Auf welchen propagandistischen Effekt setzte die NSDAP in der Zeit des dritten Reiche

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Horst444, 21. September 2016.

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  1. Horst444

    Horst444 Gast

    Auf welchen propagandistischen Effekt setzte die NSDAP in der Zeit des dritten Reiches mit der Proklamation des totalen Führerprinzips?
     
  2. Tangbrand

    Tangbrand Neues Mitglied

    Der Führergedanke ist eng verbunden mit dem Gedanken von wechselseitiger Bestätigung der Bedürfnisse zwischen Führer und Masse. Die Masse kann im Führer seine Bedürfnisse befriedigen und der Führer erlangt seinerseits die Bestätigung der Masse, indem er ihren Beifall erhält. Zudem war das Volk damals vom totalitären System überzeut, da es sich in früheren Zeiten bewährt hatte und die vorherige Republik in ihren Augen gescheitert war.
     
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  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Totalitäre System in diesem Sinne gab es vorher noch nicht. Das Kaiserreich war kein totalitärer Staat. Die SU war einer und das faschistische Italien. Totalitarismus ist ein wenig mehr als eine Alleinherrschaft oder Autokratie. Totalitarismus durchdringt das Leben der Untertanen und versucht möglichst alle Lebensbereiche zu lenken und zu kontrollieren: Arbeit, Freizeit, Politik etc.
     
  4. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Die Formulierung »auf welchen propagandistischen Effekt setzte« ist etwas skurril. Es gibt nur zwei Effekte(›Folgen‹) von Propaganda, nämlich Annahme oder Ablehnung (unbeachtet bleiben wäre kein Effekt). Setzt Propaganda auf Ablehnung, ist sie subversiv, und erfolgt (meist) aus dem Hintergrund. Eine an die Macht gekommene Regierung betreibt Propaganda (fast) immer direkt, d.h. für die eigene Sache werbend.

    Gemeint ist wahrscheinlich das Mittel der Propaganda, worauf gesetzt werden kann. Direkte Propaganda, das Überzeugen von Menschen von der eigenen Sache, ist umso effektiver, je mehr es deren Urhebern gelingt, andere Informationsquellen auszuschalten, damit sich die Menschen nur einseitig informieren können. Dies ist umso einfacher durchzusetzen, je totalitärer eine Regierung ist. Die totalitäre Einmannregierung ist demnach prädestiniert, am effektivsten Propaganda zu betreiben.
     
  5. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Goebbels hatte schon vor der Machtergreifung den Propagandaapparat der NSDAP professionalisiert. Als Gauleiter in Berlin betrieb er seit 1926 eine skrupellose wie erfolgreiche Angriffspropaganda, dies Gestützt durch die SA. Als er 1930 in München zum Reichspropagandaleiter ernannt wurde, war dies der erst Schritt zur uneingeschränkten Propagandamacht Goebbel. Es fehlt nur noch seine Zuständigkeit für die Presse, Film und Rundfunk. Diese Kompetenzen bekam er erst mit der Machtergreifung. Goebbels wichtigster Trumpf war Hitler selber. Die Parteipropaganda unter der Federführung von Goebbels stellte Hitler als Führer, Erneuerer, Erwecker und Erlöser dar.

    Am 13. März 1933 wurde das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter der Führung von Goebbels gegründet. Die Effekte auf denen nun die staatliche Propaganda setzte, kann man am Beispiel des 1. Mai und der Reichsparteitage gut erkennen. Am 1. Mai 1933 wurde der internationale Kampftag der Arbeiterklasse kurzerhand zum Tat der nationalen Arbeit und zum Feiertag erhoben. Goebbels führte in Berlin Regie und Albert Speer entwarf die Festkulissen für die Kundgebung auf dem Tempelhofer Feld. Aufstellung und Aufmarsch der Berufsgruppen waren inszeniert und bis ins Detail geplant. Auch der grosse Auftritt Hitlers war bis ins Detail geplant. Er zog an diesem Abend das religiöse Register in seiner Rede, indem er den Segen des Höchsten erbat. Die Anleihen bei der kirchlichen Liturgie und Feierlichkeit gehörten zur NS-Propagandastrategie.

    Die Reichsparteitage enthielten viele Elemente mit ähnlicher Funktion. Fackelzug, Kongress, Sondertagungen, SA-Marsch, SA-Appell und Fahnenweihe, diese Elemente waren seit 1929 festgelegt. Bis 1938 kamen noch einige dazu. So wurde der Einzug Hitlers in die Kongresshalle oder des Festgeländes zu einem von Choral- und Marschmusik begleiteten Auftritts. Die Regelmässigen Totenehrungen erinnern an den Reliquienkult und der Auferstehungsverheissung. Dazu gab es pathetische Gelöbnisse oder biblische Phrasen von Glaube und Vorsehung. Der Führer von Gott eingesetzter "Monarch" = Gottesgnadentum.

    Die Propaganda hatte für die zweckmässige Stimmigkeit der Rahmenbedingungen zu sorgen. Das komplexe Ineinandergreifen von Festdekoration, Musik, Aufmarschzeremoniell, Formierungszwängen und Veranstaltungsdramaturgie sollte die emotionale Ergriffenheit und Glaubensbereitschaft erzeugen.

    Neben den inszenierten Grossveranstaltungen konnte die NS-Führung auf die Presse bauen. Denn diese war nicht mehr frei, sondern ein Teil der Propaganda. Sie diente als Herrschaftsmittel und Instrument der Staatsführung. Neben der Presse wurde der Rundfunk von Goebbels gesteuert. Die Abteilung III des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda nahm Einfluss auf Inhalt und Programm, die formale Gestaltung und die Zuweisung des Sendebereichs. Über den Rundfunk wurde die Weltanschauung der Nationalsozialisten verkündet.
     
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  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei die Presselandschaft (zumindest der Printanteil) von Medienmogul Hugenberg dominiert wurde, der Deutschnationaler war. Insofern gab es in weiten Teilen der Presse schon einige Teilgemeinsamkeiten mit dem, was die Nationalsozialisten verkündeten.

    Und er konnte sich sicher sein, dass der verhinderte Propagandist Hitler diese Funktion als äußerst wichtig ansah, wie die Passagen Hitlers in Mein Kampf über (von H. zumindest behauptete) Propagandaversäumnisse während des Ersten Weltkrieges zeigen.
     
  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die zentrale Prämisse für den Aufstieg und seine partielle Akzeptanz von Hitler ist, Extremisten können nur in Krisen ihre politischen Botschaften effektiv kommunizieren und auf Akzeptanz hoffen. Das kann man im Rahmen des „Uses and Gratification Approach“ erklären und die betroffene Bevölkerung glaubt dann die Inhalte, die sie individuell und kollektiv als wünschenswert ansieht. (vgl. Link zu den klassischen Arbeiten zu dem Thema)

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    Die relative Stabilisierung der Weimarer Republik in der Mitte der zwanziger Jahre war kein Zeitpunkt für eine erfolgreiche Destabilisierung der politischen Verhältnisse und bot keine erfolgversprechende Möglichkeit eines Putsches oder Staatsstreichs.

    Mit der Weltwirtschaftskrise nach 1929, die massiv die Ängste aus der Hyperinflation von 1923 erneut entfachte, wuchs die Angst vor einem weiteren kollektiven sozialen Abstieg vor allem in der Mittelschicht. Der eingeleitet worden ist durch die massive Umleitung von gesellschaftlichem Vermögen der wilhelminischen Gesellschaft in die Produktion von Kriegsgeräten. Sodass vor allem Teile der bürgerlichen Gesellschaft nach 1918 bereits durch den Verlust von gezeichneten Kriegsanleihen vom wirtschaftlichen Abstieg bedroht waren.

    In dieser Situation der späten zwanziger Jahre näherte sich die Inszenierung von Hitler als Führer und der zunehmend als bedrohlich empfundene Problemhaushalt der Weimarer Republik an. Seine symbolische Inszenierung im Rahmen der goebbelschen Propaganda (vgl. Beitrag von Ursi) als heroische Führerfigur im Rahmen der NS-Bewegung präsentierte Hitler als Übermensch (vgl. Herbst).

    Zu dieser Inszenierung gehörte auch die Heroisierung der Person von Hitler und der NS-Bewegung als „Erneuerer“ der deutschen – arischen – Gesellschaft insgesamt. Unterstützt durch die Heroisierung des deutschen Gründungsmythos in der Person des „Arminius“. Und es ist kein Zufall, dass es entsprechende Bilder von Hitler in Rüstungen gab, die auf dieser Analogie aufsetzte.

    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbermensch#Nationalsozialismus

    Es wäre aber zu trivial, die Verführung der Massen einfach durch das Anbieten eines „Führerkults“ und seiner Fähigkeit, die anstehenden Probleme zu lösen, zu erklären. Komplementär dazu war es notwendig, eine Politik der teils realen teils symbolischen Befriedung der Bedürfnisse der Massen anzubieten, also eine „kleinbürgerliche Idylle“ in Kombination mit Leistungen des Sozialstaats dem „Volksgenossen“ bereitzustellen.

    Dazu gehörte auch die propagandistisch überhöhte Inszenierung des Autobahnbaus, der Käfer von VW, der Volksempfänger, Kraft durch Freude etc. (vgl. dazu beispielsweise Pross, Edelmann & Müller) die als Modernisierungsstrategien einer sich neu formierenden post-absolutistischen kapitalistischen Gesellschaft verstanden werden konnten (vgl. Bavaj).

    Zu diesem Aspekt der auch deutlich machen soll, dass die NS-Wähler auch konkrete Erwartungen an die Verbesserung ihrer Lage durch Hitler hatten, kommt zunehmend auch das repressive Element in der Form der Gestapo etc. und der Ausschalltung alternativer, freier Informationsquellen.

    Von Mosse wurde dieser Prozess der Angleichung innerhalb der Gesellschaft und die Gleichschaltung von Meinungen als "Nationalisierung der Massen" bezeichnet. Die Inszenierung des Volkes im Rahmen von Massenveranstaltungen verstärkte den Druck aus einer "formierten Gesellschaft" auf die Gegner des NS-Regimes entweder sich anzupassen, in den Widerstand zu gehen, in die innere Emigration oder faktisch Deutschland zu verlassen.

    Insofern war der „propagandistische Effekt“ in der NS-Herrschaftspraxis ein komplexes Bündel an Maßnahmen, die mit „Zuckerbrot und Peitsche“ in Kombination mit dem Lernen im Rahmen der „klassischen Konditionierung“ durch Anreiz und Strafe, beschrieben werden kann.

    Bavaj, Riccardo (2003): Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung. München: Oldenbourg.
    Edelman, Murray (1976): Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns. Frankfurt: Campus-Verl.
    Herbst, Ludolf (2011): Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt, M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag
    Mosse, George L. (1993): Die Nationalisierung der Massen. Politische Symbolik und Massenbewegungen von den Befreiungskriegen bis zum Dritten Reich.Frankfurt/Main: Campus-Verlag
    Müller, Claus (1975): Politik und Kommunikation. Zur politischen Soziologie von Sprache Sozialisation und Legitimation. München: List
    Pross, Harry (1974): Politische Symbolik. Theorie und Praxis der öffentlichen Kommunikation. Stuttgart: W. Kohlhammer
    Ruggiero, Thomas E. (2000): Uses and Gratifications Theory in the 21st Century. In: Mass Communication and Society 3 (1), S. 3–37.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Februar 2017

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