Animal Farm

Dieses Thema im Forum "Dokumentarfilme/Spielfilme" wurde erstellt von Galeotto, 13. Juni 2018 um 21:51 Uhr.

  1. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied


    jetzt kommt auf Arte der hervorragende ,englische Zeichentrickfilm "Farm der Tiere" von 1954 der nach Orwells Fabel "Animal Farm" . Wenn man ihn ansieht, wird man verstehen, weshalb er nie in der DDR gezeigt wurde.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ne, ich verstehe nicht, warum er nicht gezeigt wurde. Die Logik wäre nämlich genau andersrum. Man kann es zeigen, weil man nicht so ist. Und das Zeigen wäre als Beleg herangezogen worden für die Unterschiedlichkeit. Ideologische Phrase: "Sowas gibt es nur in faschistischen Ländern"

    Gerade die Repression erzeugt mehr diffuse Ablehnung eines Staatsgebildes wie die Duldung. Eine Logik, die den Betonköpfen in der Stasi - leider oder zum Glück - nicht klar war. Und sie die modernen Formen der Lenkung einer Bevölkerung noch nicht verstanden haben.

    Es hätte im Zweifel und bestenfalls noch mehr "Motzerei" gegeben, die aber als Ventil hilfreich gewesen wäre und zusätzliche Nahrung für den politischen Witz geliefert hätte. (vgl. z.B. zur Einschätzung auch Port: Die rätselhafte Stabilität der DDR)

    Das wäre eine deutlich intelligentere Form gewesen, die nicht ganz so in der Tradition stalinistischer Überwachung gestanden hätte. Und im Effekt erfolgreicher gewesen wäre.

    Ob damit die wirtschaftlichen Spannungen erfolgreich in den Griff bekommen worden wäre, sei dahin gestellt, aber das politische System hätte sich durch eine höhere Toleranz eher stabilisiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Juni 2018 um 22:29 Uhr
  3. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied


    Das kann nur verstehen, wer innerhalb der DDR gelebt hat. Die Führung dachte nie besonders logisch. Außerdem dürften sie sich in den Schweinen schon wiedererkannt haben und die These mit den anderen Ländern hätte auch nicht gepasst, weil das ja alles Bruderländer waren und auch an ihnen eine Kritik ein Sakrileg gewesen wäre. Kommunistisch regierte Länder ,welche nicht den sowjetischen Kurs beschritten, wie China, Jugoslavien und Albanien wurden auch nicht öffentlich kritisiert sondern totgeschwiegen. Auf die Feinde des Kommunismus,die kapitalistischen Staaten hätte die ganze Revolution der unteren Klassen (Tiere) und der allmähliche Verrat an den Idealen nicht gepasst. Folglich taugte der Film nicht für die eigene Propaganda . Ich kann Dir versichern, dass die DDR-Bevölkerung im zwischen-den Zeilen-lesen sehr gut war und die Botschaft der Fabel natürlich verstanden hätte. Ich habe ihn damals im Westfernsehen gesehen und bereits als Jugendlicher den eigentlichen Inhalt des Filmes sehr wohl verstanden.

    Wann hätte die DDR-Führung je besonders intelligent gehandelt. Ihr ewiges Beharren auf den Stalinismus war ja schließlich auch ihr Ende.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich finde es schon nachvollziehbar, dass Orwells Fabel in der DDR nicht gezeigt wurde.
    Die Herrschaften des Politbüros hätten natürlich deklarieren können:

    Nein, wir sind nicht so!

    So wie sie deklariert haben, dass die DDR demokratisch und ein antifaschistischer Staat war.

    Ihr Problem war aber, dass das Volk sie sehr wohl erkannt hätte, und sie selbst haben sich wohl darin wiedererkannt, George Orwells Politfabel hat einen hohen Wiedererkennungswert.

    So souverän, dass sie sich selbst einer Kritik ausgesetzt hätten waren sie nicht, und erst recht nicht so souverän dass sie über sich selbst hätten lachen können. Schon gar nicht hätten sie ihrem Volk erlaubt, über sie zu lachen.

    Das Problem war ja, dass die Kritik ja nur allzu berechtigt gewesen wäre. Sich selbst berechtigter Kritik auszusetzen, sich überhaupt Kritik und Kontroverse auszusetzen, dazu waren/ sind selbst viele demokratische Staaten und Gesellschaften nicht bereit. Stanley Kubricks "Path of Glory" durfte jahrelang in Frankreich nicht gezeigt werden.

    Wie gesagt, ich finde es absolut nachvollziehbar, dass der Film in der DDR nicht gezeigt wurde.
     
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  5. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Man vermied alles was Zweifel an der Unfehlbarkeit der SED hätte säen können. Diskussionen darüber gab es öffentlich einfach nicht. Der Antifaschismus war Staatsdoktrin und jeder Zweifel daran wäre "Verunglimpfung des Arbeiter -und Bauernstaates und der Partei der Arbeiterklasse, sowie des gesamten werktätigen Volkes" gewesen. Von Demokratie war innerhalb der DDR eher nicht die Rede. Der Staat hieß "Deutsche Demokratische Republik" das musste genügen. Die führende Rolle der Partei ,die immer Recht hatte war wichtiger.
    Wer mit den Schweinen in der Fabel gemeint war, war unübersehbar für jeden, der unter einem kommunistischen Regime lebte. Man sah das auch daran, dass 1989 die Losung :"Alle Menschen sind gleich, aber manche sind gleicher" (bei Orwell: "alle Tiere sind gleich aber einige sind gleicher) häufig zu hören war.
    Die Realität gab den Kommunisten allerdings Recht. Als man 89 kritisieren und über sie lachen durfte war es mit ihrer Macht in kürzester Zeit vorbei ;)
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Rational überlegt, hast du sicher recht. Es lässt sich belegen, dass politische Witze und Spott durch die sich die Bevölkerung einmal Luft machen kann und darf wie ein Ventil funktionieren und letztlich zu einer Stabilisierung des Systems führen können. Die DDR war ja auch nicht so abgeschottet wie etwa das Rumänien des "Conducators" Ceaucescu. Westfernsehen war fast überall in der DDR zu empfangen. Eine Region in Sachsen, in der der Empfang schlecht war, hieß im Volksmund das "Tal der Ahnungslosen". Durch Verwandtenbesuche, die seit den 1970er erleichtert wurden, kamen auch westliche Printmedien ins Land. Wie Galeotto schrieb, dürfte Orwells Politfabel in der DDR trotz der Zensur recht bekannt gewesen sein.

    Welches diktatorische Regime aber war jemals in der Lage, Kritik und Spott zu ertragen und wären es auch nur noch so harmlose Witze gewesen? In Nazideutschland hat man zuletzt Menschen hingerichtet, weil sie einen vergleichsweise harmlosen Witz erzählt oder verbreitet haben. Erfahrungen aus der Geschichte zeigen, dass kontrollierte Kritik die Herrschaft eines Regimes stabilisieren kann. Es gibt aber auch genügend Beispiele dafür, dass sich das Volk irgendwann nicht mehr damit zufrieden gibt, und um im Bild zu bleiben der Kessel irgendwann so unter Druck steht, dass er explodiert.

    Der Personenkult in Rumänien trieb seltsame Blüten. Der "Conducator" Ceaucescu und seine Gattin wurden in Bild und Ton, in Vers und in Prosa verherrlicht. Wenn die Verherrlichung Ceaucescus schon extrem auf die Spitze getrieben wurde, war es geradezu grotesk, dass Elena Ceaucescu, die mühsam die Volksschule absolviert hatte, und außer einer guten Note in Handarbeit auf keinem Gebiet herausragende Leistungen gezeigt hatte, sich als "Wissenschaftlerin von Weltrang" feiern ließ. Rumänien war jahrelang extrem abgeschottet. Kurz vor Ceaucescus Sturz hatte 1989 ein Dissident dem ungarischen Fernsehen ein Interview gegeben. Obwohl viele Rumänen gar keinen Fernseher besaßen und die Medien extrem kontrolliert wurden, sprach sich das wie ein Lauffeuer herum. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Bukarest verstand Ceaucescu die Welt nicht mehr. Trotz Anwesenheit der gefürchteten Geheimpolizei Securitate regte sich Kritik, und der "Conducator" wurde erst ausgebuht und wenige Tage später gestürzt. Die Zustände in Rumänien, das einst ein reiches Land war und unter der Misswirtschaft Ceaucescus bitter arm geworden war, waren so unerträglich geworden, dass die Bevölkerung nicht mehr mit machte.
    Kritik und Spott zuzulassen kann ein zweischneidiges Schwert sein, wird der Druck zu stark, wird sich irgendwann die Bevölkerung nicht mehr mit relativ harmlosen Witzen zufrieden geben. Die meisten diktatorischen Regime und autoritären Systeme waren und sind nicht bereit, durch Kritik, mag sie auch noch so harmlos erscheinen irgendwelche Risiken einzugehen. Die Bevölkerung wird nicht nur mit Propaganda berieselt und durch Terror eingeschüchtert, die Apparatschiks bemühen sich auch, ihr den Mund zu stopfen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2018 um 12:36 Uhr
  7. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wenn man bedenkt, dass Orwell die Geschichte in den vierziger Jahren des 20. Jh. als Parabel auf die Oktoberrevolution und die Sowjetunion unter Stalin geschrieben hat ,so ist es doch bemerkenswert, dass die Aktualität für alle weiteren Staaten des Ostblocks bis zu deren Ende vollkommen unverändert erhalten blieb.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Viel problematischer finde ich, dass man einen Film, der Teil der ideologischen Auseinandersetzung war, als eine ausreichend angemessene Beschreibung aller Staaten des Ostblocks hält.

    Es ist vermutlich kein Zufall, dass der Einstieg über "Animal Farm" gewählt worden ist, da es Dich - @Galeotto - anscheinend entlastet, halbwegs seriöse Studien zur politischen Kultur in den einzelnen Ländern zu den unterschiedlichen Phasen vorzulegen.

    Eine derartige Vorgehensweise ist aus meiner Sicht populistisch und hat nichts mit einer halbwegs seriösen historischen Betrachtung zu tun, wie beispielsweise in den Arbeiten von Fulbrook, Port oder Jarausch geleistet.

    Darüber ließe sich dann ein adäquates Bild der Gesellschaft in der DDR und der politischen Situation angemessen formulieren.

    Fulbrook, Mary (2009, ©1995): Anatomy of a dictatorship. Inside the GDR, 1949-1989. Oxford: Oxford University Press.
    Fulbrook, Mary (2011): Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR. 2., durchges. und um ein neues Vorwort erg. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges.
    Jarausch, Konrad (1999): Dictatorship as experience. Towards a socio-cultural history of the GDR. New York: Berghahn Books.
    Port, Andrew I. (2010): Die rätselhafte Stabilität der DDR. Arbeit und Alltag im sozialistischen Deutschland. Berlin: Links (Forschungen zur DDR-Gesellschaft).
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juni 2018 um 16:35 Uhr
  9. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    @thanepower, zunächst habe ich nie gesagt, dass eine Fabel eine vollständige Beschreibung aller Ostblockstaaten sein kann. Wozu soll mich der Film entlasten ? Ich habe hier keinen Thread zum Kommunismus eröffnet sondern lediglich in der Rubrik "Filme" diesen erwähnt, weil er gestern ausgestrahlt wurde und ich ihn ( auch wenn er natürlich nicht ohne eine politische Absicht entstanden ist) für sehr treffend als Beschreibung des kommunistischen Lagers halte(das Buch natürlich auch). Wenn Dir ein Trickfilm unter Deiner Würde ist, so sei Dir das unbenommen.
    Eine wissenschaftliche Abhandlung wollte ich dazu nicht verfassen und eine große historische Betrachtung war überhaupt nicht meine Absicht. Mir reichen dazu aber meine persönlichen Erfahrungen mit dem Stalinismus, um einigermaßen beurteilen zu können, ob der Film treffend ist oder nicht.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    ursprünglich in #7
    dann in #9
    Verwirrend.
     
  11. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wenn ich schrieb, dass die Aktualität bis zum Schluss des Ostblocks bis zu dessen Ende unverändert blieb, so habe ich damit noch längst nicht gesagt, dass der Film den Kommunismus in jedem Land lückenlos erklärt sondern lediglich, dass er auf jedes Regime des damaligen sog. sozialistischen Lagers auch anwendbar blieb und von der Bevölkerung verstanden werden konnte. In jedem dieser Staaten hatten sich die Führungskräfte meilenweit von den kommunistischen Idealen enfernt, sich selbst bereichert, ihr Volk mit hohlen Phrasen und nutzlosen Parolen abgefertigt ,einen repressiven Sicherheitsapparat geschaffen ,der in erster Linie zur Überwachung und Einschüchterung der eigenen Bevölkerung diente. Laut Wiki Animal Farm - Wikipedia waren die beiden Orwell -Bücher "Animal Farm" und "1984" in den Staaten des Ostblocks verboten. Warum wohl?, weil es auf alle diese Regime zutraf und für gefährlich eingeschätzt wurde.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    "Die Ostdeutschen konnten sich auf vielerlei Weise beschweren. Sie klagten untereinander in einer täglichen Solidargemeinschaft; sie rissen Witze über die Unzulänglichkeit des täglichen Lebens und machten sich über ihre politischen Führer lustig. ...."(Fulbrook, 2011,S. 286)

    Der "rote Witz" war gängige Praxis in der DDR. Und es wäre für die Stabilität der DDR kein Problem gewesen, den Film zu zeigen. Die Destabilisierung des politischen System ging im Zweifel eher von "Überreaktionen" der "Repressionsorgane" aus.

    In diesem Sinne zitiert Dennia & Laporte (Pos. 378) Lutz Niethammer: "arguing that the Stasi "an uncontrolled and paranoid military bureaucracy, far from being the core of the regime .... furthermore, that the ministry fostered [förderte!!] rather than reduced opposition."

    Die Ausweitung der politischen Freiheiten hätte eine deutliche Minderung des Drucks auf die SED bedeutet, allerdings nicht die grundsätzlichen Legitimationsprobleme beseitigt.

    In diesem Sinne weist Fullbroock darauf hin, dass die Demonstranten in Leipzig nicht nur "Wir sind das Volk", "Mit dem Fahrrad durch Europa, aber nicht als Opa", sondern auch "Wir bleiben hier" skandiert haben. Und in diesem Sinne die Slogans sich auf einen "desire for greater democracy, freedom, and dialogue, rather than any specific social or economic demands" konzentrierten. (Fulbrook, 2009, S. 250ff)

    In diesem Sinne ist Repression unter Umständen kurzfristig wirksam, allerdings um den Preis einer anschließenden Verschärfung der Gegensätze.

    Und das sei noch angeführt, Repression stellt auch immer die Frage nach der Verläßlichkeit, die offensichtlich für die Exekutivorgane des MfS zum Schluss nicht mehr sicher gestellt werden konnte.

    Die Lehre aus der Geschichte ist, dass jede Gesellschaft Konflikte aushalten muss. Sie wird entweder stabiler oder sie zerbricht. Allerdings war der soziale und politische Konsens dann bereits vorher schon nicht mehr gegeben.

    Dennia, Mike; Laporte, Norman (2014): The Stasi. Myth and Reality. Hoboken: Taylor and Francis
    Fulbrook, Mary (2011): Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR. 2., durchges. und um ein neues Vorwort erg. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges.
    Fulbrook, Mary (2009, ): Anatomy of a dictatorship. Inside the GDR, 1949-1989. Oxford: Oxford University Press.
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich habe Galeottos Beiträge keineswegs so verstanden, dass er allen Ernstes die These vertritt, dass Animal Farm eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus ersetzen könne.

    Der Eingangsbeitrag von Galeotto war doch wohl eher als aktueller Filmtipp gemeint, da der Streifen gerade auf Arte lief.
    Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Stalinismus kann der Film natürlich ebenso wenig ersetzen, wie "Paths of Glory" oder "All Quiet on the Western Front" eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg ersetzen kann.

    Meiner Meinung nach ist "Animal Farm" eine zeitlose Parabel, eine Fabel, die Zustände abbildet, die im Grunde genommen in fast jedem totalitären Regime zu finden sind. Das macht den Film reizvoll, und wenn man bedenkt, dass der Streifen schon über 60 Jahre alt ist, hat er nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
     
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  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. ja, zeitlos und universell anwendbar

    2. die DDR war kein totalitäres Regime
    - bereits wieder ein Konstrukt, das einen klaren ideologischen Hintergrund hatte
    - die vorliegenden Studien mehr Probleme aufzeigen, die die Verwendung des Begriffs als problematisch erscheinen lassen (vgl. die Beiträge z.B. in Geyer&Fitzpatrick: Boyond Totalitarianism und Kershaw & Lewin: Stalinism and Nazism)

    3. Die Mechanismen können in jeder Gruppe, und somit in jeder Gesellschaft, beobachtet werden.

    4. Die Mechanismen sind in Unternehmen anzutreffen, in Vereinen und vielen anderen Organisationen wie den Parteien. Bestenfalls in "milderen Formen"
     
  15. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Die DDR war natürlich ein totalitärer Staat, ohne freie Presse und diktatorisch von SED geführt. Eine öffentliche Kritik – und dieser Film wäre eine solche gewesen – an dem Staat oder seiner Führung war nicht gestattet. Wenn ein Film nur andeutungsweise eine Kritik an dem System Sozialismus enthielt, wurde er umgehend aus dem Verkehr gezogen – siehe die Spur der Steine mit Manfred Krug. Wenn schon dieser Film wegen leisen „antisozialistischer Tendenzen“ verschwinden musste (der Chef der Zensurbehörde verlor seinen Posten, weil er die Herstellung des Films nicht unterbunden hatte), so ist es illusorisch zu denken, dass ein Film wie Animal Farm die Freigabe erhalten hätte. Nicht nur der Film, auch das Buch war – mit Ausnahme Jugoslawiens, wo es Anfang der 1980er Jahre erschien – im gesamten Ostblock verboten.

    Geduldet waren in der DDR nur harmlose, in privaten Kreisen zirkulierende Witze, die die (vor allem wirtschaftliche) Situation der DDR persiflierten.


    Sicher sind diese Mechanismen überall zu beobachten, aber in den Demokratien waren und sind Verbote von Büchern und Filmen nur schwer durchzusetzen, weil die Kunst meistens unter dem besonderen Schutz der Verfassungen steht. In den USA gibt es wegen des 1. Zusatzes zur Verfassung dazu so gut wie keine Handhabe.
     
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  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die Entstehung von Animal Farm steht wohl im Zusammenhang mit Orwells Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg.
    Der Autor kämpft für die Republik bei den Internationalen Brigaden für die antistalinistische POUM (Partido Obrero de Unification Marxista) in Katalonien.
    Dort erlebt er, im Rahmen der Internationalisierung des Konflikts, die „Säuberungen“ durch den Sowjetischen Geheimdienst in den Reihen der antifaschistischen Widerstandskämpfer.
    Zu dieser Zeit finden auch in der SU die mörderischen Säuberungen Stalins ihren Höhepunkt.
    Die Klassifizierung als „Trotzkist“ stellt nicht nur dort eine lebensbedrohliche Gefahr dar, sondern auch in Spanien in der Reichweite des NKWD, also bei den antifaschistischen Widerstandskämpfern des spanischen Bürgerkriegs.
    Für den glühenden Idealisten Orwell eine harte Ernüchterung: „Dieselben Menschen die 1933 noch mitleidig kicherten, wenn man sagte, dass man unter gewissen Umständen für sein Land kämpfen würde, denunzieren einen 1937 als einen Trotzkisten-Faschisten, ...“ [1]
    Und das NKWD räumt auf auch mit Hilfe des militärischen Geheimdienstes GRU [2]
    Orwell erlebt die grausame Verfolgung der Antifaschisten durch jene, die die letzte Hoffnung der Freiheitskämpfer blieben, nachdem die Demokratien Frankreich und GB ihnen eine Unterstützung versagten. [4]
    Für Orwell endet das Abenteuer des Freiheitskampfs schließlich in der Huesca-Offensive, geleitet von den Kommunisten. Eine Kugel der Franco-Faschisten durchschlägt seinen Hals, und er überlebt glücklich in zweifacher Hinsicht. Denn da rollen auch die Köpfe der POUM durch die Sowjets.
    [3]

    Wie groß muss die Enttäuschung des Dichters über diesen Verrat gewesen sein, nachdem er tatsächlich seinen Hals für eine bessere Welt riskierte.

    Und wie peinlich für die SED-Kommunisten hätte es sein müssen, hätte das eigene Publikum ein Interesse für diesen Autor entwickelt.
    Und das selbst unabhängig vom Inhalt der tollen Story des Dichters.
    Schon dein Leben kann dich zum Feind einer Diktatur machen.

    Also Orwell geht gar nicht.
    Und dann diese Story!

    [1] zitiert von Antony Beevor – Der spanische Bürgerkrieg S.206.
    [2] Beevor S.196, 332, 391.

    [3] Beevor S.353
    http://www.sueddeutsche.de/politik/historie-dichter-an-der-front-1.3713829
    [4] https://www.zeit.de/1980/48/stalins-hexenjagd-in-spanien/komplettansicht
     
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  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Was Du umgangssprachlich glaubst, was "totalitär" sei, ist Dein Problem. Ich hatte mich an der historischen politikwissenschaftlichen Diskussion orientiert, die das Konstrukt für eine komparative Nutzung in Frage stellt.

    Die Argumentation ist, dass es mehr und bedeutendere Unterschiede gibt zwischen einem "totalitären" NS-Regime und einem autoritären Staatssozialismus in der DDR. Und dass aus diesem Grund, die wissenschaftliche Brauchbarkeit des Totalitarismus-Konzepts für beispielsweise die DDR, eingeschränkt wird. So der Stand der Diskussion.

    Das ist wohl jetzt ein Mißverständnis. Es ging mir um die Mechanismen der Erlangung und Sicherung von Herrschaft durch die Nutzung von unterschiedlichen Machtinstrumenten. Wie in "Animal Farm" beschrieben. Diese Formen der Etablierung von Macht, die Durchsetzung einer Gruppe und die Ausgrenzung anderer im Rahmen von "Machtkämpfen", die sind universalistisch.

    Angefangen bei der Beschreibung dieser Praktiken im "Fürsten"
     
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  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nur ein Beispiel zu "Obzönitäten" oder Diffamierungen im "Miller-Test" als Handhabe:
    Miller v. California (1972)

    Gerade das First Amendment ist in der typischen US-Kasuistik und in vielen Anwendungsfragen komplex.
     
  19. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Als Orwell 1984 und Animal Farm verfasste, hatte er mit Sicherheit totalitäre Staaten wie die Sowjetunion unter Stalin im Hinterkopf. Ein totalitärer Staat in dem Sinne wie der Begriff in der Politikwissenschaft gebraucht wird, war die DDR nicht. Aber ein extrem autoritäres System, das diktatorisch regiert wurde und das versuchte, alle Lebensbereiche seiner Bürger zu durchdringen, war die DDR schon. Viele Methoden der Machtergreifung, -Konsolidierung und Sicherung wie sie Orwell in 1984 und in seiner Politfabel Animal Farm beschrieben und kritisiert hat, gleichen sich und sind für viele totalitäre und autoritäre Staaten charakteristisch, mögen ideologisch auch noch so große Unterschiede zwischen ihnen bestehen.

    Besorgniserregende schleichende Aufweichung demokratischer Errungenschaften im Namen der Sicherheit, Überwachung, Ausgrenzung und Einschüchterung, die Praxis der sprachlichen Verschleierung und Verharmlosung durch die Verwendung einer Tarnsprache, eines "Neusprech" wie es in 1984 heißt, lassen sich selbst in demokratischen Staaten und Institutionen ausmachen, denn auch funktionierende Demokratien haben mitunter Demokratiedefizite.
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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