Apokalypse auf islamisch: Dābiq und Aʿmāq

Dieses Thema im Forum "Der Islam und die Welt der Araber" wurde erstellt von El Quijote, 21. Dezember 2016.



  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vielleicht sind dem einen oder anderen die Begriffe Dabiq und Amaq in den letzten Jahren mal untergekommen. Amaq (Aʿmāq) wird häufig als "IS-nahe Nachrichtenagentur" bezeichnet, ist aber de facto die Propagandabteilung, Dabiq (Dābiq) ein von dieser herausgegebenes Magazin. Die Namen beziehen sich auf Orte, welche in der Ḥadīṯensammlung Ṣaḥīḥ Muslim (Mitte des 9. Jhdts.)genannt werden. Hier, in der Tiefebene von Aʿmāq oder bei dem Dorf Dābiq, werden demnach die Byzantiner in das islamische Reich eindringen und damit das Ende der Welt einleiten. Eine Armee aus Muslimen wird sich ihnen entgegen stellen, davon ein Drittel fliehen, ein Drittel sterben und ein Drittel wird die Schlacht überstehen und Konstantinopel erobern. Während die Muslime dann ihre Beute verteilen, wird der Teufel ihnen sagen, dass der Daǧǧāl (auch eine Art Teufel, ich nehme an, dass der Begriff etymologisch irgendwie auf diabolos zurückgeht, allerdings wird das auch für Iblīs angenommen) ihren Platz in ihren Familien eingenommen habe und die Muslime werden sich wieder Richtung Heimat machen, dann aber kommt Jesus der Sohn der Maria vom Himmel herab und die Muslime zum Gebet anleiten. Der Feind Gottes (der Iblīs? der Daǧǧāl?) wird sich dann auflösen wie Salz in Wasser. Als Quelle dieser Weissagung Muḥammads gilt Abū Huraira, einer der Prophetengefährten. Sowohl er als auch die Sammlung, in der wir diesen Ḥadīṯ finden, gelten als vertrauenswürdig.

    Nun wird Muḥammad das Dorf Dābiq (Nordsyrien, nahe der türkischen Grenze) und die Tiefebene von Aʿmāq (türkische Zipfel, der an der Mittelmeerküste nach Syrien hineinragt) kaum gekannt haben. Was auch immer er prophezeite (wenn er denn etwas dergleichen prophezeite), er wird kaum diese Ortsnamen genannt haben, zu Lebzeiten Abū Hurairas (✝ um 680) allerdings befanden sich diese Gegenden bereits in islamischer Hand. Dennoch ist insbesondere Dābiq ja eher ein unbedeutendes Dorf. Wieso also wurden ausgerechnet dieses Dorf und diese Ebene als mögliche Erscheinungsorte der byzantinischen Armee genannt? Welche topographische Besonderheiten gibt es hier?
     
  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Grenzlage?
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur mittelbar. Wenn da ein wichtiger Pass wäre oder ähnliches. Aber ist nicht.
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich wollte darauf hinweisen, dass es an der Grenze zu Byzanz gelegen haben muss. Das dürfte dann auch den Zeitraum der Entstehung der Prophezeiung ergeben.

    Wenn jemand auf Mohammed bestehen möchte, mag der vielleicht auch an seine Kaufmannslehre denken. Führte nicht eine wichtige Straße dort entlang?
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Ebene von Amaq liegt natürlich als einigermaßen verkehrsgünstiger Weg zwischen Alexandretta/İskenderun, Antiochia/Antakya und Aleppo, mit einer Verbindung des Orontes nach Süden und dem Afrin nach Osten (ich weiß nicht genau, wie die Geographie beschaffen ist, ob man den Flusstälern durch den Fortsetzer des Antilibanon Richtung Norden folgen kann oder ob es andere wichtige Pässe gibt). Dass der ehemalige Fernhändler Muḥammad die Ebene von Aʿmāq benennen konnte, ist also denkbar.* Aber das Dorf Dābiq? Auch dass die Ebene von Aʿmāq durch Abū Huraira entsprechend der veränderten politischen Großwetterlage in den Jahrzehnten nach Muḥammads Tod oder meinetwegen auch erst duch den Kompilator der Sammlung Ṣaḥīḥ Muslim in den Ḥadīṯ interpoliert wurde, scheint mir grundsätzlich plausibel. Aber das Dorf Dābiq kann eigentlich nur jemand in die Überlieferung eingebracht haben, der eine Beziehung zu diesem hatte. Leider ist der Ṣaḥīḥ Muslim, obwohl die Sammlung als vertrauenswürdig gilt, nicht mit isnād versehen, so dass wir nicht sehen können ob nicht ein "Abū Kadib al-Dābiqī" (Vater der Lüge aus Dābiq) in der Überlieferungskette steckt.



    *Wobei mir im Kopf herumschwirrt, dass er nicht weiter nördlich als bis nach Damaskus gekommen sei, aber das können auch islamische Legenden sein.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dabiq muss strategisch "attraktiv" *** gewesen sein.

    al-Tabari, die Geschichte der Propheten und Könige, bringt in Band 24 die Kampagne von Sulayman ibn Abd al-Malik ab 715 bis zu seinem Tod 717.

    Demnach (S. 41) hat er in Dabiq sein Hauptquartier** aufgeschlagen, und dort geschworen, den Platz bis zur Einnahme Konstantinopels nicht zu verlassen (dieser 2. Versuch zur Einnahme K. scheiterte, Sul. ist dort begraben). Sulaymans Motivation soll nach Überlieferung gewesen sein, einer byzantinischen Invasion* an der Küste um Hims entgegen zu treten, und außerdem in Dabiq "close to the campaign" zu sein.

    Suliman Bashear: Apocalyptic and Other Materials on Early Muslim-Byzantine Wars: A Review of Arabic Sources
    Journal of the Royal Asiatic Society, 1991, S. 202

    Die Überlieferung weist einige Ähnlichkeit zur Hadith auf, mit der Ausnahme, dass K. nicht eingenommen wurde.

    * tatsächlich gab es einen präventiven Flottenangriff der Byzantiner gegen Lykien, um die islamische Flotte zu treffen und den Neubau und die Holzzufuhr abzuschneiden. Pryor, Jeffreys, Age of the Dromon, S. 31.

    ** etwa mittig zwischen den südlichen Provinzen und der Kampagne. Sulayman war wohl vorher Gouveneur von Filastin, siehe Karte:
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Jund_Filastin

    *** ebenso wie al-amaq, "die Täler" (zwischen Antioch/Isaurien und Germanikeia), Schauplatz so ziemlich aller Kampagnen und Raids zwischen 674/717, Ort eines byzantinische Ausfalls und Gegenangriffs, der 694 vernichtend geschlagen wurde. Die Bezeichnung für "Die Täler" stammt vom Chronist al-Baladhuri
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Al-Balādhurī

    Beide Örtlichkeiten sind also eng mit den Kampagnen 664/717 verbunden
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Dezember 2016
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    717 hat Abū Huraira (✝ um 680) nicht mehr gelebt.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Bezeichnung al-amaq ist quellenseitig erst später nachweisbar, und stammt aus dem 9. Jhdt und vom genannten Chronisten.

    Vor 674 waren das "[die Täler] bei Antiochia", bei "Antakhiya", laufend zwischen 646 und 669, ein Dauerbrenner. Dabiq taucht vor 715 nicht auf.
     
  9. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Der Ort Dabiq/Dabik ist recht alt: "In assyrischen Zeiten hieß er Dabigu, woraus im Griechischen Dabikon wurde. Er liegt am Rand der großen Ebene von Mardj Dabik, wo unter den Omajjaden und Abbassiden Truppen stationiert waren, bevor sie zu Operationen gegen byzantinisches Territorium ausgesandt wurden." [1]

    Die Ausgangsfrage wird aber durch die Topographie nicht beantwortet. Wie angedeutet, wird es wohl so sein, dass die realen militärischen Ereignisse später in das Narrativ "hinein interpoliert" wurden.

    Die frühen Muslime hatten den Wunsch, alle Territorien zu erobern, die vormals zum Römischen Reich gehörten; diese Vorstellung blieb als Zukunftstraum in der apokalytischen Literatur erhalten. [2] Beim bevorstehenden Endkampf war den Byzantinern eine Hauptrolle zugedacht, weil Byzanz zu jener Zeit die einzige ernstzunehmende Gegenmacht für das Kalifenreich war. "Es ist bekannt, dass sowohl die muslimischen wie die christlichen Apokalyptiker jener Zeit erwarteten, dass der römische Kaiser einen entscheidenden Gegenschlag führen [bzw. versuchen] könnte." [3]

    Was Konstantinopel betrifft, so dient dessen Eroberung in der muslimischen apokalytischen Tradition nicht der Errichtung eines irdischen Weltreiches, sondern verkündet die Ankunft des Dajjal [Daggal] und des Mahdi, d.h. dieser beiden Endzeit-Gestalten. [4]


    [1] Enyclopedia of Islam, Bd. 2 (1991), S. 72
    [2] David Cook, Understanding Jihad (2005), S. 24
    [3] Olof Heilo, Eastern Rome and the Rise of Islam. History and prophecy (2016), S. 58
    [4] S. 72
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das war mein Eindruck: die militärischen Ereignisse könnten die Interpretation bestimmt haben, und damit könnte man die Entstehung dieser Prophezeihung auf "irgendwann" in den 5 Dekaden 664/715 beziehen.

    Die geflügelte Ausdruck al-amaq, "die Täler" (zwischen Antioch/Isaurien und Germanikeia) kennzeichnet allerdings einen Brennpunkt der militärischen Konfrontationen mit "den Römern", der sich - eine nw-so verlaufende "Autobahn" der beiderseitigen Kampagnen zwischen Konstantinopel und Syrien - wohl erst mit dem Chronisten al-Baladhuri nachweisen lässt. Die anderen islamischen Quellen sprechen zu der 2. Hälfte des 7. Jhdts. von den Kämpfen "bei Antakhiya".

    Das Päärchen al-amaq und Dabiq kennzeichnet dabei im weitesten Sinne die beiden Endpunkte der "Autobahn" von Raids und Kampagnen. Ich würde sie durch eine imaginäre Linie nw-so verbunden sehen und so interpretieren, dass auf dieser Autobahn - geprägt von den militärischen Konfrontationen des 7. Jhdts - die Entscheidungsschlacht stattfindet.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nachgefügt der Hinweis auf die oben verwendete Literatur (neben Cambridge History of Islam, I sowie Age of Dromon etc.):

    Brooks, The Arabs in Asia Minor, 641-750, from Arabic Sources, in: JHS 1898, S. 182.
    ders., The Campaign of 716-718, from Arabic Sources, 1899, S. 19

    (digital verfügbar)
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Dezember 2016
  12. Erich

    Erich Neues Mitglied

    Es ist doch bekannt, dass in der arabischen Welt sowohl christliche wie auch jüdische Gemeinden bestanden. Auch der Koran, der sich auf entsprechende Überlieferungen bezieht, setzt eine breite Kenntnis der jeweiligen Texte und Überlieferungen voraus.
    Der Begriff "Amaq (Aʿmāq)" erinnert mich nun an "Armageddon" (von Ἁρμαγεδών Harmagedon) aus der Offenbarung des Johannes, inder wiederum der historische Schlachtenort Megiddo nachklingen dürfte.
    Hier könnte also eine alte Überlieferung aufgenommen worden sein.
     

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