und in der Mitte die mitteldeutsche Sprache. Im nördlichen Rheinland und Maasgebiet hätte vielleicht das Rhein-Maasländische (auch Deutschniederländisch früher genannt) sich durchgesetzt.

Im Dialektkontinuum, das heute die deutsch-, niederländisch- und luxemburgischsprachigen Gebiete bilden, gibt es heute drei Standardsprachen: das Deutsche, Niederländische und Luxemburgische.

Das Niederdeutsche ist zumindest in Schleswig-Hostein neben dem Hochdeutschen Amtssprache. Ob es auch ein Standardniederdeutsch gibt, konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden.

Aber warum gerade das meißnische Sächsisch? Im Gegensatz zu Frankreich, Spanien oder Großbritannien hatte Deutschland kein politisches Zentrum. Deutschland und das Reich war groß und der Kaiser war weit. Waren es sprachliche Gründe, das den Erfolg des meißnischen Sächsisch ausmachte? Immerhin lag es in der Mitte des deutschen Sprachraums, so dass es insofern ein gewisser Kompromiß zwischen den verschiedenen Dialekten darstellte.
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Alt 09.07.2017, 21:39   #2
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Zitat:
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Aber warum gerade das meißnische Sächsisch?
Damit ist nicht der Dialekt gemeint, sondern die amtliche Schriftsprache, wie sie z. B. in Wittenberg oder auf der Wartburg üblich war...

https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A...Kanzleisprache
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Alt 10.07.2017, 00:29   #3
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Zitat:
Sepiola Beitrag anzeigen
Damit ist nicht der Dialekt gemeint, sondern die amtliche Schriftsprache, wie sie z. B. in Wittenberg oder auf der Wartburg üblich war...
Das war mir schon klar. Und dass Martin Luther natürlich eher in "seiner" regionalen Sprache die Bibelübersetzung anfertigt als im Niederdeutschen oder einer oberdeutschen Variante liegt natürlich auch nahe.

Aber hatte diese regionale Schriftsprache denn vorher irgendeine größere Bedeutung gehabt?
Z. B. wurden in Frankreich und Spanien die Dialekte des administrativen Zentrums (Kastilien bzw. Ile de France) zu den Kanzleisprachen und dann Staatssprachen. Diese Rolle fehlte der sächsischen Kanzleisprache.
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Alt 10.07.2017, 19:38   #4
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Kommt drauf an, was Du unter "größerer Bedeutung" verstehst.
Einerseits war die sächsische Kanzleisprache nur eine von mehreren Kanzleisprachen, andererseits hatte sie schon vor Luther ein paar Vorteile auf ihrer Seite. Leipzig als bedeutender Messeort, Erfurt als meistbesuchte Universität, die relativ zentrale Lage, die eine relativ weitreichende Verständlichkeit sicherte, die frühe Standardisierung, die Benutzung in den Gebieten des preußischen Deutschritterordens, und schließlich die schwächelnde Konkurrenz (durch den gleichzeitigen Niedergang der Hanse verlor das Mittelniederdeutsche zunehmend an Boden.)

"Was am folgenreichsten werden sollte, war die allmähliche Loslösung von der mundartlichen Grundlage, die im Kurfürsten- und Herzogtum Sachsen, dem ausgedehntesten und blühendsten aller deutschen Fürstentümer, eintrat.
Hier machte die Schreibsprache der kurfürstlichen Kanzlei, der Gemeindeverwaltung und der Prosa im allgemeinen, die Geschäftssprache, wie sie gewöhnlich genannt wird, im 15. Jh. weitreichende Veränderungen durch. Ein von Eisenach und Erfurt in Thüringen sich erstreckender, verhältnismäßig einheitlicher Sprachtypus hatte sich früh entwickelt. Dieser Typus war auch in den preußischen, unter der Herrschaft der Deutschritter stehenden Gebieten anzutreffen und, variantenreicher, in der Lausitz und in Schlesien. Schon im 14. und 15. Jh. hatte die Schreibsprache viele südliche und westliche, für das Mhd. charakteristische Eigentümlichkeiten aufgenommen, doch der damals außerordentlich breite Bereich von Variationen konnte nichtsdestoweniger noch viele mundartliche Merkmale unterbringen. Die Tendenz zu regionaler Standardisierung, die sich gegen Ende des 15. und während des 16. Jh.s bemerkbar machte, führte zu einer zahlenmäßigen Verminderung der Varianten und zur Eliminierung der spezifisch mundartlichen Varianten."

Rudolf Ernst Keller, Die deutsche Sprache und ihre historische Entwicklung, S. 356
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Alt 10.07.2017, 21:54   #5
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Zu erwähnen wäre noch, dass Leipzig als ein Zentrum des Buchdrucks und Verlagswesens von Luthers Schriften bis zum Börsenverein der Deutschen Buchhändler einen wichtigen Anteil an der Verbreitung der ostmitteldeutschen Norm hatte: http://research.uni-leipzig.de/agint...600/ug139d.pdf. Auch die die Sprachnorm der deutschen Standardsprache prägenden Gottsched und Adelung wirkten hier.

Nicht zuletzt waren es die Dichter, die "zur Durchsetzung einer allgemein akzeptierten, gemeinsamen Schriftsprache" beitrugen. Hans Eggers schreibt: "Gegen mehr oder weniger starke Widerstände setzte sich die mitteldeutsche Norm in allen Landschaften durch. Allerdings dauerten die Streitereien um die 'richtige' oder die 'beste' Sprachform noch eine ganze Weile an. Erst unter dem Eindruck der Weimarer Klassiker wurde der Streit endgültig entschieden. Dem inneren Gewicht der neuen Literatursprache, ihrer Ausdruckskraft, ihrer stilistischen Schmiegsamkeit und ihrem Wohlklang konnte sich auch der deutsche Süden auf die Dauer nicht entziehen." (Hans Eggers, Deutsche Sprachgeschichte, Band 2, 1992, S. 316)
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