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Alt 20.10.2014, 15:56   #61
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Haerangil sorgt für eine eindrucksvolle Atmosphäre
Tja keine Ahnung, ich war noch im Vorschulalter... der Pastor war allerdings schon über 60, der hätte Ironie verstehen müssen...


Zitat:
„ein geschmückter Pfahl“ errichtet worden sei, den Mitglieder seiner Gemeinde besungen, angebetet und umtanzt hätten.
Und das soll direkt nach dem 30 jährigen Krieg stattgefunden haben? Wäre wichtig mehr Details zu kennen... war der genannte Pastor neu in der Gemeinde und das war ein "alter Brauch" dort oder war evtl. der Pastor schon lange da und der Brauch war "neu aufgekommen"... solche Dinge werden ja auch neu erfunden oder "entlehnt" weil es auch da Modewewellen gab und gibt.
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Alt 21.07.2016, 03:28   #62
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Bliblablub befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Ich glaube es gibt grundsätzlich mehrere Fährten:

[/B]Schaut man sich bloß die Auseinandersetzung von Goethe im Faust mit dem Phänomen der Magie an, dann sieht man, dass es eine reiche Tradition und auch Interesse an solchen magischen Geschichten gegeben haben muss, sonst hätte der Faust gar nicht "funktioniert".

Das Thema "magia naturalis" hat nach der Enttäuschung über Religion und Kirche nach dem Dreißigjährigen Krieg mehr Anziehungskraft: Kein Wunder, wie sich die "Freiheit des Christenmenschen" auch spätestens ab Ende der 1570er Jahre in eine Geschichte von Kirchentümern in den christlichen Denominationen wandelt und - um etwas diesen Prozess nicht so modern-reflexhaft wie vorschnell gegen das Christentum zu wenden - gerade die Staatsbildung der Prozess ist, der die inneren Reforminitiativen auf allen Seiten - gewissermaßen gekapert hat.

Ein Beispiel (nicht nur!) aber hier aus Bayern:
Nachdem die Adelsverschwörung 1557 aufgefallen ist, wurde an Kirchen Kerker gebaut, die nachlässige Messbesucher in den entprechenden Regionen hier nachsitzen ließen; die religionspolizeiylichen Verordnungen sanktionierten ab da alle, die beim Gebetsläuten nicht auf die Knie gingen, um das Gebet zu verrichten usw.

Spätestens ab da, geht der Zug hin auf das, was man Sozialdisziplinierung nennt, die es in katholischen, protestantischen und viel schärfer noch in calvinistischen Regionen gab.

Die neuen Bruderschaften ab den 1590ern erlaubten dann gewissermaßen dann erst eine Hinführung der auf dem Land nur zu etwa 95% alphabetisierten Bevölkerung in etwas wie eine sinnvolle, platonisch orientierte Gebetslehre, die übrigens recht oft auch verschmolzen ist mit antiker Medizin hippokratischer bzw. galenischer Prägung und so auch das eine oder andere mal sicher deshalb auch tatsächlich Frucht gebracht hat.

Bleibt man aber in der Ecke der "Magia naturalis", so wurde das Verdikt dagegen nicht einmal von den schärften Hexenverfolgern wie etwa den wittelsbachischen Kurfürsten von Köln (erst Ernst und Ferdinand) ab einem gewissen Niveau der "Magier" nicht pauschal abwehrend gehandhabt, sondern der fürstlichen Kontrolle unterworfen, das Ausmaß der Verbreitung gesteuert. Sie betrieben gewissermaßen eine gezielte Diskurskontrolle, um einerseits die Konfessionalisierung als den Hauptprozess der Zeit als den vordringlichen nicht diskursiv zu relativieren, aber trotzdem zukunftsträchtig-moderne Entwicklungen erste Schleusen öffnen, wofür man damals im akademisch-universitären Feld keine gewissermaßen ablenkenden Stellen freigeben konnte / wollte.

Wer sich genauer interessiert, dem kann das Handbuch von Jaumann für die Gelehrtendiskurse der Frühen Neuzeit ans Herz gelegt werden: Gerade die Beispiele des Umgangs mit den Hauptvertretern der "Magia Naturalis" wie Agrippa von Nettesheim oder gar Paracelsus - dem Vater der modernen und eben nicht hippokratischen Schulmedizin - zeigen, wie die Wissenspolitik im Sinne einer Diskurskontrolle funktionierte.

Deren Arbeiten wurden in kleineren Auflagen mit kurfürstlicher Erlaubnis gedruckt, doch wurde nicht an die Institutionalisierung eines neuen Wissenschaftszweigs gedacht. Allein die Fundorte der Arbeiten von Paracelsus und Nettesheim zeigen etwa, dass deren Wissen aus Naturwissenschaft durchaus als wertvoll eingestuft wurde und sich eben gerade in Kirchlichen oder klösterlichen Bibliotheken überliefert hat, die zur Zeit der Konfessionalisierung bemüht sein sollten, die neuen Erkenntnisse nicht gegen die große Linie in der Konfessionalisierung auszuspielen, sondern praktisch zu integrieren. Trotzdem gehörten diese Schriften auch für noch so "aufgeklärte" Menschen wie vielleicht auch Schiller, der Arzt war, noch zu gefährlichen Gegenständen: Salopp gesagt, hätte ich nicht von Schiller behandelt werden wollen, wenn ich Pest habe: der hätte nicht bei Paracelsus nachgesehen, sondern mir ein Gedicht vorgelesen - anders etwa als Goethe, der da aber auch als Minister und wie auch sein Herzog auch als "Illuminat", da freiere Hand hatte: Nebenbei gesagt, ist der Begriff "Illuminat" erst ab Ende des 18. Jahrhunderts als etwas nicht-christliches belegt worden, wo doch die komplette spanische Reformmystik ab etwa 1500 - den Aeropagiten aufgreifend - in ihrer Gebetslehre den 3Schritt der via purgativa, illuminativa und unitiva" ausprägt, wobei die "via illuminativa" die erforschende Betrachtung meint ( z.B. 1. der Schnee ist weiß; 2. der Schnee hat eigentlich keine eigene Farbe: er reflektiert nur und zwar so gut wie jede andere Farbe; 3. der Schnee ist weiß und auch wenn ich das zweite erkannt habe, so rede ich trotzdem besseren Gewissens so, dass ich verstanden werde, wenn das zweite nicht weiterhilft.). Aber aus dem Blick der Orthodoxie galten die auch schnell als "Heiden".


Zurück zu Goehte und die Magia Naturalis:
Gerade Goehte's Verdienst kann es kulturgeschichtliche m.E. mehr als sein Stilistisches sein, die Magia Naturalis wenigstens ins öffentliche Licht zu stellen, aber zugleich in der Figur des Faust davor zu warnen. Immerhin thematisiert er das und - ergänzend zum den Interpretationen zum "Faust" - hinterlegt er die Figur mit Motiven von Agrippa von Nettesheim und Paracelsus.
( Goethes Faust I und die Magie - Thomas Arnt - Kapitel 1 )

Geht man weiter zurück - etwa in die katholischen Kirchenreformkreise - so gibt es eine abgeschnittene, später in die Esotherik verbannte tatsächlich beachtliche Reformtradition, die den Geisterglauben konzeptionell in die kirchliche Lehre - und weil das Thema heiß war - umso mehr an Thomas von Aquin anschließen sollte: Im Rahmen der benediktinischen sog. Bursfelder Reformkongregation ( https://de.wikipedia.org/wiki/Bursfelder_Kongregation ), sticht hier einer der humanistisch-gebildetsten Äbte seiner Zeit hervor - Johannes Tritemius von Sponheim ( https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Trithemius ). der aber in seinem sicher positiven Ziel, die spiritistischen Ängste auf dem Land, in eine Ordnung zu geben, die - wenn mans recht verstehen will - einen sicheren und angstfreien Umgang mit dem Thema "Geister" erlauben sollte - etwa nach dem Prinzip eines irrationalen Gegenbanns (Segen) zu dem irrationalen Gefühl eines Fluchs (Bann).

Auch die Ortsnamen-Geschichte kann da Belege für die Existenz von Bannorten geben, wie "Höllenthal" oder "Teufelsberg" usw., die einerseits gefährliche Orte anzeigten und anderseits suggierten, dass die bösen Geister eben auch dort gebannt seien. Wie mächtig diese Vorstellung auf die breite der Bevölkerung gewesen sein muss, zeigt der mentalitätsgeschichtliche Bruch ab den ersten Humanisten in deren Verhältnis zum Wandern, die schlichtweg erstmal nichts anders bedeutete, als die Angst vor dem erstbesten Wald, den es zu durchqueren gab, zu überwinden.

Es gibt gute Gründe, es recht verstehen zu wollen: Sieht man sich die volkstümlichen Sagen an, so gibt es sicher - ich habe sie nicht gefunden - vielleicht doch eine Handvoll, in denen keine Geister vorkommen... Grund genug, dieses Befürfnis, das irgendwie zu behandeln, anzuerkennen. Gleichzeitig aber auch erhellend, wie streng darauf auch mit dem Mittel kirchlicher und staatlicher Abschreckung darauf geachtet wurde, dem Geisterglauben entgegenzutreten. Dass Schiller auch den Geisterseher geschrieben hat - gehört in den Kontext.

Jedenfalls ist der "Geisterglaube" - den die Kirchen an einigen Stellen und unter anderem legitimiert durch eine Paulusstelle - schwer zu einer Theologie auszuformen und auch der Versuch von Tritemius über Aquin braucht als Zusatzmethode tatsächlich noch das Mittel eine Glaskugel; vermittelnd gesagt, ist das nichts anders als eine volkstümliche, materialiert-symbolische Gestaltgebung einer plantonischen Dialogsmethode, so wie das Orakel von Delphi auch seine Utensilien hatte.

Es ist bezeichnend, dass Trithemius aber weniger wegen seiner Kristallkugel und seine Geisterlehre in Kritik geriet, als durch sein Arbeit über das Steno. Das Steno machte seinen Mitkonventualen mehr Angst, weil er sich auf engstem dadurch in einer Affengeschwindigkeit 10x mehr aufschreiben und im Überblick behalten konnte, als die andern. Das war vielmehr der Grund, ihn dann als einen Hexer anzusehen, als seine Arbeiten über die Geister (z.B. anthroweb.info: Quellen der Esoterik ) .

In der Forschung - Jaumann schon angesprochen - hat das Feld gerade eine Renaissance und da ist viel zu erwarten. Z.B. Magia daemoniaca, magia naturalis, zouber. Schreibweisen von Magie und Alchemie in Mittelalter und Früher Neuzeit | H-Soz-Kult .

Ich denke nicht, dass es sich um eine Wiederbelebung alter "germanischer" Riten handelte, denn das hätte ja auch ein lesefähiges Publikum und so etwas wie eine erreichbare Literatur vorausgesetzt, die ich nicht annehme. Wer eine Arbeit dazu aus der Zeit kennt, die verfügbar gewesen sein könnte, lass ich mich gern überzeugen, sonst vermute ich eher eine Projektion aus unserem Wissen über Rituale aus dem frühen Mittelalter.

Neben dem Feld des Geisterglaubens auch neue Formen von Ritualen, etwa das Aufkeimen der Rosenkreuzerei usw.

Diskursanalytisch entwickeln sich ins 18. Jh. ja mehrere Strömungen: Ich sehe 4:

1.
Theismus ( https://de.wikipedia.org/wiki/Theismus , schöne Übersicht zum anderen)

2.
Deismus als äußerlich-kirchlich gebundener innerer Atheismus (?!?)

3.
Der reine Pantheismus, der der "Magia Naturalis" nahekommt, sofern er staatlich gebotene Kirchlichkeit und die Göttlichkeit Jesu explizit ablehnt, aber durchaus ernster nach Gott fragt als der veräußerlichte Regel-Deismus.

4.
Der elitär zunehmend verbreitete Pan-en-Theismus, der den Kniff unternahm, die "Magia naturalis" einzubinden, ohne die gewachsene Frömmigkeit oder Kirchlichkeit abzulehnen ( https://de.wikipedia.org/wiki/Panentheismus ), etwa die Linie Spinozas, der dann ganz massiv in der Romantik weiterlebt.

Geistig und intellektuell offen und trotzdem sozial-integriert war das letzte, doch gibt es - sieht man etwa Goethe an - in einem Leben durchaus eine Art durchlauf durch alle Phasen: Von Goethe weiß man etwa, dass er nervige Leute stundenlang mit seinen Einsichten aus dem Welt der Steine volgequatscht hat, um sie loszuwerden und dabei trotzdem Spaß zu haben, ohne das Gegenüber vor den Kopf zu stoßen - als Beispiel vom Sprung von (2) auf (3).

Lg

Geändert von Bliblablub (21.07.2016 um 03:56 Uhr).
Bliblablub ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.07.2016, 05:32   #63
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Bliblablub befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Bei Anschuldigung wie "heidnisch" usw. auch sehen, in welchem Kontext das passiert:

Es kann sich auch um sog. Diffamationsprozesse handeln. Stefan Ehrenpreis hat die Typen von Prozessen systematisiert und diese Diffamationsprozesse gehen in der Regel von einem f den Landesherrn oder Kaiser schwer verzichtbaren Player gegen einen eher unbedeutenden aus. Sie beschädigen letzteren sehr, nicht nur, weil die Prozesskosten die kleinere Streitpartei schon stärker schädigen: Es gibt in den konfessionellen Systemen der Zeit die Regel, über unbekannte Sünden nur mit dem Betreffenden zu reden und das nur, wenn Hoffnung auf Besserung besteht. Wenn aber die "Sünde" des Betreffenden öffentlich wird - und das wird es spätestens durch einen Prozess - so wird die zum Fraß der Allgemeinheit freigegeben und zwar egal, wie der Prozess steht oder ausgegangen ist.

Diffamationsprozesse sind die extremste Form auf der juristischen Eskalationsskala und zielen auf Vernichtung:
Prozesse unter Nachbaren sind an und für sich normal, um veränderte Gewohnheiten schriftlich zu dokumentieren (was heute der Notar dem Gericht abnimmt). In solchen Fällen - wie etwa Grimmelshausen im Simplizius Simplizissimus schildert - bricht regelrechte Freude eines Amtmanns aus, als er vom Besuch eines anderen erfährt: "Den kenn ich gut! Gegen den hab ich schon viele Proteste geführt." Sie treffen sich, trinken, essen und lassen es krachen.

Dabei zeigt der Klagegrund die Eskalationsstufe an: Der Nachbar hat etwa ungefragt eine Mauer aufgebaut. Es ist prinzipiell der Wahlfreiheit der Parteien überlassen, was nicht Prozessgrund, sondern Anlass ist, den man sich rausgreift: es kommt bei solchen Prozessen nur darauf an, die neuen Gewohnheiten zu verschriftlichen und die Initiative liegt dabei entweder bei dem, der die Gewohnheit beobachtet und sie wird im Einverständnis mit dem anderen geführt. Eine andere Variante ist, dass die Initiative von einer Partei ausgeht, die bessere Regeln einführt und diese geschützt sehen will, etwa wenn eine Stadt gegen den Nachbarn klagt, wenn die Kacke aus dem Fenster gegossen wird, obwohl das in der Stadt genauso passiert, sie aber intern neue Hygienevorschriften durchsetzen will und die Besserung als neue Regelgewohnheit anerkannt sehen will, ohne bei der höheren Instanz gegen die eigenen Bürger klagen zu müssen. Es ist ein Ritual und der Anlass zeigt den Grad der Freundschaft oder Feindschaft an.

Die Diffamationsprozesse greifen sich aus der Summe der Möglich-prozesswürdigen Themen etwas aus dem Bereich des religionspolizeilich-sittenwidrigen heraus, wobei hier auch ein Unterschied besteht, ob der Klageführende einen allgemeinen Missstand aufgreift - eine mittlere Eskalationsstufe - einen "Skandal" - die vorletzte Eskalationsstufe - oder etwas mit dämonisierender Qualität, was i.d.R. nur in assymetrischen Machtbeziehungen getan wird und häufig als Vorgeschichte in den Prozessen einen Vorlauf in den Eskalationsstufen hat, die anfangs noch die eigentliche Sachfrage beinhalten.

Wenn es um Vernichtung des Kontrahenden geht, werden die Sittenfragen auf den Tisch gebracht: Dann klagt der Nachbar nicht über den Zaun des benachbarten Schäfers, sondern klagt etwa wegen seiner Sodomie und er wird es schwer haben, das Gegenteil zu beweisen und noch schwerer, die nun öffentlich-gemachte "Sünde" zu widerlegen, sofern es nicht zutrifft und es genug Augenzeugen gab. Ein ähnlicher Fall sind in Prozessen von Kirchenseite "heidnische Kulte" - und sei es wie im Fall von Trithemius z.B. - nicht seine Kristallkugel - sondern sein Steno, das letztendlich - anders als die Geistertheologie pikanterweise - für kein anderen verständlich, nachvollziehbar aber ein Mittel für erheblich gesteigerte Erinnerung und damit auch Macht usw. darstellt.

Verfolgt man solche Prozesse, so werden die gewissermaßen als letzter Stich geführt und sind aus dem Gesamtkontext verständlich i.d.R. zur Ausweitung des Machtbereichs.

Die Tatsache von "heidnischen Kulten" an sich, kann auf dem Land bzw. in einsameren Einöden und Weilern eigentlich fast überall gefunden werden, wenn danach gesucht wird - aber mehr als ein Symptom von typisch frühneuzeitlicher Angst, als im Sinne einer konzeptionellen Errichtung einer Art Gegenreligion:

Wenn man nochmal Goethe nimmt und neben Faust auf das Gedicht "Der Schatzgräber" sieht, so zeigt sich, wie er geschützt ein Thema allgemeiner Faszination bespricht: Und so, dass es nachdem ja hier offen nicht nur heidnischen, sondern gar "Satanistischen" Kult für die einen eine christologische Wende nimmt und für die andern ins zeitlosere Arbeitsethos zurückschwingt:

Der Schatzgräber

Arm am Beutel, krank am Herzen,
Schleppt' ich meine langen Tage.
Armut ist die größte Plage,
Reichtum ist das höchste Gut!

Und zu enden meine Schmerzen,
Ging ich, einen Schatz zu graben.
"Meine Seele sollst du haben!"
Schrieb ich hin mit eignem Blut.

Und so zog ich Kreis' um Kreise,
Stellte wunderbare Flammen,
Kraut und Knochenwerk zusammen:
Die Beschwörung war vollbracht.

Und auf die gelernte Weise
Grub ich nach dem alten Schatze
Auf dem angezeigten Platze:
Schwarz und stürmisch war die Nacht.

Und ich sah ein Licht von Weitem,
Und es kam, gleich einem Sterne,
Hinten aus der fernsten Ferne,
Eben als es zwölfe schlug.
Und da galt kein Vorbereiten.
Heller ward's mit einem Male
Von dem Glanz der vollen Schale,
Die ein schöner Knabe trug.

Holde Augen sah ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze;
In des Trankes Himmelsglanze
Trat er in den Kreis herein.
Und er hieß mich freundlich trinken;
Und ich dacht': Es kann der Knabe
Mit der schönen, lichten Gabe
Wahrlich nicht der Böse sein.
"Trinke Mut des reinen Lebens!
Dann verstehst du die Belehrung,
Kommst mit ängstlicher Beschwörung
Nicht zurück an diesen Ort.

Grabe hier nicht mehr vergebens!
Tages Arbeit! Abends Gäste!
Saure Wochen! Frohe Feste!
Sei dein künftig Zauberwort."
Johann Wolfgang von Goethe
(1797)


Wie im Faust hätte diese Okkulte Thematik nicht funktioniert, wenn das nicht recht viele aus eine Mischung von Erfahrung - zumindest vom Hören-Sagen und der Angst daraus berührt hätte. Er hat hier einen von der Obrigkeit gewollten Umgang mit der Okkulten Thematik verbreitet und zwar mit einem Skandalösen Einstieg und einem derart Erzbiederen Ausgang. Wegen der skandalisch unterstützten Einprägsamkeit und der effektiven Didaxe zum Arbeitsethos, konnte das Gedicht sogar zum Lieblingsgedicht der DDR-Deutschpädagogik avancieren.



Goethe war als Jugendlicher mal in so einen Sittlichkeitsprozess geraten, konnte aber durch starke Protektion herauskommen. Dieses Glück hatten sonst nur wenige, außer die es sich leisten konnten.

Geändert von Bliblablub (21.07.2016 um 05:49 Uhr).
Bliblablub ist offline   Mit Zitat antworten
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30jähriger krieg, heidentum, wiedererstarken

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