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Alt 03.03.2017, 02:54   #1
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Riothamus ist ein sehr geschätzer MenschRiothamus ist ein sehr geschätzer Mensch
Papst- und Bischofswahlen

Da ich nicht schlafen kann, eröffne ich einen Thread zu einer Frage, die Nergal aufgeworfen hat.

Er fragt, wie eine Papstwahl stattfinden würde, wenn alle Kardinäle tot seien, es aber noch Bischöfe gäbe. Als Beispiele nannte er den Einschlag von Himmelskörpern oder einen Atomkrieg. Eine Katastrophenregelung existiert meines Wissens nicht.

Und im Geschichtsforum sind wir ja nicht für Science Fiction zuständig. Aber in der Katholischen Kirche wird ja immer mal wieder die Bischofswahl diskutiert, wobei auch gefordert wird, nach altem Vorbild Gläubige und Klerus gemeinsam den Bischof wählen zu lassen.

Auch für Kirchenpolitik ist das Geschichtsforum nicht zuständig. Aber es wäre vielleicht interessant mal die verschiedenen Modalitäten von Bischofs- und Papstwahlen, die es im Laufe der Zeit gab, zu vergleichen. Welche Regelungen erfolgten aufgrund von Pragmatismus, welche aus ideologischen Gründen, wie war Machtpolitik eingebunden? Und wie setzten sich Ausnahmen durch, wie z.B. Gregor VII., den das Volk bei der Beerdigung des Vorgängers 1073 als Papst forderte: "Hildebrand soll Papst sein!"

Als Basis für die Diskussion gebe ich mal einen Schnelldurchlauf ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Insbesondere dürfte es viele regionale Varianten geben. Dies mag auch Nergal Ideen geben, was geschähe, wobei die genauen Modalitäten sicher von den Personen abhingen, die in der Position wären, die Wahl anzusetzen.

(Einige der 'Stufen' sind als gleichzeitige Entwicklungen zu denken.)

Urkirche:
1. Stufe: Zunächst wurde der Bischof von der Gemeinde, allen Gläubigen gewählt. (Das "Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden." von Leo dem Großen mag die bekannteste Formulierung sein. Und die folgende Aussage des Ambrosius von Mailand wurde mitunter in Zeiten herangezogen, als die Gemeindewahl längst abgeschafft war: "Zu Recht wird angenommen, dass derjenige durch göttliche Entscheidung gewählt wurde, den alle gefordert hatten.")
2. Stufe: Da er sich von den übrigen Gläubigen abhob, entwickelte sich eine gesonderte Zustimmung des Klerus.
3. Stufe: Die benachbarten Bischöfe nahmen ebenfalls an der Wahl teil.

Konstantinische Wende:
4. Stufe: Nach Kontantin versuchten die Kaiser Einfluss zu gewinnen.
5. Stufe: Wegen der Ansteigenden Mitgliederzahlen hatten neben dem Klerus nur noch einzelne Einflussreiche Persönlichkeiten aus dem Laienstand Mitspracherecht, der Anteil der anderen Gläubigen beschränkte sich auf die Akklamation, die aber immer noch als konstituierend galt.

Frühmittelalter:
6. Stufe: Als eigene Gruppe innerhalb des Klerus übernahm der höhere Klerus immer mehr die eigentliche Wahl. Hier haben wir die Domkapitel, bzw. in Rom die Kardinäle.
7.Stufe: Die Könige beanspruchten die Bischofswahl für sich und setzten dies auch durch. Privilegien für einzelne Bistümer, bzw. Domkapitel zur freien Bischofswahl waren meist Makulatur.

Nach dem Investiturstreit:
8. Stufe: Der Kompromiss des Wormser Konkordats: Wahl durch Domkapitel mit Veto-Recht zu den Kandidaten von Seiten des Königs.
9. Stufe: Der Papst bestand auf dem Recht zur Bestätigung der Bischöfe.
10. Stufe: Verkauf der Bischofswürde durch die Päpste in Avignon.
11. Stufe: Kritik dieser Praxis auf den Reformkonzilien und Entwicklung regionaler Besonderheiten

Im HRR:
a- Wiener Konkordat von 1448, dass bis 1803 in Kraft blieb: Freie Wahl durch die Domkapitel, dem Papst blieb ein formales Bestätigungsrecht.
b- Der Adel besetzte Domkapitel und Bischofssitze exklusiv, um überzählige Söhne zu versorgen.
c- Bischofssitze wurden von Söhnen reicher Fürsten 'gesammelt', woran die Kurie mit den notwendigen Dispensen verdiente.

Säkularisation:
12. Stufe: Nach Vorbild der protestantischen Kirchen versuchten Landesherren, insbesondere die Protestantischen, Aufgaben des Bischofs zu ursupieren und Einfluss auf die Wahl zu gewinnen.
13. Stufe: Der Papst versuchte Einfluss auf die Wahlen zu gewinnen.
14. Stufe: Abschluss einzelner Konkordate mit Regelungen zur Bischofswahl in den den Einzelstaaten. Mal konnte der König bestimmen, Mal wurde nach Bestätigung der Kandidaten durch den Herrscher gewählt. Die Beteiligung des Papstes war unterschiedlich stark.(In Sachsen Anhalt wurde nach der Wende bei der Besetzung des erneuerten Bistums Magdeburg von Seiten einzelner Politiker gefordert in ähnlicher Weise mitzureden, was zu Spott der Presse ob des Übersehenen Konkordats führte. Irgendwo müsste ich den Zeitungsartikel noch liegen haben.)
15. Stufe: Die Anhänger einer starken Stellung des Papstes setzen sich 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil durch, was auch die Forderung nach der Wahl der Bischöfe durch den Papst bedingt.

Neuere Entwicklungen:
16. Stufe: Seit 1917, 1983 etwas abgeändert, steht infolge der starken Stellung, die das Erste Vatikanische Konzil dem Papst einräumte, im Codex Iuris Canonici: "Der Papst ernennt die Bischöfe frei oder bestätigt die rechtmäßig gewählten." Die Einschränkung erfolgte, da sich der Papst nicht einfach über Konkordate hinwegsetzen konnte, die keineswegs nur mit Deutschen Staaten bestanden.
17. Stufe: Bei folgenden Konkordaten konnte sich der Papst unterschiedlich durchsetzen.

Dabei gibt es, wie gesagt, viele regionale Unterschiede, die als Diskussionsgrundlage zu weit führten. (Da es schön kurz ist, habe ich die Zusammenfassung aus Hubert Wolf, Krypta - Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte, München 2015, S. 29-41 als Gedächtnisstütze genutzt.)

Eine Zusammenfassung zur Entwicklung der Papstwahl findet sich hier bei Wikipedia.

Vielen mögen die Zusammenfassungen zu verkürzt und summarisch sein. Aber es geht mir ja um die Diskussion, da habe ich mich nur wenig um Genauigkeit bemüht.
Riothamus ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 11.03.2017, 02:12   #2
Mitglied
 
Registriert seit: 04.2009
Beiträge: 796
Nergal ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Danke, das ist sehr interessant.

Wenn man bedenkt dass vom Religionsgründer eine, auch noch so komplexe Kirche nicht beabsichtigt war sieht man verwundert auf all Das was im lauf von 2000 Jahren Bürokratie, theologie und Politik entstanden ist.

Möglich dass ich nochmal nach einem entsprechend gut informierten Geistlichen suche und dort nachfrage wie mein SF-Szenario ausgehen würde.
Ich sollte vieleicht mal einige Kurzgeschichten zum Thema verfassen und sehen wie die ankommen ;-D
Nergal ist offline   Mit Zitat antworten
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