Der Kopf des Marcus Iunius Brutus

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von tela, 11. November 2012.



  1. tela

    tela Aktives Mitglied

    Ich lese zur Zeit ein wenig über Augustus.

    In der Biographie von Klaus Bringmann wird dabei erzählt, dass Oktavian sich an der Leiche des Brutus vergriffen habe und ihr den Kopf abschlagen ließ, um ihn in Rom zur Schau zu stellen. Dazu aber sei es nicht gekommen, weil das Schiff Italien nicht erreichte.

    Angegeben werden dazu zwei Quellen:
    Sueton, Aug. 13: Das Haupt des Marcus Brutus schickte er nach Rom, um es zu Füßen der Bildsäule Caesars hinwerfen zu lassen.

    Cass. Dio 47,49,2: Sein Körper wurde durch Antonius bestattet, bis auf das Haupt; dieses wurde nach Rom geschickt, doch als das Schiff auf der Überfahrt nach Dyrrhachion aus in einen Sturm geriet, warf man es ins Meer.

    Werner Dahlheim schreibt: Den Kopf warfen später Soldaten vor die Bildsäule Caesars.

    Gibt es noch weitere Quellen, die von dieser Aktion berichten? Ist Cassius Dios Version aus welchen Gründen auch immer abzulehnen? Kennt Dahlheim nur die Version Suetons, weil er auf Cassius Dio nicht eingeht.

    Und allgemeinere Fragen:
    Ging es bei der Erfüllung von Rache in Rom immer so zu, dass man 'gezwungen' war, dem Körper seines Feindes Gewalt anzutun. Reichte es nicht aus, wenn man den Gegner geschlagen hat und er tot war (egal ob durch Selbstmord oder Mord)?
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Plutarch (in seiner Brutus-Biographie) und Appian (in seinen "Bürgerkriegen") schreiben interessanterweise nichts darüber. Sie berichten nur, dass sich Antonius des Leichnams annahm, ihn in einen schönen Mantel wickeln und verbrennen ließ und die Überreste an Brutus' Mutter Servilia schickte. Das widerspricht freilich nicht unbedingt den Versionen von Sueton und Cassius Dio, denn der Kopf könnte dem Leichnam trotzdem abgetrennt worden sein; Cassius Dio schreibt ja sogar ausdrücklich, dass Antonius für den Körper sorgte, nur eben für den Kopf nicht. Bei Velleius Paterculus, Eutropius und in "De viris illustribus" von Pseudo-Aurelius Victor steht nichts über das Schicksal von Brutus' Leichnam.

    Die Versionen von Sueton und Cassius Dio widersprechen sich übrigens auch nicht unbedingt: Sueton schreibt nicht, dass der Kopf tatsächlich vor Caesars Statue gelegt wurde, sondern nur, dass Octavian ihn zu diesem Zweck nach Rom schicken ließ. ("sed capite Bruti Romam misso, ut statuae Caesaris subiceretur" -> "damit er vor die Statue Caesars geworfen werde") Dass der Kopf auch angekommen sei, schreibt Sueton nicht.
    Werner Dahlheim hat da also möglicherweise einfach nicht genau aufgepasst und die Quellen nicht sorgfältig genug gelesen.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Gerade der Kopf, den man ja als einigermaßen bekannt voraussetzen kann, gilt vielfach als Trophäe, die entweder verarbeitet oder ausgestellt wird (man denke z.B. an die aufgespießten Köpfe von Dakern auf einem der Bildreliephs der Traianssäule). Der Kopf ist das Zeichen: wir haben ihn, der kommt nicht wieder, in dessen Namen kann niemand mehr sprechen.
    Wenn er allerdings verarbeitet wird, etwa zum Trinkpokal, dann ist natürliche kein Wiedererkennungswert mehr gegeben.
    In dem als fitna barbariyya ('berberisches Zerwürfnis') in die arabische Historiographie eingegangenen Bürgerkrieg der zur Auflösung des andalusischen Kalifats führte, hat man alle Nase lang irgendwelche kurzlebigen Kalifen enthauptet, den Kopf parfümiert und durch die Provinzen geschickt, damit auch ja jeder wusste, dieser Kalif ist nicht mehr. Wir wissen, dass man in Hamburg die Schädel der Piraten auf Pflöcke aufgenagelt hat. Auch hier dürfte, neben der abschreckenden Wirkung, der Wiedererkennungswert eine Rolle gespielt haben. Und um noch mal nach Nordafrika/Andalusien zu schauen: Als das andalusische Kalifat noch stark war und sich mit dem Šī'itischen Kalifat der Fāṭimiden um die Macht im Maġrib balgte, stützen sich die Umayyaden auf die Zanāta-Berber und die Fāṭimiden auf die Ṣanhāǧa. In einer Schlacht 971 starb der Anführer der Ṣanhāǧa Zīrī ibn Manād und sein Kopf wurde nach Córdoba geschickt, wo er über einem der Stadttore aufgespießt wurde. Einer seiner jüngeren Söhne, Zāwī ibn Zīrī, musste einige Jahrzehnte später vor seinem Großneffen (also dem Urgroßenkel Zīrīs) fliehen und ging mit einem Teil der Familie und den Truppen nach al-Andalus um sich dort den Gegnern seiner Familie als Söldner anzudienen. In der oben erwähnten fitna barbariyya gelang es ihm, 42 Jahre(!) nach dem Tod seines Vaters, im Zuge der Erstürmung Córdobas, dessen Kopf wiederzubekommen. Er ließ sich zwar zunächst in Granada nieder, überließ die Stadt aber seinem Neffen und kehrte zurück nach Tunis, wo er dann schließlich von seinem Großneffen ermordet wurde.
     
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Römer hießen derartige Praktiken, sofern sie Römer betrafen, allerdings nicht gut. Sueton kritisierte Octavians Umgang mit Brutus' Kopf, und auch das öffentliche Ausstellen der Köpfe von Proskribierten, insbesondere wenn sie verdiente Politiker oder aus altehrwürdigen Familien waren, wurde kritisiert.
     
  5. Water

    Water Neues Mitglied

    Ciceros Kopf wurde ja auch ausgestellt.

    Hmm ich hab mal nachgeschaut, die Geschichte mit dem Sturm ist jedenfalls nicht so unwahrscheinlich, da die Schlachten von Philippi Ende Oktober stattfanden.
    Und über die Zeit etwas später ist z.B. überliefert, dass Antonius mal nicht nach Italien kommen wollte, mit der Begründung, es sei Winter und er könne jetzt nicht von Ägypten mit dem Schiff kommen. Zugefroren war das Mittelmeer wohl kaum. :D Aber Stürme in dieser Jahreszeit waren bestimmt häufiger als im Sommer.
    Ich frag mich, warum man den Kopf ins Meer geworfen hat? Dachten die vielleicht, er sei verflucht oder so und hatte den Sturm angezogen? ;)

    Dass es bei der Rache egal war, ob derjenige Selbstmord beging oder man ihn fing und tötete, glaub ich eher nicht, hab aber keinen direkten Beleg dafür. Nur ich denke, in dem Grundkonflikt, wer jetzt der Erbe Caesars ist und wer nicht, ist das auch nicht egal, wer letztendlich Rache nimmt und wer nicht. Insofern war zumindest sicherlich wichtig, ob Antonius oder Octavian den Brutus nun geköpft hat und Cassius hat sich durch den Selbstmord ganz dieser Sache entzogen, was die sicherlich nicht so toll fanden, schon weil man nicht sagen konnte: "Guck, den hab ich getötet, ich hab Caesar gerächt!". Obwohl dieser Konflikt wahrscheinlich zu keiner Zeit mehr unter Kontrolle war, wie während dieser Schlachten.

    Wahrscheinlich kommt es auch darauf an, was eigentlich das Ziel der Beseitigung von Brutus und Cassius war. Das muss ja nicht "nur" Rache gewesen sein, sondern sehr wahrscheinlich ging es auch darum, die republikanische Opposition auszuschalten, sich derer Truppen zu bemächtigen und sich die Provinzen anzueignen, die sie besetzt hatten. Und bei diesen Sachen ist es eigentlich egal, ob die Gegner sich selbst aus dem Verkehr ziehen oder man sie tötet und ihren Kopf ausstellt.
     
  6. tela

    tela Aktives Mitglied

    Auch Brutus hat Selbstmord begangen. Der Kopf wurde erst nachträglich abgeschlagen.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    War es sein Kopf oder nur seine Totenmaske?
     
  8. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Nach Fuhrmann, Cicero und die römische Republik wurden Kopf und Hände auf den rostra ausgestellt.

    Fulvia, die Frau des Antonius soll seine Zunge mit einer Haarnadel fixiert und ihn aufgefordert haben, sich jetzt zu verteidigen. (Laut Wikipedia steht das bei Cassius Dio.)
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ja, Cassius Dio 47,8.
    Dass Ciceros Kopf und rechte Hand auf der Rednerbühne ausgestellt wurden, steht auch bei Plutarch (Antonius 20, Cicero 49), Appian (Bürgerkriege 4,20) und Livius (Perioche zum 120. Buch). Andeutungsweise findet es sich auch bei Florus.
    Es handelte sich definitiv um den abgeschlagenen Kopf, nicht eine Maske.
     

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