"Apotheose der Gegenwart"

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von repression, 3. Dezember 2015.



  1. repression

    repression Neues Mitglied

    Hallo zusammen,

    ich bin auf der Suche nach Meinungen zu unten stehender Karikatur aus dem Jahr 1893. Sie wurde in 'Süddeutscher Postillon' veröffentlicht.
    Auf der Sense steht: 'Mit Gott für König und Vaterland.' - Also der preußische Wahlspruch seit 1813.
    Der lateinische Ausspruch in der Bildmitte: 'Morituri Te Salutant!' - Die Todgeweihten grüßen dich!

    Die Hauptperson in der Bildmitte ist eindeutig als Bismarck (mit der Emser Depesche in der rechten Hand) zu identifizieren, denkmalsgleich mit verschränkten Armen (evtl. Anspielung auf und letzlich Satire der Bismarck-Apotheose von 1890 von Ludwig Rudow).
    Rechts neben ihm ein Skelett mit gold-weißer preußischer Pickelhaube, (Wilhelm II.?), mit einer Sense in der Hand, auf welcher der preußische Wahlspruch zu finden ist. In der linken Hand ein Säbel.
    Im Hintergrund ein Flammeninferno und eine Skelettarmee mit typischer französischer Militärkopfbedeckung.

    Die ganze Komposition ist äußerst negativ konnotiert. Wird hier Bismarcks Außenpolitik bzw. Einigungskriege kritisiert (Stichwort: Emser Depesche)? Bismarck quasi in Zusammenarbeit mit der preußischen Inkarnation des Teufels und die todgeweihten französischen Soldaten von 1870/71, welche durch seine Politik ihr Leben verloren.

    Gibt es andere Ansichten dazu?

    Gruß
     

    Anhänge:

    1 Person gefällt das.
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wilhelm II. ist sicher nicht gemeint. Ich übersetze die Allegorie mal mit den verfremdeten Worten Paul Celans ins Deutsche des 19. Jhdts.: "Der Tod ist ein Meister aus Preußen."
     
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Im Großen und Ganzen würde ich deiner Interpretation zustimmen. Allerdings glaube ich, dass damit eher auf die Kriegsverluste der Badener, Württemberger und bayrischen Truppen angespielt wird, die Verluste im Deutsch-Französischen Krieg hatten und das Übergewicht Preußens im Deutschen Reich. Französische Verluste wird man in Süddeutschland weniger bedauert haben. Württemberg und Bayern waren eher großdeutsch-österreichisch eingestellt, nur das Großherzog Baden stand voll hinter der kleindeutschen Lösung. Am stärksten war die opposition im Königreich Bayern. Ludwig II. war sehr auf Souveränität bedacht und hatte sich diese von Wilhelm I. bestätigen lassen. Das deutsache Kaiserreich war proklamiert worden, ohne dass der Reichstag eine Verfassung beschließen konnte.

    Diese Karikatur fasst die Vorbehalte süddeutscher Länder gegen eine preußische Hegemonie ähnlich zusammen.
     

    Anhänge:

  4. Lafayette II.

    Lafayette II. Mitglied

    Ich hätte auch gesagt, dass es bedeutet, dass die Einigung Deutschlands eigentlich der Totengräber war und fälschlicherweise als Wohltat deklariert worden ist.
     
  5. repression

    repression Neues Mitglied

    Danke für die Antworten!

    Noch einmal zum Sortieren für mich. Preußen als der personifizierte Tod und entsprechend als Darstellung der Kritik an der Vorherrschaft Preußens im Deutschen Reich bzw. in Bezug auf die Reichsgründung.

    Wenn man die Skelettarmee im Hintergrund eher auf die Verluste süddeutscher Staaten anspielen soll, warum dann die französische Kopfbedeckung? Als Hinweis auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71?

    Kann man die Karikatur entsprechend als Kritik an Bismarcks gesamter Außenpolitik bis 1890 (und dementsprechend auch dem Bröckeln selbiger bis 1893) ansehen oder eher nur als Kritik an Bismarcks Bestreben hinsichtlich des o.g. Krieges (darum die Emser Depesche in der Hand)?
     
  6. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Vom Vergöttlichten und vom Schnitter und seinem Werk

    Was genau meinst du mit dieser Aussage? Beziehst du dich auf die Karikatur?


    Im Übrigen möchte ich der Interpretation der Skelettarmee in Richtung auf französische Gefallene - ganz wie Scorpio - widersprechen. Ich erkenne typisch süddeutsche Kopfbedeckungen. Besonders markant ist der Raupenhelm für die bayerische Armee. Hier ein Beispiel, das für badische Truppen steht.

    http://www.historischer-bilderdienst.de/images/u492-03.jpg

    Es gibt einige Gründe warum die süddeutschen Armeen recht hohe Verluste im Krieg gegen Frankreich hatten. Die bayerische Armee war nach dem verlorenen Krieg 1866 nach preußischem Vorbild reformiert worden. Grundlage dafür war die Heeresreform von 1868. Die Preußen waren 1866 mit dem überlegenen Zündnadelgewehr - einem Hinterlader - in den Krieg gezogen, die Bayern mit Vorderladern. Diese wurde im Rahmen der Heeresreform zunächst durch einen zum Hinterlader umgerüsteten Vorderlader ersetzt (Podewils-Gewehr)...
    Hessen, Baden und Württemberg hatten 1857 gemeinsam ein "Vereinsgewehr" genanntes Vorderladergewehr beschafft. Baden wurde nach dem Deutschen Krieg 1866 auf preußische Weise bewaffnet. Gegen Frankreich erlitt Baden erhebliche Verluste, als sie nach dem Fall von Straßburg in Innerfrankreich kämpften. In der späten Kriegsphase mussten die Deutschen gegen die durch den entschlossenen Politiker Léon Gambetta organisierten republikanischen "Massenheere" antreten, was zu sehr hohen Verlusten führte. Bei Nuits oder an der Lisaine waren die badischen Verluste sehr hoch!
    In der württembergischen Armee trug man eine Kopfbedeckung, die stark an das französische- oder österreichische Kèpi - oder Käppi erinnerte. Daher vielleicht die Verwechslung mit Franzosen in der besprochenen Karikatur?!

    Der französische Gegner begann den Krieg mit einer sehr modern ausgerüsteten, erfahrenen Armee. Nach der Niederlage des französischen Kaiserreichs waren die mobilisierten Heere weiterhin in der Regel modern ausgestattet, doch fehlte es an Kaderpersonal. Das vor dem Krieg neu eingeführte Chassepotgewehr war ein Hinterlader, der den preußischen Hinterladern in nahezu jeder Beziehung überlegen war. Es wurde in solchen Massen während des Krieges produziert, das selbst die überhastet formierten Neuaufstellungen damit ausgerüstet werden konnten! Das ermöglichte Frankreich nach den anfänglichen Niederlagen seine Verluste mehr als auszugleichen und die Kopfzahl der deutschen Armeen noch zu übertrumpfen!

    @Karikatur: Ich frage mich vor diesem Hintergrund, ob die Karikatur mehr die unbestreitbare Kriegspolitik Bismarcks geißelt, oder ob sie anklingen lässt, dass diese "heiligen Erfolge Bismarcks" (als Grundlage für seine "Vergöttlichung") nur durch "süddeutsches Blut" erkauft worden ist? Kurz gesagt: Da steigt der olle Bismarck zur "Vergöttlichung" auf, doch keiner schaut auf (unseren) Preis dafür! - Undank ist der Welten Lohn...

    Dass Preußen weiterhin negativ gesehen wird, ist an dem preußisch gekleideten "Schnitter" erkennbar. Preußen steht hier für Tod, nicht etwa für den Teufel, da bin ich mir sehr sicher!

    Die Karikatur ist m.E. unbedingt als eine Antwort auf Ludwig Rudow zu sehen. Ohne diese Verbindung kann sie nicht verstanden werden.
    Bismarck wird wieder ein "Sterblicher" vor dem Hintergrund all dieser Toten, die sein Werk erst ermöglicht haben...
     
    1 Person gefällt das.
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hm.... Ich sehe da auch Pickelhauben in der Masse der Geisterarmee. Von Uniformen habe ich wenig bis keine Ahnung.
     
  8. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Der "Raupenhelm" als "typisch bayrisch" war für mich der Aufhänger. Einige Details musste ich googeln.

    Baden war während der Revolutionsjahre 1848/49 ein Land, wo die republikanische Gesinnung sehr weit gekommen war. Deren Armee wurde infolge dieser "Unzuverlässigkeit" im Juli 1849 aufgelöst, da sie sich an Revolutionskämpfen beteiligt hatte - in aktivem Kampf auch gegen preußische Truppen. Nur ein einziges Battaillon entging der Auflösung, weil es "treu" geblieben war.

    Die neue Armee von Baden wurde unter preußischer Federführung gebildet. Einige Offiziere wurden gar zeitweilig nach Preußen zur "Umerziehung" verlegt. Friedrich I. war mit einer preußischen Prinzessin verheiratet... Die Uniformen dieser (neuen) Armee waren ebenfalls nach preußischem Vorbild gewählt worden (Pickelhauben!). Sie waren den Preußen so ähnlich, dass 1866 echte Verwechslungsgefahr mit diesen Gegnern bestand. Es heist, die Badener hätten darum Winteruniformen tragen müssen...

    Raupenhelm = Bayern
    Käppi = Württemberg
    Pickelhaupe - hier für Baden

    Ansonsten halte ich die Zeit um 1890 für so nationalistisch und vom Einigungstaumel beherrscht, dass ich an eine "anti-einigungs-stimmung" in der Karikatur nicht recht glauben mag.

    @Badener Armee 1848/49:
    Das Leben des Deutschamerikaners Carl Schurz ist für republikanische Gesinnung, den Badener Aufstand (oben erwähnt) bei gleichzeitiger Liebe zur deutschen Einigung ein gutes Beispiel. Schurz kämpfte in Baden gegen die fürstliche Reaktion, emigrierte in die USA, wurde gar Innenminister...
    Ein abenteuerliches Leben und ein Lichtblick für überzeugte republikanische Gesinnung in einer Zeit, als in Deutschland die Fürsten wieder triumphierten.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schurz

    Edit:
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/eine-deutsch-amerikanische-karriere-der-befreier-1.826649
    ...das mag erklären, warum ich nicht recht an eine Ablehnung der deutschen Einigung durch den Karikaturisten glauben mag

    Zum im Artikel erwähnten Spottlied:
    http://www.deutsche-revolution.de/revolution-1848-11.html

    ...und seinen dazu passenden Wurzeln
    http://www.von-fallersleben.de/deutschland-lied-54.html

    ...bis hin zum antifranzösischen Ursprung
    http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/B/Seiten/NikolausBecker.aspx
    ...mit dem unten erwähnten politischen Umfeld seiner Entstehung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Dezember 2015
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    @Einigungstaumel: Der Süddeutsche Postillion war eine beinahe schon marxistische Zeitschrift.
     

Diese Seite empfehlen