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Alt 18.04.2017, 15:43   #1
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Wuestenschiff ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
War Luther mit der Confessio Augustana einverstanden?

Hallo zusammen!

Ich habe mal eine Frage zu dem Augsburger Bekenntnis 1530. Mir ist die Aussage Luthers bekannt, dass er über die Bekenntnisschrift
"nichts zu meckern habe, da er so sanft und leise nicht treten vermag".

Nun wurde ich mit der Aussage konfrontiert, dass er damit nun doch nicht so einverstanden war.

Wie steht ihr dazu?
Wuestenschiff ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 20.04.2017, 19:14   #2
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zaphodB. ist ein LichtblickzaphodB. ist ein LichtblickzaphodB. ist ein LichtblickzaphodB. ist ein LichtblickzaphodB. ist ein LichtblickzaphodB. ist ein Lichtblick
Meines Wissens wurde das Augsburger Bekenntnis von Philipp Melanchthon in enger Abstimmung mit Martin Luther verfasst und es kam erst nach Luthers Tod zu Differenzen zwischen der Melanchthon-Fraktion ,den „Philippisten“und den sogenannten "Gnesio-Lutheranern" oder „Flacianer“ um Matthias Flacius Illyricus, Nikolaus von Armsdorf und Kaspar Aquila .

Luther hatte also am Augsburger Bekenntnis mitgewirkt und dürfte daher kaum als Kritiker aufgetreten sein-
Die Behauptung ,dass er mit dem Inhalt der Confessio doch nicht so einverstanden war dürfte also eher im Nachhinein von den Flacianern aufgebracht worden sein, um die eigene Position,die als lutherischen Orthodoxie angesehen wurde , zu untermauern.
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zaphodB. ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.04.2017, 10:19   #3
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Wuestenschiff ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Mit der Zeit nach Luthers Tod und seiner Rezeption bin ich leider (noch) vertraut.
Ich habe in einem Buch von Volker Leppin aufgeschnappt, dass er in der von mir angegeben Passage auch Luthers "Unzufriedenheit" über die Confessio Augustana zum Ausdruck bringt.

Vielleicht lässt sich ja auch aus den Lutherbriefen dazu etwas entnehmen...
Insofern ein Kenner der Lutherbriefe unter uns weilt, möge er sich bitte zu Wort melden .
Wuestenschiff ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.04.2017, 10:31   #4
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Riothamus ist ein sehr geschätzer MenschRiothamus ist ein sehr geschätzer Mensch
Das Zitat sagt doch schon, dass er zu kritisieren hat, aber nicht meckert, weil das zu laut wäre.

Das, was er anders glaubte, als die Confessio Augustana formulierte, war ihm also nicht wichtig genug, um darum -öffentlich- zu streiten. Er konnte also mit dem Bekenntnis leben.

Es ist auch keine ungewöhnliche Erscheinung, dass Epigonen um Positionen streiten, die den ursprünglich Beteiligten als unproblematisch oder unwichtig galten.
Riothamus ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.04.2017, 10:54   #5
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Wuestenschiff ist zur Zeit noch ein unbeschriebenes Blatt
Nicht wichtig genug, darüber zu streiten?
Es geht hier um die Bekenntnisschrift der Protestanten, die sich auf dem Augburger Reichstag 1530 gegen Kaiser Karl V. positionieren und behaupten wollen!

Von nicht wichtig genug kann also definitiv nicht die Rede sein.
Wir wissen von Luthers Wortgewandtheit - kann hinter dem Leisetreten nicht auch ein Hauch Zynismus stecken?
Wuestenschiff ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.04.2017, 11:41   #6
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Brissotin ist jedem bekanntBrissotin ist jedem bekanntBrissotin ist jedem bekanntBrissotin ist jedem bekanntBrissotin ist jedem bekanntBrissotin ist jedem bekannt
Ich denke man muss hier berücksichtigen, dass Luther letztlich trotz seiner Streitbarkeit mit dem Pluralismus der lutheranischen Strömungen leben musste, wenn die lutheranische Reformation nicht völlig auseinanderbrechen sollte. Im Zuge meiner Veranstaltungen in Ba-Wü und der SWR-Doku zur Reformation hierzulande, habe ich mich mit Johannes Brenz ein bisschen beschäftigt. Auch er war ein glühender Anhänger von Luther und in ständiger Korrespondenz mit ihm - und stand in seinen Ansichten sicher Melanchthon kaum etwas nach. Wenn Brenz aber mit einer württembergischen Kirchenordnung bspw. die lutheranische Reformation im Südwesten einen Schritt voran bringen wollte, so musste er auch seinen eigenen Stil miteinfließen lassen. Brenz verfasste ja zusammen mit Melanchthon das Augsburger Bekenntnis und daraufhin die Confessio Virtembergica. Ich denke, dass ein komplettes 1:1 Kopieren der Ansichten Luthers nicht zuletzt über die Distanz kann selbst Luther persönlich von seinen Mitstreitern nicht erwartet haben.
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Alt 27.04.2017, 12:25   #7
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Riothamus ist ein sehr geschätzer MenschRiothamus ist ein sehr geschätzer Mensch
@ Wüstenschiff:
Nicht jedes Wort eines wichtigen Dokuments ist ebenso wichtig. Zur Entstehungszeit war es zudem keinesfalls ein Glaubensbekenntnis, sondern die Darstellung eines solchen, um Kaiser und Reich dazu zu bringen, den Protestantismus zu tolerieren. Und dies ist denn auch, was Luther kritisierte. Jedenfalls habe ich nie von anderer Kritik seinerseits gehört: Melanchthon habe die Confessi ganz einfach zu 'politisch' und zu 'kompromissbereit' verfasst, um es in heutiger Sprache auszudrücken.

Die spätere Betrachtung als Bekenntnisschrift ist damit ein großes Begründungsproblem des Protestantischen Glaubens.

Es war ein offizielles Dokument, dass dem Kaiser vorgelegt wurde. Luther war in Acht und Bann. Sich dazu zu Laut zu äußern wäre wohl nicht opportun gewesen, um seine Zuflucht nicht zu gefährden. Dies Verständnis hieße aber ihn als Feigling oder Opportunisten zu kennzeichnen, Dinge die ihm sicher selbst Kaiser und Papst nicht vorwarfen. Damit ist eine Interpretation als Sarkasmus nicht möglich.

Nochmal: Es war zunächst kein Glaubensdokument, dass ein Dogma festlegte. Es war eine Erklärung des Standpunkts gegenüber Kaiser und Reich, um ins Gespräch kommen zu können und in Hinblick auf die Möglichkeit einer Einigung geschrieben. Eine Laute Kritik wäre nicht sinnvoll gewesen, solange es nicht um Essentielles ging. Wer dies anders betrachtet, spricht von Standpunkt der schon erwähnten Epigonen.

Auch Melanchthon behandelte den Text nicht als Alpha und Omega, sondern veränderte ihn mehrmals im Laufe der Zeit. Er war wichtig durch seine Existenz und nicht durch jede einzelne Formulierung. Und wir sprechen über Formulierungen, über die wir wissen, dass es dazu schon zeitgenössisch innerhalb der Protestanten diskussionsbedarf gab.

Daher kann ich nur konstatieren, dass es darin Punkte gab, über die zu streiten Luther nicht wichtig war. Denke dabei einfach an den Verhandlungsgrundsatz, Einzelheiten erst dann zu klären, wenn man eine grundsätzliche Einigkeit erzielt hat. Luther bestand ja nicht nur aus Polemik. Seine Übersetzungs- und Koordinationsleistung, so angreifbar einzelne Punkte sein mögen, wäre sonst kaum möglich gewesen. Und hier war ebenfalls keine Polemik gefragt, sondern die Fähigkeit zum Kompromiss und zu einem gemäßigten Verhalten. Da ist das 'wichtig genug, um darüber zu streiten' letztlich eine Frage der Gewichtung einzelner Punkte.

Der Streit um die Transsubstantionslehre erscheint heute wohl einer Mehrheit als Haarspalterei oder irrelevant und ist ohne Studium von Konzepten mittelalterlicher Philosophie zudem gar nicht zu verstehen. Damals scheiterte daran jeder Versuch einer Einigung, während im Gegensatz zum üblichen Geschichtsbild die Rechtfertigungslehre kein allzugroßes Hindernis war. (Ja, man behalf sich m.E. mit missverständlichen Formulierungen, aber in welchen großen Verhandlungen geschieht das nicht, wenn die Positionen sich genügend angenähert haben?) Dies sei Beispiel, dass auch in Glaubensdokument und in wichtigen Dokumenten nicht alles gleich wichtig ist.

Gerade schrieb ich von Problem. Es ist aber auch ein Vorteil, dass ein zentral gewordenes Dokument so weit formuliert ist.
Riothamus ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.04.2017, 14:51   #8
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Riothamus ist ein sehr geschätzer MenschRiothamus ist ein sehr geschätzer Mensch
Auch Brissotins Erläuterungen stimme ich natürlich zu. Da ich das Schreiben des Posts unterbrechen musste, hatte ich Deinen Post zunächst übersehen.

Es geht hier ja auch um das alte Problem, dass Glaubensfragen so emotional besetzt sind und teils bis zur Haarspalterei unversöhnlich vertreten werden. Die Katholische Kirche löste dies über Dogmen, was bedingte, dass ein gewisser Spielraum für Diskussionen erhalten blieb und oft selbst für Laien einsichtig wären, so sie denn erklärt wurden.

Schon Mohammed hat das in seinem Wort von den unterschiedlichen Richtungen der Religionen eingängig formuliert.

Und hier stieß eben auch die Reformation auf ein Problem, dass ohne Dogmen nur mit einer gewissen Tolleranz untereinander zu umgehen war. Und hierzu musste sich der einzelne Reformator und die Reformatoren untereinander auch klar darüber werden, was wichtiger und was weniger wichtig war.

Der Schriftwechsel um die Confessio Augustana ist in dieser Hinsicht von nicht geringer Bedeutung. (Und auch, wenn ich es sehr betont habe, da der Aspekt nicht im Blick war, ist der Gedanke einer Kompromisschrift sowohl gegenüber Kaiser und Reich, als auch zwischen den Reformatoren untereinander nicht auszuschließen. Zeitgenössisch steht natürlich das Kommunikationsmittel mit Kaiser und Reich im Vordergrund, was sich schon aus dem Zweck ergibt. Die Klarstellungen und Einigungen der Reformatoren sehe ich als Nebenaspekt. (Wobei ich zugebe, auf einer gut Katholischen Schule gewesen zu sein. Dennoch bleibt das Problem, dass es sich eben nicht eigentlich um ein Bekenntnis, sondern um die Darstellung desselben handelt.)
Riothamus ist offline   Mit Zitat antworten
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