Vor 20 Jahren besetzten Demonstranten die teils schon verwüstete Berliner Stasi-Zentrale. Hatte der Geheimdienst bei der Aktion selbst die Finger im Spiel?[IMG]http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2010-01/stasi-zentrale-besetzung/stasi-zentrale-besetzung-540x304.jpg[/IMG]
Verwüstete Stasi-Zentrale: Aufgebrachte Demonstranten hatten am 15. Januar 1990 das Hauptgebäude der Staatssicherheit der DDR im Berliner Stadtteil Lichtenberg gestürmtDie Stimmung in der Lichtenberger Ruschestraße ist aufgeladen, als Christian Halbrock gegen 17 Uhr dort eintrifft. "Stasi raus, Stasi raus"-Rufe schallen durch das Halbdunkel an diesem trüben 15. Januar 1990. Der 26-Jährige ist dem Aufruf des Neuen Forums gefolgt, sich an der Zentrale des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit zu versammeln, um dem Treiben hinter den Mauern ein Ende zu bereiten und die Vernichtung der Akten des verhassten Geheimdienstes zu stoppen. Viele haben Mauersteine mitgebracht – denn wenn es nicht gelinge, die Stasi zum Aufgeben zu bewegen, müsse man sie eben einmauern, so der Aufruf.
Halbrock hat seine unangenehmen Erfahrungen mit dem Machtapparat der DDR. Als Mitbegründer des Friedens- und Umweltkreises an der Glaubenskirche 1983 hat er immer wieder mit dessen Häschern zu tun gehabt. Ausgerechnet in dieser Kirche am Lichtenberger Roedeliusplatz, die dem ausgedehnten Stasi-Gelände gegenüberliegt, hat er mit Wolfgang Rüddenklau und anderen Mitstreitern die Mächtigen herausgefordert. Und jeden Tag musste Halbrock in der Ruschestraße an dem streng bewachten, düsteren Gebäudekomplex vorbeilaufen, wenn er sein Kind in den kirchlichen Kindergarten in der Pfarrstraße brachte.
Nun steht er hier inmitten von etwa 2000 anderen Leuten, die auf das Tor zulaufen, das sich kurz zuvor wie auf wundersame Weise geöffnet hat. In einer dichten Menschentraube schiebt sich auch Halbrock durch das Tor, folgt im Innenhof dem Strom links hinüber zu einem erleuchteten Gebäude, dringt mit den anderen ein. Es ist Haus 18, der Versorgungstrakt der Stasi mit Ladenpassage, Kaufhalle, Kantine und einem Kongresszentrum.
"Ich bin mitgelaufen wie ein dummer Depp", erinnert sich Halbrock, der heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stasiunterlagenbehörde beschäftigt ist. Sie kommen an ein paar eingetretenen Türen, abgerissenen Plakaten, einem umgekippten Souvenirstand vorüber. Aber Halbrock sieht niemanden, der Verwüstungen anrichtet.
Es ist eine Mischung aus Wut und Triumph, die die Menschen bewegt. "Es war mir damals egal, was passierte", sagt Halbrock. "Ein Denkmal zu stürzen, macht einfach Spaß. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, das ganze Gelände in die Luft zu jagen." Das Bewusstsein, dass da etwas zu schützen und aufzuarbeiten war, war bei ihm wie wohl bei den meisten der Eindringlinge eher schwach entwickelt. "Es war auch ein bisschen unheimlich: Diese große Zusammenballung von Menschen, die keine Kommunikation untereinander hatten", erinnert sich Halbrock. Und er wundert sich, dass ihnen keine Stasi-Leute, kein Wachpersonal begegneten.
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