Das bestätigende sächsische "no" - ein westslawisches Substrat?

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von El Quijote, 17. September 2014.



  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich habe derzeit beruflich viel mit Sachsen zu tun, dabei ist mir aufgefallen, dass viele Sachsen zur Bestätigung "no" sagen. Es ist wirklich ein "no" und nicht etwa ein "nö" ([nə]).

    Also:
    - Du bist damit einverstanden?
    - No.

    Nicht:
    - Du bist damit einverstanden, nə? (=nicht wahr?)

    Meine Arbeitshypothese wäre, dass es sich bei diesem "no" um ein westslawisches Substrat, wie es im Polnischen, Schlesischen und Tschechischen vorkommt, handelt. Vermutlich auch im Sorbischen, aber da weiß ich es nicht genau. Die Begründung ist genau dieses Vorkommen in den westslawischen Sprachen.

    Ist das plausibel? Wahrscheinlich? Oder gibt es sinnvollere Erklärungen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. September 2014
  2. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Daran erkennt man Dresdener . Die sagen statt "ja" "nu". Im restlichen Sachsen ist das weniger gebräuchlich. Das ist eine Abkürzung für "na klar" ,wird in Dresden und Umgebung aber als "nu klar" gesprochen. Das klar hat man irgendwann weggelassen und es blieb nur noch "nu" übrig.:D Mit slawisch dürfte das nichts zu tun haben.
     
  3. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Muss Galeotto zustimmen; außer das der fränkische Teil Thüringens selten zur Umgebung Dresdens gezählt wird, die Wendung aber auch da gebräuchlich ist (zumindest kenne sie von da).
     
  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    „No“ ist mir in der sächsischen Sprache nicht geläufig.<?xml:namespace prefix = "o" ns = "urn:schemas-microsoft-com:eek:ffice:eek:ffice" /><o:p></o:p>

    Nu“ als Bestätigung eher.<o:p></o:p>

    Es gibt auch „nor“.<o:p></o:p>
    Beispiel -> nor: Scheenes Weddor heude, nor?<o:p></o:p>
     
  5. enrico

    enrico Neues Mitglied

    Das no (gedehntes o) gesprochen noo bzw. auch nu als Zustimmung kann sich auch schlichtweg von der Interjektion na abgeleitet haben. In der sächsischen Sprache z.B. in der Oberlausitz gilt es als Gesprächspartikel der Bejahung.
    Beispiel für eine intensive Verneinung z.B. Nu nee! übersetzt Niemals ! Aber nein!
    In der tschechischen Sprache umgangssprachlich z.B. No tak jistě! - Na sicher !
     
  6. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    "Nor" ist chemnitzer sächsisch und leitet sich von "nicht wahr?" ab. Ursprünglich hieß es "ni wor?" und wurde schließlich zum "nor" zusammengezogen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. September 2014
  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    im Polnischen ist mir das bislang nicht aufgefallen (allerdings kann ich nicht fließend polnisch sprechen)
    zum Tschechischen kann ich nichts beitragen

    aber was verstehst du unter Schlesisch?
    was den süddeutschen (dem Bayrischen und Sächsischen verwandten) schlesischen Dialekt betrifft, so ist nach meiner laienhaften Kenntnis dort das "no" eine regionale Variante von der Füllfloskel "nun" (no da sag mal / na was meinste / no da chab ich ihm usw.)
     
  8. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Da El Q oben von westslawischen Sprachen schrieb, vermute ich, dass er den schlesischen, slawischen Dialekt meint, der in Oberschlesien gesprochen wird, das sog. Wasserpolnisch.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Richtig.

    To: śląski/ślůnsko
     
  10. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Die gesteigerte Bejahung von "nu" ist "nu freilich".
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. September 2014
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist doch wohl eher österreichisch-bajuwarisch und damit ein Adverb von frei.
    So ganz habt ihr mich noch nicht überzeugt. Es mag natürlich auch so sein, dass eine sächsische KOntraktion unter westslawischem Einfluss ein Eigenleben entwickelt hat.
     
  12. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    "freilich" war früher in Deutschland verbreitet. In Büchern des 19. Jh. kommt "ei freilich" öfters vor.
    Einen slawischen Ursprung von "nu" halte ich für fraglich. In anderen Regionen sagt man halt "na klar" und in Dresden und der sächs. Schweiz sagt man eben "nu klar".
    Zum "nu" :
    nu | Sächsische Vokabeln
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Warum? Das ganze Gebiet war früher slawischsprachig, was sich in Orts- und Gewässernamen bis heute niederschlägt und ist von slawischen Sprachen umgeben.

    Des Weiteren hatte ich ja meine Arbeitsthese modifiziert:

    Sprich, das sächsische nu (ich höre no) konnte ein Eigenleben als "ja" entwickeln, weil es dem slawischen no für "ja" phonetisch so ähnlich war und man gewissermaßen bereits daran gewöhnt war.

    Der Link sagt leider zur Fragestellung gar nichts aus.

    Mir ist natürlich klar, dass es sich um einen reinen Zufall halten kann, dass das sächsische nu und das slawische no phonetisch einander recht ähnlich sind und auch noch ähnliches bedeuten. Es gibt im Spanischen etwas ähnliches mit dem Arabischen, die Anrede Usted ('Sie') im Spanischen wurde von einigen als vom arabischen Wort Ustād abgeleitet erklärt, was in etwa unserem Professorentitel entspricht. Tatsächlich kann man aber, wenn man sich Usted in chronologischer Perspektive ansieht, sehen, dass es von Vuestra Merced ('Euer Gnaden') verschliffen wurde. Der inflationäre Gebrauch der ehrenvollen Anrede ging mit einer etwas nachlässigen Aussprache einher und so wurde die heutige spanische Sie-Form daraus. Und obwohl sich span. Usted und arab. Ustād einander so ähnlich "sehen" haben sie etymologisch nichts miteinander zu tun. Ich bin bereit, dasselbe für das sächsische nu/no zu akzeptieren, will also nicht unnötig an der Arbeitshypothese festhalten, aber noch fehlt mir das schlagende Argument gegen die etymologische Verbindung.
     
  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    und welches ist das schlagende Argument für die genannte etymologische Verbindung?
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dass es auffällig ist, dass ausgerechnet in einer Region, die diachron und synchron durch das Westslawische beeinflusst wurde und wird (früheres slawisches Siedlungsgebiet; grenzgehende Nachbarschaft zu slawischen Siedlungsgebieten [Sorbisch, Polnisch/Schlesisch, Tschechisch]) ein phonetisch gleiches oder sehr ähnliches Wort mit einer gleichen Bedeutung existiert, welches das Sächsische mit anderen Dialekten der eigenen Sprache eher nicht teilt.
     
  16. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Buddzsch ;)

    Ich kenne das bestätigende no aus Thüringen, um Dresden heißt es nu, in Leipzig und Chemnitz wird es meinem Vernehmen nach als nun oder na verwendet ("nu komm").

    In Duden und Grimmschen Wörterbuch (Eintrag 12 unter nun, nu) ist das bestätigende nu auch vermerkt.

    Duden | nu | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft

    Wrterbuchnetz - Deutsches Wrterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

    Ich vermute, dass es ursprünglich nu(n) ja hieß. Nach Wegfall des ja blieb dann nu als Bestätigung übrig, no ist eine regionale Aussprachevariante.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. September 2014
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  17. enrico

    enrico Neues Mitglied

    Mal eine Frage zwischen rein. Welche slawischen Wörter bzw. Wörter slawischen Ursprungs gibt es denn in den sächsischen Mundarten? Ich komme gebürtig zwar auch aus einer sächsischen Region, verweile aber seit langem schon in anderen Gefilden. Ich habe keine Erinnerung mehr an rein slawische Wörter. Mir fallen nur noch die Begriffe Kretscham für Gaststätte und Griebsch für Apfel ein, die wohl aus dem slawischen stammen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. September 2014
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hinzu kommen Slawismen, die sich im Gesamtdeutschen wiederfinden, wie Gurke und Grenze.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nun ja ist ja eigentlich nur ein Platzhalter - eigentlich "nun ja..." -, den man benötigt, wenn man einer Aussage widersprechen möchte oder eine Antwort auf eine (unangenehme) Frage geben muss und sich die Gedanken erst mal zurechtlegt. Nun ja geht eigentlich nie einer Bestätigung voraus. Insofern ist nicht ganz einzusehen, dass ein sächsisches nu/no hierher stammen sollte.
     
  20. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Da ich aus Thüringen sowohl "nu klar" als auch "nu"* in synonymer Verwendung kenne und das zweite daher auch für eine reine Verkürzung das ersten halte: Woher kommt eigentlich das "na" aus "na klar"?

    "Nun ja" ist auch meinem Sprachgefühl nach keine Bejaung, auch wenns alleine steht und keine Erklärung mehr kommt.

    * Ich hör da eher ein -u als ein -o, mag auch da Varianten geben.
     

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