Belgisch-Kongo / 10 Millionen

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von juli-kri, 14. September 2014.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Grundsätzlich ist das Abhacken der Hände eine jahrtausendealte Praxis, die nach dem Talionsprinzip als Strafe für Diebstahl ausgeübt wurde (Kodex des Hammurabi). Berühmt-berüchtigt ist Iulius Caesars Befehl im Jahr 52 BCE, 2000 keltischen Kriegern, die unter dem Kommando des Gallierführes Vercingetorix am achtjährigen Aufstand gegen die Römer teilgenommen hatten, beide Hände abhacken zu lassen, nachdem er sie begnadigt, also auf ihre Hinrichtung verzichtet hatte. Vermutlich hätten viele dieser Verstümmelten aber den Tod vorgezogen. Auch die Conquistadores griffen zu solchen Maßnahmen, um Indianer einzuschüchtern.

    Fotos von kongolesischen Opfern des sadistischen Königs Leopold II.:

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    Zuletzt bearbeitet: 28. Juni 2018
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ja sicher gab es in verschiedenen Kulturen sogenannte "spiegelnde Strafen" nach dem Talionsprinzip. Dem Dieb oder Eidbrecher wird die Hand abgehackt, dem Meineidigen die Zunge abgeschnitten.
    Die verhängte Strafe soll die Tat wiederspiegeln. Solche Verstümmelungsstrafen existieren heute noch in Saudiarabien. Normalerweise wurden aber bei solchen Verstümmelungsstrafen die abgehackten Gliedmaßen nicht aufbewahrt und wie Lebensmittel konserviert. Nicht die abgeschlagene Hand, sondern der Stummel soll die Tat wiederspiegeln.


    Von spiegelnden Strafen kann aber im Kongo nicht oder nur bedingt die Rede sein. Natürlich sollten durch solche Zwangsamputationen die Einheimischen eingeschüchtert werden, damit sie sich (noch) mehr Mühe gaben, die festgesetzten Kautschuk-Quoten zu erreichen. Dafür reichte aber ein Blick auf die fehlende Hand, den Stummel. Es bestand kein Anlass, keine Notwendigkeit, die abgehackten Hände aufzubewahren und wie für den Verzehr gedachte Lebensmittel zu konservieren. Diese Notwendigkeit ergab sich daraus, dass die weißen Offiziere ihren eigenen Soldaten nicht trauten. Die abgehackte Hand war als Beleg gedacht, dass tatsächlich auch 1 Patrone verschossen wurde und nicht etwa Patronen gehortet wurden, um sie für Aufstände und Meutereien zu verwenden. Nicht, um die indigene Bevölkerung einzuschüchtern, sondern um die
    eigenen Soldaten zu kontrollieren wurden massenhaft Hände gesammelt und konserviert wie Rauchfleisch.
    Das führte dann dazu, dass die Soldaten der Force Publique wenn sie mal jagten für jede verschossene Patrone einen Beleg vorweisen mussten und dann kurzerhand dem nächsten Kongolesen eine Hand abhackten. Es blieb natürlich nicht bei einer Hand, sondern es wurden körbeweise Hände gesammelt und über Feuer geräuchert, um die geforderten Belege für verschossene Patronen vorlegen zu können. Das war der Hintergrund dieses barbarischen, makabren Brauchs.
    Der erwähnte Reverend William Sheppard der Stanleys Vorträge gehört hatte, reiste als Missionar in den Kongo und beobachtete Soldaten der Force publique wie sie ganze Körbe von abgeschlagenen Händen räucherten, um sie zu konservieren.

    Zwangsamputationen als Strafen gab es natürlich schon vorher (und nachher) in verschiedenen Kulturen, körbeweise aber abgehackte Gliedmaßen aufzubewahren und wie Lebensmittel
    zu räuchern- das war doch ziemlich neu und unerhört.

    Dieser Brauch war nicht etwa irgendeine skurrile afrikanische Marotte von "Wilden" oder "Kannibalen"-nein, es war ein Kulturimport von Europäern, die vorgaben, den Afrikanern aus philanthropischen Motiven die Zivilisation zu bringen, die Sklaverei zu bekämpfen und die Afrikaner an den Vorteilen der Zivilisation des 19. Jahrhunderts teilhaben zu lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. Juni 2018
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Vielleicht noch ein paar Informationen zu Henry M. Stanley. Er war eine merkwürdige Persönlichkeit, selten hat ein Reporter eine ähnliche Karriere gemacht. Geboren wurde er 1841 als John Rowlands als unehelicher Sohn eines Dienstmädchens. Seine Mutter ließ ihn bei ihrem Vater, als dieser starb, kam er in das Waisenhaus/Workhaus St. Asaph, wo er wegen guter schulischer Leistungen vom zuständigen Bischof eine Bibel bekam. Von dort riss er aus und verdingte sich als Schiffsjunge auf einem Kauffahrteifahrer, der nach New Orleans segelte. Er riss wegen schlechter Behandlung in New Orleans aus und bekam einen Job als Verkäufer in einem Kaufhaus. Der Eigentümer, ein Mr. Stanley förderte ihn und adoptierte ihn. So berichtet jedenfalls Stanley, was aber nach neueren Informationen angezweifelt werden kann. Er trat in die konföderierte Armee ein in ein Arkansas Regiment. In Kriegsgefangenschaft wechselte er die Fronten und in die Unionsarmee, wo er Kriegsberichter wurde.

    Der Chef des New York Herold Gordon Bennet jr. machte ihn zum rasenden Reporter er begleitete die Indianerkriege und bereiste Europa und den nahen Osten. Als Kriegsberichterstatter nahm er am Feldzug der Briten gegen den Negus Theodor von Äthiopien und an einem Feldzug gegen die Ashanti teil. Mysteriöser Weise erschienen seine Depeschen immer als erste. Das lag daran, dass er den Posthalter bestach, wie er freimütig zugab. An der Einweihung des Suezkanals war er anwesend. Berühmt wurde er, als er im Auftrag Bennetts den seit langem verschollenen Afrikaforscher David Livingstone fand. Diesen begrüßte er mit den worten "Dr. Livingstone, I presume", was in den USA zum geflügelten Wort wurde. In einer Expedition die vom New York Herald und vom Daily Telegraph finanziert wurde, durchquerte er als erster Europäer Afrika von Sansibar bis zur Kongomündung, wobei er den Victoriasee kartographierte und das Geheimnis des Lualaba lüftete. Es handelte sich um den Oberlauf des Kongo. Nebenbei betätigte sich Stanley sogar als Missionar und bekehrte den König von Uganda Mtesa Kabaka zum Christentum über. Stanley erfand dabei kurzerhand ein 11. Gebot "Du sollst immer deinem König gehorchen" und bekämpfte Stämme, die Streit mit Mtesa hatten.

    Nach dieser Expedition nahm ihn Leopold II. in seine Dienste, der schon mehrmals mit Kolonialprojekten gescheitert war. Er erschloss ein riesiges Gebiet und war Teilnehmer der Kongo Konferenz bei der Leopolds II. Privatkolonie als Staat anerkannt wurde. Stanley hat wie nur wenige Forscher dazu beigetragen, das innere Afrikas zu entdecken und zu kartographieren. Er war ein Autodidakt und ein sehr vielseitiger Mensch mit vielen Talenten Seine Reiseberichte sind sehr gut lesbar er verfügte über einen sehr guten Stil. Die Karten, die er entwarf waren sehr professionell. Menschlich war er ein sehr schwieriger Charakter. Obwohl er sehr viel für die Entdeckung und Kartographierung Afrikas leistete, war ihm Afrika gründlich verhasst. Er hatte ein schlechtes Verhältnis zu weißen Mitarbeitern, war aber bereit ihm ergebenen Schwarzen verantwortungsvolle Posten anzuvertrauen und rassistische Vorurteile zu überwinden. Allerdings war er auch hart, unnachgiebig und rücksichtslos. In seinen Büchern verband er die Fähigkeiten eines Geographen und wie er afrikanische Völker beschrieb, erinnert fast an einen modernen Ethnologen. Die verdiente Anerkennung für seine Bücher blieb nicht aus. Er konnte ebenso spannend wie stilistisch brilliant schreiben. Theodor Fontane schätzte seine Bücher sehr. Obwohl er, was sicher nicht selbstverständlich war, rassistische Klischees in Frage stellte, hatte er letztlich für die Afrikaner ebenso wenig Sympathie wie für Afrika. Seine Bücher heißen durch den dunklen Kontinent, Im dunkelsten Afrika. Der Kontrast zu David Livingstone konnte nicht größer sein.
    Livingstone, ein schottischer Arzt und Theologe liebte Afrika und die Afrikaner. Sein anliegen war, die Sklaverei abzuschaffen, weniger Afrika zu erschließen. Lieber ließ er sich ausrauben und bestehlen, als auf Menschen zu schießen. Stanley zog immer mit einer generalstabsmäßig ausgerüsteten Expedition los, wer sich ihm in den Weg stellte, ließ er erschießen. Er hatte 32 Kämpfe mit Eingeborenen allein auf der 2. Expedition bei der er Afrika durchquerte. Nach dem >Mahdi Aufstand zog er noch einmal nach Afrika, um den Gouverneur von Äquatoria zu retten, Emin Pascha, der durch den Mahdiaufstand völlig abgeschnitten war. Emin Pascha war eigentlich ein deutscher Arztjüdischen Glaubens, der in die Dienste des Khediven trat und zum Islam konvertierte. Bei derEmin Pascha Expedition erkundete Stanley das Tuvenzori Gebirge und löste das Geheimnis der Nilquellen Wer da wen gerettet hatte, ist fraglich. Emin Pascha empfing Stanley in makellos weißem Tropendress und schenkte ihm als erstes ein paar neue Stiefel. Zu Stanleys Unwillen begleitete Emin Pascha nicht nach Sansibar, sondern trat in deutsche Dienste. 1890 wurde Emin Pascha in Deutsch-Ostafrika von arabischen Sklavenjägern ermordet. Stanley ging nach England zurück, heiratete eine weibliche Bewunderin und engagierte sich in der Politik. Als abgeordneter für die Liberalen zog er ins Parlament ein. 1904 ist er gestorben.
    seinen guten Ruf konnte er bewahren, als Leopold und der Kongofreistaat ins Gerede kam, war er schon Privatmann bzw. tot.
     
  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

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    Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2018
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Der Cinquantenaire, der Jubelpark der 1880 anlässlich des 50 jährigen Bestehens des unabhängigen Belgiens angelegt wurde, trägt heute noch Leopolds Handschrift. Die Gelder, die für die Ausschmückung des Ensembles aufgewendet wurden, stammten aus dem Kongo. Leopold ließ sich als Wohltäter Belgiens feiern. Auch das Königliche Museum Zentralafrikas Koningklijk Museum voor Midden-Afrika, Musee Royale de l´Afrique-central, früher Museum van Belgisch Congo wurde von Leopold persönlich gegründet, der auch die Konzeption der musealen Präsentation vorgab. Der Bau war eine Hommage an Leopold und folgte der Legende des wohltätigen, philanthropischen Leopold. Erst 2012 wurde die museale Konzeption vollständig überarbeitet, und die auch als Forschungseinrichtrung tätige Stiftung erkennt heute die Kongogreuel als Tatsache an. Das Museum liegt etwas außerhalb Brüssels in Tervuren, und ein Besuch des Museums, in dem Dauerausstellungen an die Geschichte des Kongo erinnern ist durchaus lohnenswert. Elikia M´Bokulo, ein kongolesischer Historiker, der vor einigen Jahren, vor der Umgestaltung, anlässlich der ausgezeichneten Dokumentation White King, Red Rubber, Black Death besuchte, fand den Bau und die Aussagen allerdings schwer erträglich. In der Doku erinnert sich M´Bokulo wie Leopolds Standbild nach der Unabhängigkeit von Studenten in Kinshasa früher Leopoldville gestürzt wurde. Er sagte, es habe einen bedrückenden Eindruck gemacht, so als ob jeder Passant die Exkremente von Leopolds Pferd hätte inhalieren müssen. Leopolds Statue und die von Stanley liegen heute in einem Hinterhof.

    Nicht nur in Brüssel, sondern auch in Ostende, dem Leopold II. er seine heute noch beeindruckende Gestalt gegeben hat, sitzt Leopold noch heute hoch auf steinernem Ross. Es wurden nach dem Vorbild des englischen Seebads Brighton Kolonaden und Galerien im venezianischen Stil angelegt, die mit dem feinsten Marmor geschmückt wurden. Dazu ließ Leopold eine Galopprennbahn und einen Golfplatz anlegen und baute einen Palast für sich selbst und ein Spielkasino, in dem sich bald Angehörige des europäischen Hoch- und Geldadels ein Stelldichein gaben. Nahe der Strandpromenade steht heute noch das wuchtiges Reiterstandbild Leopolds. Der Besucher ist genötigt, aus einer Froschperspektive zu Leopold aufzuschauen. Der belgische Historiker Dirk Beirens, der Stadtführungen in Ostende organisiert, räumte in der genannten Doku ein, dass er sich in seinen Ausführungen sehr zurückhält, wenn er merkt, dass sein Publikum aus fanatischen Nationalisten und Monarchisten besteht, die von Kongogräueln nichts wissen wollen.
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Unfassbar. So ein Monster wird noch mit Denkmälern geehrt. Hat Belgien eigentlich den Kongo für diese grauenhaften Verbrechen jemals entschädigt?
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Denkmäler wurden zu einer Zeit errichtet, als noch alle Schulkinder in Belgien lernten, dass Leopold II. ein Philanthrop war, der den Afrikanern die Segnungen der Zivilisation und das Christentum gebracht habe. Diese Geschichtsdeutung ist sehr zählebig. Der belgische Historiker Dirk Beirens, der in Ostende Stadtführungen macht, einem Seebad, dem Leopold II. seine Gestalt gab mit Kolonaden, einem Golfplatz und einem Palast, räumte noch vor wenigen Jahren ein, dass er, wenn er merkt, dass unter seinen Zuhörern mehrheitlich fanatische Monarchisten sind, die Kongogreuel kaum erwähnt, da diese Menschen das einfach nicht hören wollen. Beirens, der mehrere Bücher über die Geschichte des Kongo verfasste, teilte mit, dass, wenn er in Archiven und Bibliotheken Dokumente und Archivalien auslieh, Seiten fehlten, geschwärzt wurden oder nicht herausgegeben wurden, obwohl er sich versichert hatte, dass diese Werke im Bestand waren.

    Beirens den ich auch keineswegs als Opportunisten oder ängstlichen Menschen einschätzen würde, sagte, dass solche offensichtlichen Behinderungen noch nicht die Spitze waren, dass er anonyme Drohungen erhielt.

    Die Kolonialisierung des Kongo und die belgische Kolonialvergangenheit ist ein überaus heikles Thema in Belgien, erst seit wenigen Jahren findet ein Umdenken statt. Wie ich schon sagte, schloss das Königliche Museum für Zentralafrika, eine Gründung Leopolds 2012 und nahm eine radikale Neuausrichtung vor, da man sich der Ansicht Adam Hochschilds angeschlossen habe, dass das, was sich im Kongo ereignete Völkermord war. Der Leiter des Museums drückte sich diplomatischer aus. Auch die Verwicklung des belgischen Königshauses in die Ermordung Patrice Lumumbas ist ein sehr heikles Thema. Ich halte es ehrlich gesagt für eher unwahrscheinlich, dass der belgische Staat offiziell den Völkermord irgendwann einräumt, Entschädigungszahlungen sind meines Wissens nie geschehen. Belgien sträubt sich aus ähnlichen Gründen wie die Bundesrepublik Entschädigungszahlungen an Namibia ablehnend gegenüber steht, da damit ein Präzedenzfall geschaffen wird und man Entschädigungszahlungen in astronomischer Höhe befürchtet.

    Das Thema ist und bleibt sehr heikel, viele, sonst durchaus aufgeschlossene Belgier reagieren vehement, oft regelrecht aggressiv. Manchmal fühlte ich mich an die Vehemenz erinnert, mit der viele Türken bei Erwähnung der Armenier-Massaker reagieren. Belgier, die für eine schonungslose Aufarbeitung eintreten, geraten leicht in Isolation, und ihnen wird vorgeworfen, Nestbeschmutzer zu sein, die das Ansehen ihres Landes schädigen.
    Auf Dauer glaube ich schon, dass eine Neubewertung der belgischen Kolonialgeschichte nicht aufzuhalten ist, aber da werden noch einige Jahre ins Land gehen. An Entschädigungszahlungen glaube ich allerdings nicht. Wie gesagt, ein sehr heikles Thema in unserem Nachbarland.
     
    Carolus und Turgot gefällt das.
  8. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Herzlichen Dank für diese ausführliche Antwort.
     

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