Byzantion Byzanz Konstaninopolis Konstantinopel Istanbul

Dieses Thema im Forum "Ausstellungen | Historische Sehenswürdigkeiten" wurde erstellt von alenga, 7. Mai 2005.

  1. alenga

    alenga Neues Mitglied


    Eine Stadt, viele Namen und eine ca. 2500 Jahre alte Geschichte. Mich interessieren antike Mythen, die in dieser Stadt verborgen sind. Einiges, was ich bereits entdeckt habe:

    (1) Mythischer Stadtgründer: Gegründet wurde Byzantion dem Mythos nach etwa 660 vor Christus von dem sagenehaften Byzas. Nach Strabon sollen Megarer unter seiner Leitung auf Geheiß des Orakels von Delphi die "Stadt der Blinden" gesucht haben, um sich ihr gegenüber anzusiedeln. Sie fanden diese in der Stadt Kalchedon (heute: Kadiköy), desen Einwohner so blind waren, die günstigen Möglichkeiten des gegenüberliegenden Ufers nicht zu erkennen.

    (2) Mythische Säulen: In der Hagia Spohia befindet sich eine "schwitzende Säule". Sie ist porös und saugt Wasser aus der darunter liegenden Zisterne. Sie zu berühren sollte heilkräftige Wirkung bei Augenleiden und Impotenz (seltsamer Zusammenhang) haben. Acht Verdeantico-Säulen aus grünem Mamor stammen angeblich aus dem Artemis-Tempel in Ephesos - eines der sieben Weltwunder, an das heute in Ephesos selbst nur eine einzige aufgerichtetet Säule erinnert. Zwei Porphyrsäulen sollen aus dem Jupitertempel von Baalbek im Libanon stammen.

    (3) Mythos Mohamed: Im Topkapi Palast kann man den angeblichen Mantel des Propheten bestaunen und eine heilige Fahne, die stets bei Feldzügen gegen die ungläubigen mitgeführt wurde. zudem: das Sprichwörtliche "Barthaar des Propheten", sein Schwert und Siegel, sogar sein Fußabdruck und einer seiner Zähne.

    (4) Der legendäre Alexander-Sarkophag aus einer Nekorpole der alten phönikischen Hafenstadt Sidon. Wer hat sich in den mit Alexanders heldentaten geschmückten Steinsarg bestatten lassen?

    (5) Die Blaue Moschee: Sultan Ahmet I. (1603-1617) stellte den Hofarchitekten Mehmet Aga die Aufgabe, eine neue Hauptmoschee zu schaffen, die in größe und Ausstattung die alte (ja ursprünglich christliche) Hagia Sophia übertreffen sollte. Aga war ein Schüler des größten osmanischen Baummeisters Sinan. Sulatn Ahmet legte 1609 selbst den grundstein und schlug sogar sein lager direkt neben der Baustelle auf, um die Arbeiten besser überwachen zu könnnen. Es schien so, als würde er ahnen, dass ihm selbst nicht viel Zeit blieb, denn kurz nach der feierlichen Einweihung im jahre 1617 starb er bereits. Einer Legende nach soll Ahmet I. vier goldene Mniarette für seine Moschee gefordert haben. Da jedoch das Budget dafür niemals gereicht hätte, behalf sich Aga mit dem Gleichklang der Worte "altin" (=golden) und alti (=sechs) und errichtete statt der vier goldenen sechs steinerne Minarette. Dies blieb nicht folgenlos, denn eskam zu Protesten aus Mekka, wo die Kaaba-Moschee zuvor als einzige über sechs Minarette verfügte. So musste der Sultan dort noch einen siebten Turm stiften.

    Ich freue mich über weiter mythische Hinweise aus dieser magischen Stadt.
     
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  2. alenga

    alenga Neues Mitglied

    Byzanz und der Mond

    340 v.Chr. wurde Byzanz von Philipp II. angegriffen. Aber vergeblich, denn angeblich warnte der plötzlich hinter den Wolken hervortretende Mond die Byzantiner vor seiner nächtlichen Attacke. Deshalb soll der Halbmond als Stadtsymbol gewählt worden sein. Und der Schutz des Mondes wirkte wohl noch einige Jahre nach, denn selbst unter dem umtriebigen und mehr als erfolgreichen Feldherrn Alexander der Großen, Philipps Sohn, und auch unter Alexanders Nachfolgern, den Diadochen blieb die strategisch so günstig liegende Stadt unabhängig.

    Um noch ein wenig Mythisches "hinein zu interpretieren": Wurde die Stadtgründung nicht durch das delphische Orakel, also durch Apollon beeinflusst? Und wird seine Zwillingsschwester Artemis nicht auch als Mondgöttin bezeichnet? Also eine Zusammenarbeit des olympischen Zwillingspaares?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. Mai 2005
  3. alenga

    alenga Neues Mitglied


    Die Konstantinsäule in Istanbul

    Kaiser Konstantin ließ sie im Jahre 328 aus dem Apollon-Tempel in Rom nach Konstantinopel verbringen. Sie war damals mehr als 50 Meter hoch, bestand aus 7 Säulentrommeln und trug ein Standbild des Kaisers in Gestalt des lichten Apollons. Im Fundament der Säule soll Konstantin heidnische und christliche Reliquien selbst vermauert haben:

    Das Palladium aus Troja, das hölzerne Bild der Athena welches Aeneas nach Rom mitbrachte und heute als verschollen gilt;

    die Axt Noahs, mit der er seine Arche zimmerte;

    der Wasser spendende Stein Moses’;

    die zwölf Körbe und Brotreste von der Speisung der Fünftausend.



    Zahlreiche Brände beschädigten in den folgenden Jahrhunderten die Säule, so dass sie zur Sicherung schon früh mit Eisenringen unspannt wurde. Daher stammt auch die heutige Bezeichnung der Säule als Cemberlitas (bereifter Stein).



    Bei einem schweren Unwetter im Jahre 1105 stürzte die Konstantinstatue mit den drei oberen Sääulentrommeln herab. Dabei wurden sogar zahlreiche Menschen erschlagen. Ob man die Trommelzahl mal zahlenmythisch deuten sollte? Erst waren es sieben, dann vielen drei herab, übrig blieben also vier. Was das wohl zu bedeuten hat? *lach*
     
  4. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    Und am Platz der Konstantinssäule ist das berühmte Cemberlitas-Hammam, das älteste türkische Bad der Stadt. Hier kann man richtig eintauchen in die uralte Badekultur der Metropole. Unter den gewaltigen Kuppeln Sinans kann man herrlich relaxen, umgeben vom Rauschen unzähliger Marmorbrunnen.

    Das Hammam gehört auf jeden Fall zu den Mythen dieser herrlichen Stadt - und wer nach Istanbul reist darf sich einen Besuch im Cemberlitas nicht entgehen lassen.

    (und anschliessend auf eine Wasserpfeife in den Hof der alten Bazar-Medressa)
     
  5. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Und der "goldene Apfel" ist auf sieben Hügeln erbaut! Wie Rom!
    Also ist Istanbul nicht nur politischer NAchfolger Roms sondern auch geographischer!:cool:
     
  6. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Goldener Apfel, weil bis zur Eroberung Konstantinopels die Stadt als "Kizil Elma" (türk.: goldener APfel) galt, welche es zu pflücken galt. Diese Metapher wurde dann auch auf andere Städte übertragen. Süleyman, der Gesetzgebende übertrug diese Metapher auf Wien!:winke:
     
  7. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Merhaba, du Badender. :)

    Also Sinan hat dieses Hamam vermutlich nicht gebaut, da es nicht in den Baulisten erwähnt wird. Und dort sind immerhin 48 türkische Bäder erwähnt. Also wohl eher ein Schüler des Meisters als Architekt anzunehmen.

    Komischerweise erzählen sie auf deren Website Cemberlitas Hamami, dass es in einer Bauliste von Sinan Erwähnung findet. Ich habe diese vorliegen, finde aber keinen Eintrag. Ich nehme an, die Leutchen haben da was verwechselt, oder ich bin blind...

    Ausserdem ist es nicht das älteste Hamam der Stadt, da kenne ich älterere.
    Z.B.:
    Aya Sofya Hamami/Haseki Hürrem Hamami 1557
    Cinili Hamami 1545
    Gedik Ahmet Pascha Hamami 1475
    Mahmut Pascha Hamami 1467
    Mustafa Pascha Hamami vor 1512
    Tahtakale Hamami 15. Jh.


    So, noch eine kleine Geschichte:

    Sultan Süleyman Moschee:

    Grundrisse:
    Sinan'a Saygý

    Diese Moschee hat 4 Gebetstürme/Minarette mit insgesamt 10 Balkonen für den Gebetsruf (zweimal 2 und zweimal 3) und dieses soll laut Tradition symbolisieren, dass Sultan Süleyman der 10. Sultan aus dem Hause Osman sei, und der 4. in Istanbul.

    Süleyman ist die arab.-türkische Form von Salomon.
    "Oh Salomon, ich habe dich übertroffen!" soll Kaiser Justinian beim Anblick seiner fertigen Hagia Sophia 537 gejubelt haben.
    Sultan Süleyman ließ den Felsendom auf dem salomonischen Tempel in Jerusalem neu ausschmücken (z.B. die blauen Fliesen->heut z.T. im Museum).
    Beide hatten starke Frauen zur Seite, denen beide politischen Einfluß gewährten, beide waren große Bauherren, beide große Gesetzgeber, fast genau 1000 Jahre trennten beider Regierungszeit...

    Über ihn schrieb Evliya Çelebi:
    "Während der sechsundvierzig Jahre seiner Herrschaft machte er sich die Welt untertan und achtzehn Herrscher tributpfichtig. Ordnung und Recht stellte er in seinen Landen her, durchzog als Sieger die sieben Weltgegenden, mehrte die Schönheit der von ihm mit der Waffe eroberten Gebiete und hatte Erfolg in allem, was er unternahm."

    Bausumme der Sultan Süleyman Moschee waren ungeheure 760000 Dukaten. Bauzeit unter 7 Jahren! Ausführung meistens durch freie Handwerker aus vielen Teilen des Imperiums, darunter zahlreiche Griechen und Armenier. Janitscharenrekruten etwa zu 40% beteiligt, Sklaven als Hilfsarbeiter unter 5%.

    Kostbarer kaiserlicher Porphyr schmückt den Eingang durch zwei antike Säulenspolien dieses Steines. Den Boden im Hof bedeckt eine riesige Pophyrscheibe umgeben von vier kleinen Scheiben, vielleicht eine Anspielung auf den Sultan und die vier Reichssäulen.

    Es gibt auch Geschichten, nachdem der Rauchabzug sehr ausgeklügelt konstruiert wurde: Neider sahen Sinan auf dem Boden sitzend ne Pfeife rauchen, und wurden wütend beim Sultan vorstellig, er faulenze in der Moschee herum, worauf der Sultan ihn dann zur Räson bringen wollte, daraufhin stellte Sinan anhand des perfekten Rauchabzuges seine Raffinesse vor, usw. Ich kriege die Geschichte nicht mehr korrekt hin, ebenso wenig wie die Sache, dass die Moschee zwecks Erdbebensicherheit an wichtigen statischen Punkten auf Tonkrüge lagere, oder so ähnlich... das überlasse ich anderen...

    Näheres erfährt man hier:
    Süleymaniye Complex

    und besonders zur Interpretation und Deutung dieses hier lesen:

    The Süleymaniye Complex in Istanbul: An Interpretation

    Weitermachen... :winke:

    PS: Lesetipp:
    Sauermost, von der Mülbe: Istanbuler Moscheen.
    John Freely: Istanbul. Prestel Verlag.
     
  8. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    So, ich kann euch noch die Mühe ersparen, diesen Artikel The Süleymaniye Complex in Istanbul: An Interpretation durchzulesen, indem ich mythische und reale Interpretationen und Stories zur Sultan Süleyman Moschee zusammenfasse:

    Wie oben schon angeklungen, besteht die Süleymaniye nicht nur aus Moschee, sondern auch aus zahlreichen umliegenden und wohlkomponierten Bauten, die insgesamt den Moscheekomplex (külliye) ausmachen:
    • Mausoleen des Sultans und seiner Frau Roxelane/Haseki Hürrem (türbe)
    • Astronomisches Observatorium (muvakkithane)
    • Fortgeschrittene Schule der überlieferten Prophetenworte/Hadith (dar-ül hadis)
    • öffentliches türk. Bad (hamam)
    • Aspirantenschule (mülazimler medresesi)
    • Vier öffentliche Universitäten (medrese)
    • Medizinische Fakultät (tıp medresesi)
    • Krankenhaus (dar-üş şifa)
    • Koranschule (dar-ül kura)
    • Grundschule (sibyan mektep)
    • Armenküche (imaret)
    • Karawanserei/Hospiz (tabhane)
    • Wasserverteilstation (taksim)
    • Mausoleum vom Architekten Sinan
    • Friedhof
    • Haus der Friedhofswärter (türbedar oda)
    • Brunnen
    • Residenz des Janitscharen Ağas
    Fotos und Pläne von der Moschee-Stiftung kann man gut hier sehen:
    Süleymaniye Complex, Istanbul, Turkey
    ausserdem hier hunderte Fotos:
    Süleymaniye Camii

    Nun verstanden sich die osmanischen Sultane zunehmend als Verteidiger des orthodoxen sunnitischen Islams, gegen die teilweise heterodoxen Sufi-Orden, weswegen dieses auch in der Anordnung der Theologischen Fakultäten achsial eng an der Moschee zum Ausdruck kommt.
    Der wachsende Einfluss der Ulema (Geistliche Gelehrte) wird in der Anzahl der theologischen Universitäten deutlich.
    Bezeichnete sich Mehmed II., der Eroberer, noch als Nachfolger der römischen Kaiser als Sultan-i Rum (Rum=Rom), so verschiebt sich die Legitimation des Sultans nach Einnahme der arabischen Kernlanden durch Süleymans Vater und Übernahme des Kalifentitels hin zum mehr islamischen Herrscher und der Bezeichnung Padischah-i Islam.

    Diese imperiale Moschee als Ausdruck der Macht wurde natürlich auch wöchentlich vom Sultan besucht, und wurde so beschrieben:

    Das Pferd des Sultans wurde einen Tag zuvor in die Luft aufgehängt und bekam kein Futter, damit es am Tag der Prozession zur Moschee gemessen, ehrwürdig und "staatstragend" ritt.
    7000 Janitscharen schritten vor dem Sultan in perfekter Disziplin voran. Bewaffnet mit türkischem Bogen, damaszierende Pfeile und vergoldeten Köcher. Sie waren absolut still. Danach kamen alle Würdenträger in Prachtkleidung, nach Rang geordnet, dann kam der Sultan, mit einem Prachtgewand, dass einem nichts mehr einfällt (wie der Autor schreibt ;)), und einem Pferd, welches mit orientalischen Perlen behängt ist, danach kommen alle, die vor ihm reiten in umgekehrter Reihenfolge nach, also zum Schluss nochmals 7000 Janitscharen. Gesäumt wird die Strasse von unzähligen Menschen aller Herren Länder, jedoch hört man einzig nur das Hufklappern und könnte denken, die Stadt sei ausgestorben, so ruhig ist es.
    Wenn der Sultan die Zuschauer passiert, zeigen diese ihren Respekt, indem sie sich verneigen, und der Sultan ebenso mal nach rechts, mal nach links der Bevölkerung zunickt.
    Nach dem Gebet verteilt Süleyman dann Almosen an die Bedürftigen und es geht wieder in den Palast zurück, wie er gekommen ist.


    Kuppeln und untergeordnete Halbkuppeln seien Zwillinge der himmlichen Umlaufbahnen. "Die Erde fordert den Himmel heraus mit Kuppeln, die sogar höher wie das Paradies sind." Der plätschernde Marmor-Brunnen im Innenhof sei eine Reminiszenz an "Kawthar", der Fluss im Paradies. Aber auch die gesamte Moschee wird als ein Symbol des Paradieses angesehen, welches auch in vorzüglichsten Kalligraphien betont wird.
    Das Licht, welches verschwenderisch in die Moschee einfällt, hat auch hohe symbolische Bedeutung (wie meistens in osmanischen Bauten), gefördert durch Steinglasfenster, die mit Kalligraphien verziert sind, so z.B. mit dem Lichtvers aus dem Koran:

    "Gott ist das Licht von Himmel und Erde. Sein Licht ist einer Nische (oder: einem Fenster?) zu vergleichen, mit einer Lampe darin. Die Lampe ist in einem Glas, das (so blank) ist, wie wenn es ein funkelnder Stern wäre."

    Die Moschee wird also gleichsam durch göttliches Licht geflutet. Dazu erhellen in der Nacht unzählige Öllampen (auch in halbierten Straussen-Eiern) das Innere wie ein Sternenzelt. (Neben den Straussen-Eiern über 2000 Glaslampen)

    Die Wandnische Richtung Mekka (kibla) ist mit erlesenen Iznik-Fliesen geschmückt, die Pflanzen und Blumen aus einem paradiesischen Garten zeigen.
    Dieses Paradiesthema wird wiederholt im Mausoleum von Süleyman und seiner Frau. Auch hat Süleyman diese blau-roten Iznik-Fliesen dem Felsendom in Jerusalem gestiftet, als er sie renovierte und sie damit so geschmückt, wie wir sie heute wahrnehmen. Interessant ist, dass im Gegenzuge das Mausoleum von Süleyman ein Zitat des Felsendomes ist, mit seiner Doppelkuppel, seinen inneren runden Arkaden, seinem achteckigen Grundriss, seinem äußeren Kolonnaden. Zudem ist die Decke innen ebenso mit Bergkristall-Steinen eingelassen und anderweitig ausgeschmückt, welches eine große Ähnlichkeit zum Felsendom hat. Diese Ähnlichkeiten kommen nicht von ungefähr, sollen sie doch auf den sagenhaften Tempel des Königs und Propheten Salomon verweisen, so verweist Süleyman in Brunnen-Inschriften explizit darauf und spricht von sich als Süleyman-i Zaman (Salomon des Zeitalters).

    Die Stiftungsurkunde verweist auf die Moschee als das neu errichtete legendäre Iram, die Stadt der tausend Säulen, ein Abbild des Paradieses.
    Dieser Verweis auf das mystische Iram erhellt auch die enormen Anstrengungen, die beim Finden und Aussuchen der Granit-, Pophyr- und Marmor-Säulen verwendet wurde. Diese Säulen wurden überall im Imperium gesucht, von Ruinen, aber auch von ruinösen Gebäuden, die schon Spolien verwendet haben. So wird berichtet, dass vom Hippodrom aus Konstantinopel 17 Marmorsäulen Verwendung fanden. Die enormen Schwierigkeiten diese massiven Steine zu transportieren führten bald zu zahlreichen Legenden, ähnlich denen, die beim Bau der Hagia Sophia auftraten, und die letztlich die Stärke, Reichtum und Leistungsfähigkeit des Reiches demonstriert.
    So wie die Hagia Sophia den legendären Tempel Salomons nachempfunden ist (templum novum salomonis), führt die Süleymaniye mit ihrem gleichem Bauschema (Kuppel -> zwei Halbkuppeln - zwei Schildwände) diese Deutung fort. Ebenso holt Süleyman auch mit Spezialschiffen unbezahlbare Säulenspolien aus dem Jupitertempel von Baalbek, wie es in der Hagia Sophia geschah. Ausserdem brachte er Säulen von seinen Eroberungszügen von Rhodos, Belgrad und Malta mit.
    Der Baalbek Tempel wird in islamischen Quellen als legendärer Palast Salomons gedeutet, erbaut für die Königin von Saba.
    Wir sehen also, die salomonischen Referenzen sind nicht zufällig.
    Jede Säule, welche aus weit entfernten Gebieten geholt wurde, symbolisiert die Erinnerungen der verschiedenen Völkern.
    So stützen innen je zwei gewaltige Rosengranitsäulen ein triumphbogenartiges Motiv unter den Schildwänden. Zwei der Säulen sollen aus Alexandria und Baalbek stammen, die anderen beiden aus einem königlichen Palast in Istanbul und einem anderen Ort in Istanbul. Zwei weitere Säulen aus Alexandria sind auf einem Schiff in einem Sturm versunken.
    Diese vier Säulen symbolisieren auch die vier Nachfolger Muhammads (des Propheten): Abu Bakr, Umar, Uthman, und Ali. Gleichfalls wurden die vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam darin gesehen, ebenso wie in den vier Universitäten um die Moschee herum. Eine Analogie geben auch die vier Minarette (Gebetstürme): Die vier "Freunde"/Nachfolger von Muhammad. Die andere Assoziation habe ich oben im Post schon gegeben.

    Gleichfalls kann man die Kuppel, getragen von vier gewaltigen Bögen, mit dieser Deutung assoziieren. Dieses Baldachinmotiv wird in Quellen auch mit den Bögen des Sassanidenherrschers Chosraus verglichen.

    Die Moschee wurde auch als "zweite Kaaba (Mekka)" angesehen.
    Erstaunlich ein Brief des schiitischen Feindes Schah Tahmasp aus Persien für die Eröffnungszeremonie: Er bezeichnete die Moschee als Heiligtum und schreibt, dass er sich an das "Heiliges Haus Gottes" (= Kaaba) erinnert fühlt. Diese Analogien an die Kaaba sind kein Zufall, denn im Mausoleum von Sultan Süleyman wurde über dem Eingang ein original Stückchen des heiligen schwarzen Meteoriten der Kaaba eingefasst!

    Nicht von ungefähr ist auch die Lage über dem Goldenen Horn auf dem dritten der sieben Hügel Istanbuls. Die Moschee dominiert dort die Silhouette der Stadt. Und von dort hat man ein wunderbares Panorama über die ganze Stadt, Evliya Çelebi schreibt, von dort sieht man die "ganze Welt". Das Motiv der thronenden Moschee, über seine umliegenden Bauten, über der ganzen Stadt, mit seiner kaskadierenden Kuppelpyramide, steht für das Osmanische Reich mit dem Sultan an der Spitze.

    Die Innendekoration ist verglichen z.b. mit der Hagia Sophia sparsam ausgeführt, sich ganz der Architektur unterordnend. Die kristalline geometrische Struktur des Baus sollte den Betrachter gefangen nehmen, nicht seine Oberflächen. Die euklidische Geometrie kommt voll zur Geltung. Der Blick wird gelenkt zu der Erlesenheit der Materialien. Und zu den Kalligraphien, die abgesehen von der Gründungskalligraphie alle aus dem Koran stammen und die absolute Macht des Sultans preisen sollen.

    Viele Koranverse beziehen sich auf das Paradies:

    "Diejenigen aber, die sich (in ihrem Erdenleben) vor ihrem Herrn gefürchtet haben, werden in Scharen dem Paradies zugeführt (w. in das Paradies getrieben). Wenn sie schließlich dort angelangt sind, werden seine Tore (für sie) geöffnet, und seine Wärter sagen zu ihnen: 'Heil sei über euch! Ihr seid glücklich zu preisen (?). Tretet nun in das Paradies (w. in es) ein, um (ewig darin) zu weilen!'"
    Weitere Inschrift:
    "Sie (d.h. die Engel) sagen (dabei zu ihnen): 'Heil sei über euch! Geht in das Paradies ein (zum Lohn) für das, was ihr (in eurem Erdenleben) getan habt!'"
    Oder:
    "'Heil sei über euch! (Dies ist euer Lohn) dafür, daß ihr geduldig waret.' Welch treffliche letzte Behausung!"
    Diese Inschriften befinden sich über den Eingängen, und deuten damit die Moschee als Eingang in den Garten des Paradieses auf Erden.

    Die Kosmologie wird in dem Kuppelvers zitiert:
    "Gott hält Himmel und Erde fest, so daß sie (nicht von der Stelle) weichen.
    Und wenn sie (von der Stelle) weichen würden, gäbe es keinen, der sie daraufhin (w. nach ihm) (wieder) festhalten würde. Er ist mild und bereit zu vergeben."
    Die radiale Schrift in der Kuppel, die wie Sonnenstrahlen ausläuft, ist übrigens ähnlich den Verzierungen, wie in den runden Zelten. Die Kuppel als Himmelszelt und andersrum, ein sehr altes türkisches Symbol.

    So wie Gott den Kosmos zusammenhält, so halten die vier mächtigen Pfeiler mit den vier Kalligraphien der Kalifen in den Pendentifs die Kuppel zusammen.
    Weitere Koransprüche versprechen dem Gläubigen beim orthodoxen Befolgen der Scharia einen Platz im Paradies zu sichern. Ein historischer Bezug zu den gleichzeitig und schon vorher stattfindenden Rivalitäten zu den heterodoxen persischen Safawiden und Kızılbaş.

    Es ist übrigens lange Zeit Sitte im Osmanischen Reich gewesen, keine Prachtbauten zu errichten (wenn in der Stadt schon genügend Gebetsstätten bestanden), wenn der Sultan keine Eroberungen vorzuweisen hatte. Denn nur von den Einnahmen der Eroberungen durfte lange Zeit eine solche Pracht gebaut werden, alles andere galt als wenig fromm und wurde scharf von dem obersten Geistlichen gerügt. Verschwendung ist prinzipiell im Islam nicht gern gesehen, Bescheidenheit eine hohe Tugend. Deshalb auch meistens ein ganzer Moscheekomplex mit wohltätigen Einrichtungen.

    Die Süleyman Moschee war die ambitionierteste Stiftung des Sultans, der aber auch auf dem Balkan, Anatolien, Mekka, Medina, Damaskus, Jerusalem, Bagdad, usw. herrliche öffentliche Bauten errichten ließ um die Macht des Herrschers zu legitimieren.


    Man könnte ebenso viel über die Symbole der Hagia Sophia schreiben, aber nun seid ihr dran... ;)

    Adios, LG lynxxx
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. März 2008
  9. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    alenga interessieren ja Mythen und merkwürdiges zu Istanbul:

    Die heiligen Fische und der Kopf des Pascha

    Die Heiligkeit der Kirche der „Muttergottes an der Quelle“ oder auch der „Leben spendenden Quelle“, besser bekannt unter ihrem türkischen Namen „Balikli Kilisesi“.
     
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