Anthropo- und zoomorphe Götter: Warum die unterschiedliche Entwicklung?

Dieses Thema im Forum "Das Alte Ägypten" wurde erstellt von Monika, 6. Juli 2015.



  1. Monika

    Monika Gesperrt

    Worüber ich mir schon länger Gedanken gemacht habe, ist die Frage, warum sich im alten Ägypten die Götter in Tiergestalten (bzw. Gestalten mit Tierköpfen) - und im griechischen die Götter in menschlichen Gestalten herausgebildet hatten.
    Was war der Ursprung für die unterschiedlichen figurlichen Göttergestalten?
     
  2. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Altägypten lag im afrikanischen und damit einem stark totemistisch orientierten Einflussbereich. Totems sind bekanntlich Clan- oder Stammessymbole, meist in Gestalt eines Tieres, das aber außer im prähistorischen Altägypten nur in Afrika und Neuseeland auf einer wirklich religiösen Ebene verehrt wurde/wird, ansonsten eher als ein soziales Identitätssymbol ohne göttliche Attribute fungiert. In das prähistorische Altägypten wurde religiöser Totemismus vermutlich durch einwandernde afrikanische Nomaden importiert und vermischte sich mit den anthropomorphistischen Vorstellungen der indigenen Bauernpopulation. Daraus entwickelten sich die theriomorphen (= tiergestaltigen) Götter der altägyptischen Religion, die spätestens ab dem 3. Jt. BCE zunehmend durch anthropomorphe Götter ergänzt wurden. Später wurden manche theriomorphe Götter/Göttinnen auch alternativ anthropomorph dargestellt.

    Beispiele:

    Himmels- und Muttergöttin Isis = meistens anthropomorph, selten auch theriomorph (Kuh), dann aber nur wegen ihrer Gleichsetzung mit Hathor. Sie ist erst ab der 5. Dynastie nachweisbar, also eine relativ späte Erscheinung, daher ihre vorwiegend menschliche Erscheinungsweise.

    Himmels- und Muttergöttin Hathor = ursprünglich als Kuh dargestellt, dann zunehmend anthropomorph mit Kuh-Attribut Hörner. Belegt schon ab der 1. Dynastie (kuhgestaltig).

    Sonnengott Re = selten völlig anthropomorph, meist theriomorph (Scarabäus, Kater) oder gemischt (Falkenkopf/Widderkopf-Menschenleib) oder als Sonnenscheibe.

    Himmelsgott Horus = der klassische Falkengott in Falken- oder Mischgestalt (Falkenkopf). Erst ab der 22. Dynastie als Sohn von Isis auch anthropomorph dargestellt. Davor - seit dem Alten Reich - erscheint Horus als Kind nur in Texten.

    Magie- und Mondgott Thot = Mischgestalt aus Mensch und Ibis(kopf) oder theriomorph als Pavian. Einer der ältesten Götter des ägyptischen Pantheons.

    Dass Re und der Toten- und frühere Fruchtbarkeitsgott Osiris öfters mit dem Stier identifiziert werden, hat vermutlich keinen totemistischen Hintergrund, sondern basiert auf der generell üblichen Stiergott-Symbolik im Alten Orient (Stier als Symbol männlicher Fruchtbarkeit), hat mit einem ursprünglichen Clansymbol also nichts zu tun.
     
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  3. Monika

    Monika Gesperrt

    Ganz herzlichen Dank Chan:winke:
    Hatte mit einer Antwort gar nicht gerechnet - und ich muss zugeben, dass ich als Laie noch so einiges in Erfahrung bringen möchte! Mich interessiert sehr die Geschichte und Archäologie.

    Jetzt ist es mir klar mit der unterschiedlichen Gestaltung der Götterfiguren.

    Danke, das ich von euch noch lernen kann.

    Lieben Gruß
    Monika :winke:
     
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  4. Amalaswintha

    Amalaswintha Neues Mitglied

    Sehr interessant, aber die Verehrung von Göttern in Tiergestalt bzw. einer Naturerscheinung oder als Mischwesen findet sich auch außerhalb Afrikas. Sicher kommt wegen der relativen Abgeschlossenheit der ägyptischen Kultur der afrikanische Raum als maßgeblicher Einflussfaktor in Betracht, aber im Prinzip ist es keine typisch afrikanische Erscheinungsform.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eben.

    Der soziologische Ansatz beschreibt über den ganzen Globus Totems oder "Totemism" als Mechanismus in komplexer werdenden Gesellschaften, um Ordnungen zu "konstruieren", als vermittelnde Darstellung zwischen den Ordnungen in größer werdenden Gruppen oder Gesellschaften und dem "chaos of the universe", also den umgebenden Naturbedingungen.

    Gruppen oder "Clans" identifizieren sich mit tabuisierten Totems, wodurch sozial ausgeprägte Bindungswirkungen für die Mitglieder erzeugt werden.

    Entsprechend gibt es darüber verstärkte Diskussionen seit dem 19. Jahrhundert. Als einem aktuellen Ansatz kann man Levi-Strauss zitieren:

    Lévi-Strauss was most certainly influenced by Radcliffe-Brown, and he endeavored to expand on his writings. From a structural perspective, he viewed totemism as reflecting the abstract polarities of nature and culture present in human cultures. These oppositions, or polarities, could be charted to illustrate the complex relationship that, on the one hand, recognized natural realities such as animals and plants, and on the other, various groups and individuals who identified themselves as related to specific types of animals or plants. He discussed four specific types of totemic oppositions, or relationships, that could exist between nature and culture:

    (1) a group identifying with a specific species of animal or plant,

    (2) an individual identifying with a species of animal or plant,

    (3) a specific animal or plant identified with an specific individual, and

    (4) a specific animal or plant identified with a particular group"

    Prufer, in E.o.Anthropology, S. 2218.

    Da sich das Phänomen in allen entwickelnden Gesellschaften findet, ist der "nubische Import" auch rein hypothetisch. Der Totemism bei ägyptischen Tierdarstellungen für Götter ist außerdem kontrovers diskutiert. Zoomorphe und anthropomorphe Darstellungen verlaufen über Jahrtausende in Ägypten parallel, zu prädynastischen Verwendungen gibt es Darstellungen zB bei Wilkinson, The Complete Gods and Goddesses of Ancient Egypt, wo dies Thema logischerweise soziologisch auch nur kurz angerissen wird, ebenso wie die Beschreibung der Götterdarstellungen. immerhin stellt er heraus, dass auch für die prädynastischen figürlichen Darstellungen gilt: nicht jede zoomorphe Darstellung ist zwingend eine totemistische. Zoomorphe Darstellungen sind auch nur in dieser Frühphase (weil auch später parallel verwendet) eine "signifikante Stufe" in der religionsgeschichtlichen Entwicklung. Die zoomorphen Darstellungen repräsentieren hier auch - ganz simpel - die Tiere im Lebensumfeld, bzw. vorhandene Bedeutung.

    Erkenntnisse zu den frühen göttlichen Totems werden u.a. aus Keramiken der Nagada II-Periode gewonnen, neben Schakalen oder Hunden aber auch Blitze, stilisiert für die Gottheit Min, oder die drei Berge Thebens, stilisierte Frauenköpfe mit Hörnern für Hathor, oder Elephanten.
    Bard, E.o.Archaelogy of Ancient Egypt, S. 239f.

    Von daher bleibt jede Menge Raum für Phantasie oder Fantasy.
     
  6. Brahmenauer

    Brahmenauer Neues Mitglied

    Nach meiner Auffassung dürfte neben der "Mutter Erde" die Himmelskörper Sonne, Mond und sichtbare Planeten als Götter in allen Kulturen verehrt worden sein. Die "Personifizierung" dieser Götter zwecks Verehrung/Anbetung mit der Hoffnung auf Einflussnahme auf das Schicksal ist sicher kulturell unterschiedlich. Da Wetterphänomene, Erdbeben, Vulkanaus-brüche/Tsunamis und sogar Meteoritenniedergänge als Zeichen göttlichen Handelns verstanden wurden, beobachteten die Menschen die Himmelsvorgänge/Planetenbewegungen schon sehr lang. Die ältesten mir bekannten Versuche findet man in den Kreisgrabenanlagen, später mit Minimierung des Zeitaufwandes zur Herstellung von Beobachtungstafeln/ Anfertigung von Himmelskalendern in Form der Prunkäxte der Salzmünder Kultur als Lunations/ Venussynoden zählende Einritzungen und Goldhüten mit ähnlichen Punzierungen aus der Spätbronzezeit. Über die "Personifizierung" dieser Götter in unserem Kulturkreis ist leider nichts bekannt, außer die Übernahme der Götter aus mesopotamisch/ägyptisch/griechisch-römischen Vorbildern zu eine späteren Zeit. Möglicherweise hat sich aber eine Verehrung in Rindergestalt in dem häufigen Flurnamen "Kuhberg" erhalten.
    Mit den archäologischen Artefakten schlagen wir die ägyptische Kultur zeitlich jedoch deutlich - oder?
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt Interpretationen der Malereien von Lascaux als Wiedergabe des Sternenhimmels und ziemlich sicher einen altsteinzeitlichen Knochen, auf dem die Bewegung einer Mondphase mit Zu- und Abnahme dargestellt ist.

    Ich bezweifle eher, dass Kuhberg ein derart sprechender Name ist. Hier wären entsprechende namenkundliche Untersuchungen zu machen und zu schauen, wie weit man den Namen zurückverfolgen kann. Ich bezweifle aber, dass man weit über die Frühe Neuzeit hinwegkommen wird.
     
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Falls der Name überhaupt etwas mit der Kuh zu tun hat, würde ich eher vermuten, dass die Abhänge dieser Erhebungen (die für Felder wenig bis gar nicht geeignet waren) früher als Rinderweiden genutzt wurden, aber das ist jetzt nur eine Vermutung. Es gibt auch Gaisberge.
     
  9. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Neues Mitglied

    Die griechischen Götter zeugten doch halbgöttliche Mischwesen - entweder in dem sie sich mit Nicht-Menschen (Nereiden, Okeaniden, Gorgonen, etc.) oder aber in tierischer Gestalt mit Menschen paarten (Leda mit dem Schwan, z.B.).
    Halbmenschliche, halbtierische Wesen wie Pegasos, Minotauros, Harpyien, Mixoparthenos, etc. gibt es auch in der griechischen Mythologie zuhauf.
    Die einzelnen Göttern hatten oft ein Tier als Markenzeichen zugeordnet: Zeus - Stier, Athene - Eule, Poseidon - Fisch/Delfin, Äskulap - Schlange, etc.
    Tiersymbolik findet sich also auch in der griechischen Mythologie.
     

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